Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 24 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613479-2613505--4552-2616248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 20 Pf. gflt betitjcftes Subenfantt uiti> rcligiöfen glufbou Nr. 24 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenom¬ Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schrittleitun«: George Goctz . Dle„J0dlsch-llberaleZeltuna" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle:. Berlin Charlottenburg 4, Mammienmen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden BezugsaebDhren. Berlin, 10. November 1933 str. 40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung : KreditvereinIQr Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin' N 24. Postscheckkonto: JQdlsch-llberale. Zeitung, Berlin 22764. Die .Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Neuwerden des Judentums Wie in der Nummer 10 unseres Blattes, vom 24. Oktober berichtet, hat der derzeitige Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. Siegfried Moses, aus Anlaß eines im Berliner jüdischen Gemeindeblatt erschienenen Artikels über die künftige Stellung der deutschen Juden seinen Sitz im Direktorium des Vorstandesder Berliner Jüdischen Gemeinde 'niedergelegt. Kurzsichtige Leute innerhalb und außerhalb Berlins haben gemeint, es handle sich bei diesem Vorgang um eine interne Berliner Angelegenheit, haben, wie so oft, geglaubt, das jüdische Leben außerhalb Berlins bleibe von solchen „unerfreulichen Konflikten** unberührt. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Vorgang, der für die gesamte, deutsche Judenheit von symptomatischer Bedeutung ist und sich auch auf die gesamte deutsche Judenheit praktisch auswirkt. Wieder einmal hat es sich gezeigt, daß die Apostel der Einheitsideologie . Schiffbruch gelitten haben, daß die Gemeinsamkeit einer noch so harten äußeren Not es nicht vermag, auch eine Gemeinsamkeit . des Wollens hervorzubringen, weil nun einmal das Wollen derer, denen Palästina Heimat und .Ziel, Deutschland Zufall und Durchgahgsstation ist, auf keine Weise und durch keine Not mit dem Wollen * d::»cr zuSdiuiiU:iigcfugl‘werden kann; die4entschIoascn sind, rj* hier Beheimatete sich die Anerkennung ihres Heimatrechtes wiederzuerringen. - Was in der Idee getrennt ist, kann in der Praxis nicht unter eine sogenannte „einheitliche Führung“ gebracht werden; fast fühlt man sich versucht, zu sagen: Was der Himmel geschieden, bat, das soll der Mensch nicht zusammenfiigen. Jeder derartige Versuch ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern er führt auch .zu verfehlten Maßnahmen und zu hie wieder einzuholendem Zeitverlust,', birgt mithin schwerste Gefahren für die jüdische Gesamtheit in sich. Das ist es, was seit Monaten hier mit unveränderter Beharrlichkeit, leider aber mit wechselndem Erfolg gepredigt wird; viele haben uns geglaubt, manche haben gemeint, unsere Warnungen als „bloße Theorie“ unbeachtet lassen zu dürfen. Diese Letzteren, die uns nicht glaubten, mögen.nun dem Wortführer der Gegenseite Glauben schenken, ln seinem Brief an den Berliner Gemeindevorstanü schrieb Herr Dr. Moses, „die überwältigende Mehrheit der Berliner Juden und Insbesondere die jüdische Jugend — die er hinter sich wisse — werde eine Neugestaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde an Haupt und Gliedern fordern und durchsetzen“. Damit ist wohl auch dem roßten Einheitsfanatiker bewiesen, daß Klärung und reinliche cheidung der jüdisch-politischen Führung von beiden Seiten gewünscht wird, daß der Streit nicht darum geht, ob eine Einheitsfront bestehen solle oder nicht, sondern daß vielmehr die Unmöglichkeit solcher Einheitsfront von beiden Seiten eingesehen wird und es sich lediglich darum handelt, ob hinfort eine jüdische Führung bestehen soll, die die Geschicke der deutschen Judenheit vom Standpunkt des Gastseins in Deutschland in die Hand nimmt, oder eine solche, die unsere zukünftige Stellung als hier heimatberechtigter jüdischer Deutscher gestalten und festigen will. Daß.bei alledem nur von der politischen Führung der deutschen Juden gesprochen wird; daß in der sozialen Hilfsarbeit eine Einheitsfront aller jüdischen Richtungen längstbesteht und auch weiterhin bestehen soll, ist den Lesern unseres Blattes geläufig; der menschliche Wunsch und die menschliche Pflicht der Hilfeleistung haben noch niemals nach Weltanschauung oder Partei gefragt. Politische Führung hingegen kann nur geleistet werden auf dem Boden einer festen, abgeschlossenen Weltanschauung. Die Zionisten sind, wie der Brief des Herrn Dr. Moses zeigt,- entschlossen, nach dieser Erkenntnis zu handeln uhd die Berliner Gemeindestube, die die Schlüsselstellung für die Gesamtführung der deutschen Judenheit bildet — auch dann bildet, wenn kein Berliner Gemeindevorsteher sichtbar an der * Spitze steht — zu erobern; Herr Dr. Moses schreibt, er wisse dabei die Mehrheit der Berliner Juden und insbesondere die Jugend hinter sich. Diese Meinung wird er nicht nur hinsichtlich der Berliner Juden haben; unter dem Eindrücke der allgemeinpolitischen Entwicklung hat der Zionismus, wie bekannt, in ganz Deutschland einen gewissen Auftrieb erhalten. Und docli täuscht sich Herr Dr. Moses und täuscht sich die ganze Führung des' Zionismus über die Kraft der zu ihm stoßenden Elemente; handelt es sich doch zumeist um solche, die vor dem Umschwung keinerlei Bindung an das. Judentum hatten und nun nach Palästina als Zuflucht, nach dem Zionismus als dem rettenden Strohhalm greifen, die also, selber hilfesuchend, den Zionismus wohl in Anspruch nehmen, in dem innerjüdischen Machtkampf des Zionismus aber alles andere als ein Aktivum darstellen. - . Mit Recht hat der Berliner Gemeindevorstand in seinem Antwortschreiben (abgedruckt in der „J.-L Z.“ Nr. 19 vom 24. Oktober) Herrn Dr. Moses erwidert, daß diejenigen jüdisch-politischen Anschauungen, die von der Mehrheit des Berliner Gemeindevorstandes vertreten werden, im Gegensatz zur Meinung des Herrn Dr. Moses „keineswegs überlebt sind**, daß sic vielmehr „die Billigung der Berliner und der deutschen Judenheit finde»**. Tatsächlich hat die übergroße Mehrheit der deutschen Juden es gründlich satt, daß die Sprecher des Zionismus sich heute mit einer Gewichtigkeit, die wenig zu der seit dem April d. J. geschaffenen Gesamtlage passen will, als die Sprecher der deutschen Judenheit gebärden. Aus allen Teilen des Reiches mehren sich die Stimmen, die voll Unmut verlangen, daß endlich eine eindeutig deutschgesinnte Führung als die wahre Sachwalterin unserer-Geschicke auftrete. Die Die Zahl der Emigranten Auf der in diesen Tagen in London abgehaltenen „Jüdischen Wclthilfskonfercnz“ — auf deren Verlauf wir in einem größeren Zusammenhänge noch zuriickkomineii werden — wurde berichtet, daß die Zahl der aus Deutschland ausgewanderten Juden mit 05 0UU geschätzt wird. Von. den Ausgewanderten sind 33 000 Kaufleute und Angehörige intellektueller Ber.ufe, 30 000 nicht berufstätige Frauen und Kinder und 2000 Studentfu^Von ihneit-beüiitEelLJSich_23000 . in Frankreich, 6300 in Palästina, 5400 in Polen, 4000 in der Tschechoslowakei, 2500 in Holland, 2500 in England, 2000 in Belgien und 2000 in der Schweiz. Der Rest ist überall in der Welt zerstreut. 8000 sind vollständig mittellos und werden von den verschiedenen Hilfskomitees unterstützt. Offizielle Anerkennung des Reichsausschusses der jüdischen Jugend Deutschlands Der Reichsausschuß die „alleinige verantwortliche Zentral- Organisation der jüdischen Jugend“ Gerade an dem Tage, an dem der tragische Tod des Herrn Dr. Ludwig Tietz bekannt wurde, veröffentlichte der von Dr. Tietz geleitete Reichsausschuß eine Mitteilung, die . als eine Krönung desjenigen. Strebens angesehen 'werden mußte, von dem Ludwig Tietz während der ganzen letzten .Jahre beseelt war. Auch die Veröffentlichung selbst — eine Verlautbarung an -..die dem Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände nun unterstellten Einzelgruppen — trägt noch seine Unterschrift. Die Bekanntmachung selbst beginnt mit der Mitteilung, daß der Jugendführer des Deutschen Reiches unter dem 2. November an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände ein Schreiben gerichtet hat, nach dein er „von nun ah lediglich den Reichsausschuß ' der jüdischen Jugendverbäride als alleinige verantwortliche Zentralorganisation der jüdischen. Jugend-betrachtet. Für alle in Frage kommenden Verhandlungen ist künftighin nur der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände zuständig**. Im weiteren Verlaufe des Aufrufes werden dann den einzelnen Jugendverbänden ihre besonderen Aufgaben zugewiesen und Richtlinien für die fernere Arbeit aufgestellL Wie sich nun die Arbeit des Reichsausschusses nach dem tragischen Hinscheiden seines Führers gestalten wird, muß die. nächste Zukunft zeigen. * An dem Tode von Dr. Ludwig Tietz nimmt die ganze jüdische Öffentlichkeit teil. Der Vorstand der Berliner Jüdi^ sehen Gemeinde, der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, die Keichsvertretung der deutschen Judetij der Zentraulausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau haben dem Verstorbenen längere Nachrufe gewidmet, ebenso der Centrai-Vcrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dem der Verstorbene als einer der Vizepräsidenten angchörtc; auch aus Kreisen der ausländischen Hilfskomitees liegen- Beileidskundgebungen vor. Die Beerdigung fang am 8. November unter Beteiligung allerweitester Kreise auf dem Wcißenseer Friedhof statt. Deutsche jüdische Kinder nach Litauen Jn Kaunas (Kowno) wurde ein Hilfskomitee für deutsche, uden gegründet, das sich in erster Linie die Aufgabe gestellt at, eine große Zahl jüdischer Kinder aus Deutschland in Litauen unterzubringen. Saarländische Firma aus antisemitischen Gründen boykottiert Rcichsstatthalter von Hamburg trifft Gegenmaßnahmen Eine größere saarländische Zigarettenfabrik, die in der Nordmark durch einen jüdischen Herrn vertreten ist, war infolge des günstigen Preises ihrer Produkte in Kantinen und S.A.-Heimen gut eingeführt. Mit Hilfe einer aiitiiüdischen Hetze gelang es der Konkurrenz, die Firma vom Markt zu Konflikte, die sich solcherart in allen jüdischen Gemeinden unkundigen, entsprechen völlig derjenigen Konstellation, die bei dem Berliner * Uemehidewahl.kampf im Jahre 1910 bestanden hat. Es ist also flicht richtig, zu sagen, daß Berlin mit seinen atifeinanderprallenden Gegcns.it/cu eine beklagenswerte' Sondcrrolle in der deutschen Judenheit spiele, sondern vielmehr ist der. Sachverhalt in Wirklichkeit der, daß die gleichen Gegensätze, wenn auch etwas später als in der größU-ii Gemeinde des Reiches, überall zum Austrag kommen. Welche Gegensätze, dies sind, braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden. Als das ^offizielle Organ des religiös-, liberalen Judentums haben wir in diesen Blättern zuipiehst,^ religiöse Ziele zu vertreten. All unser Streben nach religiöser. Neugestaltung ist aber nur möglich bei gleichzeitiger politischer und wirtschaftlicher Sicherung der jüdischen; Gemeinschaft. Wie heute das ganze öffentliche Lehen zu alleroberst von der Politik bestimmt wird, so spielt auch in den. jüdischen Gemeinden der religiöse Gegensatz ^wischen Liberalismus und Orthodoxie längst nicht mehr, 'clie Rolle wie der politische Gegens'at/ zwischen Deutschjudentum und Zionismus. Schon seit Jahrzehnten haben die religiös-liberalen Gcmcimlcführer darauf Bedacht gelegt, daß verdrängen. Der Hinweis auf den entstandenen Schaden vernnlaßte den Rcichsstatthalter von Hamburg und die zuständige Wirtschaflsbehörile, Schritte zu unternehmen, um den Boykott* dieser Firma ahzustelleu, denn sowohl die Sache an sich, als auch der UmstamJ, daß gerade die Produkte einer Firma aus dein Saargebiet boykottiert wurden, gab zu ernsten Bedenken Anlaß. Antisemitische Terrorakte in Oesterreich - -^rjed/t^fsehcndungr tßnmbnntMnekfnig f*f<w ■fSfwfg» » u in Auf dem Jüdischen Friedhof der niederösterrcichischeu —- Grenzstadt Hohenau'wurden 58 Grabsteine zertrümmert, Grabplatten entfernt mul die Zeremonienhalle beschädigt. Blumen . und junge Bäume wurden atisgerissen. Die Verwüstungen wurden durch ausländische Pressephotographen aufgenommen. Der Pfarrer von* Hohenau hat in einem Schreiben au die jüdische Gemeinde seinem Mitgefühl mit dieser und seinem Bedauern über die Tat Ausdruck gegeben. Von der Kanzel verurteilte er den antisemitischen Zerstörungsajkt. . Im Vorgarten der Synagoge eines Wiener Außenbezirks explodierte eine Bombe, ohne Schaden au/iiricliteii. Man fürchtet, daß die Friedhofsschändting in Hohenau mul der Bombenanschlag gegen die Synagoge den Anfang einer Kette antisemitischer Terrorakte gegen jüdische Einrichtungen bilden sollen. Kommt es in Breslau zum Gemeindewahlkampf? Das /wischen den Parteien der— Breslauer Jüdischen (iemcindc vor längerer Zeit geschlossene Kompromiß läuft am iO. November ab. Von seiten der Liberalen geschieht alles, um einen Wahlkampf /u vermeiden; docji scheint es, als ob die Zionisten den Augenblick für gekommen erachten, um einen Wahlkampf vom Zaune /u brechen. Icdcufalls schrauben sie ihre Ansprüche so hoch, daß eine friedliche Verständigung sehr erschwert scheint. Sie fordern •lU'v» der Sitze-für sieh, IO'Vu wollen sie den Liberalen „zugesteheu“, die festlichen sollen unter die kleinen Parteien verteilt werden. Diese Zahlen entsprechen in keiner Weise der Wirklichen Zusammensetzung der Breslauer jüdischen Bevölkerung, und die Zionisten müssen selbst wissen, daß sie mit ihren Ansprüchen auf friedlichem Wege nicht durchdringen werden. Wenn sie in dieser Zeit das Odium eines Wahlkampfes auf sich nehmen wollen, so wird es m der jüdischen Öffentlichkeit darüber nur ein Urteil geben! Wir werden die Vorgänge weiter beobachten und zu gegebener Zeit weitere Berichte bringen. Unseren liberalen Freunden in Breslau möchten wir — völlig im Sinne unseres heutigen Leitartikels — wünschen, daß sie beschleunigt an eine Sammlung und Vereinigung aller deutschjüdischen Kräfte gehen und die Führung der Breslauer Judenheit in. die Hände von Männern legen, die, mit dem Deutschtum verbunden, auch fernerhin, hier verbleiben und ihre ganze Kraft dem Neuaufbau der Judenheit in Deutschland widmen wollen. Sowjetpropaganda und Palästina-Unruhen Aus Jerusalem wird gemeldet; Im Zusammenhang mit der Nachricht, daß die Palästina-Regierung die Verhaftung einer größeren Zahl von Kommunisten wegen unerlaubter Propaganda anläßlich der letzten Arabcrunriihen angeordnet hat, wird darauf hingewieseu, daß der Odessaer Hundfunk während der Unruhen in arabischer und russischer Sprache aufreizende Reden gesandt hat, in denen die Araber zum Widerstand gegen die Zionisten, die als Träger des englischen Imperialismus bezeichnet wurden, Und zuin Aufruhr gegen die Mandatsregierung aufgefordert wurden. Rassenabteilung im Landesmuseum zu Hannover Im Landesmuseum von Hannover wurde eine neiie Abteilung für Rassenpflege eröffnet, die zur Aufklärung in Rassenfragen bestimmt-ist. Es werden die biologischen.Grundlagen der Rässenkunde, die verschiedenen Rassentypen uityl „die verderblichen Folgen der Rassenverschlechterung“ gezeigt.