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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-24 · 19 (24.10.1933) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
19 (24.10.1933)
Date
1933-10-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Wo ist die größere Not? £tCeQnte&e eines jüdischen £migianien. Von W. Strauß (Paris) Auf dem Komitee. Hunderte von Menschen auf dem Hof gedrängt. Hunderte oben im Gebäude, im Wartesaal, auf dem Arbeitsvermittlungsamt, an der Kasse. Hunderte jüdischer Menschen aus Deutschland hier auf dem Komitee, erwartungsvoll gespannt, gedrückt, gleichgültig, nervös, lachend . . . Stunden-, ja fast einen Tag lang treiben sie sich liier umher, che sie abgefertigt sind. Sie müssen warten ... Sie warten seit 6. Uhr morgens, ja sogar teilweise seit 19,30 des vergangenen Tages. Sie warten hier auf die die Entscheidung über ihr Schicksal, über ihre Zukunft, die wie ein dunkler, ungelüfteter Schleier vor ihnen liegt ... Da sitzt ein junger Mann. Eine große, schlanke Gestalt. Vielleicht Ende der Zwanzig. Künstlermähne, breites, volles Gesicht. Typ des Gemütsmenschen. Und doch: sentimentaler Blfck, Kummerfalte im Gesicht . . . Schauspieler von Beruf, letzt Garfon in einem Pariser Restaurant. Er raucht dauernd. Raucht hastig eine Zigarette nach der anderen. Es ist die zermürbende Ungewißheit, die verkrampfte Spannung, die aus diesem nervösen Rauchen spricht ... Hier, auf der Bank in der rechten Ecke ein Dr. rer. pol. aus Berlin. Er klagt über fürchterliche Kopfschmerzen, Benommensein, Erschöpfung ... ,_. „Die Kotniteekrankheit,“ meint kurz ein anderer. „Wie ist es mit Ihrer Hnrerbung ans Komitee geworden,“ frage ich ihn. „Abgelehnt.“ „Sie sind von Beruf?“ „Sozialpolitiker.“ zu Weiden, mußten Sie Plötzlich-größer Lärm im Wartesaal. Worte wie Idiot, Schwein usw."schwirren durch die Luft. Ein junger Mann will sich auf einen Komitccangestellten stürzen. Einige handfeste Leute legen sich ins Zeug. — Nervöser Wutanfall. Nichts Außergewöhnliches hier, über das man, ohne viel Worte zu verlieren, zur Tagesordnung übergeht . . . „Ja!" „Habeii'Sie schon eine Arbeit gefunden?“ „Nein, Sie wissen ja selbst, daß ich jeden Tag zu .Ihnen kam, um mir neue Hoffnungen zu holen. Sie selbst haben mich doch immer vertröstet!“ (Die Dame war vorher an der Arbeitsvermittlung.) „Sie sind jetzt neun Wochen hier; das Komitee kann Sie nicht mehr unterstützen!“ „Aber ich kann doch nicht verhungern, denn ich bin ja vollständig mittellos!“ „Es gibt für Sie nur noch eine Chance. Sie können nach Brasilien, dort werden viele junge Leute gesucht.“ , „Was soll ich denn dort arbeiten? Gibt es denn in Brasilien eine Möglichkeit, daß auch Nichthandwerker eine Beschäftigung finden?“ „Natürlich, es gibt auch deutsche Schulen, an denen Sie untergebracht werden können. Dort gibt es so . viel Arbeit, daß wir nicht genügend Leute haben, um sie hinzuschicken.“ „Ja, wenn die- Aussichten so günstig sind, dann kann man wohl mit einem festen Arbeitsvertrag nach Brasilien fahren?“ „Nein, das nicht. Drüben gibt es auch ein Komitee, das Sie so lange unterstützen wird, bis Sie Arbeit gefunden haben.“ „Aber dafür brauche ich doch nicht in einen anderen Erdteil zu fahren, um wieder das Ungewisse, die Aussichtslosigkeit vor Augen zu haben.“ (Meine ganze Verzagtheit wandelte sich plötzlich in Opposition; es ist mir, als ob ich hier einen Kampf um Leben oder Tod führen müßte.) Mein Gegenüber schaut mich mit abwägenden Blicken an; sie scheint die Umwandlung meiner Einstellung erkannt zu haben. Ganz entschieden klingt jetzt ihre Stimme: „Entweder Sie gehen nach Brasilien, — oder Sie erhalten ungern!“ mich also, entweder 11 Brasihei „Ja!!' Bitte, folgen Sie mir an den Nebentisch!“ Dort am Nebentisch warten schon einige junge Menschen; ihre Gesichter sind verstört —, sie wissen alle nicht, was mit ihnen geschehen ist. Sie denken wohl an ihre Heimat, an das Haus, an die Angehörigen, die sie liebevoll aufnelimen würden — doch, sie müssen wandern . . -. Krampfhaft versuche ich all die Gedanken, die rückwärts schauen, von mir zu weisen; ich muß erkennen, daß das alles vorbei — für uns ewig ver- Allgemein klagt man üher die schlechte Behandlung seitens der Komiteeangestelltcn. Eine Frau erzählt folgende Geschichte: Einer Familie mit sechs Kindern hatte man kategorisch jede Unterstützung entzogen, weil die Familie schon länger als.drei Monate die Hilfe des Komitees in Anspruch nahm. Alle Bitten und Vorstellungen nützten nichts. Man überließ die mittellose Familie einfach ihrem Schicksal. Und da fand man denn eines Tages die sechs Kinder treu und brav auf einer Bank auf dem Komitee sitzen, Vater und Mutter aber waren spurlos verschwunden ... Da mußte man denn doch für die Kinder sorgen und brachte sie. in ein Waisenhaus . . . e Losungen Nr. 487 — SS — ”89 — 90! Hier! Endlich, nachdem ich sieben Stunden gewartet habe, darf ich hinein in den Raum, der von den Tausenden von Flüchtlingen hier nur mit Zagen betreten wird. Keiner v weiß, was heute mit ihm geschieht —; der holien Direktion vorausahnen! ' Ich-biij heute in einer fatalistischen Stimmung. Draußen, im Hof, wo die Tausende warten, hat man davon gesprochen, daß alle, die schon zwei Monate Unterstützung erhalten, ausgesteuert werden sollen! Und ich — ich bin schon neun Wochen hiei in Paris! Doch Mut, vielleicht ist cs nur Gerede! Am Nebentisch hält eine Komiteedame meine Karte in der Hand und ruft meinen Namen. Mit größter Spannung .setze ich mich auf den Stuhl, der vor dem Tische steht —; und nun beginnt das „Verhör“: - - „Sie sind Lehrer!“ obwohl alles; ruft ein Herr. Wieder komme ich an einen werde ich nach meinen Personalien gefragt, t der Karte verzeichnet ist. Als ich sage, daß n Schulen. Mit einem aufatmenden Lachen sage ich: „Ich weiß auch nicht, was ich drüben soll, — die Dame dort meinte . . .1“ Ich bin gerettet für acht Tage, man hat mir diese Frist gelassen, bis ich wieder eine solche Tortur durchmachen muß. Auf der Straße scheinen mich die Leute anzusehen — sie wissen nicht um mein Lachen,-das im Lärm der Großstadt verklingt! Audi heute ist die Stimmung außergewöhnlich gedrückt. Man spricht von beginnenden Einkasernierungen. Zuerst die jungen Leute bis 25 . . . Ein Komiteeangestellter ruft meinen Namen. Zusammen mit zwei anderen jungen Leuten schickt man mich eine Etage tiefer, zum Kasernierungsbüro! Ein dicker Komiteeangestellter mit einem blonden Schnurr-, bart führt uns. Ich will ihn ganz höflich uni eine Auskunft bitten. Es sollte beileibe keine Beschwerde sein. Aber er schneidet mir einfach rigoros das Wort ab und hört mich nicht weiter an. Unten, im Kasernierungsbüro, in dem schon eine Reihe „Kasernenkandidaten“ warten, wirft der Dicke unsere Karten auf den Tisch. „Weinberg, Ermann, Strauß, ab zur Kasernierung!“ Und, wahrscheinlich weil ich ihn vorher dadurch beleidigt habe, daß ich ihn in höflichstem Ton um eine Auskunft bat, schnarrt er weiter: „Der Strauß bekommt auch keine Extrawurst gebraten! Weigerung zieht sofortigen Entzug jeder Unterstützung nach Ehe ich etwas antworten kann, ist er schon verschwunden. Auch die Angestellten hier auf dem Büro geben mir die gewünschte Auskunft nicht. Auch sie hören mich einfach nicht an. Ich solle nicht so herumstehen und mich hinsetzen. In größter Spannung warten wir über eine Stunde. Was steht uns in der Kaserne bevor? Einige Emigranten wollen wissen, es sei dort furchtbar. Doch ein Komiteeangestellter versucht, unsere Bedenken zu zerstreuen. Die Kaserne sei sehr wohnlich eingerichtet und das Essen ausgezeichnet. 1,30 Uhr.- Ich bin im Besitz meiner Zuweisung für die Kaserne an der Porte de la Villette, genannt Höpital Andral. Man ist außerdem so liebenswürdig, mir zwei Metrobilletts und eine Eßkarte von der „Bienfaisance israelite“, die mir eine karge Mittagsmahlzeit in dem Wohlfahrtsrestaurant der Rothschild-Stiftung ermöglicht, auszuhändigen. Ferner erhalte ich den strikten Befehl, heute abend Punkt 6,30 in der Kaserne zu sein. Ich verlasse, das Komitee. Heute bin ich verhältnismäßig schnell fertig geworden. Es dauerte noch nicht einmal sechs Stunden. Wahrscheinlich bin ich damit zum letzten Mal dort gewesen. Eine Leidensperiode ist somit abgeschlossen. Doch was nun? Wie ist es in Wirklichkeit in der Kaserne? Die Meldungen sind ja alle so widersprechend. Ich aber habe jedenfalls dje Empfindung, daß. es bestimmt wieder ein Abstieg aut der menschlichen Stufenleiter ist. — Und plötzlich fühle ich mich so furchtbar deprimiert, so vereinsamt, so grenzenlos unglücklich. Das. Komiteegebäudescheint mich höhnisch anzuglotzen, der lachende Sonnenschein scheint mir nur Betrug, Betrug wie das ganze Leben selbst ... Und die bekannten, seelisch zermürbenden Gedanken brechen in fürchterlichster Weise in mir los... Grau-schwarz der fünfstöckige Bau. Grau-schwarz wie unsere Gefühle, wie unser Schicksal . . . Ein kleiner, enger Hof. Klein und eng wie die Welt, in der wir uns jetzt bewegen ... Menschen stehen Schlange. Ruhig und doch erwartungsvoll-neugierig stehen sie. Das erste Essen im neuen Heim wird ausgegeben. Sie haben Hunger, diese 200 jüdischen und nichtjüdischen Emigranten hier (das Komitee, wollte die Nichtjuden zuerst nicht mehr weiter unterstützen; doch eine Solidaritätserklärung der jüdischen Einkasernierten mit ihren nichtjüdischen Kameraden hob diese zweitklassige Behandlung auf); sie wollen essen! Und dann bekommen sie ihr Abendbrot: angebrannte Erbsensuppe, zum großen Teil noch harte Kartoffeln mit kleingeschnittener Wurst, Fleisch und Gurken. Über dem Ganzen eine Art Sauce. Fast ungenießbar. Zudem noch: Soda- : schöne Sache. Ein eigenes Schlafzim_ __ Höpital Andral „besitzen“ vier Personen z.... Schönes, nämlich einen unverschließbaren Raum ohne elektrisches Licht, in dem sich außer einigen Brettern an der Wand kein Inventar befindet. Das „Bett“ darf man sich selbst bauen: Das geschieht folgendermaßen: An das Kopf- und.Fußende wird je ein kleiner Schemel gestellt. Darüber befestigt man drei Bretter. Ein von. einer Decke umhüllter Strohsack bildet das „weiche Pfühl“. Es folgen weiter: ein Schlafsack, eine Decke, ein Kopfkissen aus Bastwolle, und — das Militärbett ist fertig. Und dann „darf“ man schlafen. Dürfen phd Können' sind jedoch zweierlei. Das_Lager_ ist so schön hart, gewisse rrTt,rcHeir"sticiitr.i~fö'fieDlicii7"dali“iiT~ Utatt schlafen, lieber Studien darüber •betreibt, wieviel Zeit die Sonne benötigt, um das auf dem Planeten Erde herrschende Dunkel zu verscheuchen. Und nach dem „Erwachen“ kommt dann — wie das bei zivilisierten Menschen ja im allgemeinen der Fall ist — die Morgentoilette an die Reihe. Ein Wasserhahn auf dem Gang leistet dafür vorzügliche Dienste. Einer nach dem anderen tritt dort zum Waschen an? Und auf die Frage nach einer.Waschschüssel antwortet es im Tone des Menschen, der für solch unerhörte Ansprüche kein Verständnis aufbringen „Waschschüssel?! Mensch, Du bist doch hier nicht in einem Luxushotel!“ Zur Beendigung der Morgentoilette sudht man dann ein gan2 kleines Zimmer auf, das man schnurstracks wieder v ganz Kleines z.immer aur, uas man scunursirac läßt. Die Wasserleitung funktioniert nicht-. . .! tmpteMenswede tBezuqsqueMeti BERLIN | Autokühler | t Bauklempnereien | Edmund Kunkel, Ingenieur Berlin 034, Warschauer Str. 12 Reparaturen aller elektr. Motoren, Transformatoren. Anlasser^ Regler, — Richard Koebel Kühler* und Apparatc-Bau, Anfertig. Ton BrcnnstoffbeluUtcni, Reparatur Berlin * Lichünberc. ^Gürtrlstniße 4 TeL: B 6 Llchleabcrg 3678 Robert Dewitz RUmpnerei - Sdilosterai Autogen - SdtwelBerel Bin. 017, Fruchtstr. 54 Tel. E 7 Weichsel 0952 | Autoreparaturen I 1 Elektr. Anlagen | | Kammerjäger | J. Hobffz ratur E&xntl. Fabrikate^ Auto-Reifen ALFRED ADAM Mitglied d. jud. Handwerkerverein? | Gasu. Wasseranlagen | WANZEN und Startcrroparaturcn. Berlin-NVuJiSHn. Abt- 1: Lieht-. Kraft- und^ Radio- SCHWABEN.^ BATTEN. 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