Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 20 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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13. Jahrgang Nummer 20 3S0i|^'Ubeta(e äeifung Beilage 27. Oktober 1933 Einem Wohlverdienten- Vorhoinerkuiij;. Am 1. November vollendet Rechtsanwalt Heinrich Stern sein 50. Lebensjahr. I ieinricli Slern isl eine der markantesten Persönlichkeiten unseres jüdischen Lehens; viele Fäden dcntschjüdischer (jenieinschaftsarheit laufen in seiner Hand znsannnen. Präsident des „Vcrhamlstagcs“ des i'rettßisehen l.uiidesverbumles jüilisrlicr ( meinden und Vorsilzemler der Rcpräsciitantcii- Vcrsaninilnri” der Jüdischen Gemeinde zu lierliu — das allein sind zwei Ämter, die zu den höchsten, aher auch zu den verantwortungsvollsten in der deutschen Judenheil gehören. Unserem Blatte steht er besonders nahe als langjähriger Vorsitzender der „Vereinigung für das religiiis-liljcrale Jnden/nm“, sowie als stets hilfsbereiter Mitarbeiter, Beraterund Freund. Den Lesern unseres Blattes ist er aus zahllosen im Laufe der Jahre hier veröffentlichten-wertvollen Arbeiten bekannt. Hinein Manne, der unter J lintaiistelluug seiner , Person so für die tiesamtheit wirkt, gebührt der Dank Aller. Wenn heute au dieser Stelle Rabbiner Dr. Leo Baeck diesen Dank in Worte kleidet, so wird erdamit zum Sprecher der deutsch-jüdischen Gesamtheit, nicht zuletzt auch zum Sprecher von Vertug und Se/trif/lei/ung der Jüdisch-/iberuh-// Zeitung“, die Heinrich Steril als einem der hervorragendsten Vorkämpfer des religiös-liberalen Judentums ' Dank und Glückwunsch hier ausspricht. r'vem -Fünfzigjährigen,. der nun auch nach den Jahren, \_J gemäß einem Worte aus den Sprüchen der Väter, zum Kate berufen oder, gemäß einem anderen Satze aus dem Talmud, zum Dolmetsch für die Gemeinde befugt ist, seien in dem herzlichen, treuen Empfinden einer Freundschaft, die niemals sich gewandelt .hat, die innigen Wünsche dargebracht, welche viele nah und fern aufrichtig teilen — Wünsche für das Gut seines Lebens, für den Segen seines Hauses, für den Erfolg seiner Arbeit, für den Weg seines Wirkens. Heinrich Stern ist seit je ein.nachdenklicher Mensch; alle Frömmigkeit ist ja in einem Eigentlichen ein Nachdenkliches, eine Gabe, nnchziidcukcu, uni-hinaus- und empnrdenkeu zu können. So kann es zu seinem Wesen und vou seinem Wesen sprechen, wenn zu ihm als Glückwunsch einige sinnende Gedanken kommen; besonders wenn sie sich einem seelischen Bereiche Heinrich-"Sterns, unserer jüdischen Gemeinde, zuwenden wollen. Was ist Gemeinde, jüdische Gemeinde zumal? Von der Zeit her, wo sie irrt Judentum entstanden war, isl sie ein Lebensgebilde. Sie ist also nicht etwas Hergestelltes, Gemachtes, sondern ein Geborenes, ein Lebendiges, das weiterlebt und.sich weilergibt. Sie vererbt sich und gestaltet, und überliefert sich von Geschlecht zu Geschlecht wie eine Familicuwelt, die im Gange der Zeit ihre Kreise dehnt oder auch engl. Wenn irgendwo, 'irgendwann neue jüdische Gemeinden geschaffen werden, sie sind überall und immer Leben vom alten Leben, Kinder von Gemeinden, Kinder mit der Mannigfaltigkeit ihres Daseins. Wenn Form und Antlitz in den Jahrhunderten wechseln, so eben nur sief das alte Lehen /engt sielt fort und erneuert sieh. Die Gemeinde wird immer wieder und wieder geboren. Würde irgendwo dieses Band zerrissen, das die Gemeinde in die Generationen cinfiigt, wollte mau mir von beute sein, nur Gegenwart, aber keine Überlieferung Von Leo Baeck. haben, so wäre dort vielleicht noch ein jüdischer Verein, aber nicht mehr die jüdische Gemeinde.- | Denn die Gemeinde, so kamt es auch gefallt werden, ist nicht eine Gesellschaft,'sondern eine Gemeinschaft. Das lieillt: in ihr ist eine Verbundenheit gegeben, die mit ihrem Gehalt wie mit ihrer Bestimmung die Ganzheit des Lebens erfassen will und nicht mir für bestimmte Zwecke und Unternehmungen gelten und dauern soll. Ihre Ausdrucks- und Willeitsformeu sind daher Religion, Sitte und Eintracht. Darum bedeutet die Gemeinde etwas ganz anderes als die Partei. Denn diese ist, umgekehrt, eine Gesellschaft,-nicht aber eine Gemeinschaft; ihre Ausdrucks- und Willeiisriditung ist das Programm,; die Agitation und der Zweck, der .manches rechtfertigt. Eine Gemeinde, die es versuchte, sielt auf eine Partei zu beschränken, oder nur eine Partei darstellen wollte, hörte daruni auf, eine Gemeinschaft und damit wahrhaft eine Gemeinde: v.tt sein; sie begänne, eine bloße Gesellschaft zu werden. Die jüdische Gemeinde ist aher auch nicht eine Kirche. Das will sagen: sie gewältrl der geprägten Individualität, der jüdischen Persönlichkeit iltr Recht, ein Recht,,das weit größer ist als die Kirche, da diese im Namen Gottes oder wenigstens im Namen eines geistlichen Auftrages sprechen und verordnen will, den Ihren es gibt und es geben kann. Die jüdische Gemeinde ist die Gemeinschaft von Menschen, denen der Wert und der Wille-ihrer persönlichen jüdischen Besonderheit zugeteilt ist. In jedem Gewissenszwang, in jedem Glaubciisdrnck würde sie sielt selber verleugnen, sich selber verneinen. Der Kirche ist es hierin anders zugegeben, ja aufgegeben; sie stellt als überirdische Stiftung vor dem Einzelnen, sie darf ilun die Bahn seines Glaubens und Denkens vorseltreibeu. Wollte eine jüdische Gemeinde nach Gleichem, zur Rechten oder zur Linken, trachten, wollte sie eine Kirche nachzuahmen suchen, sie würde, ganz .abgesehen, davon, daß sic wegen des Mangels der Proportion ein Spottbild böte, nicht mehr, eine jüdische Gemeinde sein. Es liegt ein tiefer Sinn darin, daß seit altem die Gesamtheit der Juden in ihrer Gemeinsamkeit der Religion, der Erinnerung und der Hoffnung als „die Gemeinde Jakobs“ bezeichnet ist. Wie geringfügig erscheint gegenüber dieser „Gemeinde Jakobs“ selbst die Sonderung und Scheidung in die einzelnen Gemeinden, in diese Einzclgcstaltungen der Gemeinschaft. Wenn wir alle dessenbewußt werden, dann werden wir auch darum zu wissen beginnen, daß wir, wir deutschen-Juden, mit der Fülle und dem Recht aller unserer Gemeinden, doch Eines sind und daß dieses Eine von uns zu sichern und zu wahren ist: die jüdische Gemeinde Deutschlands — kein „Verein“ deutscher Juden, keine jüdische Kirche, alwr die deutsche jüdische Gemeinschaft, die „Gemeinde Jakobs“ im deutschen Lande. Möge es unserem Fünfzigjährigen..zu dem unser Glückwunsch spricht, heschiedcu sein, helfend, ratend, nachdenkeud und vpratisdenkend daran initzuwirkeii, daß dies wahr werde — in guten Tagen, so Gott es will! Seit 50 Jahren! Das Kaufhaus für Ihren gesamten Bedarf! Max Giesen Bei ErnstBoss W 15, Meinekestr. 25. Telef. J 1 Bismarck 2850, kaufen Sie Ihr Geflügel täglich frisch und preiswert Neu eröffnet! 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'Hier zeichnet sich auch für die Gemeinschaft die Grenze zwischen Wöhlfahrtsfürsorge und produktiver Wirtschaftshilfe klar und deutlich ab. Oft wird es sowohl im Sinne lies Betreuten als auch der Gemeinde, erst recht aber im Sinne der Gesamtwirtschaft nützlicher und wirkungsvoller sein, den StutzimgsbcdurfUgcii mit einem Darlehen produktiv zu fördern, anstatt ihn .in unproduktiver Weise durch die Wohlfahrtsfursorge ständig zu erhalten. Aus dieser Erkenntnis haben in den .vergangenen Jahren und erst recht in.den letzten Monaten die jüdischen Gemeinden in wachsendem Umfange bei der Gründung neuer und bei der Erweiterung bestellender jüdischer Darlehnskassen führend mitgewirkt. Die jüdischen 'Darlehnskassen können und sollen den jüdischen Menschen, die in ihren Existenzgrundlagen bedroht sind, produktive Hilfe bringen, lin ganzen Reich gibt es z. Z. 37 jüdische Einzeldarlehnskassen mit einem Kapital von ca. 75(J OUU RM. Ihr Wirkungsbereich erstreckt sielt zumeist aut die größeren jüdischen Gemeinden, d. h. auf die Gemeinden nt den größeren Städten. Neuerdings sind auch Darlehnskassen für größere Bezirke gegründet worden, um den Juden in kleineren Gemeinden und in Streubezirkeil die Teilnahme, und Mitarbeit am Darlehiiskassemvesen zu ermöglichen. So wurden Bezirksdarlehnskassen für die Provinzen Brandenburg, Oberschlesien, Schleswig-Holstein lind die Hansestädte (einschl. Oldenburg), Grenzmark-Poseii-Westprcußeii und für die Länder Baden und Württemberg errichtet. Mit Hilfe der American Joint Reconstruction Foundation, die die Juden in enronatsclien Notstandsgebieten mit klenikrediten unterstützt, konnten im Laufe der letzten Zeit 22 Dariehnskassen erweitert bzw. neu gegründetWerden. Die American Joint Reconstruction Foundation stellte bisher diesen Darlehnskassen durch Vermittlung der „Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen“ bereits einen Kredit von ca. 20U OUU RM. unter sehr günstigen Bedingungen zur Verfügung. Die Hilfe des Joint war wirksam, weil der bereitgestellte Kapitalfonds den Bedürfnissen entsprechen konnte und sowohl Zinsfuß (3"o p. a.) als auch die Amortisation bei der Weitergabe die schwachen Existenzen der Darlehnsnehmer nicht allzu sehr belasteten. Die Bedingungen, zu denen einmalige Darlehen an Gesuchsteller von den einzelnen Darlehnskassen gegeben werden, sind bis jetzt nicht einheitlich. Alle geben aber in letzter Zeit ■ nur Kredite zu produktiven Zwecken. Die Bezahlung von Miefsschulden und die Finanzierung des unmittelbaren Lebensunterhaltes gehört nicht zum Aüfgabenkreis der Darlehnskassen.'In der Regel bewegen sich die Darlehen bis zu einer Höchstgrenze von 50» RM., bei größeren Kassen bis zu 1000 und 1500 RM. Der. .Darlehnsnehmer muh zwei einwandfreie Bürgen beibringen, welche die Garantie übernehmen. Das Darlehen ist relativ niedrig (durchschnittlich bis b”.,, p. a.) zu verzinsen. Die Zentralwohlfahrtsstelle hat in Verbindung mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden . einen Zinsverbilligungsfonds geschaffen, mit dein der Zinsfuß des Kapitals, das’ durch die Kassen in Deutschland neu auf- OoldsdimidUSdiwabe Moderne Beleuchtung Vertrieb von Stahlmöbeln Berlin U) 62, SGtiiliMe 11 Fernruf B 5 Barbarossa-6412 Pti Fr cm Ir Berlin-Charlottenburg 4, Kantstr. 39 ■ II» 1 I «UH Fernsprecher C 1 Steinplatz 7045 Spezial-Abteilung für . _ Auslandstransporte ' _ Möbellagerung -Brillen — Kneifer 0p<iherH.neANadiL Berlin, Kommandantenstrasse 51 Mitglied des Vereins svlIistämUger Handwerker jüdischen Glaubens E. V. tl DER RENOVATOR A U S A L T - W I R D N E U Reparatur* u. Maßschneider««. Anfertigung auch bei Zugabe v. 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