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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-10 · 15 (10.10.1933) · page 6

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
15 (10.10.1933)
Date
1933-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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■4 > k jj r luden in I. Vom Berufsberater zur Lehrstätte. Berufsumschichtüng — ein Wort, das fast über Nacht vom abstrakten Begriff zur drängenden Forderung des Tages, vomtrockenen Disputationsstoff einiger Fachzeitschriften zum . Gesprächsthema brennend interessierter Menschen aller; Gesellschaftsschichten und jeglicher Altersklasse geworden ist! Ein Wort, mit dem gestern noch die wenigsten eine klare Vorstellung zu verbinden vermochten und das heute schon für ungezählte Tausende die grollte, vielleicht die einzige Hoffnung darstellt! Ein Wort, das zu einem Leitstern für die vielen aus ihrer Bahn geworfenen Menschen werden kann, das aber auf der anderen Seite auch Gefahren in sich birgt, wenn es, als blolles Schlagwort aufgefallt, dem Emfiorwuchern übertriebener Hoffnungen und unerfüllbarer Illusionen Vor- .r schul) leistet. ln den Wartezimmern der Berufsberatungsstellen, in den Räumen der neugeschaffenen jüdischen Organisationen zur Uebcrwjndtuig der Wirtschaftsnot drängen sich die Menschen zu Dutzenden, an manchen Tagen zu Hunderten. Männer, Frauen, Alte, Junge, .Akademiker, Kaufleute — bunt zusammengewürfelt, wie die ganze Schar ist, bewegt sie alle nur ein Gedanke, der bei den Gesprächen in den verschiedensten Variationen wiederkchrt: Was warst Du bisher? Was kannst Du? Was willst Du lernen? Was wird aus Dir? Da hört man freilich nur allzu oft kühne Pläne, phantastische Projekte, die dem weiten Bereiche der Wünsche und nicht dem engen - Raum der Wirklichkeit entspringen. Wenn sich dann aber die Tür öffnet undder Ratsuchende dem erfahrenen Berater ” gegenübersitzt, dann ändert sich — nicht das Thema, wohl aber der Ton, in dem es erörtert wird. Sachlichkeit, gepaart ■ 'mit teilnahmsvollem Eingehen auf den individuellen Fall ist das vorherrschende Moment bei dieser Aussprache. Es liegt natürlich eine gewisse Tragik darin, dall der Berufsberater in den meisten Fällen zunächst einmal Illusionen zerstören und Hoffnungen herabschrauben, dall er vielfach; warnen, anstatt anspornen muß. Doch unverantwortlich würde, er handeln, täte er das Gegenteil. Gerade aus Vorsicht, aus mahnendem Zuspruch und aus der genauen Schilderung des wirklichen Standes der Dinge ergeben sich meist brauchbare Vorschläge und Lösungen. Nicht nur der Beruf, den der. Betreffende neu ergreifen will, muß sorgsam ausgewählf werden, auch die Frage, wo und in welcher Zeit er ausgebildet werden soll, mit welchen Mitteln diese Ausbildung erfolgen kann und wovon er während der Lehrzeit leben wird, spielt eine große Rolle. Es gilt, zu.verhindern, daß der ernste Vorsatz der Umschichtung in den Anfängen scheitert,1 daß die Einschlagung des, neuen Lebensweges durch äußere Schwierigkeiten zunichte gemacht wird, daß der „Umzuschichtende“ womöglich auf halbem Wege liegen bleibt. Was sägt der Berufsberater dem ratsuchenden Menschen, der vor ihm sitzt? Er macht ihm zunächst klar, daß die Zahl der Gewerbezweige, die für eine aussichtsreiche „Umschich- - tung“ in Frage kommen, verhältnismäßig gering ist. Er führt ihm vor Augen, daß er wohl keinen Beruf gibt, der gegenwärtig nicht überlaufen wäre und daß deshalb auch eine noch so grimdliche „Umschichtung“ niemals eine absolut sichere Gewährrd?£Ür bieten kann, später wirklich eine neue Existenz zu findenr?Nach diesen negativen Feststellungen kommt dann aber das Positive: die Erlernung eines neuen Berufes, so wird festgestellt, die Ueberführung in einen landwirtschaftlichen oder handwerklichen Gewerbezweig, die' Aneignung einer manuellen Fähigkeit bedeutet jedenfalls eine Chance mehr im Daseinskampf, ein Plus im Rechenexempel der Wirtschaftskrise, stellt eine Vorbedingung für den Aufbau des neuen Lebens auf den Trümmern ‘einer zusammengebrochenen Existenz dar. Und wenn über diesen Punkt Klarheit herrscht, wenn der Ratsuchende den ernsten Vorsatz bekundet, nicht nur leichthin „umziisattcln“, weil das gerade die Tagesmode ist, sondern wirklich* seine ganze Kraft, seine volle Leistungsfähigkeit, sein Wollen' und Können der neuen Arbeit zuzuwenden, dann wird man ihm weiter sagen müssen, daß es mit ■ der bloßen fachlichen Ausbildung allein nicht getan ist, daß vielmehr zu den äußeren Schwierigkeiten eines Berufswechsels sich die Notwendigkeit einer völligen inneren Wandlung gesellt, daß man sich geistig ganz, anders zu einem Berufszweig einstcllen muß, den man bisher vielleicht aus gesellschaftlichen Gründen (lies: Vorurteilen) abgelehnf hat. Nicht nur den äußeren, auch den inneren Menschen muß man umkrempcln, mit dem Arbeitskittel auch ein ganz neues Berufsethos anlegen. Wer dazu nicht willens oder nicht in der Lage ist, wer nicht rückhaltslos das neue Leben bejaht, wer nicht bereit ist, auf der sozialen Stufenleiter nötigenfalls auch einige Sprossen herabzusteigen, wer sich nicht damit abfinden der Arbeit. kann, daß seine bisher gepflegten Hände in Zukunft vielleicht die Schwielen "harten, mühseligen Schaffens aufweisen werden — der ist zur Berufsumschichtung nicht geeignet. Ist der geistige Kontakt zwischen Berufsberater und Ratsuchenden hergestellt, so geht man gemeinsam die Liste der in Betracht kommenden Berufe durch. So sehr cs" eine Binsenwahrheit ist, daß landwirtschaftliche oder handwerkliche Gewerbezweige die relativ aussichtsreichsten sind, so sehr muß man sich auch hier davor hüten, allzu schematisch zu verfahren. Jeder einzelne Fall will individuell behandelt sein. Die Vorkenntnisse, die Fähigkeiten und Neigungen, das Alter und die körperliche Beschaffenheit sind zu berücksichtigen. Für Frauen bieten auch die Hauswirtschaft, die Heimarbeit Sowie einzelne Spezialgebiete (Kosmetik, Diätküche usw.) noch gewisse Möglichkeiten. Zu warnen ist im allgemeinen vor den sogenannten Schnellkursen. Eine gründliche Ausbildung erfordert nun einmal eine gewisse Zeit, und wer da glaubt, in wenigen Wochen auf einem ganz neuen Gebiete ein Meisterwerden zu können, wird meistenteils schon als Lehrling ein Fiasko erleben. Von den vielen Hunderten, die ständig die Berufsberatungs- und Berufsumschichtungsstellen der jüdischen Organisationen in Anspruch nehmen, verlassen viele ernüchtert, manche enttäuscht wieder die Büros — sehr, sehr viele aber wiederum gehen glücklicherweise hinaus mit einem klaren Ziel vor Augen, mit einem festen Willen in-der Brust und mit Hoffnung im Herzen. Ihnen ist nach Menschenmöglichkeit geholfen worden, und sie werden auch in Zukunft nicht allein sein; Der Weg, den sie jetzt vor sich haben, ist gewiß nicht leicht — das wissen sie alle; denn man hat ihnen sowohl die Lichtwie die Schattenseiten gezeigt. Viele Monate liegen vor ihnen, die ernstem Lernen und harter Arbeit gewidmet sind. Der Student, der bisher Jus oder Philologie büffelte, wird vielleicht mit gebücktem Rücken an endlosen Reihen von Spargelbeeten arbeitend entlangschreiten, der Kaufmann, dessen berufliches Leben sich früher .zwischen Kontor und Laden, abspieltc, wird in irgend einer Garage Maschinen ölen, die junge Dame, die hinter der Schreibmaschine oder der Registerkasse saß, wird in der Zuschneide-Schule mit Schere und Kleiderstoff umzugehen lernen. Manche werden scheitern, manche mutlos werden — die meisten, hoffen wir es, werden vor wä rtskom m en. Wir haben gesehen, wie in den. Berufsberatungsstellen, in den Berufsumschichtungs-Organisationen all diesen Männern und Frauen der Weg gewiesen wurde.. Wir wollen versuchen, ihnen ein wenig auf ihrem Wege zu folgen. Es soll an dieser Stelle in den folgenden Artikeln ein kurzer .Rundgang durch die Lehr- und Ausbildungsstätten angetreten werden, in denen Juden in Arbeit stehen. Alex Ander. 80 Jahre Victoria-Versicherung. Am 2o. September 1853 erhielt die Victoria zu Berlin ihre Konzession als „Allgemeine Eisenbahn-Versicherungs-Actien- Gesellschaft“. Sie kann somit auf ein 80 jähriges Bestehen zurückblicken; gleichzeitig feierte in diesen Tagen Generaldirektor Otto Gerstenberg, unter dessen Führung das Unternehmen seinen Aufstieg machte, seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlaß gibt die Victoria ihre Monatsblätter in besonderer Aufmachung heraus. Der einführende Aufsatz der Sonder-Numiner, dem ein Bild Gerstenbergs eingefügt ist, zeigt die imponierende Entwicklung des Unternehmens sowie den Werdegang Gerstenbergs. Die besonderen Marksteine des Aufschwungs werden belcüchtet, der nicht nur für die Victoria, sondern darüber hinaus für das ganze Versicherungswesen und somit für die deutsche Volkswirtschaft von Bedeutung war. Das Sonderheft weist sodann an mehreren Beispielen auf die neuen Einrichtungen hin, die zeigen, daß das Unternehmen dem Geiste seines Schöpfers entsprechend jung geblieben ist. Wir erfahren, daß die Victoria jetzt in der Lebensversicherung ihr Gewinnverteilungssystem und ihre Tarife der neuen Zeit angepaßt und dabei einen Tarif geschaffen hat, der für Deutschland völlig neu ist: den Familienversorgungs-Tarif mit Renten- und Kapitalzahlung. Interessant ist auch die durch eine Karte unterstützte Darstellung der Arbeitsgebiete des Unternehmens, die zeigen, welche Rolle die Victoria als Repräsentantin deutschen Schaffens im Auslande spielt. Auch die übrigen Beiträge sind geeignet, das Interesse weiter Kreise zu erwecken. Die Sender-Nummer wird helfen, Mittlerin dieses Oeistes zwischen Publikum und dem Unternehmen zu sein. 9Vhdeu Sie &cftonf daß die Jüdische Gemeinde zu Fiume Herrn Dr. Joseph Breuer, den bekannten, bisher an der separat-orthodoxen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. tätigen Rabbiner, zum geistlichen Führer gewählt hat? daß der schwedische Advokatenverband die Frage, ob deutschen nichtarischen Rechtsanwälten die Ausübung einer Praxis in Schweden gestattet werden soll, abschlägig beschieden hat? daß' die belgische Regierung die Auszahlung von Unterstützungen an Arbeitslose mit ausländischer Staatsangehörigkeit eingestellt hat, wodurch auch viele jüdische Arbeitslose in eine trostlose Lage geraten sind? daß Louis .Gradner, ein 1882 in Bialvstok geborener Jude, zum Bürgermeister von Kapstadt’ gewählt worden ist? daß bereits von 1904 bis 1908 ein Jude Bürgermeister von Kapstadt gewesen ist? daß auf der Kownoer Universität bei der letzten Immatrikulation der Studenten der Numerus clausus für Juden zur Anwendung gebracht worden ist? 2)ec Leierkasten det „J.d.Z.“ „Jüdischer Mensch.“ Wir bedauern, Ihnen widersprechen zu müssen. Der „jüdische Mensch“, dieses ödeste Schmockwort der modernen jüdischen Publizistik bezeichnet den Menschen jüdischer Abstammung, der bestimmte geistige Eigenschaften haben soll; es rechnet aber nicht mit jenem wahrhaft jüdischen Geist, d. h. mit dem Geist des Judentums, der von Menschen jeglfcher Rasse und Abkunft Besitz ergreifen kann und soll. Dieser „Geist des Judentums“, d. i. der Geist des Prophetismus ist universell, dem Gerede vom „jüdischen Menschen“ dagegen Siegen durchaus partikularistische und separatistische Gedankenmangelgänge zugrunde. Schriftsteller K. in B. Sie haben sich in der Adresse geirrt! Der Aufsatz: „Die Kunst, richtig Amen zu sagen“ hat nicht bei uns gestanden, sondern im „Israelit“, dem in Frankfurt a. M. erscheinenden Centralorgan für das orthodoxe Judentum. (Nr. 37 vom 13. September 1033.) Kunstnachrichten. Veranstaltungen der„KünstlerhiIfe der Jüdischen Gemeinde zn Berlin. 14. Oktober: Logenhaus Kleiststraße. Kleinkunst-Abend mit Willv Rosen, Alfons Fink, Eugen Henkin, Fritz Lechner, Elsa Koch-Stabinsky, Josef Stein, Leo Taubmann. Karten von —,50!R. II ■ bis 2,— .7t.ll. 21. Oktober• Friedenstempel, Markgraf-Albrecht-Straße 11/12. Bibel -Abend, Vorlesung Meinhart Maur (früher. Deutsches Theater), Streich-Quartett. . Karten von —,30 .71.11 bis 1,— .71.11. Kartcnverkaitjsstcllen: ' Im Westen: Synagoge Fasanenstraße (Kastellan), Synagoge Prinzregentenstraße (Kastellan) Im Norden: Oranienburger Straße 31, Zimmer 34 I Rosenstraße 2/4 (Portier) Im Zentrum: Synagoge Kaiserstraße 29 30 (Kastellan). * Die Künsilerltilje der Jüdischen Gemeinde bittet darum, dal! sich Gemeindemitglieder ehrenamtlich zum Verkauf von Karten für Veranstaltungen zur Verfügung stellen, die jüdischen Künstlern Erwerbs- und Beschäftigungsmöglichkeiten geben sollen. Die Lage der jüdischen Künstler erfordert dringend, daß sich jeder, der dazu in der Lage ist, in den Dienst der Sache stellt. Meldungen sind zu richten an die Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 31. Verkaufsstellen in allen Stadtteilen Berlins | I i BERLIN tmptefdeaswede tBzzuqsqueMm BERLIN "ÄTtpapier I B H. BEYERSDORFF I Berlin. SW 68, Koehstraße 54a ^^^emsgreeher^^^^Dönhof^^TSj^ SkrIptarenu.AkteiilGnmatieLEiaitatnpfea | Autokühler | Richard Koebel Kühler- und Apparate-Bau, Anfertig, von. Brcnnstoffbehältern. Reparatur sämtlicher Kühler - Systeme Berlin - Llchlenberg, GOrteUtr^ßo 4. Tel.: £ 5 Lichtenberg 3G78 I Autorcparatnren ~~| Auto- Reparatur A. Leonharde Berlin; O 17. Gr. Frankfurter Str. 16 Telefon: E 9 Friedrichshain 1741 •Reparaturen sSratl. System« WALTER MÖLLER Wilmersdorf, Badeasche Straße 28 . Telefon: H 7 Wilra. 8561 Autoreparatur sämtl. Systeme preisw. und schnellstens - R Autovermietung | Lief erwägen,Trecker Übernahme leichter und schwerer 1 Transporte Artur Müller, SO 36 etaonatp. Oberbaum 1862 R Elektr. 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