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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-11-07 · 23 (7.11.1933) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
23 (7.11.1933)
Date
1933-11-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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£r£eßnh6e eines jüdiseften Emigranten Wo ist die größere Not? Von W. Strauß (Paris) ■ Frühstück! Aus einer Waschschüssel gießt man uns eine braune, kaffeeartige Brühe in die Tassen, eine Brühe, deren Hauptbestandteil aus Kaffeesatz besteht. Zusammen mit einem Stück trockenen Brotes bildet dieses „Getränk“ das . Wie sagte Mutter doch immer, wenn ich etwas nicht essen wollte: „Jüngelchen, Du lernst eines Tages auch noch trockenes Brot essen.“ Sic hat leider recht behalten. Abends begebe ich mich wieder in mein Hotel zurück. Meine scheußliche Dachkammer im siebenten Stock, ich habe sie plötzlich so lieb gewonnen. Sie ist ja auch gar nicht so übel, wie cs mir ’ sonst immer schien. Ich will mich auch überhaupt so leicht nicht mehr beklagen, wenn mir etwas nicht paßt. D. li., ich werde meine Wohnung „sous le toit de Paris“ doch höchstens noch acht Tage beibehalten können. Mein „Riesenvermögen“ von 400 Franken gestattet mir nur dieses kurze, „retardierende Moment“. Dann muß ich aus finanziellen Gründen wahrscheinlich wohl oder übel zur Kaserne zurück, •wenn |mir nicht vor Ablauf dieser acht Tage das Bombenhonorar einer Zeitung weitere;,retardierende Momente“ gc- Unü bei allem: Höpital Andral ist noch das beste der Pariser Konzentrationslager. Es stellt hier im Ruf des „Musterlagers“. ,In der Kaserne an der Porte d’ltalie besteht das Bett aus einem Strohsack, der auf der Erde liegt. In der - Baracke: es herrschen militärische Gepflogenheiten, statt W. C. gibt es Latrinen, als Essen öfters verdorbenes Fleisch und als Antwort darauf — Hungerstreik! Schon wandern die Kascrnemnsassen weiter ... Zunächst mal in die'Krankenhäuser . Und, schon will man zur zwangsweisen Auskasernierung übergehen! Wer bereits längere Zeit vom Komitee unterstützt wurde . . . Diese Auskasernierten sind dann einem fürchterlichen Schicksal überlassen. Zunächst werden sie noch unter den Brückenbogen der Seine schlafen. Und im Winter ....? W„ II afard. Deutschland verlassen haben. Sie sind hier nicht mehr irgendein xbeliebiger Emigrant, der heute noch Nr. 287 oder 836 auf dem Komitee war, nein, sie sind wieder Juristen, Schriftsteller, Maler usw. Tagsüber durchlebten sie Stunden der Verzweiflung, und nun sind sie plötzlich nicht mehr jene Menschen, die sich vielleicht noch vor einer Stunde mit Selbstmordabsichten trugen. Sie leben wieder in einer andern Welt, in ihrer Welt. Der Rechtsanwalt erzählt vom Gericht, er erzählt so lebhaft davon, als stände er noch mitten in seinem Beruf. Nui manchmal, wenn das Gespräch durch irgendeine Bemerkung wieder auf die wirkliche Lage gelenkt wird, geht ein schmerzliches Zucken über sein Gesicht. Er denkt da wohl für einen Augenblick daran, daß er jetzt nicht mehr Rechtsanwalt ist und eine elegante Fünfzimmerwohnung in Berlin besitzt, sondern eine Dachkammer in Paris bewohnt. Aber nur einen Augenblick gewahrt man dieses schmerzliche Zucken. Dann fährt er — denn er w i 11 jetzt nicht an die rauhe Wirklichkeit erinnert sein — in seinem Gespräch fort und er ist wieder ganz der — Rechtsanwalt. So leben sie bis Mitternacht wieder in ihrer alten, geliebten Welt. Sie sprechen von ihren Manuskripten, Gemälden, Plaidoyers. Und erst, wenn sie die sechs Treppen zu ihrer Dachkammer emporgestiegen sind, wird ihnen ihre wirkliche Lage plötzlich wieder bewußt. Sie greifen sich an den Köpf Fata Morgana . . .? Und vor dem Einschlafen senwirren uie Begriffe vor ihren Augen: Nr. 287 beim Komitee, Winter in Paris, brasilianische Urwälder, Realismus oder Impressionismus in der Kunst, Nr. 287 . . . Cafard!! in Bekannter erzählte mir folgendes Erlebnis, das zu den typischen Erlebnissen in der Emigration gehört: Da hatte ich mich Sonntags nachmittags mit Bekannten;t „le cafard"? Cafard ist die höfliche französische Bezeichnung für ein lästiges kleines Insekt,' das einen nicht ruhig sitzen und in Frieden lassen will. In der französischen Fremdenlegion sagt befallenWird: „11 a le cafard.“ Unter den Emigranten in Paris ist „cafard“. (manchmal auch Refugiekoller genannt) der technische Ausdruck für jene gefährliche Emigrantenkrankheit geworden: Unfähigkeit sich mit irgendetwas zu beschäftigen, sich zu konzentrieren, Zwang, immer und immer wieder über Dinge der Vergangenheit zu diskutieren. Und bei den Emigranten ist dieses nutzlose Diskutieren an der Tagesordnung. Was sollen sie auch anders tun? Französisch lernen? Gewiß, eigentlich die beste Beschäftigung, denn -infolge der starken Inanspruchnahme durch Komitee, Stellensuche etc., infolge der auffallend großen Schwierigkeit,- Zutritt in französische Kreise zu erhalten, klappt es trotz mehrmonatigem Aufenthalt in Paris verhältnismäßig schlecht mit der Sprache. Aber wenn man dann versucht, sich im Wege des Selbststudiums wciterzubiiden,. ist meistens schon nach . viertelstündigem Lernen „lc cafard“ da. Die Vergangenheit erscheint wie ein zweites visionäres Gesicht vor den Augen, und die quälende, zermürbende Ungewißheit, die über der Zukunft lastet, läßt die Cafardkrankheit in stärkstem Maße äusbrechen. Um sich abzulenken, sucht man daun abends ein Cafe auf dem Boulevard Montpamasse auf. Da sitzen sie im Cafe le Döiiie alle zusammen,-jene Schicht jüdischer und nicht- , jüdischer Intellektueller (die- Zahl der nichtjüdischen Emigranten beträgt ungefähr 15o,o der Gesamtemigration), die verabrede Vincennei ich ging nicl“ Zut ich P ihnen einen Ausflug in den Bois des Leider kamen die Erwarteten nicht und in den Wald. So bald .werde ich das , diese Stunden des Alleinseins gehören Furchtbarsten, was ich hier in Paris durchgemacht habe. -st verbrachte ich den Nachmittag wirklich in angenehmer Weise. Nach den vielen Aufregungen der letzten Zeit bekam mir die Ruhe hier draußen doppelt gut. Ich hatte meine. Freude an der Natur, ich fühlte mich so wohl, mich an den Ufern des Sees lang ausstrecken und mir in träumerischer Versunkenheit Himmel, Wasser und Bäume betrachten zu können. Doch mit der Zeit kamen die alten, quälenden Gedanken wieder. Es gelang mir anfangs, sie zu verscheuchen; sie gewissermaßen gewaltsam ins Unbewußte zu verdrängen. Gegen acht verließ ich den Wald und nahm kleinen Restaurant mein Abendbrot ein. Es-, hatte i zu dunkeln begonnen. Um die frische Luft noch _ _ genießen, begab ich mich nach dem Essen wieder in den Wald —*..z -— kleinen Bank in der Näheides Sees nahm Still und versunken saß ich lange auf dieser einsamen Bank. Auch um mich her war alles still. Kein Mensch, kein sehen. Abseits lag die Straße, die zu dem kettenugen L i Häusei s ges Zirpen einer Grille durchdrang nannt, führte. Nicht, die abendliche Stille. Die Dämmerung senkte sich immer mehr über Wald und Wasser. Schwarz und undurchdringlich sah der Wald aus. An einzelnen Stellen, an denen des Mondes fahles Licht sich Durchgang schaffte, entstanden unheimliche Konturen. Zehn Schritt vor mir der See. Eine schwarz-grüne, '' ’om Mond erleuchtete Fläche. Liebevoll schlangen sich die Wasser ineinander, hüpften, bildeten kleine Wellen und brachen sich dann an den Ufern. Ich glaubte im Geiste, auch eine solche Welle zu sein. Auch ich hüpfte ja, spielte init den andern Wellen und am Schluß brach auch ich am Ufer und — versank. Ja versank, versank . . . Wohin, wohin? Wohin würde ich vtrsinken, welche Schmutzwelle würde mich hinwegspülen? Ach, augenblicklich war ich ja noch' in Paris, augenblicklich hatte ich ja immer noch, wenn auch karg, zu essen. Doch wo war die Zukunft, was brachte sie? Eine Stellung zu . finden, ziemlich unmöglich. Ja, nichteinmal erlaubt, eine Arbeit anzunehmen: denn ich trug das Kainszeichen in der Tasche. Auf meinem Recepisse (französisches Ausweispapier) stand der Vermerk: Verpflichtet sich, keine bezahlte Stelluninzunehmen.. Und was sollte ich auch überhaupt Literatur und Philosophie hier anfangen? Wo .-.i.„.i-* - damit anfangen? Sollte ich ii nit n könnte ich __ __, _„__ .... _. Brasilien den Urwald roden? Der Gedanke allein machte mich schon tumpfsinnig. Oder nach Palästina gehen? Gewiß, ich fand ort eine Heimat, doch —■ Erdarbeiter. Erdarbeiter mein anzes Leben lang. Stumpfsinnig. Blieb also übrig, hier in ’aris langsam zu verhungern. Und dann dachte ich an die Lieben zu Hause, ich dachte an all das Leid, das ich und wir schon zu Hause durchgemacht und wie sehr infolgedessen meine Gesundheit gelitten hatte. Und dann dachte ich überhaupt an nichts mehr. Ich konnte . nicht mehr denken. Ich sah nur noch Gestalten, die Vor meiner Seele taumelten, sah die Lieben zu Hause, vermochte mir die Begriffe Paris, Brasilien, Palästina vorzustellen, ohne jedoch in der Lage zu sein, einen einzigen Begriff richtig durchzudenkeu. Die Gedanken kullerten in meinem Hirn, sie spielten miteinander Fangball, sie warfen sich die'Begriffe zu und verloren sie wieder. Und plötzlich rauschte die Verzweiflung wie ein wilder Sturzbach durch mein Hirn.' Mein Kopf brannte wie im Fieber, es schrie, zerrte, tobte alles in mir. Die Bäume, die Wasser, der Mond, die Menschen, sie alle, sie und die ganze Welt waren, meine Feinde, die ich am liebsten sofort vernichtet hätte. Nur unter den Wassern her, da schien es mir zu rufen, da lockten süße Stimmen, die mir Erlösung von allem Erdenleid verhießen. Und wie unter einem magischen Zwang sprang ich plötzlich auf. Erst zögerte ich noch etwas, doch dann rannte ich mit voller Kraft auf den See zu.- Noch 3, 4, 3, Meter und ich war erlöst. Au! Ich fiel hin. Was war geschehen? Ich sah auf. > Ein Draht zog sich, gewissermaßen wie zum Schutz Selbst- 1 mordlustiger, kurz vor dem Wasser hin:' Gegen' ihn war ich mit voller Wucht geri ■eh drehte mich uin. :n! Ich Feigling! \X was erreicht? Doch nur andern Leuten einen Gefallen e wiesen. Und das wollte ich nicht, nein, auf keinen Fall, im Gegenteil, ich wollte kämpfen! Etwas ruhiger trat ich den Heimweg an. Unterwegs beschäftigte ich mich damit, mich über zärtlich-umschlungen einhergehende Liebespaare laut lustig zu machen. An Heines Grab. jO o oft muß ich. an ihn denken, an ihn, dessen Leben Symbol unseres jüdischen Schicksals ist. Gedichte von ihm, die gewissermaßen Parallelen zwischen der damaligen und der heutigen Zeit darstellen, Gedichte, in denen Heine, aus ähnlichem Erleben heraus, jn weitgehendem Maße das Denken und Empfinden der Emigranten von 1033 dichterisch gestaltet hat, hängen über meinem Bett. Und eines Tages packt es mich. Ich halte es auf meinem Zimmer nicht mehr aus und, wie von einem Magnet angezogen, eile ich zum Friedhof Montmartre, auf dem Heine begraben liegt.. Ein einfaches, schlichtes Grabmal in der 27. Division des Fiiedhofs.- Den Kopf bildet'ein Büste Heines. Darunter die Inschrift: - . Heinrich Heine Freu Heine Eine in Schleifenform gehaltene Widmung, des Freisinnigen Korps Wien zieht sich über die Bodenplatte. An den Seiten befinden sich, nur noch schwer lesbar, Gedichte von. Heine, von denen das bekannteste beginnt: Ruh’ ich unter Palmen im Süden... , Sonst zieren nur noch einige Blumen und Gedichte, die Emigranten und andere Verehrer hier niedergelegt haben, dieses schlichte, weiße Grabmal. Also im Ganzen nicht viel. Bemerkenswertes für die Grabstätte eines Heine. Doch halt, es gibt noch etwas zu bemerken, nämlich daß hier, inmitten eines französischen Friedhofs, alle Inschriften in deutscher Sprache gehalten sind. Heine hat es so gewollt... Lange stehe ich sinnend vor. dem Grabe. Dann leiste ich mir den für einen Emigranten unerhörten Luxus und kaufe eine Strauß Rosen, den ich am Grabe niederlege. (Fortsetzung in übernächster Nummer.) tmpfeMmswede J$&<iuqsqueMm BERLIN 1 Altpapier | | Bauklempnereien 1 I Gasu.WasseranUgen | Paul Schröder I Schlossereien 1 I Töpfereien | H. BEYERSDORFF 1 Berlin SW 68, KochstraBe 54a I Fernsprecher: A 7 Dönhoff 6735 Skripte renn.AkUe.Oar.ntle t.Einitempfee Robert Dewitz Kl«tnpntp«l Sditostertl Aute«»n tdiwalBepti Bin. 017, Pruehftsfr.54 Tel. E 7 Weichsel 0952 Otto Grlebenow Bauklempnerei, BohrlegereL Gesnndbeit.stechn. n^sanit. Anl Separat. stücken.U Chäriot»nba%V*2^Fafancnstr. 11. Fernruf: G 1 Bteinplats 0293 Malermeister vorm. Julius Schröder. Gegr. 1878. Malerei, Lackieren!. Schrift, Anstrich Ä Berlin W 57, KurtQrsUnstr. ‘8 Fernsprecher: B 1 Kurfürst 4047 1 Pelze 1 BaM?Ro*h,*nSohn"’1 Bansn. Mascblnenrep. eil. Art. Gaa. Weiler-, Kraft-, Licht-, Aotog., Schwein. Her Mn S12. 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