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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-11-03 · 22 (3.11.1933) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
22 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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J^wei im andern Stand Roman von Stefan Reginald Marknes (Copyright by Hanns Locwcnstcin und Willi Tisch Verlag.) tretenden Abonnenten wird der bereits erschienene Teil des Romans auf Bestellung-kostenlos .nachgcliefert.) weilte, hielten sich die wenigen Jünglinge des näheren und weiteren Bekanntenkreises in respektvoller Entfernung. Kaum aber war unser Aragonier allgereist, da wurde die Cohnsche Nichte, natürlich in allen Ehren, umflirtet und umworben. Und welche junge Frau konnte allen Höflichkeiten absolut widerstehen und sich ganz und gar unberührt und verschlossen zeigen, wenn ihr in gesellschaftlicher Art und ehrlich empfundene Huldigungen' entgegengebracht werden? Solange sie sich selbst -eingestehen mußte, daß ihr alle gefielen, hatte Victor bestimmt den alleinigen Platz in ihrem jungen und stürmischen Herzen. Es kam aber bald ein Anlaß, der sie doch wankend und an sich irre machen mußte. Ohne daß wir über des großen Erfinders geheimnisvolle Maschinerie, verfügen, müssen wir^ nämlich aus geführt hat, einiges berichten, das ihr ein Anrecht gab, den entrückten Geliebten mit der Waffe der Eifersucht reizen zu wollen. Eines Tages war Victor — man könnte sagen: wie vom Mond gefallen — wieder bei sich zu Haus, und das lange verödete üro im Columbiapalast erlebte die Wiederkehr seines Besitzers. Der zweite Morgenportier des dritten Portals, ein Mann, dem schon viel Südwind um die Nasenspitze geflattert war, schien nicht wenig erstaunt, als der verloren gegangene, tot geglaubte, erfolglos von den besten Detektiven kriminalistisch gesuchte Mieter, als wäre inzwischen nichts geschehen, au der Fahrstuhlbatterie erschien und mit gemessenem Grillt sich legitimierend, nach oben sauste. . Die Eingangstür -war unverschlossen. „Merkwürdig!", murmelte er; „Wer hat bei mir noch etwas zu suchen?" Er durchschritt den Vorraum mit dem beruhigenden Bewußtsein, die inzwischen geschuldeten Mietsdublonen in der Tasche zu tragen; er drückte auf die Klinke: Ruth Laporta sprang vom Schreibtisch auf, umarmte ihn stürmisch, küßte ihn, als wenn es Neujahr war, auf beide Wangen und rief: „Ich habe gewußt, Du kommst zurück!" Es war für Victor in diesem Augenblick ein wenig genierlich, aber die Liebkosung mundete, auch wenn sie am üblichen Berührungspunkt unter der Nase vorbeiging. Ruth hatte sich zu ihrem Vorteil verändert,' und hätte Victor nicht wie die meisten Mäntier der Frauenpsyche ahnungslos gegenüber gestanden, so hätte ihm bei den ersten Worten Ruths auffallen müssen, daß sie nicht nach Mica, der schwärmerisch geliebten, angebeteten Freundin fragte. „Komm ans Fenster, Victor!- Komm, laß Dich betrachten, bist Du es wirklich? Ja, Du hist es, und ich frage nicht, woher Du kommst.. Das ist Dein Recht, jetzf-bleibst Du hier und unser Eigentum. Willst Du mit mir nach Maimi? Der Club trifft sich nur selten noch. Dort ist es schön!“- So lockte Ruth mehr als deutlich, und Victor hätte widerstehen müssen. Aber er gehörte auch zu denen, die die unangenehmen Dinge des Lebens gern einen Tag aufschichen. Er dächte sich: die peinliche Unterhaltung mit dem Mammutweib Aimee, die Auseinandersetzung mit dem Egoisten-Club geschieht noch immer früh genug. Und weimrnan deft Interviewern auch schon viel gewonnen. Sprachlich ausgedrückt lautete die Meditation: - - ' „Gut, gut! Ii geschmeckt." Die innere Stimme, welche. Wissens dienen will, sprach da: „Uehrigens ist heute keine Totalmondfinsterms, die Sache kann also nicht so schlimm werden!“ — Im gleichen Auto, das einst Nicoline gesteuert hatte, fahren nun Victor und Rutil selbander den grollen Strandweg entlang, und Victor blickt in träumender Erinnerung in sich hinein, wohlwissend, daß das Erlebnis des 26. Juli in seinem Gehirnfilm untrüglich klar aufbewahrt ist. Oh Ruth das Schweigen ihres Nachbars, gleicherweise deutet? Die Palmen der Autostraße grüßen vertraut: ’ „Ausreißer! Ausreißer!, da bist Du ja." f)ie Wellen des Ozeans’mit ihren grünlich-weißen Kämmen zeieen ear keine Aehnlichkeit mit der rosigen Flut des Mqndmit ewigem Hunger und krächeit, der Kaffee hat damals sehr gut Is Schlafmittel des Ge- BERL IN ii den dreisiehenzendem Schrei, sind den singenden Fiscl der Sehnsucht verdammt unähnlich. Ja ist schon der Club und seine zuckerweiße Fassade, das Schmiedegitter springt auf, springt zu: der Flüchtling ist gefangen! Das war nur eine List, die Ruth vortrefflich gelang. Hier wartet gar kein Liebesabenteuer, törichter Genius! Im Club der anständigen Leute sind die Egoisten versammelt! Rette Dich, rette Dich, Du Tor, Victor Arago! Was hilft Dir jetzt Dein ganzes Filmpatent? Fluchtflügel in der Westentasche hättest Du konstruieren sollen, das ist praktischer als die Auferweckung unliebsamer Gedankentrümmer und begrabener Verschwundenheiten! Victor erschaudert: Ist wirklich jedes Weib so teuflisch, tückevoll geboren? Nein!, Mica, die mich ehrlich liebt, hätte das nicht vermocht.“ Was sollen solche Meditationen auf der Schwelle oder hinter verschlossenen Türen? Es ist schon besser, mit scharfen Augen der Situation ins Gesicht zu blicken, denn irgendwo winkt immer ein Stückchen Hoffnung. Victors seelische Stimmung hob sich bedeutend; als er die Millionäre und ihren Anhang in dem bekannten mittelgroßen Raum, den er am 26. Juli zuerst betreten hatte, in ehrliche Arbeit vertieft sah. Die Ausstattung des Zimmers hatte sich verändert. Um einen ovalen Tisch saßen Herr Laporta nebst Schwägerin sowie alle uns sonst bekannten Mitglieder des Aufsichtsrates. Der Schädel des Geheimen Conseilrates glänzte wundervoll, gtwas zorngerötet, denn sein Gegenspieler Amigo hatte ihn soeben gereizt. Das ist doppelt aüfzufassen. Amigo hatte Awigdor vorgeschlagen, die Streitaxt zu begraben. „Es wäre doch besser, wenn wir beide uns nicht mehr bei jeder Situation zum Vergnügen der anderen in die Haare kriegten.“ „Das sollte Ihnen bei mir schwer fallen,“ antwortete Awigdor nicht ganz unrichtig. „Und darüber hinaus, lieber Freund, habe ich mich beim ewigen Zanken gerade mit Ihnen immer so wohl gefühlt, daß ich diesen angenehmen Zustand des Verkehrs für den Rest meiner Tage nicht mehr missen möchte. Also tun Sie mir einen Gefallen, vertragen Sie sich nicht mit mir! Ich wüßte keinen, mit dem ich mich lieber So weit der‘ Gesprächsausschnitt. — Die eigentliche Sitzimg bezog sich lediglich auf manuelle Leistung. Von ihr war, um mit Schiller zu reden, und indem wir Victor als nach Sparta zurückkehrenden Wanderer ansehen, nur zu verkünden: ■ „Du habest uns hier bridgen gesehen, wie das Gesetz es befahl. —“ So vollzog sich Victors Eintritt in -das Parlament der erlauchten Spieler zunächst recht unbemerkt, bis Ruth die Trancezuständler mit Jubelruf, der aber fast störend empfunden wurde, in die Welt der Wirklichkeit zurückscheuchte: i ihn, den Ausreißer; Victor Arago ist wieder da!“ : Wirkung blieb aus. Aimee Laporta machte mit erstaunlicher Gelenkigkeit e Rückendrehung, denn es war ihr peinlich, von dem treuen Liebhaber gesichtet zu werden. dem Vorgang mit einem: „Nu wenn schon!“ Lediglich Ruths Vater zeigte höheres -=-«-* für den Erfinder, sondern für Sekretärin, indem er, ohne das Kartenspiel sich bei Victor.-erkundigter i Stich z e Pri „Haben Sie eigentlich wenigstens Mica mitgebracht?“ Nichts tut großen Menschen so weh, wie wenn man ihnen die gebührende Aufmerksamkeit verweigert. Der Rühm des Genius verrostet, sobald man sich nicht mehr nach ihm umschaut. Ihm ist es beinahe lieber, daß man spottend mit Fingern auf ihn zeigt, als Gleichgültigkeit oder Nichtgekanntsein zu fühlen, denn damit rangiert er in die Gruppe der Allgemeinheit, in die Farblosigkeit zurück. Es. ist wohl Wahres an der Sache. Nichtachtung ist schlimmer als Verachtung! Auch Victor war darum ziemlich erstaunt. Er hatte geglaubt, daß man ihm sein Geheimnis abpressen würde, daß sein Leben von der Preisgabe seiner Erfindung abhängig sei. Nichts von all dem geschah vor der Hand. Man ließ ihn stehen und kloppte Karten. Bei solcher Behandlung empfand er es fast wohltuend, daß Ruth sich seiner annahm und ihm die Freiheit mit den Worten wiedergab: WtMett Sie .schon, rnjamin! . . _ . . Champs-Elysees zu Paris konzertiert hit? daß in den Schulen von Lippe die Rassenkunde und verwandte Gebiete als Prüfungspflichtfächer bei sämtlichen Abschlußprüfungen eingeführt werden sollen? daß in der Berliner Universität ein Anschlag angebracht worden ist, auf Grund dessen reichsdeutsche Studenten, nichtarischer Abstammung, die bisher einen Ausschlußbescheid nicht erhalten haben, eines Zulassungsvermerkes für das Weiterstudium bedürfen? daß der bisherige Berliner Gynäkologe Professor Dr. Wilhelm i:-—i Ruf als Ordinarius für Gynäkologie an Konstantinopel erhalten und angenommen hat? daß der Stadtrat von Riga einen von faschistischen Stadtrats- .mitgliedern eingebrachten Antrag, jüdische Vermögen zugunsten der Arbeitslosenhilfe im kommenden Winter einzuziehen, mit überwältigender Mehrheit abgelehnt hat? daß ein Gutachten der theologischen Fakultät Marburg besagt, der Arierparagraph dürfe in der christlichen Kirche nicht angewendet werden, denn die Kirche dürfe ihre Einheit nicht preisgeben und eine staatsbürgerliche Be: Schränkung sei von ihr nie vertreten worden? daß der Jerusalemer Archäologe Dr. E. L. Sukenik am Ost-, ufer des Tiberiasees Überreste einer aus dem dritten oder vierten vorchristlichen Jahrhundert stammenden Synagoge entdeckt hat? daß in Simmern (Hunsrück) ein jüdischer Vater um Befreiung seines Sohnes vom Rassenünterricht nachgesucht hat und daß diesem Ersuchen seitens der Schulleitung , ohne Zögern entsprochen worden ist? daß in Uzhorod das in russischer Sprache erscheinende klerikale Wochenblatt „Swoboda“ wegen eines grob antisemitischen Artikels von der Polizei beschlagnahmt wordall die meisten der gelegentlich der Gleichschaltung aus den Frankfurter Schachvereinen ausgeschiedenen nichtarischen Mitglieder sich zu einer „Jüdischen Schachvereinigung Frankfurt a. M.“ zusammengeschlossen haben? daß der zionistische Parteirat in Polen beschlossen hat, den Kontakt mit den übrigen Minderheiten Polens zu lösen? .. Z)ec!Büeßastm decnJ.=LZ." Dr. Werner Engel, Berlin SW 11. Die in Nr. 17 Unseres Blattes (im Aufsatz von Helmuth Krotoszyner) erwähnte Arbeit von Hans Rin her „Das Judentum und die falsch gestellte Rassenfrage“ finden Sie in der Sammelschrift: „Das neue Deutschland und die Judenfrage; des Diskussionsbuches 1. Teil“, Rüdiger-Verlag, Leipzig; zu beziehen durch jede Buchhandlung. - Dr. H.-B. R...1. Sie haben die Absicht der Straußsclien Schilderungen völlig mißverstanden. “Ein in der hiesigen Sozialarbeit führend tätiger. Herr hat uns gerade neulich schmunzelnd gesagt, diese Schilderungen seien gar nicht weiter auffallend; denn Ähnliches ließe sich von allen Kommitees der Welt sagen, einschließlich unserer eigenen hier. — Die Tendenz der Straußschen Artikel besteht ausschließlich darin, verzweifelte Glaubensgenossen von kopfloser Auswanderung abzuschrecken, besonders auch die Jugend! Daß solche Warnungen nötig sind, ist leider Tatsache. — Herr Strauß ist Mitarbeiter auch von französisch-jüdischen Blättern.. Artur GQnzburger, Lörrach. Ihr. Brief hat uns sehr erfreut. Wir-werden in Kürze die bisher von Dr. Gottschalk erschienenen Werke hier aufführen. „Komm, Victor, wir fahren los; laß sie ruhig weiter „Nein, nein, nein!“, protestierten die piötzlich ermunterten Clubleute, „jetzt ist er da, jetzt bleibt er hier; alles - andere ist gegen die Abrede. Man muß ihn festhalten — er soll unterschreiben, — das Tonfilmpatent gehört uns!“ „Ihr Gefangener bin ich nicht, meine Herrschaften, ich habe Ihnen etwas versprochen oder — genauer gesagt — angeboten; Sie werden mich niemals zwingen!“ „Du hast recht, Victor“, unterstützte Ruth diese Weigerung. „Laß Dich nicht locken und laß Dich nicht zwingen. Du kommst jetzt mit mir!“ So hätte der Wortwechsel noch weitergehen können, wenn nicht Victor den Egoisten in geschickter Wendung einen Vorschlag gemacht hätte, auf den alle erfreut eingingen. (Fortsetzung folgt in übernächster Nummer.) tmpfefdenswecte. 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