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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-31 · 21 (31.10.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
21 (31.10.1933)
Date
1933-10-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
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Einzelnummer 20 Pf. - Nr. 21 •.; •-: . ■ -'- - _ - - ' , . ■ 13. Jahrgang Bozugsprels: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugs- Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitli-itiin“: George Ooctz Berlin, 31. Oktober 1933 Dla„JQdlsch-llberaleZellung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charloitenburg 4. Mommsenstr. 40. — Fernruf: JO Bleibtreu Sammel-Nr. . 1845. - Bankverbindung: Kreditverein für : Handel und Gewerbe e.G m b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22764. Die ,Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint SdiRksalstage in Palästina. Wir wären froh gewesen, wenn wir Unrecht behatten hätten. Denn ob es'auch vielfach verkannt wird: alle unsere unnachgiebige Opposition gegen Zionismus und nationaljüdischen Palästinaaufbau hat ihren Grund ja ausschließlich in der Liebe' zu Judentum und Judenheit und in dem heißen Wunsch, unsere jüdische Gemeinschaft, besonders ihre Jugend und ihre künftige Generation vor einem Unglück, zu bewahren, das noch wejt katastrophaler sein würde als das doch wahrlich schon genügend große Judenunglück der ganzen letzten zweitausend Jahre einschließlich der allerneuesten Ereignisse hier in Deutschland. Es muß hier einmal etwas sehr Unpopuläres ausgesprochen werden. Jeder Mensch und jede Generation kennt doch eigentlich nur sich selbst; sich selbst erlebt man, von den Früheren hat man nur gelesen. Deshalb: so furchtbar alle die letzten Ereignisse uns getroffen haben; so ausweglos viele Tausende von uns vor der Tatsache stehen, ihrer Existenz verlustig gegangen zu sein; so bedrückt wir uns fühlen, “"rger zweiter Klasse in unserem Vaterlande s dürfen daß die Generationen vor uns viel Furchtbareres durchgemacht haben, von den Pogromen des frühen Mittelalters in Deutschland und Südfrankreich an, über diejenigen späterer Tage in Polen und Rußland bis hin zu denen vor zehn Jahren in der Ukraine! Dieser Vergleich wird nicht angestellt, um etwa damit aus der Gegenüberstellung neue Hoffnujrig tVrTd Zuversicht und die Erkenntnis geschöpft werde, daß wir in einem Lande und in einem Erdteil leben, dessen Kultur unsere Kultur ist und in dem wir sicher sein dürfen, daß unsere Ideale sich hier durchsetzen werden. Diese Ideale von der Gleichwertigkeit aller Menschen sind aus dem Judentum vom Christentum übernommen worden, und da das Christentum diesem unserm Lande und unserm Erdteil für ewige Zeiten seinen Stempel aufgeprägt hat, so sind wir sicher, daß auch unter neuartigen Regierungsformen, wie man sie bisher nicht, gekannt hatte, die alten Ideale wieder zur Geltung kommen und uns mit allen nichtjüdischen Mitbürgern wieder volles Lebensreciit gewähren werden. Das ist es, wofür die Juden , arbeiten müssen, wenn sie vom Geist des Judentums in sich tragen. Doch dies wurde unsere' Tragödie: statt den - Gedanken auf den Geist zu richten, wurde das Gefühl auf ein Land gerichtet.- Statt der Idee beseelte die meisten von uns die Materie; und Materialismus bleibt deshalb der Zionismus, auch wenn noch so viele wertvollste Menschen mit idealistischer Begeisterung sich ihm hingehen. Noch immer aber,' sobald die Juden von dem Dienst an der zwar abstrakten, aber doch das konkrete Leben gestaltenden Idee abgingen und sich den nur konkreten Dingen hingäben (auch ein Land ist ein konkretes 'Ding), wurde solcher Zielwechsel von der Geschichte als Abfall gewertet und gestraft —: es konnte und es kann mit dem modernen Zionismus nicht anders kommen. Das ist es, wovor in diesen Blättern all die Jahre hindurch gewarnt worden ist. Als im Jahre 1929 vor den Augen aller Welt, unter den Auspizien des Völkerbundes, unter der Mitwirkung der Großmächte die Jewish Agency gegründet und damit ein großer Sieg des Zionismus verkündet wurde, da. bestand die Antwort auf solche Geste und Proklamation in den blutigen Unruhen, diesich unmittelbar darauf in Palästina ereigneten. Damals stand in diesen Blättern ein großer, warnender Artikel: „Um des Judentums willen!“ Aber der Warnungsruf ist verhallt. Es ist nicht verstanden worden, daß Zionismus und nationaljüdischer Palästinaaufbau nur bekämpft wurden, um das Judentum zu erhalten.’ Unser Blatt hat — fast als einziges auf weiter Flur — nicht aufgehört zu warnen; wir mußten es hinnehmen, daß uns unlautere Motive, Sturheit oder Gehässigkeit nachgesagt wurden; aber nichts wird uns davon abhalten, auch weiterhin zu warnen und unsere letzte Kraft dafür hinzugeben, daß eine Entwicklung aufgehalten werde, die das Ende des Judentums nach sich zieht. Diese Entwicklung ist, das sehen wir mit tiefster Depression, durch die Ereignisse des Jahres 1933 nur beschleunigt worden. Ein großer' Teil unserer Glaubensgenossen, statt zu erkennen, daß alles daran gesetzt werden müsse, uns unseren Platz in unserem wirklichen Vaterlande wiederzugewinnen, hat plötzlich geglaubt, ein neues Vaterland zu haben. Die Reaktion, von nur wenigenvorausschauenden Männern vörhergesagt, konnte nicht ausbleiben. .Denn Palästina ist kein Niemandsland; es gehört den Arabern — das muß hier immer wiedec betont werden, auch wenn uns daraufhin von denen, die. uns nicht verstehen, gesagt wird, wir fielen damit einer jüdischen Sache in den Rücken. Man mag von uns sagen,, was man will, wir werden nicht aufhören, auf. die von uns als recht erkannte Weise für das Judentum und seine gesicherte Zukunft zu kämpfen. Wir wären froh gewesen, wenn wir Unrecht behalten hätten! — Vor wenig mehr als zwei Wochen schrieben wir, daß all die auf ein falsches Ziel gesetzten Hoffnungen ihr ■ Ende finden könnten in einem palästinensischen Bürgerkrieg. Die neusten, jedermann bekannten Meldungen der Tagespresse lassen uns fürchten, daß wir tatsächlich am Beginn derartiger Ereignisse stehen. Tote und Verwundete in Jerusalem; Jaffa und Nablus. Standrecht in Tel Awiw und anderen Städten. Unzählige Demonstranten; und ein Berichterstatter telegraphiert: „Die Stadt gleicht einem Heerlager!“ Sehen wir zu schwarz? Wir wollen lieber in den Verdacht geraten, daß wir zu schwarz malen, als daß wir die Schuld auf uns nehmen, die schwere geschichtliche Schuld und Verantwortung, die die Zionistische Presse dadurch auf sich geladen hat, daß sie in den letzten Jahren zu rosig färbte, die Gefahren verkleinerte und in den Massen den Drang nach einer Palästinaflucht nährte, anstatt die Pflicht der Emanzipationsarbeit zu predigen. Man hat es uns verübelt, daß wir dieses Vorgehen der zionistischen Presse als gewissenlos bezeichnet haben. Aber wir können nicht anders. Vor uns steht die Tatsache, daß dort wie in keinem anderen Lande der Welt nationale, religiöse und Klassengegensätze gegeneinander prallen — und vor uns liegt das letzte Heft der deutschen „Jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle,“ in welchem Dr. Georg Landauer schreibt: „Vor Palästina schweigt der Gegensatz yon Zionisten und Nicht-Zionisten, von Liberalen und Orthodoxen, von Unternehmern un'd Arbeitern, von Ostjuden und Westjuden, Palästina ist die einzige, das ganze Judentum aller Richtung und Herkunft umfassende Gesamtaufgabe jüdischer Entwicklung geworden. Das Leben hat die Parteistreitigkeiten überwunden. Palästina ist eine Schicksalsfrage des deutschen ludentums-“ SchfiäüETsrräfeTV _ _ _s _ . als der Schreiber jener Zeilen in einem „neutralen“ jüdischen Blatt uns glauben machen will. Es wird das Schicksal nicht 'des deutschen allein, sondern des gesamten- Judentums sein, **• — sich auf * ---* —i * - icr religiösen Gemeinschaft erkennen, daß sie aJs Glieder e_ _„_ _ in allen ihren-Heimatländern ihre Existenz zu erstreben haben. Denn man täusche-sich doch nicht: die englischen Ra/onet/* richten sich heule gegen die Araber, weil diese es sind, die im Augenblick mit ihrer Revolte die Ruhe und Ordnung in dein der englischen Mandatsausübung anvertrauten Lamm stören. Die englische Politik aber richtet sich gegen die Zionisten! Und dies ist das sicherste Zeichen. England, Meister der Kolonialpolitik, erkennt, wer in Palästina zuhause ist ' und wer also, letzten Endes in dem Streit zwischen Juden und Arabern die Oberhand behalten wird. Wer also unserer Warnung nicht glauben will, der möge doch der arideren, größeren Warnung glauben, die aus der englischen Politik unzweideutig abzulesen ist. Geht ab vom falschen 'Weg, seid hart gegen-euer eigenes Gtlfühl, seht endlich ab von einem Ziele, das zu erreichen ihr kein Recht habt und dessen weitere Verfolgung daher euren Untergang bedeutet. Erkennt endlich, daß; so Bitterböses euch hiergeschah, das deutsche Volk' euer eigenes Volk ist und euch auch in einer augenblicklichen Welle der Judengegnerschaft näher steht, als die Araber, von denen euch gesagt wird, ihr solltet . mit ihnen „binational“ leben. Solchen Binationalismus haben wir ja gerade jetzt hier und brauchen, um ihn zu haben, nicht erst die Reise nach Palästina. Aber .hier werden wir ihn überwinden, dort soll er, sogar nach Ansicht der zior bekämpfen musseif; denn, da« möge doch unter uns, die wir bekämpfen müsse?; denn, «SU mögedö endlich erkannt werden, wir sind ja gar mdht „Peiride" d.. Zionisten, und all unser Kampf gegen, sie Ist in Wahrheit - ein Kampf für sie» Mag doch endlich, der Blitzstrahl jener beklagenswerten Ereignisse in Palästina ihre Nadht erhellen: Wenn sie vom Zionismus lassen, werden sie leben: Kein Arierparagraph im Reichsverband der deutschen Arbeitsopfer. Der Zentralverband der Arbeitsinvaliden und Witwen Deutschlands ist in den nationalsozialistischen Reichsverband der deutschen Arbeitsopfer aufgegangen. Auf Anfrage eines jüdischen Mitglieds fiat der Gäu Freistaat Sachsen mitgeteilt, daß die konfessionelle Einstellung der Mitglieder für die Verbandszugehörigkeit keinen Ausschlag gibt und daß die jüdischen Verbandsmitglieder die gleichen Rechte genießen wie die andern. Gegen Ausschaltung der Juden aus den Verbänden. In einer Versammlung des Berliner Vereins der Handelsvertreter wandte sich der stellvertretende Vizepräsident des Reichsstandes des deutschen Handels, von Dewilz, gegen diejenigen, die dem Verein einen Vorwurf daraus machen, daß er seine jüdischen Mitglieder behalte,'und erklärte: Ich betone nochmals, daß ich unabänderlich daran festhaltc, daß die Juden in die Verbände hineingehören. Die deutschen Juden im Weltkriege. In dem bekannten Briefe, den der Präsident des Reichsarchivs an den Preußischen Minister des Innern gerichtet hat, heißt es am Schluß: „Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat im Jahre 1932 ein Gedenkbuch „Die jüdischen Gefallenen“ herausgegeben, das auf Seite 419 glaubhaft zu machen sucht, daß von den im Buche enthaltenen Namen 10 154 behördlich nachgewiesen seien. Damit ergibt sich allerdings gegen die amtliche Statistik ein ganz gewaltiger Unterschied. Wenn die Statistik für den t. November 1916 die Zahl der Gefallenen mit 906 625 — davon 3411 Juden — angibt, so folgt mit der für den gesamten Krieg festgestellten Totenzahl v 1 843 308 ein für die Juden sehr hoch gerechneter Anteil i 7000 Gefallenen, während das jüdische Gedenkbuch eine annähernd die Hälfte größere Zahl bringt. Diese Zahl 1 sich nur dadurch erklären, daß das jüdische Gedenkbuch zum Teil aut rassenmäßiger Grundlage beruht, während es bei der von ihm nur auf 555 000 bezifferten Gesamtzahl der Juden in Deutschland die religionsmäßige Zugehörigkeit rechnet.“ Die Bundesleitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten nimmt zu dem Schreiben des Präsidenten des Reichsarchivs folgendermaßen Stellung: In einem veröffentlichten Schreiben des Präsidenten des Reichsarchivs an den Preußischen Minister des Innern wird auf die Diskrepanz zwischen der amtlichen Zählung der jüdischen Gefallenen vom 1. November 1916 und der im Gedenkbuch des R.j.F. veröffentlichten Liste der jüdischen Gefallenen hingewiesen. Die erstere ergab 3411 jüdische Gefallene, w~ für die ganze Dauer des Krieges höchster- ' s 7000 bedeuten würde, während der R.j.F. von den wahrscheinlich mehr als 1280Ö jüdischen Gefallenen 10623 namentlich anführt.' Von diesen konnte der R.j.F. 10 060 beim Zcntralnachweiseamt für Kriegerverluste und Kriegergräber vollkommen, identifizieren. Weitere 94 bei den betreffenden Standesämtern. Der Brief trklärt die Diskrepanz dadurch, daß die Liste des R.j.F. wahrscheinlich zum Teile auf rassischer Grundlage beruhe, während die amtliche Zählung nur Gefallene jüdischer Religion erfaßte. Die Bundesleitung des R.j.F. teilt mit, daß diese Auffassung nicht in'Frage kommt. Es wird auch zu ihrer Befründung in dem Brief .keine Tatsache angeführt. Der R.j.F. at die Namen durch Umfragen bei den jüdischen Gemeinden und jüdischen Grganisationen erhalten. Dann hat .er diese Liste vielfach durchgeprüft. Hierauf erst wurde die Identifizierung der Namen bei den erwähnten amtlichen Stellen durchgeführt. Der R.j.F. erklärt, daß er zur unbedingten Richtigkeit seiner Liste steht und zu jeglicher Nachprüfung, die infolge der Anordnung der Liste sehr erleichtert ist, jederzeit gerne bereit ist. . . Schwedisches Hilfskomitee. - für Intellektuelle aus Deutschland. Der Kronprinz und Selma Lagerlöf an der Spitze- " 200 hervorragende schwedische Persönlichkeiten, rriit dem Kronprinzen Wilhelm, Prinzen Eugen, Selma Ligerlöf und zahlreichen UniversitStsprofessoren und Schriftstellern an der Spitze, haben sich zu einem Kbmitee für Hilfe an die aus Deutschland ausgewandirten Intellektuellen vereinigt -und erlassen einen Aufruf an die schwedische Oeifentlichkeit zu werktätiger Mitarbeit an dem Hilfswerk für diese Eliicht; lirige, denen es im. Interesse der europäischen Kultur ermöglicht werden müsse, ihr Lebenswerk fortcusetzeti. Br IthTrumpeldor-Uniform verboten. In der Slowakei und in Karpathorufitayd. Die politische Behörde in der Slowakei und in Karpathorußland hat eine Verordnung erlassen, durch die das Tragen der Uniformen der revisionistischen Jugendorganisation Brith Trumpeldor verboten wird. Die Brith Trumpeldor-Bewegung ist in diesen Gegenden der tschechoslowakischen Republik ziemlich stark. Zeitungsberichten zufolge hat die Polizei in mehreren Ortschaften Uni form stucke von Brith Trumpeldor- Mitgliedem beschlagnahmt. Gegen eine Anzahl von Führern der Bewegung wurde eine gerichtliche Untersuchung ein- Die vorliegende Nummer wirde abgeschlossen ~ am 28. Oktober vormittag*. __

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