Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-11-03 · 22 (3.11.1933) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
22 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613479-2613503--4538-2616232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Einzelnummer 20 Pf. Rur bentfcftes 5ubcntum uwb religiöfett fhifftou Nr. 22 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzQglldi Bestellgeld. Einzelnummer 0.20 RM. Abonnementswerden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitun«;: George Guclz Berlin, 3. November 1933 Ole„Jadlsch-llberaleZeltung"erschelntDlenstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin Charlottenburg 4. Mommun- . str.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1S45. - Bankverbindung : Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, . Berlin 22784. Die .Jüdisch-liberale Zeitung” ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wüchentlich erscheint England und die Araber. sting on-Jewisl civil“ and religious rights of i 5J* ' communities in Palestine“ — es „soll nichts getan werden, was die bürgerlichen und religiösen- Hechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina... beeinflussen könnte.“ Nur mit diesem Passus aus der Balfour-Deklaration vom 2. November 1917 haben wir "es bei'der Betrachtung der Ursachen für die tragischen Ereignisse in Palästina zu tun. Denn daß auch der andere Teil dieses Satzes „... es soll nichts geschehen, was die Rechte Und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinflussen .. könnte,“ undurchführbar ist, weil die immer lautere Proklamierung der Juden als einer in Palästina beheimateten Nation sie notgedrungen ihren wirklichen Heimatvölker,l mehr und ' mehr entfremden muß, das ist die andere Seite jenes Unglücks, das der Zionismus für die Juden bedeutet, das nicht zuletzt er auch über uns Juden in Deutschland gebracht hat. Heute indessen sind die Augen auf das Unglück in Palästina gerichtet, von dem noch keiner weiß, welchen Umfang es .annehmen wird, da doch nach den letzten Meldungen die Unruhen bereits auf Transjordanien übergreifen. Lasse sich niemand durch die Tatsache täuschen, daß — im Gegensatz zu den weit schwereren Unruhen im August 1929, die sich hauptsächlich gegen zionistische Siedlungen und Schulen richteten — dieses Mal die Juden so, gut wie unbehelligt blieben und die englische Regierung das Ziel ... der Revolte gewesen ist. Denn die arabische Unzufriedenheit, tiiif Engiand, die‘sich* jeiztkgviwaltiäm‘onfiädt, 'ist- 'doch -uts--' schließlich darauf zurückzuführen, daß England mit jener Balfour-Deklaratiou die jüdischnationale Einwanderungspolitik inauguriert hat, in der die arabische Bevölkerung Palästinas eine Schmälerung ihrer nationalen Rechte erblickt. An dieser fundamentalen Tatsache können Worte nichts ■ ändern, und der eingangs' zitierte Satz aus der. Balfour-Deklaration, daß die nichtjüdischen Gemeinschaften in Palästina nicht beeinträchtigt werden sollen, ist nichts als ein Wort: England hat — 1917 war das dritte Jahr des Weltkrieges!.— aus der Not der Stunde heraus, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, Augenblickspolitik getrieben. Um die .Türkei aufzurollen, ließ Winston Churchill durch den Obersten Lawrence den Arabern die Idee eines kommenden Groß-Arabien vorspiegeln: um die Sympathien der Juden in der ganzen Welt für die Entente zit gewinnen, versprach ihnen Balfonr Palästina als „nationale Heimstätte“. So hat England den Juden etwas versprochen, was den Arabern gehörte, und es hat gleichzeitig den Arabern zugesagt,, ihnen nichts zu nehmen. Diese Tatsache ist schon seit Jahren erkannt worden. Anläßlich der Unruhen von 1929 brachte das „Berliner Tageblatt“, das doch gewiß kein Interesse daran hätte, die Aussichten der Juden schwärzer zu malen, als sie waren,: einen Leitartikel „Zion und Albion“ von Josef Schwab, in dem es hieß: „Wahr ist, daß die Balfour-Erklärung, so sehr das britische ' Prestige ihre Aufrechterhaltung zur Selbstverständlichkeit macht, von jeder Regierung in Londen als . eine überaus drückende Hypothek empfunden wird.“ Auf diese Weise ist durch jenen zweifellos voreiligen Schritt, den England vor heute auf den Tag genau-sechzehn Jahren : tat, die britische ■Regierung in eine eigenartige Lage geraten. Mit Recht bemerkt Dr. Alfred Wiener, der ehemalige Syndikus des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ in seiner viel umstrittenen Schrift „Kritische Reise durch Palästina“: „Daß die Balfour-Deklaration einmal aufgehoben ■ wird,-glaubt niemand; aber jeder ist überzeugt, sie wird ie nach der politischen Lage ausgelegt und benutzt werden.“ Und zwar, so deutet Wiener an, wird seitens der englischen Politiker bei dem grundlegenden Begriff des jüdisfhen „Nationalheims“ der Akzent bald mehr auf das Wort „National“, bald mehr auf das Wort „Heim“ gelegt. Diese Situation muß zwangsläufig dazu führen, daß auf die Dauer beide Parteien mit England unzufrieden sind. Auch Siegfried! versuchte, nach einer wenig bekannten Variation der alten Sage, den Hort gerecht unter den Niblungen-Brüdern zu teilen; aber die vorher untereinander Streitenden wandten sich, da jeder sich, benachteiligt glaubte, nun gemeinsam gegen ihn, sodaß er sie beide erschlagen mußte. Nicht alle Eijizelheiten dieses Bildes passen, und. wir wollen hoffen, daß der . Schluß nicht paßt; aber die Gesamtsituation bleibt, daß England nicht vermag, zwischen den zionistischen und arabischen Interessen einen gerechten . Ausgleich zu scha “ Und übrigens handelt es sich nicht - _... Interessen der Zionisten und Araber, sondern durchaus auch um diejenigen des British Empire selber. Durch die Ausübung des ihm vom Völkerbund übertragenen Palästina- Mandates genießt England große Vorteile. Man braucht nicht so weit zu gehen, das ganze Mandat-über Palästina als eine verschleierte Annexion Palästinas anzusehen, und man wird doch ermessen, was es bedeutet, daß Palästina, als eine Insel in dem stürmischen Ozean der Weltwirtschaftskrise, im Rechnungsjahre 1932,33 der englischen Palästinaregierung »eine Rücklage von 1,2 Millionen Pfund ermöglichte. Aber es geht ■ um noch mehr als um Palästina selber und seine Wirtschaft; Palästina ist Verbindungsland nach dem Osten. Gerade in diesen Tagen soll ja der neue Hafen von Haifa feierlich eröffnet werden; der Ausbau dieser Stadt zu einem Weltbafeni der Plan seiner Verbindung durch eine Bahn mit Bagdad und eine Röhrenlinie mit Mossul,- sowie noch andere Projekte zeigen klar, welche Rolle dem Heiligen Lande als dem ersten Pfeiler der großen Landbrücke nach Indien zugedacht ist. Doch wird es diese Funktion im Gesamtbau des British Empire nur ausüben können, wenn das Einvernehmen seiner Bevölkerung mit der britischen Regierung gewahrt bleibt. Dabei wird es zuerst und zuoberst auf den arabischen Teil, der Bevölkerung ankommen. Denn diese ist nicht nur zahlenmäßig. in der Mehrheit — 755UDO Araber gegen 18000(1 Juden —, sondern sie hat . infolge ihrer religiösen Verbundenheit auch den allergrößten Einfluß auf die 77 Millionen mohammedanischen Einwohner Indiens. Es besteht also die garnicht zu unterschätzende Gefahr, daß nicht nur Palästina selbst in Unruhe gerät oder verbleibt, sondern daß es darüber hinaus, statt eine Länderbrücke nach Indien zu bilden, die ohnehin nur mühsam aufrechterhaltene Stabilität der indischen, und damit der gesamtbritischen Verhältnisse noch erschwert: Die palästinensischen Unruhen erklären sich ja keineswegs nur aus nationalen Motiven; mit-Recht weist xlie „Vossische Zeitung“ in ihrer Morgenausgabe vom 30. Oktober darauf hin, daß es kein Zufall sei, wenn die „Tumulte regelmäßig am Freitag mittag, nach dem Gottesdienst in der Moschee, beginnen.“ Palästina aber ist nicht nur das heilige Land des Judentums unddes Christentums, sondern ebenso sehr auch des (slam; und zu welch schweren Störungen es führen würde, wenn um Palästinas willen seitens des Islam der „Heilige Krieg“ proklamiert werden würde, das braucht hier nicht nähtuzausgeführtzu werden. ' unsere Angelegenheiten von unserem eigenen Standpunkt aus zu betrachten. Solch Blick aus der Froschperspektive muß aber notgedrungen zu unserem eigenen Unglück ausschlagen, und gerade alles, was mit Palästina zusammenhängt, wird für uns unverständlich bleiben, solange wir es nicht im Zusammenhänge mit der großen britischen Politik betrachten. Wir sind hart bedrängt, überall in der Welt. Das führte vielevon uns zu der Hoffnung, in Palästina würden wir uns ein „eigenes Land“ einrichten können. Vielen mag dies trostreich klingen. Doch bleibt solche Hoffnung ohne jeden Zusammenhang mit der Wirklichkeit der Welt, ist also trügerisch und wird zur schwersten Gefahr für diejenigen, die gemäß solcher Hoffnung ihr Leben und das der jüdischen Gemeinschaft einrichten wollten. Die Wahrheit ist, daß Palästina nicht einer losgelösten jüdisch-zionistischen Politik dienen kann, weil es ein Glied der britischen Politik_ist. Wer das - erkennt, wer auch in der eigenen jüdischen Not den Blick auf die Karte des britischen -Weltreiches zu richten vermag, der weiß, daß den Engländern mehr an den Arabern als an den Zionisten gelegen sein muß. Diese manchen vielleicht allzu theoretisch anmutende Erkenntnis wird bestätigt durch die praktische Erfahrung, nämlich durch die. Haltung, die England seit Jahren immer zugunsten der. Araber, und das heißt: gegen die Zionisten eingenommen hat. . Aber, so wird man fragen, warum sind dann die Araber unzufrieden, warum richten . sich ihre Unruhen gegen die britische - Regierung? Die Antwort ist leicht gegeben, denn auch das Wenige noch, was England für die Zionisten tut, ist den Arabern zuviel. War ihnen schon immer zuviel- und wurde es ihnen erst recht, als unter dem Eindruck der Ereignisse in Deutschland eine verstärkte jüdische Einwanderung nach Palästina einsetzte mul von England begünstigt wurde. Wie 1929 zwischen der Eröffnung, der Jewislt Agency und diu -palästinensischen Unruhen ein unmittelbarer Zusammenhang bestand, so bestellt ein solcher auch zwischen den Forderungen, die der im'August dieses_Jahres abgchaltene Zionisten-Kongreß infolge der Ungunst der deutschjüdischeii Verhältnisse erhoben hat, mul den jetzigen Unruhen. Die Situation, in die England dadurch gerät, ist eindeutig; sic unterscheidet sich in nichts von derjenigen, in der -es von dem Tage der Balfour-Deklaration an -minier, gewesen ist „i„l uns il,.r ,•* ilii- Folgerungen zog, die — wie von den ihrer Herzensbedrängnis leider dauernd i die deutschen Jude.. wachsende Unzufriedenheit der Zionisten hervorgerufen haben. Schon iin Jahre 1923 wies der bekannte zionistische Schriftsteller Achad Haam darauf hin, daß England den Zionistendie „Wied er errichtuni! Palästinas als nationaler Heimstätte des jüdischen Volkes“ versprochen hatte, daß cs ihnen in der Balfour-Deklaration aber nur die „Errichtuni! einer nationalen Heimstätte .für das jüdische Volk 'in Palästina“ gewährte. Diese Formulierung ist dann im Text des Palästina- Mandates noch weiter abgescliwächt worden.- Und wie die Formulierung, so die Praxis. Immer wieder im Läufe der Jahre haben die _Zionisten ihrer Unzufriedenheit mit der führt. Man erinnere sich der a- -, — den Vertretern des Zionismus ,im englischen Unterltause anläßlich der Veröffentlichung des sogenannten French-Berichtes angeschlagen wurden, ln den zionistischen Presseverlautbärungen selbst wurde zugegeben, daß der French-Bericht „niederschmetternd und wie-eine Bombe“ gewirkt Tat, und anschließend an diese Vorgänge hat dann auf dem Prager Zionistenkougreß Professor S. Brodetzky in seinem politischen Generalreferat auch zu der Frage einer palästinensischen Verfassungsänderung Stellung genommen. Diese Frage ist der Punkt, an dem Erfolg oder Mißerfolg des Zionismus sich entscheidet; ihre Klärung nach der dem Zionismus u u günstigen Seite ist durch die neuesten Unruhen wesentlich gefördert worden. ■ -. Es handelt sich darum, ob Palästina einen Legislative Council, ein Parlament, erhalten soll, das von der'Bevölkerung des Landes gewählt wird. In diesem Falle würden die Zionisten mit ihren 180 000 Einwohnern weit 'hinter dem Anteil der-755 (100 Araber Zurückbleiben. Was dies,..für den Zionismus bedeuten wurde, hat Brodetzky in Prag ausgeführt. „Die Juden fürchten,“ erklärte er, „im Falle einer solchen Verfassungsänderung des Landes einer Majorität ausgclicfert zu werden. Nach Palästina aber gingen die Juden nicht, um wieder in derselben Lage zu sein ■ wie in anderen Ländern, in denen andere über ihr Schicksal entscheiden und in denen jüdische Arbeit, jüdische Energie und jüdischer Geist nur so lange willkommen sind, bis man ihrer nicht mehr bedürfe. Die Frage einer Zum12-November11933 Die Reichsvertretung der deutschen Juden erläßt folgenden Aufruf: Mit dem ganzen deutschen V« ilke sind auch wir Juden als Staatsbürger aufgerufen, -zu der auswärtigen Politik der Reichsregierung unsere Stimme abzugeben. Sie wird gefordert für die Gleichberechtigung Deutschlands unter den Völkern, die Versöhnung der Nationen und die Befriedung der Welt. Trotz allem, was wir erfahren müssen: Die Stimme der deutschen Juden kann nur ein Ja sein. Die Reichsvertretnng der deutschen Juden, Die j'fidischen Gefallenen des Weltkriegs. Information der amtlichen Stellen durch den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Berlin, 30. Oktober (J.T.A.) Die Leitung des Reichsbur.des jüdischer Frontsoldaten teilt mit, daß der Reichsbund anläßlich der durch das Schreiben des Leiters des Reichsarchivs an den preußischen Innenminister ausgelösten Diskussion über die Zahl der jüdischen Soldaten, die im Weltkrieg gefallen sind, und über das vom Reichsbund heraus-- gegebene Gefallenen-Gedenkbuch dem Reichsarchiv, dem. preußischen Minister des Innern und dem Preußischen Presse-» dienst seinen Standpunkt in; dieser Frage in einem ausführlichen Schreiben bekannt, gegeben hat. Der R.j.F. hat darin dargelegt, daß er es sehr begrüßen würde,_wemi von Seiten amtlicher Stellen eine sachliche Nachprüfung der Gefallenenliste des R.j.F. erfolgen würde. Dem Büro des:Herrn Reichspräsidenten wurde die Auffassung des R.j.F. über die Verlautbarung des Reichsarchivs gleichfalls dargelegt. „Die Judenfrage ad acta gelegt“ Eine Rede von Dr. Goebbels in Dresden. Die Zeitungen berichten über die grolle Rede, die Rcichsminister Dr. Goebbels in Dresden anläßlich der Eröffnung der Reicfistagswahlpropaganda gehalten hat. Dr. Goebbels kam in seiner Rede auch auf die Judenfrage zu sprechen. Dem Bericht des „Angriff“ zufolge erklärte er, daß die Regierung den ' Juden in den letzten acht Monaten weniger angetan hätte, als diese dem deutschen Volk in vierzehn Jahren. Im Bericht des „Berliner Tageblattes“ wird mitgeteilt, Dr. Goebbels habe in seiner Besprechung der Judenfrage gesagt: Wir haben an dieser Frage das gelöst, was zu lösen war, uAd sie dann ad acta gelegt. Internationales Arbeitsamt beschließt Unterstützung des Flüchtlingskommissan. Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat - auf seiner 64. Tagung beschlossen, die Ernennung des- Flüchtlingskommissars durch den Vorsitzenden des Völkerbündsrats zur Kenntnis zu nehmen und dem Kommissar bei seiner Arbeit jegliche Unterstützung zu leihen. Die von der letzten Konferenz des Internationalen Arbeitsamtes angenommene Entschließung betreffend die Auswanderer aus Deutschland wird vom Verwaltungsrat unter Berücksichtigung der Ernennung Flüchtlingskommissars überprüft werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.