Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 24 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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13.Jahrgang Nummer 24 " ' 3e«ung Beilage - 10. November 1933 lOdlsdic Wlrlscliaifelraücn | Betriebsumstellung Von Dr. Herbert Kahn Die -meisten jüdischen Betriebsleiter erkennen immer noch nicht die wurzeln des wirtschaftlichen Übels. Sie sehen nur die ülleserfassendcn Wirkungen der Weltwirt» schaftskrise und die alle jüdischen Deutschen besonders betreffende Entwicklung. Beide, insbesondere die Weltwirtschaftskrise, die sich in den einzelnen Volkswirtschaften verschiedenartig üuliert, ist ihrem Zugriff entzogen. Die andere nicht minder starke Wurzel der Wirtschaftsnot hingegen ist die * allgemeine Erkrankung der Wirtschaftsbetriebe, der Einzclunlcmchmungeu. Diese ist heilbar. Und weil sie behoben werden kann, soll in grollen Umrissen gezeigt werden, unter welchen Voraussetzungen die kaufmännischen^ handwerklichen und industriellen Einzelbetriebe in ihrer Existenz erhalten und die noch' vorhandenen Eigenmittel anger'eichert werden können. Bei den vorläufig noch beschränkten Kreditaussichten müssen heute fast alle Maßnahmen aus uns selbst kommen. Das Vorhandene mul) also so benutzt werden, dal) ganz..ohne fremde Finanzhilfe die lebensfähigen Betriebe wieder aufgerichtet -werden können. Dal) diese Notwendigkeit bestellt, wird jeder einsehen.- Aber inan mul) auch zugeben, dal) die Voraussetzungen, besonders die 'psychologische Verfassung der Unternehmer und vor allem der jüdischen Unternehmer jede initiative und jeden Mut hemmen mul). Die Zeit jedoch schreitetvorwärts. Weiteres Abwarten bedeutet, sie für immer verlieren. Die meisten Unternehmen bedürfen aber einer sofortigen, gründlichen'Umstellung uiid■ Anpassung an die veränderten Verhältnisse. Das ist, rein gefühlsmäßig betrachtet, schon schwierig. Jedoch noch ungleich schwieriger für den jüdischen Kaufmann. Denn altvorgefallte Meinungen, auch Traditionsgebunden lu‘it, erschweren die notwendigen Umstellungen im Wirtschaftsgeist, in der Oeschäftsauffassung und in den Betriehsmethodeu. Geist und Initiative sind eingefroren. Der Unternehmer ist -unbeweglich geworden. Sein Blickfeld Weltstadtfriseur für die Dame fir den Herrn $ JULIUS ROSENBERG früher bei Carsten und Figaro Berlin W 62 . Kurfürstenstr. 102 (an der-Nürnberger Str.) Tal. B 4 Bavaria 6888 —' BUJMEH-CAPRI W 50.' spiSerai&ri3 9 4. Bmtta 0574 Goldsdunldt&Sdiwabe -• Moderne Beleuchtung Vertrieb von Stahlmöbeln Berlin UJ 62, Schills« 11 Fernruf B 5 Barbarossa 6412 ist verengt. Der wirtschaftliche Gesichtskreis reicht ineist nur vom Ladentisch bis zur Ladentür, vom Werkzeug bis zum Werkstück. Die Hilflosigkeit vieler Geschäftsleute und die seelischen Ereignisse überfluten'seither alle Lebenskräfte der gesamten deutschen Judenheit. Die Wiedergesundung der Unternehmungen ist aber nötig und möglich, Es ist. nicht wahr, dal) ein Betrieb den veränderten Verhältnissen nicht angepaßt werden kann. Die meisten Betriebe können auch jetzt noch auf eine gesunde und rentable Grundlage zurückgeführt werden. l:s ist nicht wahr, dal) der Einzelne ganz machtlos den Ereignissen gegenübersieht. Wer so denkt, betrachtet seihen Betrieb nur von außen, unter dem Gesichtspunkt.der allgemeinen, die jüdische Geineinschaft betreffenden Geschehnisse, während er ihn von innen her sehen müDte. Andererseits erkennt er nicht klar genug die Notwendigkeit, den Absatzmarkt anders als bisher für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Denn es ist gar nicht die Umsatzschriimpfung, welche die meisten Betriebe zum Erliegen bringt. Vielmehr verursacht die oft unwirtschaftliche Art, wie der noch immer bestehende Bedarf* von den einzelnen Betrieben befriedigt wird, ein langsames Dahinsiechen an sich wertvoller Wirtschaftskräfte, lis ist auch nicht wahr, dal) der augenblickliche Umsatz, eine Wiedergesuhdung des Betriebes ausschlielten mul). Wenn der heutige Umsatz bzw. die Beschäftigung der meisten Betriebe gegenüber 1928/29 nur noch'die Hälfte oder gar nur ein Drittel 'beträgt, wenn die Unkosten immer höher, die Rentabilität immer geringer geworden ist, so beweist das, wie notwendig schon lange eine energische Initiative des Einzelnen war, und dal) auch schon vor dem Boykott — gleichgültig, ob es sich um christliche oder jüdische Unternehmen handelt — die Frage der Neuorganisation des Einzelbetriebes, allein schon aus den veränderten Marktbedingungen heraus, dringlich war. Wenn der Inhaber eines jahrelang bestehenden Betriebes heute ein Geschäft neu gründete, würde er sich nicht glücklich schätzen, wenn seine Ihnsätze in den ersten Jahren die heutige Höhe erreichten? Das würde allerdings eine ganz andere Einstellung des Unternehmers sowohl in seiner Gescluiftsauffassung wie in seiner Lebensführung bedeuten. Und heute sollte jeder Kaufmann und Handwerker mit unerbittlicher Strenge ständig und genau die sicherlich schon lange eingeengten Kosten für die Lebenshaltung überprüfen. Doch wäre es ganz falsch, wollte man von dieser Seite aus allein einen Betrieb zu sanieren versuchen. Viel wichtiger, noch erscheint die zielbewufite Anpassung der gesamten lietriebsführung nach der Seite des Vertriebs und der. Gestaltung alter Betriebskosten. Diese Anpassung hätte auch ohne die die jüdische Gesamtheit treffenden Wirtschaftsvorgänge erfolgen müssen. Die Praxis zeigte uns selbst in den letzten Krisenmonaten, dal) dann, wenn man . -^ die Konten in .allen ihren einzelne» Positionen dem vorhandenen Umsatz anpaltt und dabei auch nicht vor einschneidenden Reduktionen zurückscheut, sei es durch Verzicht auf Mitarbeiter, die man unter keinen Umständen entbehren zu können glaubte, sei es durch Mitarbeit von Familienangehörigen, deren Anlernling oft durchaus möglich ist, oder durch Konzentration der ganzen Schlagkraft auf eine einzige oder auf wenige Aufgaben, indem man die Möglichkeiten des Betriebes mit denen des Marktes in Einklang bringt, auch heute noch krisenkranke Betriebe wieder ertragsfähig gemacht werden können. Ob hierzu so einschneidende Malinahmen wie z. B. der Wechsel des Standortes erforderlich sind, entscheidet immer nur der Einzelfall. Ein Beispiel -von überzeugender Prägnanz lieferte ein Betrieb, bei dem in den vorigen Monaten durch solche Malinahmen die Wiederherstellung einer sehr befriedigenden Rentabilität gelang. In einem mittelgroßen Hausratgeschäft einer westdeutschen Großstadt war der Umsatz seit 1929 bis April 1933 von Monat zu Monat um 60<Vo zurückgegangen. Die Betriebskosten hielten hiermit nicht gleichen Schritt, so dal) sich eine immer größer werdende Umsatzbelastung ergab. Der Inhaber geriet -m starke Verschuldung. Sämtliche Aktiva waren übereignet, das Wohngrundstück stark belastet. Nun wurde das.Geschäftslokal in eine bessere Gegend verlegt, was trotzdem bei der Marktlage eine Mietverbiliigung mit sich brachte. Das Personal wurde vorübergehend eingeschränkt und durch Mitarbeit von Familienangehörigen ümgruppiert. Die persönlichen Entnahmen des Inhabers wurden auf einen Mindestbetrag begrenzt. Man beschränkte das Warenlager, gruppierte es um und paßte es den besonderen Marktverhältnissen besser an. Durch die Revision der Werbemaßnahmen iind der gesamten Verkaufsmethoden erreichte man bereits im Mai und Juni eine Umsalzsteigerung von mehr als 5U«'if gegenüber den gleichen Monaten des Vorjahres. Das bedeutete* daß der ehemalige Umsatz von 1929 auf die entsprechenden Monate bezogen bis jetzt von 4U«u auf mehr als 6(B»« eingeholt wurden und dies in saisonstillen Monaten. Diese Umsatz: erhöhung gelang trotz der sehr erheblichen Kostensenkung. Die kostenmäßige Umsatzbelastung von mehr als 50",. konnte auf kaum mehr als 30",n zurückgeführt werden. Sie ging damit unter den branchenmäßigen Kostensatz zurück. Und dabei entsprechen die Aufschläge auf die Einkaufspreise nach wie vor der branchenüblichen -Kalkulation. - . Man kann nun sagen, das sei ein Einzelfall. Und mau muß wohl zugeben, daß nicht alle Betriebe durch eine derartige . Betriebsrevision auf gleiche Weise wiederhergeslellt werden können. Aber eins ist gewiß: Bei allen- Betrieben kann zumindest eine Anpassung der Kosten an den effektiven Umsatz erreicht und ein weiterer Umsatzabfall bei den meisten . Betrieben verhindert werden. Es werden an die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden heute ganz besondere Anforderungen gestellt. Können sie diese Anforderungen nicht selbst und allein erfüllen, so müssen sie sich notgedrungen nach Hilfe umseheu. Dieser Beistand kann von den jüdischen BetriebsbvrdXvrn kommen, die bislang sowohl in den deutschen Wirtschaftskorporätionen wie auch in vorbildlich geleiteten Unternehmungen in besonderer Funktion oder auch freiberuflich für die Erhaltung der gewerblichen und kaufmännischen Betriebe erfolgreich gearbeitet haben. Doch das allein genügt nicht. Mutige Abkehr von alten vorgefaßten Meinungen, Abkehr vom Besserwissen-wollen und von der vermeintlichen Überlegenheit, die .oft imr innere- Schwäche verrät — in so außergewöhnlichen Zeiten hedeulet Einsicht und Bekeunermut mehr als alte Erfahrung — schließlich auch Unterordnung unter die Erfahrung und Kenntnisse des Sachverständigen: das. sind die notwendigen Voraussetzungen für den Wiederaufbau des Einzelbetriebes. Die Außenstehenden betrachten die Unternehmen, die heute noch gesund und rentabel sind, wie Wunder. Weil sie sich die Ursachen ihrer Prosperität oder Gesundheit nicht erklären können. In Wahrheit sind diese Betriebe noch gesund und rentabel, weil eine besonders sachverständige Leitung beratender Funktionäre sie zwischen allen Krisenklippen vorsichtig hindurchführt. Staatsbeitrag für jüdische Institutionen in Litauen Aus Kaunas (Köwno) geht uns eine bedeutsame Nachricht zu. Im Voranschlag des litauischen Staatshaushaltplans für das Jahr 1*933 34 ist für die jüdischen Institutionen eine Staatsbeihilfe von H>9l)U0 Lit vorgesehen.. Jüdische und Mischehen in Holland . Im Haag wurden, wie aus den soeben veröffentlichten Statistiken-hervorgeht, im letzten Jahre 77 rein jüdische und 42 Mischehen geschlossen. * ♦ fiaüawtt und Htno ♦ TAOLNACHH. UND AB END Direktion: Flitow-Elow Elow konferiert das 3. Programm Es ist noch besssr Die Uelnoper Aut ins Metropol Chriatoff, Schindler, Neu,ebwer, Helden, Steiner, Dludeit, Ritter,». Bribow, Setters, 2 Pohlej’». Bilder, Sketsche, Parodien. ' Abds. 60 Pf., kleine Preise Nachm: Eintritt frei, Kanne Kaffee mit Kuchen Mk.!.- BerllD-CharlonBnDurg WindlchelditreBe 19 . am Bahnhof Chorlottenburg Tagl. 43/4, ca. 7 u. 9 Uhr 10. — 13. XL 1933 Heimat am Rhein Lucio Englisch, Werner FDtterer Möbeltransporte nach allen Plätzen der Welt. . 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