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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-24 · 19 (24.10.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
19 (24.10.1933)
Date
1933-10-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. gttr bentfrftes 3ubentum unb reltfliöjeit ’jlufbou Nr. 19 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM.zuzüglich. Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugs- 1_gebühren,. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitung: George Goetz Berlin, 24. Oktober 1933 Dle„JOdlsch-llberaleZeltung'' erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Z'eltuna, Berlin 22764. Die Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Faschismus and Judentum. Die in Wijn erscheinende „Nene Freie Presse“ vom 16. Oktober bringt aus Mailand von der Amtlichen Nachrichtenstelle folgende Meldung: „Popolo d’ltalia behandelt das Verhältnis des Fascisrims zum Judentum. Von allem Anfang an seien jüdische italienische Patrioten in großer Zahl dem Fascismus beigetreten. Mussolini, dessen Denken das des Fascismus sei, habe niemals antisemitischen Ideenrichtungen gehuldigt. Der Fascismus anderer Lander könnte wohl auch die Juden bedrohen, mehr aber bedrohe sie die Demokratie mit der Assimilierung. Diese Äußerung erscheint deshalb bedeutsam, weil mit ihr der anerkannte Führer des heutigen Italien die gleiche Auffassung vertritt, die von jüdischer Seite oft genug zum A'usdruck gebracht worden ist: daß nämlich, entgegen der im Antisemitismus vielfach herrschenden Meinung, die Juden keine politische Einheit bilden, sondern, gleich den nichtjüdischen Bürgern jedes Landes, sich in allen Parteien finden, soweit nicht diese 'Parteien ihrerseits die Juden ausschließen. Die weitere Bemerkung des italienischen Staatsoberhauptes über die Assimilierung bedürfte vielleicht noch weiterer Klärung; ist doch die Einreihung der. Juden in die gesetzmäßig zugelassenen Parteien eines Landes, also z. B. auch in .die faszistische Partei Italiens, selbst bereits Assimilation, ebenso auch die von den deutschen Juden angestrebte Berufsumschichtung, die uns in allen Klassen des deutschen •Volkes Wurzel fassen lassen soll, anstatt wie bisher fast aus- 'sch,ließljchinur,im..pürf'ertum. _ Assimilierung, wie wio von unserni religiösen Standpunkt sie auf fassen uüd‘ bejahe« hiu- Ynbrrandeir, --stolzer und ValhstK'wudtt-.^^vd^ew-wUfi----— Rabbiner Dr. Benno Gottschalk kommt an die RaformgamaindB. Feierliche Einführung am 5. November. Nicht nur die Mitglieder, auch die. Freunde der Jüdischen Reformgemeinde .und alle, denen ein Aufschwung des religiös-liberalen Judentums in seinen sämtlichen. Richtungen am Herzen liegt, werden die Nachricht freudig aufnehmen, die uns soeben vom Büro der Jüdischen Reformgemeinde zugeht. Die Lücke, die durch den Heimgang von Dr. Joseph Lehmann entstanden ist, läßt sich nicht schließen; aber das Leben geht weiter und macht seine Anforderungen geltend. Wenn jetzt neben den bisherigen Predigern Dr. Jelski und Dr. Karl Rosenthal als geistlicher Führer Rabbiner-Dr. Benno Gottschalk an der Reformgemeinde wirken wird, so ist damit die Wahl auf den besten Mann gefallen, der sich finden ließ. Dr. Gottschalk ist den Lesern unserer Zeitung als Verfasser zahlloser Aufsätze, als Vorkämpfer für religiösen Fortschritt und deutschjüdische Denkweise bekannt. Unvergessen ist ihm aus seiner Rabbiner-, tätigkeit an verschiedenen Orten vor allem seine vorbildliche Betreuung der . jüdisch-liberalen, Jugend in Frankfurt a. M. Seit einigen Jahren wirkt .er als Prediger und Religionslehrer an der der Reformgenleinde nahestehenden „Gemeinschaft“ in Köln. Seine feierliche Einführung wird am Sonntag, 5. November, vormittags 10,30 Uhr im Gotteshause Johannissträße 16 erfolgen. Die Wahl Dr. Gottschalks wird der Reformgemeinde viele neue Freunde züführen, ihm selbst aber den längst verdienten, seiner Persönlichkeit entsprechenden Wirkungskreis geben. So rufen wir ihm und seiner neuen Gemeinde in aller Herzlichkeit das traditionelle „Sch’kauach!“ zu: Möge . Eure Kraft wachsen! Am 28. Oktober vollendet Dr. Gottschalk sein 50. Lebensjahr. Auch , hierzu sprechen wir dem bewährten Mitkämpfer unsern Glückwunsch aus. Eine Würdigung seiner Persönlichkeit soll demnächst aus der Feder des Herrn Rabbiner Dr. G a 11 i n e r hier erscheinen. Keine planmäßige Ansiedlung von Juden in Kanada. ln einer amtlichen Bekanntmachung wird mitgeteilt, daß die planmäßige Ansiedlung von Juden in Kanada bisher nicht in Erwägung gezogen wurde und daß auch das Ansuchen, eine solche Aktion einzuleiten, von keiner Seite gestellt worden ist. Diese amtliche Äußerung ist als Entgegnung auf die von gewissen Organisationen in letzter Zeit immer wieder .erhobenen Angriffe gegen eine angebliche Masseneinwanderung von Juden aus Deutschland nach Kanada äufzufassen. lagt Ihm hach! ielbeachteten Var Wochen wurde hier in einem Aufsatz „G leie h Schaltung d sals“ an ausführlichen geschichtlichen Beispielen dargetan, wie sehr die Lage Deutschlands unter den Völkern derjenigen der Juden in Deutschland gleicht; heute beleuchtet die außenpolitische Lage, wie sehr die Stellung der deutschen Juden in ihrem Vaterland derjenigen Deutschlands unter den Nationen ähnelt. Deutschland scheidet aus dem Völkerbund, weil dieser allzu sehr als ein Nachkriegsgebilde sich erweist, allzu sehr noch auf dem Geist von Versailles beruht, der, Deutschland als den Sündenbock für alles, als bösen Dämon, als das Minderwertige und Böse schlechthin betrachtet und „besiegen“ will. Genau das ist die Meinung weitester und herrschender deutscher Kreise über uns Juden. Auch wir gelten als Inbegriff alles Üebels und wurden Von den Vertretern dieses Glaubens zu Boden gezwungen. Und wenn an dem Tage,'als die deutsche Delegation Genf verließ, der deutsche Reichskanzler in seiner Proklamation an das deutsche Volk'' erklärt Ti^T%)tUiuneeJi' vor''der'Neu- ■Besiegte" müßfen äögeios? {verdc?f~ vöfl der edleren Auffassung der gleichen Lebensrechte aller — so ist das eine Forderung, der wir dm so eher zustimmen können, als wir sie ja zugleich auch für uns .selbst und für unsere Stellung in Deutschland erheben. Die Verantwortung, die wir als deutschjüdisches Blatt für unsere deutschjüdische Menschengruppe tragen, erlegt uns die Pflicht auf,“ innerhalb der politischen Gesamtsituation die besondere jüdische Situation hervorzuheben, um zu versuchen, so für die Anerkennung unserer Gleichberechtigung zu kämpfen, wie Deutschland für die seine kämpft. Diese gleiche Aufgabe fällt heute allen Stellen zu, die für das Schicksal der deutschen Juden verantwortlich sind. Dabei wird es nur auf unser, der deutschen Juden, eigenes Tun an: kommen; ob wir Erfolg haber werden, steht nicht uns. Und dennoch ist unsere Position nicht aussichtslos. Die „Vossische Zeitung“ meldete in ihrer Abendausgabe vom- 17. Oktober aus Londpn, daß. der Reichspropagandaminister Dr. Goebbels dem Korrespondenten der „Daily Mail“ in Berlin, Ward Price, einige Fragen im Zusammenhang mit dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund beantwortet habe, ln dem Bericht heißt es: Auf die Frage, wie die Aeußeruiigen, die Hitler in seiner Rundfunkrede im Hinblick auf die deutsch-französischen Beziehungen getan habe, mit dem in dem Buche „Mein Kampf“ und sonstwo ausgedrückten Gefühl gegen Frankreich in Einklang gebracht werden könnten, habe .Goebbels geantwortet, daß das Freundschaftsangebot, " das Hitler an Frankreich machte, ein -Beweis für die Evolutionsfähigkeit der nationalsozialistischen Partei sei. ln dem Interview ist dann weiterhin von der Saarfrage die Rede; für unsere von schwerster Not geschärften Ohren aber klingt sofort wieder jenes Motiv von der „Gleichschaltung des Schicksals“ hindurch,' und so werden alle, die für das Interesse und gute Recht der deutschen Juden eintreten, ebenfalls auf. die Evolutionsfähigkeit des Nationalsozialismus uns Juden gegenüber alle Hoffnungen setzen müssen.. Vielleicht dürfen sie sich in diesen Hoffnungen‘bestärkt fühlen durch , die' Rede, die der deutsche Reichskanzler auf der Führertag-mg der NSDAP' am 18. Oktober gehalten hat; in den Berichten, der Tages-, presse wird die betreffende Stelle wie folgt , wiedergegeben: » „Das große Werk der Versöhnung in unserem Volke, das der Nationalsozialismus begonnen habe, müsse nunmehr seine JCrönung finden. Auch unseren früheren innenpolitischen Gegnern würden wir im Zeichen dieses Ringens der ganzen Nation Entgegenkommen und ihnen ■Freilich sind hier die Juden nicht besonders erwähnt; da aber keine einzige innenpolitische Gruppe eigens genannt worden ist, so brauchen auch wir Juden über das Fehlen eines Hinweises auf die Judenfrage uns zunächst keine Gedanken zii machen. . Auch bedarf es wohl gerade seitens der deutschen Juden nicht erst einei Beweises, daß wir Bekenner der deutschen Ehre und Friedensliebe sind. Dieser Beweis ist seit Generationen in Wort, Schrift und Tat, in Krieg und Frieden, auf den Gebieten" der Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft und auf tausend Schlachtfeldern erbracht worden; gerade die letzten Monate boten Anlaß genug, von jüdischer'Seite an diese Beweise mit (größter- Eindringlichkeit immer wieder zu erinnern, und ein besonderer Appell an uns Juden, uns als Bekenner deutscher Ehre und Friedensliebe zu erweisen, würde uns.zu der Frage nötigen, was man denn noch von uns-verlangt, damit dieser seit ■Generationen durch T aten und Opfer erbrachte Beweis , nun endlich auch als erbracht angesehen werde? Stünden doch heute zur Ablegung eines. Bekenntnisses nur Worte zur Verfügung, so daß die, deren Taten man nicht einmal glaubte, wohl schwei- Lage bringen,No der Deutschland sich seinen euro- päischen Brudervölkern gegenüber befunden hat, der es sich aber entzog, weit cs auch von Brüdern nicht als zweitrangig und minderwertig, sich behandeln lassen kann. Genau dies aber ist unsere Situation, una gerade eine Regierung, die es mit Recht ablehnt, Deutschland als eine zweitrangige Nation behandeln zu lassen, wird Verständnis dafür haben, wenn wir jüdischen Deutschen, zu zweitrangigen Bürgern unseres. Vaterlandes gemacht, cs für unvereinbar mit unserer Ehre halten, von -unserer Pflichterfüllung zu reden, solange wir' fürchten müssen, damit doch nichts hervorzurufeu als lediglich einen Verdacht, einen neuen Verdacht gegen uns schon so viel verdächtigten Juden. Oder -müssen wir nicht in der Tat fürchten, daß jedes von jüdischer Seite ■ abgegebene Bekenntnis uns doch nur wieder ausgelegt würde als ein Versuch, uns einzukaufen? Nein, die Zeit geräuschvoller Bekenntnisse ist vorbei; wir biedern uns nicht an, und cs ist für uns deutsche" Juden hier drinnen nicht anders als fiir Deutschland: draußen: Deutschland will, olifte an Verhandlungen des Völkerbundes sich zu beteiligen, für' die alten Ziele des Völkerbundes kämpfen, für ein friedfertiges- Zusammenleben der europäischen Völker. Auch wir werden stolz darauf verzichten, durch Reden und Proklämationen~zu erklären, was längst gewußt werden könnte: daß wir zu Deutschland stehen; daß in der Frage der internationalen Gleichberechtigung jeder Deutsche, und darum auch jeder jüdische Deutsche, hinter jeder deutschen Regierung steht, und daß nach altjüdischem Wort das „Ländcsgesetz unser Gesetz“ ist. Hört die Unterscheidung auf, die-uns zu zweitrangigen Bürgern unsres Landes macht, gibt man uns Frieden, Ehre und Gleichberechtigung innerhalb unseres deutschen Volkes zurück, so wie dieses unser deutsches Volk Friede, Ehre und Gleichberechtigung . für sich fordert, dann erst werden wir auch wieder frei und offen mit Worten das sagen, was wir Ms treue Bürger unsres Landes und als Glieder unsrer deutschen Nation jetzt und immer tun. Dieses Tun muß heute für sich allein wirken; nicht Reden, nur Taten können in dieser Schicksalszeit fruchten^können uns helfen in jenem Kampf, den wir nicht gegen, wohl aber m i t Deutschland, -u m Deutschland kämpfen. Damit kämpfen wir darin ja nicht allein für uns. Denn der Friede, den wir-uns erringen wollen, ist nur ein Teil jenes größeren, nach'den Worten der Kanzlerrede angestrebten allgemeinen inneren Friedens für ganz Deutschland. Wir jüdischen Deutschen werden diesen Frieden nicht haben, solange wir nicht unsere bürgerliche Ehre haben. Und wir streben nach diesem Frieden, so wie Deutschland nach Frieden strebt, nach einem ehrenvollen Frieden unter den Nationen. Hier begegnen sich nicht nur unsere jedes Reden über unsere selbst- - ■ ri iiaWewFijJ I u nawürde uns rB<rrWBlritsiiicri "Brüüerji trriirenüfler inQie üTeiöne

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