Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 23 (7.11.1933)
- Date
- 1933-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Einzelnummer 20 Pf. Nr. 23 gfirbeut^tö^ubentumunbteKgid^ett^^au 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenom¬ Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag S clil iitlei tunGeo.”0 (ioc-tz Dle„JOdlsch-llberale Zeitung“ erscheint Dien» tags und Freitags. - Redaktion dnd Geschäftsstelle: Berlin Charlottsnburcf 4, Mommienmen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROckerstattung der entsprechenden Bezugsaeböhren. _ Berlin, 7. November 1933 str.40. — Fern ruf: d 0 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - BankverblndungüKredltverelnfOc. . Handel und Gewerbe e.G.mäkH., Berlin N 34. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 28704. Die ..indisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erschein Winterhilfe auch für Juden. Die Frage, ob und wie weit die jüdischen Deutschen an der Winterhilfe beteiligt sein werden, wird heute begreiflicherweise überall in jüdischen Kreisen lebhaft erörtert. Wir sind In der Lage, einige maßgebliche Äußerungen hierüber bekanntzugebeh. . ' Die „Vossische Zeitung“• voni 1. November schreibt anläßlich des Beginns der Lebensmittelverteilung durch die Winterhilfe:. „Es soll niemand hungern und frieren, und es ist der ausdrückliche Wunsch des Kanzlers, daß ■ deutsche Volksgenossen una Nichtarier gleich behandelt werden, soweit ihre Hirfsbedürftigkeit durch Antrag und Prüfung festgestellt wurde. Der Berliner Gauleiter der NS-Volkswohlfahrt, Spiewock, hat bei der Massenmitglieder-Versammlung. in den Tennishallen seinen Amtswaltern diesen Grundsatz des Führers nochmals ausdrücklich eingeprägt. Die Zahl der antragstellenden Hilfsbedürftigen nichtarischer Abkunft ist: in manchen Ortsgruppen Berlins außerordentlich hoch, im Westen beträgt sie stellenweise 40 bis 50 v. H. und darüber. Es sind viele Inhaber von Großwohnungen darunter, die ihre Mietverträge bei Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage nicht lösen konnten und so in noch größere Not gerieten. Um alle etwaigen Unzuträglichkeiten von vornherein zu vermeiden, hat man für die nichtarischen Hilfsbedürftigen jeder Ortsgruppe einen Mittelsmann eingeschaltet, der als Obmann der jüdischen - Wohlfahrt fungiert und die Verteilung an. die Einzelnen übernimmt, — eine Einrichtung, die sicher von den Betreuten begrüßt wird. So treten sie nur mit ihrem Obmann in Kontakt, iierhalten aber genau den gleichen Anteil wie die übrigen Wie durch Umfragen festgestellt werden konnte, ist der. von der Hauptleitung der Winterhilfe ergangenen Weisung über die gleichmäßige Berücksichtigung aller Hilfsbedürftigen in Berlin überall Folge geleistet worden. In der Provinz haben sich allerdings die Anordnungen der Hauptleitung noch nicht voll .ausgewirkt. Aus einzelnen Städten wird berichtet, daß Juden bei der Verteilung nicht in gleichem Maße wie die Arier berücksichtigt werden. In manchen Orten wird Juden überhaupt jede Unterstützung verweigert. # Die „Volks-Parole“ in Düss e 1 do’rf - meldet in ihrer Ausgabe vom 25. Oktober das Folgende: AVerden auch Juden durch die Winterhilfe unterstützt? Da eine ganze Reihe von Rückfragen in dieser Angelegenheit bei uns gehalten wurden, geben wir hierdurch der Öffentlichkeit bekannt, daß selbstverständlich auch jüdische Bedürftige durch das Winterhilfswerk betreut werden. Es finden zurzeit .mit dem Rabbinat der Synagogengemeinden Besprechungen statt,, in welcher Weise die Betreuung erfolgen kann. * - Aus H a m b u r g läßt sich die „Frankfurter Zeitung“ am 2S. Oktober folgendes berichten: Winterhilfe auch für Nichtarier. i Hamburg, im Okt. Wie wir erfahren, wurde auf eine Anfrage, die sich auf Unterstützung der israelitischen Bevölkerung durch das Winterhilfswerk bezog, von maßgebender Stelle der Leitung des hambürgischen Winterhilfswerks erklärt, daß auch bedürftige jüdischeMitbürger Anträge beim Winterhilfswerk stellen und diese Anträge in gleicher Weise wie andere berücksichtigt werden können. * . ■ ' ln Oberglogau (O/S.) ist den jüdischen Einwohnern der nachstehend wiedergegebene Brief zugegangen: N. S. Volkswohlfahrt Ortsgruppe Oberglogau. Herrn Oberglogau, den 2. 11. 1933. Der Reichsleiter der N.S. Volkswohlfahrt wünscht, daß wir wegen der Beteiligung' am diesjährigen Winterhilfswerk auch an Sie herarilreten.. Wir richten daher an Sie die Bitte, nach den Richtlinien ■ des Rcichsführers, die wir bereits in den Oberglogauer Zeitungen veröffentlicht haben, monatlich (von Oktober bis März einschl.) einen Ihrem Vermögen und Einkommen angemessenen Betrag zu spenden. Wenn Sie diesem noch die monatliche Spende aus dem < ‘ Eintopfgericht hinzufügen, sind Sie von allen weiteren Samm- - . hingen befreit. . tj," Überweisungen erbitten wir auf das Konto Winterhilfswerk ... ‘ t i i N.S. Volkswöhlfahrt . Ortsgruppe Oberglogau gez. Galuszka . . . Gfuppenwalter '}' " Unser Gewährsmann bemerkt hierzu: „Es bedarf wohl -keiner besonderen Hervorhebung, daß der größte Teil der : T i 'Juden diesem Schreiben entsprechen wird.“ Vom bis Mitternacht Von Heinz Kellermann Nicht die Geschichte einer atemraubenden Hetzjagd' zwischen Schuld und Siilme soll berichtet werden, sondern die Geschichte eines Gesinnungswandels, nicht ausgereift genug, um mit dem Vorwurf des Treubruchs bedacht zu werden, heute aber bereits mehr als bloße Inkonsequenz. Vor uns liegt das Oktoberheft des „Morgen“, der im Philo-Verlag erscheinenden „Monatsschrift der deutschen Juden“. Im Anschluß an jenen viel erörterten Redaktionswechsel ist viel Sorgfalt und Raum an die Ankündigung dieser Nummer gewendet,worden, um das jetzt öftere Erscheinen, die andere Gewandung und den Vorzug des ermäßigten Preises weithin bekannt zu machen. Nun ist es ,-so weit, und mit einiger Überraschung ruht der Blick auf dem Index der Mitarbeiter und nimmt von der Tatsache Kenntnis, daß die versprochene Änderung nicht beim Formalen halten geblieben ist. Die Auswahl der Autoren, unter denen sich Namen, wie Martin Buber, Berta Badt-Straufl, Friedrich Brodnitz — also solche, die den Zionismus entschieden . nicht, und solche, /die. ihm nicht ent-' »Giieden' ähiihhen—- .nefHTn^ffir -haeckfAIäSob Wassirtrrunn' und Hans Reissner befinden, .gibt zwar! Gewähr, daß die gehobene Linie dieses ausgezeichneten Blattes auch in Zukunft nicht verlassen werden soll, drängt aber‘gleichermaßen, und insbesondere bei einem Rückblick auf die im Tone so ganz anders gehaltene Augustnummer, zu der Vermutung,- daß diese Linie künftighin nicht mehr in gleicher Richtung verlaufen wird. Freilich gibt auch diese Nummer in Gestalt eines Briefes von Franz Rosenzweig, behandelnd Deutschtum „und“ Judentum, im Sinne der bisherigen Richtung deutliche Auskunft. Aber dieses feinsinnige Bekenntnis ist eine Meinung neben vielen_ geworden, zudem anscheinend eine recht vereinsamte, und läßt uns mit Dringlichkeit fragen: Muß hier wirklich das Zeugnis eines Toten bemüht werden, und hat nicht das Leben noch Propheten dieser Kunde mit starkem Bewußtsein und gutem Mut zum Tag? Soll etwa gar mit diesem Zoll aufrichtiger Pietät bedeutet sein, daß nicht der Sprecher nur,' sondern auch sein Wort: Deutschtum und Judentum, an dem Julius Goldslein, der Gründer des „Morgen“, sein Werk äüsrichtete, fortan der Vergangenheit angehören soll? Scheinbar nicht; denn auch, der neue Leiter will der Zeitschrift „unverändert“ in der Formulierung seines Begründers die Bestimmung geben, „dem geistigen Schicksal des deutschen Judentums zu -dieifen“. „Deshalb soll“ — nach ■Meinung des neuen Leiters — „keine Richtung des Judentums ausgeschlossen sein“. Uns scheint diese Folgerung eine recht eigenwillige Interpretation des zitierten Mottos,zu sein. Wir werden uns keinesfalls ohne weiteres zu der Ansicht verstehen können, daß jede Richtung im Judentum im Namen des deutschen Judentums zu sprechen legitimiert sei, und wir erblicken in der tätigen Anteilnahme aller jüdischen -Richtungen am geistigen Schicksal des „deutschen Judentums“ nicht nur ein geschichtliches Verhängnis, sondern vor allem die Verlagerung dieser idealen Synthese von einer sittlichen Idee zu einer geographischen Gegebenheit, einer biologischen Erscheinung; einer schicksalhaften Gebundenheit, kurz zueiner materiellen Tatsache. Der Autor selbst trägt keine Bedenken, diese 'Konsequenz zu ziehen. Denn „jeder deutsche Jude verkörpert (Sperrung im Originaltext) ein Stück Judentum, und jeder Einzelne kann deshalb, darf und muß für das Ganze zeugen . . Allein aus dieser Haltung heraus ist' aber auch ein bcT allen Verschiedenheiten der Einzelnen und Parteien gemeinsamer Geist und damit eine gemeinsame Willensbildiing möglich. Nur aus dieser Haltung können verbindliche Wertsetzungeii und damit auch Autorität und Disziplin erwachseir . . . Sollen darum Meinungen entscheiden dürfen, wo die Not gewaltige klare Aufgaben stellt?“ 1 Was hier gesagt wird; ist — wer wollte es leugnen — ' zweifellos die Ansicht vieler Juden in Deutschland, die die „Not“ mit der plötzlichen Entdeckung ihrer biologischen Erbmasse und ihrer schicksalsmiißigeu Zusammengehörigkeit be- . gnadete. Wird sich aber eine Zeitschrift wie der „Morgen“, dem von seinem Gründer der gerechte Anteil und der Dienst an Deutschtum und Judentum als geistige Zielsetzung und . sittliche Pflicht .'überkam, diese Einstellung kurzerhand zu eigen machen dürfen? Kann der verantwortliche Leiter diesen dürftigen Tatbestand im Ochirn der uneingeweihten Öffentlichkeit unbedenklich zum „deutschen Judentum“ erheben, ohne '' “mir der’ vielen noch gehetligtett'TTtiOrtlb.V-ö'W irrechcn?"' IHVg - die Aufgeschlossenheit der bisherigen redakttbnellcn Führung gegenüber wichtigen Beiträgen von allen Richtungen im Judentum auch unbestreitbar sein, so bedeutete die Raumgewahrung in ihren Blättern nicht mehr als den Ausdruck objektiver Wissenschaftlichkeit. Durch die nunmehr bekundete .Ansicht wird indessen weitesten jüdischen Kreisen politische Einflußnahme nicht nur gestattet, sondern es wird zu einer solchen förmlich aufgerufen. Damit geht aber die Veränderung der Redaktionsfünrung in das Grundsätzliche hinein.- Die Erheblichkeit dieses Protestes mag manchem überschätzt und der Eifer unnütz erscheinen, wenn man den bewußt eng gezogenen Leserkreis des „Morgen“ in. Betracht zieht._ Indessen: wenn man erfährt, daß der „Morgen“ faktisch nicht mehr undjiieht weniger als die akademische Tribüne des Central-Vereins ist und sich im wesentlichen an dessen Tendenz zu halten bestrebt, gewesen ist, so kommt den Ausführungen und Einwendungen eine andere Bedeutung zu. Seitdem der Cenfral-Verein dem Gründungsstadium des bloßen Abwehrvereins, dessen Tendenzen sich lediglich um seine Rechtsschutzkommission gruppierte, entwachsen ist, seitdem insbesondere eine Klärung' im zionistischen Lager im Sinne jüdischer - Volksnationalisicrung erfolgt ist, sind die Führer des Central-Vereins, ist insbesondere einer seiner _ größten, Fugen Fuchs, mit .unmißverständlicher Entschiedenheit vom Zionismus abgerückt, über die von Eugen Fuchs mehrfach getroffene Feststellung, daß sich der Central-Verein von'dem Zionisten, der sich als „Gast im fremden Wirtsvolk, fühlt“, zu trennen hat, kann kein C.-Vxr hinweg. Wer sich' trotzdem über diese Zielgebung hinwegsetzt, der verkennt nicht nur die historische Entwicklung des C.-V., sondern auch seine politische Mission für das deutsche Judentum, die über die Kechtsschutzideologic und Rechtsfriedenswahrung nach dem Wort von Eugen Fuchs längst hinausgewachsen ist. Seine apologetische Funktion niemals vergessend, war der Central-Verein unter zielbewußter Führung aus der Defensive zu einer Vorpostenstellung im Kampf um Frieden und Gleichberechtigung aufgerückt und aus einer Zweckgemeinschaft im Laufe der Jahre zu einer Tatgemeinschaft geworden. Wenn nun in diesen Tagen-sich der Central-Verein anläßlich einer ‘ Jüdische Denkschrift an die Regierung? Wie wir von gutinformierter Seite erfahren, beabsichtigt die Reichsvertretung der deutschen Juden, der Reichsregierung demnächst eine Denkschrift zu unterbreiten, in der die Auswirkung der gesetzlichen Maßnahmen der letzten Zeit auf die. Lage der jüdischen Bevölkerung dargelegt und Wünsche betreffend die Eingliederung der Judenschaft in das Staatsgefüge vorgebracht werden sollen. Härten der Ausbürgerungspraxis. In letzter Zeit sind'auf Grund des Gesetzes der Reichsregierung über den Widerruf.von nach dem Kriege erfolgten Einbürgerungen nicht stammesdeutscher Elemente zahlreiche Ausbürgerungen jüdischer Personen erfolgt, die zwar die. deutsche Staatsangehörigkeit erst nach dem Kriege erworben, aber mitunter seit 50 Jahren in Deutschland ansässig sind, 'eine geachtete soziale Stellung 'einnehmen und durchaus dem deutschen Kulturkreis angehören. In manchen Fällen wurden auch in Deutschland geborene Juden von der Ausbürgerung betroffen. . Es ist anzunehmen, daß solche Härten nicht in der Absicht des Gesetzgebers gelegen haben. Man dachte offenbar, daß die Fälle der Einbürgerung nach dem Kriege solche Personen betreffen, die erst in dieser Zeit nach Deutschland eingewandert sind. Es . wird deshalb vielfach der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß noch eine Überprüfung jener Ausbürgerungen; die seit Jahrzehnten in Deutschland ansässige und im Cande tiefverwurzeltc Personen betroffen hatnrn, erfolgen wird. Ehrung jüdischer Staatsbürger im neuen Deutschland- - Dem jüdischen Ehepaar Koppel in Hamburg ging anläß-"' lieh ihrer goldenen Hochzeit ein von Staatssekretär Ahren% einem der prominentesten Führer der Hamburger Nationalsozialisten, gegengezeichnetes herzliches Glückwunschschreiben des Senats zu niit der für dieses Fest geprägten goldenen Medaille und qjnem Geldgeschenk. — In Wuppertal-Elberfeld erhielt der seit kurzer Zeit beurlaubte Ooertelegrapbenamtmann Isaak Eichmann, der seit über 40 Jahren im Dienste der Reichspost stand, vom Reichspräsidenten von Hindenburg ein Handschreiben im Sinne hoher Anerkennung für treu geleistete Dienste aus Anlaß seines demnächst erfolgenden ubertiitts in den Ruhestand. Eichmann galt als das Muster eines pflichtbewußten Beamten und war während des Krieges fast ununterbrochen im Hauptmannsrang auf dem westlichen Kriegsschauplatz im Telegraphen:- und Telefonwesen tätig.-