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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-17 · 17 (17.10.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
17 (17.10.1933)
Date
1933-10-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 20 Pf. gfit bettfltfres Subeittum uitft reltfliöjeit Olufbau Nr. 17 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzdgllch Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder ROckerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren.'■ Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag _Sein iitU ituno: George Goctz_ Berlin, 17. Oktober 1933 Ole„JQdlsch-llberaleZeltung" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammsl-Nr. 1545. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.h., Berlin N 24. Postscheckkonto: JQdlsch-llberale Zeitung, Berlin. 22704. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint. Neue Möglichkeiten erschließen sich. Von Dr. Hetßeti Hahn. 1. Voraussetzungen. Weviele Projekte, Programme und Pläne wurden, in den letzten Jahren schon ausgearbeitet und verkündet, umder erdrückenden Wirtschaftsnot ein Ende zu machen! Ein letztes Ziel aber hatten sie alle: Arbeit zu schaffen. Einem Riesenheer von Menschen, die in ihrer Verzweiflung aus eigener Initiative keinen Ausweg fanden, ihnen allen wollten diese Pläne Brot geben. Um wieviel schwieriger ist es jetzt erst für die deutsche . Judenheit, das Leben der unverschuldet in Not Geratenen zu erhalten, erschütterte Positionen zu festigen und zu sichern, den schwel geprüften Menschen, die vom Sturm eines elementaren Revolutionsereignisses aus Beruf und Stellung geworfen sind, einen neuen Arbeitsplatz zu schaffen! - Alles ist noch im Fluß. Noch weiß niemand, wie sich schließlich, das wirtschaftliche Schicksal der deutschen Juden-' Vergessen Sie nicht der Abonnements - Quittung für November. — Nur pünktliche Einlösung sichert die regelmäßige Zustellung der „Ifidlsdi-liberolai Zeitung“. heit in Zukunft gestalten wird. Doch können und dürfen wir nicht müßig bleiben. Und wenn jetzt wiederum die Betätigungsmöglichkeit nichtarischer Börsenmakler beschränkt wird, wenn auch Hausverwalter den Vorschriften des Beamtengesetzes genügen sollen, wenn der nichtarische Landhandel vor schwerwiegende Maßnahmen gestellt ist, wenn selbst Rennjockeis ihre arische Ahnentafel vorzeigen müssen, so kann und darf uns das nicht zurückhalten, nach neuen Wegen zu suchen, die für die Mittel- und Erwerbslosen zumindest eine Nahrungs-1 stelle zu begründen ermöglichen. Wir erleben den Kampf ums Dasein in seiner ursprünglichen Bedeutung, weil wir um des Daseins in Deutschland, willen jedes Opfer bringen müssen. Zwei schwerwiegende und alles überragende Voraus- ' Setzungen beherrschen alle Zukünftigen Fortkommensmöglichkeiten der deutschen Juden. Sie sind auch die Grundlage aller Maßnahmen erfolgreicher Arbeitsbeschaffung: die Umstellung der Denkweise und die Schaffung eines neuartigen Gemeinschaftsgeistes bzw. Gemeinschaftsgefühls. Die Arbeit wird in Zukunft hart und schwer sein. Für manchen findet die Zeit des wenig mühevollen Erwerbs ihr Ende. Die körperliche Arbeit kommt zur Herrschaft. Das wird auch für den jüdischen Deutschen gelten müssen. Von ihm’ wird sogar Doppeltes, Dreifaches verlangt. Die Leistung wird zum Maßstal) seiner Lebensmühsal. Er muß, als Folge des Druckes, seine Leistungsfähigkeit steigern. Das betrifft sowohl seine technischen Fertigkeiten, sein wirtschaftliches bzw. betriebliches Wissen, wie seine allgemeine Bildung. Diese Anforderungen machen vor Keinem halt. Am wenigsten vor der älteren Generation. Sie ist, wie wir bereits früher klarstellten, in ihrer Bewegungsfreiheit (Wanderung) am stärksten gehemmt. Man sei sich darüber klar, daß diese Anstrengungen auch im Ausland unter noch ungünstigeren Umständen erforderlich wären. Die Umstellung der Denkweise auf die Notwendigkeit körperlicher, geistiger, wirtschaftlicher Ertüchtigung jedes Einzelnen, auf eine harte schwere Arbeit, die alle latenten Kräfte freimacht, im Verein mjt dem Willen zum Einsatz für die zähe Behauptung und Erhaltung 'der ßlößen Existenz wird den Weg erleichtern. Wir wollen kein modernes Ghetto. Aus uns selbst heraus am' allerwenigsten. Wir wollen ein Gemeinschaftsempfinden auch nicht allein aus dem Glauben, erst recht aber nicht aus einem „jüdischen Bluts- oder Volksempfinden“ heraus, das wir als jüdische Deutsche nicht kennen. Wir wollen jedoch ...._il der Gemeinsamkeit aus dem Erlebnis, in das __ die Gesetze spannen. Wir wollen ein Gefühl des' Sichfindens undder bewußten Verbundenheit aus dem Schicksalserlebnis heraus, und dieses Gefühl muß kulturell unterbaut sein vom hohen Ethos der jüdischen Glaubenslehre und der deütrchjüdischen Historie. Das erfordert Hilfs- und Einsatzbereitschaft jedes Einzelnen. Sein Denken und Fühlen unter der großen Verantwortung vor sich und vor der gesamten deutschen Judenheit muß in immer voranleuchtender Vorstellung von dem großen Erlebnis aller jüdischen Deutschen beherrscht sein. Der Zwangsgedanke muß in Allen leben: die Rettung des. Andern bedeutet die Sicherung des eigenen Haltes. Der Erfolg aller Arbeit hängt davon ab, wie mail dieses Gefühl weiterpflanzt und intensiviert, wie man es für alles .Tun und Handeln zur Voraussetzung macht. Eine große Erziehungs- und Führungsarbeit, die selbst nicht vor moralischen Zwangsmitteln zurückschrecken darf, wird hier unumgänglich notwendig. 2. Neue Erwerbsmöglichkeiten. In dieser Zeit ziemt es sich nicht, große Pläne und ihre grundlegenden Erfordernisse, die zielvoll, und kompromißlos auf weite Sicht in Angriff genommen werden müssen, vor breiter Öffentlichkeit aufzurollen und zu diskutieren. Diese Probleme und ihre Tragweite sind ungeheuer groß. Der Einzelne vermag sie für sich selbst allein doch nicht zu lösen. Es. sind Aufgaben für eine Zentralinstanz, die dafür noch ein entsprechendes. Ressort wird ausbilden müssen. Ihr werden wir dann gerne mit geeigneten Vorschlägen an die Hand Hier kann es nur darauf ankommen, Möglichkeiten aufzuzeigen, die den Einzelnen in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder in Nahrung setzen, ln den folgenden Anregungen kann lediglich für diese eine allgemeine Richtung aufgezeigt werden und diese auch nur in bestimmten Ausschnitten. Die Tätigkeitsgebiete innerhalb der Wirtschaft sind so vielgestaltig,' die Menschen, für die es Arbeit zu beschaffen gilt, so verschiedenartig in Herkommen, Ausbildung und Fähigkeit, daß der Räum nicht ausreichen würde, wollte man in die Einzelheiten liinabsteigen. Der Erfindergabe, der Fähigkeit zur Kombination, dem Talent und der Beweglichkeit jedes Einzelnen muß es überlassen bleiben, gestützt auf seinen unbeirrbaren Willen n Fortkommen si e Initiative verfolgen nur den einen _, __ _... „_ hinzulenken, die den Einzelnen rasch wieder einen Erwero finden lassen können. Vor allem soll für möglichst viele Menschen ohne große Kapitalcrfordernisse Brot geschaffen werden: sei es aus eigenem Können, sei es durch Kollektiv-- arbeit, sei cs durch Unterstützung jüdischer Organisationen! Fürs erste soll einmal ohne den Gedanken bewußter Scheidung nur an die Mitglieder mittlerer und großer Gemeinden gedacht Soweit die Arbeitsbeschaffung über das persönliche und materielle Vermögen hinausgeht, ist unter vielen Gesichtspunkten gesehen, die entscheidende Frage doch wohl diese: Für wen soll zuerst ein Arbeitsplatz gescha/jen werden? 1. Sicht das Herkommen, nicht der seitherige Stand, nicht das seitherige. Ansei.... .. . ..___„ „ -Für die erste Not müssen - diese. Gesichtspunkte durchaus zuriiekstehen. . 2. Es handelt sich um ein Mcnschenproblem. Es . gilt, so viel jüdische Deutsche-wie möglich, die nur hier und inclit sonstwo in Europa ihr Vaterland haben, noch in Palästina ihre „eigentliche“ Heimat sehen, Arbeit zu beschaffen. Nur für solche Menschen darf eine Erwerbsmöglichkeit begründet werden, die in Deutschland so verwurzelt sind, daß sie sich selbst unter noch so grollen Opfern nicht vom deutschen. 3. Die Bedürftigkeit muß entscheidend sein. Menschen, die noch irgend einen Ernährer in der Familie haben, müssen fürs erste zuriiekstehen. Damit wird auch systematisch das , Doppclvcrdicncrtum derjenigen, ' die einen Erwerb suchen, so lange gehemmt, bzw. verhindert, bis die erste Not der deutschen Judenheit beseitigt ist. . 4. Im Interesse der Erhaltung der deutschen Judenheit ist zu fordern, daß zuerst die männlichen Mitglieder der Gemeinde an einen Arbeitsplatz gebracht werden. 5. Vor allen anderen Voraussetzungen'muß aber die der physischen und psychischen Eignung für eine gebotene Ar- -b<£sinöglüdlksitst ehau^*Un tw-. demselben, Gwichtcjpuukt -hin zweckmäßig, daß die Menschen, die während der Revolntionstage . und später aus ihren Arbeitsplätzen in der Wirtschaft gebracht worden sind, entweder in ihren Beruf oder in ähnliche- Erwcibstätigkeit zurückgeführt werden. Sie haben noch den engen Kontakt mit dem werktätigen Leben. Sie finden'sich— am raschesten selbst wieder und sind die dankbarsten Träger - einer Bewegung, die weitere Arbeitsplätze beschafft. Weil sie nur vorübergehend zur Untätigkeit verurteilt waren, werdet! sie am ehesten ihre neugewonnene Position behaupten können und damit auch eine zuverlässige finanzielle Stütze der Gcb. Diejenigen, die unter der Geißel der Arbeitslosigkeit ihr Dasein fristen, wird man fürs erste in irgendejne, und wenn auch noch so wenig „standesgemäße“ Tätigkeit Tirmgen müssen, um sie in der Freizeit mit gemeindlicher' Unterstützung in andere aussichtsreichere Produktivberufe iimzuschitlen. Deutschland wird an 'einer großzügigen Berufs- Umschichtung von Hunderttauscnden Erwerbsloser nicht vorbei- - kommen, am wenigsten aber die deutsche Judenheit bei ihrer sozialen Struktur, die wie geladen' und voller gefährlicher Spannungen erscheint. Hier sollte allmählich jede einzelne ' Gemeinde für sich den ihrer Eigenart entsprechenden Weg besehraten. Man muß sich darüber klär sein, daß dabei manche Hindernisse für den Umzuschulcnden entstehen, besonklcincren Gemeinden Hemmnisse auch psychologischer -c‘ -■—■*- .■—1 — -:ibuiigslosesteir aus Art, die oft durch c t Weg n Ortswechsel ai räumen sind. Wer kann nun Arbeit beschallen? s Das kann der selbständige jüdische'Erwerbstätige und Gegen Anprangerung von Einzelpersonen und Boykottaufforderungen in der Presse. .Wie Wolffs Telegraphen-Büro berichtet, hat der Chef der Bayerischen Staatskanzlei eine Bekanntmachung erlassen, in der es u. a. heißt: ln einzelnen Zeitungen finden sich förmliche „Prangertafe'ln“, auf denen mißliebige Leute öffent-’ lieh gebrandmarkt und der allgemeinen Verachtung preisgegeben werden sollen. ■ Derartige Angriffe gegen Einzelpersonen sind nicht Aufgabe einer Presse, die verantwortungsbewußt am Aufbau des neuen Deutschland mitarbeiten will. Hcrabwürdigende Angriffe gegen Beamte wegen ihrer amtlichen Tätigkeit, Boykottierung und Streitigkeiten zwischen, einzelnen Unternehmungen in persönlichen und geschäftlichen Fragen gehören nicht in die Zeitung. Die nationale Regierung verlangt vielmehr, daß ihr solche Tatsachen unmittelbar und nicht durch' die Presse mitgeteilt werden. Die Regierung hat die Machtmittel zum Einschreiten gegen Volksschädlinge und wird sie rücksichtslos gebrauchen. Die Schriftleitungen werden daher nachdrücklichst aufgefordert, ihre Zeitungen derartigen persönlichen Angriffen künftig zu verschließen. Andernfalls soll mit den Mitteln der Pressepolizei gegen die Schriftleitungen vorgegangen werden. Aus Neustadt a. d. Hardt berichtet die „Frankfurter- Zeitung“: Auf Grund der Tatsache, daß in den letzten Monaten weite Kreise der Bevölkerung ihre Einkäufe außerhalb der Pfalz tätigten, weil sie glaubten, der Einkauf in 1 bestimmten Geschäften an ihrem Ort könne ihnen schaden, gibt der Gauwirtschaftsberater für die Pfalz bekannt, daß jeder einzelne Pfälzer seine Einkäufe weiterhin in den Geschäften seiner Heimatstadt vornehmen könne, in denen er . bisher gekauft habe, da jeder Boykott einzelner Geschäfte nicht im^Inteiessc des Wirtschaftsfriedens liege. Die Juden in Oberschlesien. F.in offizieller Bericht. - —- - Der jetzt aus dem Völkerbundsrat ausschcidende Vertreter des'Freistaates Irland, Lester, hat als Rapporteur, für die Bernheim-Pctitiou den Mitgliedern des Völkerbund-Rates 'den ihm von der deutschen Rcichsregierung im Zusammenhang mit dieser Petition zugestellten Bericht über die Lage in Obcrschlbsien übergeben. Der Rapporteur hat diesem Bericht ein seine eigene Stellungnahme enthaltendes Begleitschreiben nicht _ beigefügt. _ Den Informationen des Oenfer JTA-Vertreters zufolge * wird in dem Bericht, der in den offiziellen Völkerbundsmitteilungen nicht erscheinen wird, fcstgestellt, daß die deutsche Reichsregierung auf Grund des Beschlusses des Völkerbundsrates vom 6. Juni bereits am 21. Juni allen deutschen Ministerien, der Leitung der deutschen Reichsbahn, dem Direktorium der Deutschen .Rcichsbank und dem preußischen Ministerpräsidenten bekanntgegeben hat, daß das Gesetz zur Wiederheisteilung des Berufsbeamtentums vom 7.-April 1933 . und Gesetze ähnlichen Inhalts, sofern sie im Widerspruch stehen zum deutsch-polnischen Abkommen über Oberschlesien in diesen) Gebiete nicht angewendet werden dürfen. Dieser Instruktion entsprechend hätten die betreffenden Behörden den ihnen nachgeordneten Stellen besondere Anordnungen gegeben. Ferner heißt es in dem Bericht, die Reichsregierung, nabt alle erforderlichen Maßnahmen getroffen, um die Durchführung dies» Anordnungen durch die untergeordneten Behörden zu sichern; sie sei der Ansicht, daß.diese Anordnungen auch tatsächlich entsprechend dem Beschlüsse des Völkerbunds-' rates restlos ausgeführt worden sind. Allen Stadtverwaltungen in Oberschlesien sei. formell mitgeteilt worden, daß sie.'pich jeder wirtschaftlichen oder sonstigen Diskriminierung der -jüdischen Bevölkerung zu enthalten hätten.

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