Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 16 (13.10.1933)
- Date
- 1933-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-Einzelnummer 20 "Pf. gfir beutjcftes Subcntmn uitb relintöfeit ’Jlufbnu Nr. 16 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM, zuzüglich I Bestellgeld. Einzelnummer0,20 RM. Abonne- I ments werden bei allen Postämtern angenom- I men. — Anzeigen nach Tarif. — Bel Nlchter- I scheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt I besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder | Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren.• Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitung: George Gociz Berlin, 13. Oktober T933 Dle„'JQdlsch-llberate^eltuno" erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsenstr.40. — Fernruf: J 6 Blelbtreu Sammel-Nr. 1545. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H.. Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung, Berlin 22764. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ist das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das zweimal wöchentlich erscheint Rassische oder nationale Minderheit? Die Genfer Völkerbundsberatungen über diejudett- ' frage — das muß all denen gesagt werden, die in politischer Ahnungslosigkeit aus Genf ein neues Licht erwarteten — können mit allem, was sie brachten, nicht das geringste bieten, was als Lehrstoff in ein Unterrichtsbuch der Politik oder in ein solches über das Judentum gehörte; wohl aber vermöchten sie als Demonstrationsstoff zu dienen für ein Lehrbuch der Psychologie. Die wirkliche, auf dem Boden der Wichtiger Hinweis: Zwischen dem 15. und 25. Oktober legt der Briefträger die Abon- . nementsquittung für den Monat November in- Höhe von. ML 1,35— zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der ,Jüdisch-liberalen Zeitung“. wahren Philosophie ruhende Menschenkenntnis weiß es längst, daß es mit dem sogenannten „objektiven“ Urteil nicht weit her ist, daß die Menschen ihr wissenschaftliches Weltbild nach ihren Interessen und Bedürfnissen formen und‘daß somit alle Urteile Interessenurteile sind.-. Mit einiger Spannung konnte man der Stellungnahme entgegensehen, die Deutschland bei der Beratung der sogenannten Minderheitenfrage einnehmen würde. Deutschland’ hat selbst das größte Interesse daran, daß diese Frage in dem für die Minderheitsangehörigen allergünstigsten Sinne gelöst werde, leben doch dreißig Millionen Deutsche außerhalb der Reichsgrenzen. Andererseits war von Anfang an keia Zweifel, daß die deutsche Regierung den in Deutschland lebenden Juden Minderheitenrechte in dem üblichen Sinne nicht, zugestehen würde. Nur der Laie läßt sich ja durch den Gleichklang der Wörter Minderheit und Minderwertigkeit täuschen; jeder Kenner der Dinge hingegen weiß, daß die Minderheitenrechte die volle; uneingeschränkte staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Minderheitsangehörigen und obendrein noch zusätzlich Sicherung und Schutz ihrer Volkstums- und kulturellen Sonderbelange bedeutet. Es konnte sich wohl niemand der Illusion hingeben, daß die deutsche Regierung beabsichtige, die Jüdenfrage in Deutschland nach diesem Rezept zu lösen, das zwar in keiner Weise der Auffassung der deutschen Juden selber entspricht, das aber gegenüber der jetzigen Situation eine ganz wesentliche Verbesserung und eine Art Bevorzugung bedeuten würde. Daß die deutsche Regierung aus dem Konflikt zwischen ihrem Interesse an den deutschen Minderheiten im Auslande einerseits und ihren Wünschen bezüglich der deutschen Juden im' Inlande andererseits herausfinden werde, das mußte für jeden, der die allgemein menschliche Lehre vom Interessenurteil kennt, von vornherein feststehen, und es kann niemanden überraschen, daß dies gelang: höchstens konnte die Art und Weise, wie es gelang, überraschend sein, und man hat inzwischen gehört, daß der deutsche Vertreter, Herr von Keller, erklärt hat, Judenfrage und Minderheitenfrage sei zweierlei. Herr von Keller konnte sich dabei mit Recht darauf berufen, daß die deutschen Juden nicht nur keine nationale Minderheit sind, sondern eine solche auch nicht sein wollen, daß sie nach Sprache, Kultur und Wirtschaftsstruktur in den deutschen Volkskörper verflochten sind, und es trifft ja in der’Tat zu, daß sogar der nationaljüdische Flügel, der in den anderen Ländern für Minderheitsautonomie eintritt, in Deutschland eine solche stets abgelelmt hat. Wenn Herr von Keller andererseits die Judenfrage als ein Rassenproblem darstellte, so entspricht dies nur der in Deutschland seit der nationalen Erhebung herrschenden Auffassung, aus der heraus dann auch alle diejenigen Maßnahmen vertreten werden können, die seither über die deutschen Juden verhängt wurden. Wir brauchen nicht zu sagen, daß wir über die Rässentheorie und dementsprechend auch, über die Judenfrage grundlegend anderer Meinung sind. Es muß aber hinzugefügt werden, daß auch die Gegenseite, d. h. die Vertreter derjenigen Länder, die in Genf dem deutschen Standpunkt widersprachen, weit davon entfernt sind, die Judenfrage „objektiv“ zu beurteilen. Auch hier bewies das psychologische Gesetz vom Interessenurteil seihe alles beherrschende Macht, und die deut- •schc Delegation war völlig im Recht. als -sie -darauf hinwies, daß manche Länder, deren Vertreter mit so großer Beredsamkeit für die „Minderheitenrechte“ der deutschen Juden einzutreten wußten, den Minderheiten in ihren eigenen Landesgrenzen gegenüber weit weniger großzügig sind! Überhaupt darf es zweifelhaft sein, wie weit diese Länder von wirklichem Interesse an den Juden und gar an allgemein menschlichen Kulturidealen sich leiten ließen, oder wie weit höchst eigensüchtige Motive sie zu ihrem Vorgehen bestimmten. Diese Bemerkung soll kein Vorwurf sein; jedes Individuum und jedes Land handelt nach seinen eigenen Interessen; aber gerade diese Tatsache bestätigt wieder, daß es im Bereich der Politik keine „Objektivität“ gibt, und es bestärkt uns deutsche Juden darin, eine Klärung unserer Lage ausschließlich, im Benehmen mit unseren eigenen deutschen Behörden zu suchen, von außerdeutschen Stellen jedoch weder etwas zu wiiusehen, noch auch nur etwas zu erwarten.- *'* . Das führt uns auf die Frage, welche Stellung bei diesen Genfer Verhandlungen denn eigentlich die Juden ' selbst einucluuen. Man muß an das Gerichtsverfahren denken, das in Ernst Hardts allzu früh vergessenem Drama „Tantris der Narr“ König Marke über die Isolde verhängt, bis diese spricht: „Hei Gott, Ihr Herren, seht,, cs ist genugf - Es wird hier kahl darüber abgehaudclt, Ob ich nun lehcii oder sterben soll, Als sei ieli nur ein Tier des Feldes, leb will . . . dal) inan mich jetzt in mein üemaeli entladt . . . . . . Herr Marke kann mir Euren Hcschlull mitteilen lassen, wann Ihr ilm Gefallt!“ ‘ Bei den Genfer Verhandlungen ist das Judentum wieder einmal,, wie noch' stets im Laufe der Geschichte, Objgkt der Politik. Daran ändert der Umstand nichts, Der nächste grundlegende Aufsatz über ’jf ßüdibchQ Whtscfiaft&fxagen von Dr. Herbert Kahn erscheint in unserer Ausgabe vom 17. Oktober. Thema: „Nene Möglldihelfen erschließen steh.“ Die Minderheitendebatte in Genf. Am b. Oktober wurde die Mmderheitendebatte in der politischen Kommission der Völkerbnndsversameihmg zum Abschluß gebracht. Die Unterkommission, dfe eine gemeinsame Resolution über den Minderheitenschutz ausarbeiten soll, konnte, bisher noch keine den in der Debatte zutage getretenen verschiedenen Standpunkten gerechtwerdende Formel finden. Der Kommission liegen eine Reihe von Anträgen vor. Der englische Vertreter Ormsby- Oore halle beantragt, die Minderlieilenresolution von 1022, in der die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Rasse, Religion und Sprache garantiert worden war, neuerlich zu bestätigen und fiir alle Staaten als verbindlich zu erklären. In einer polnischen Resolution wird die Verallgemeinerung des Minderheitenschutzes gefordert. Die bekannte Resolution des Delegierten von Haiti, Frangulics, kleidete die Verallgemeinerung d.es Minderheitenschutzes m die Form einer Sicherung grundlegender Menschen- und Bürgerrechte. Der deutsclie.Vertreter wandte sich insbesondere gegen die Fassung der französischen Resolution, durch die eine internationale Diskussion der deutschen Rassengesetzgebung ermöglicht werden soll. In dem Antrag der französischen' Regierung heillt es; dal) sämtliche Regierungen verpflichtet werden sollen, ihren Minderheiten der Rasse, Sprache und der Religion die'gleichen Rechte wie den übrigen Staatsangehörigen ein-. Kommission des Völkerbundes (Kommis für technische und wirtschaftliche Fragen) befallte sich dem Problem der Hilfeleistung für die aus Deutschland Ausgewanderten. Die deutsche Delegation hatte ihre Beteiligung an der vom Ausschull am 4. Oktober ziir Besprechung dieser Frage eingesetzten Unterkommission mit ejner Erklärung abgelehnt, in der es u. a. heilit: Auch innerhalb der von dem niederländischen Anlienminister gezogenen Grenze kann die deutsche Delegation sich an der Behandlung der durch den Antrag aufgeworfenen Fragen nicht beteiligen. Die Personen, auf die der An'— sich bezieht, haben sich aus den verschiedensten Gründen anlaßt gesehen, ins Ausland zu gehen. Ein Teil hat dies getan, ■ :u-- J:~ durch die nationale Erhebung in Deutschland geschaffene Lage nicl gleiche bev. ,, .. ie glei und geschäftliche Stellung gewährleis , _.. berechtigte Mal! hinaus früher in Deutschland genossen Hat; ein anderer Teil, weil die irinerpolitischen Verhältnisse in Deutschland seinen egoistischen Wünschen nicht entsprechen; endlich ist auch ein nicht geringer Teil durch sein schlechtes Gewissen auf den Weg ins Ausland getrieben worden. Daneben hat aber bei dieser Abwanderung eine besondere Rolle bieten ausgesetzt gewesei Zahl landfremder Persoi kleiner Teil dieser Per ist und trotz eigener Not eine gr,olle n aufgenommen hat. Es ist nur cuT neu, die jetzt Deutschland wieder lachb.irländer begehen haben. Dabei festzustellen, dal) dieser Teil der in gewandert, ist, von denen er nach Deutschland gekommen ist, sondern in andere Nachbarländer Deutschlands, und daß diese Nachharländer sich jetzt nicht einmal in der Lage sehen, Es darf unter keinen Umständen dazu kommen, daß .die etwa geplanten Maßnahmen in anderer Weise zu einem Stützpunkt derjenigen Elemente werden,-die das Ziel'verfolgen, vom Ausland her die deutsche Regierung offen oder" heimlich zu bekämpfen. . ■ In dei Beratung über die Schaffung einer internationalen Organisation zur Fürsorge für deutsche Emigranten wurden von vielen Seiten Bedenken gegen den feil .der vor('esclil:i- Mhgheder des'Völkerbundes,"die^ noch1 keüie'mlerrm./ wenige deutsche Flüchtlingeaufgeiioitiiiien haben, die Niederlassung von Einwanderern aus Deutschland erleichtern sollen. 'tu der Resolution heißt es ferner, daß der Erfolg der Hilfsaktion durch Zusammenarbeit der Regierungen und Organisationen mit dem Völkerbundkommissar gesichert werden soll. Sudetendcutsche’ anerkennen 'die Verdienste der Juden um die Erhal.tunß der deutschen- Kultur. Auf dem vor kurzem in Karlsbad ahgehalteiien Parteitag des Kreises Karlsbad der Deutschen Arheits- und Wirtschaftsgemeinschaft machte in der Debatte Stadtrat Ulbert, ein-'Nichtjude, Ausführungen über'die Jüdenfrage,--wobei er den Antisemitismus unzweideutig ahlelmte. Er erklärte, die Einheits.- front der Sudeteiidcutschcn sei zum Teil an .der Jüdenfrage gescheiter! aber auf die großen Verdienste hinrager deutsche Judentum um die" Erment, Dr. Peters, ging auf die Judenfrage ein und betonte, man sei bei den Verhandlungen über die „Volksfront“ der Jüdenfrage nicht aus dein Wege gegangen, man habe ihm bei seinen Verhandlungen mit' den rechtsstehenden Parteien versichert, daß diese Frage'eine grundsätzliche Lösung finden