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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-10-14 · 14 (14.10.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
14 (14.10.1933)
Date
1933-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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»» Auflösung der Ehe zwischen Juden und Ariern.1 Von Rechtsanwalt Leo Nehab, Frankfurt a. d. O. D ie Geschehnisse der letzten Monate Juden vor so viele schwierige Probleme gestellt, so viele haben-a 11 e deutschen aufgeworfen, sie verneuer Aufgaben prak- , Fragen seelischer Neugestaltung langen von uns die Lösung so vieler tischer und theoretischer Natur, daß S|on d e r Schicksale von eigener Tragik unsere Aufmerksamkeit nicht allzu sehr in Anspruch nehmen konnten. Vielleicht [ haben sogar manche von uns eine gewisse Befriedigung darüber verspürt, daß Glieder unserer Gemeinschaft, die sich von ihr gelöst uiro in'Beruf und Ehe Anschluß abseits ihres angestammten Kreises gesucht und gefunden haben, nunmehr| die deutlichste Ablehnung und Zurückweisung erfahren. Unid doch können wir bei der gemeinsamen Wurzel unseres Leides diese Geschicke nicht als völlig fremde betrachten; das Schicksal der in Mischehe lebenden Menschen in heutiger Zeit kann uns auch als Juden nicht gleichgültig sein. f Die menschliche Seite dieses Problems wird nur von Fäll zu Fall beurteilt werden können. Die juristische Seite hat ein Aufsatz behandelt, der in der „Juristischen Wochendchrift“ unter obigem Titel erschienen ist und den Gerichtsassessot Wöhrmann zum Verfasser hat*). Wöhrmann geht davon aus, daß der neue nationale Staat ein Interesse daran habe, „rassisch gemischte Ehen1aufgelöst zu sehen. Es wird viele Juden geben, die auch von ihrem Standpunkt aus ein solches Interesse bejahen. Wöhrmann meint aber, daß nicht etwa eine Gesetzesänderung zu . diesem Behufe erforderlich sei, sondern bereits das geltende Recht die Möglichkeit gewähre, solche Ehen zu lösen. Er sieht zwar ein, daß ein S c h e i d u n g s grund nicht gegeben ist, weil nach geltendem Recht die Ehescheidung ein Verschulden voraussetzt,, es aber niemals ein Verschulden bildet, daß ein Ehegatte Jude sei. „Denn die Juden werden nicht aus Gründen der Moral, sondern aus rassehygienischen Gründen unter Fremdenrecht gestellt.“ Dagegen könne, meint der Verfasser, die Ehe auf Grund des § 1333 BGB. zur Auflösung gebracht werden. Nach dieser Bestimmung kann nämlich eine Ehe von dem Gatten angeföchten werden, der sich bei der Eheschließung „über solche persönlichen Eigenschaften des andern Ehegatten geirrt (lat, die ihn bei Kenntnis der Sachlage und bei verständiger Würdigung des Wesens der Ehe; von der Eingebung der Ehe abgehalten haben würden.“. Nach Wöhrmann sollen diese Voraussetzungen zugunsfen eines arischen Ehepartners zutreffen. Wäre diese Ansicht richtig, so wäre die Anfechtung solcher Ehe weder von ihrer Dauer noch davon abhängig, ob und wie viele Kinder ihr entsprossen sind. Die Anfechtung wäre sogar noch möglich,' wenn der jüdische 'Ehegatte bereits verstorben ist (§ 1338). ' ) ’ *) Yortrl. dio äuriührlieLe Notiz utulj teilweise in der ..J.-l. Z.“,i Nr. 13 vom 3. Oktober. — Sfbiiftleituui:. Verlangen Sie ausdrücklich -Gummischwäimne 1 Gummisauger - Wärmflaschen g. •Haushalf- Handscliutie Sleselbst haben dadurchVorteil el Wöhrmann sieht zwar den Einwand voraus, daß der* arische Gatte doch vor der Eheschließung» von den jüdischen Eigenschaften des Partners Kenntnis hatte, hält ihn aber nicht für durchgreifend, weil noch vor kurzer Zeit „allgemein im Volke, die Anschauung verbreitet war, daß der Jude sich vom Arier nur durch seine Religion unterscheide“. Erst durch die neue. Regierung und ihre Gesetze sei „jedem Deutschen das Bewußtsein von der Notwendigkeit der eigenen Rassereinheit gekommen“. Hätte der arische Gatte gewußt, daß die Kinder aus solcher Ehe unter Fremdenrecht stehen und nicht volles Staalsbürgerrecht genießen würden, so hätte er nie die Ehe geschlossen. Es ist zuzugeben, daß solche Erwägungen geeignet waren, von einer Mischehe abzuhalten. Wöhrmann übersieht aber, daß nicht ein Irrtum über persönliche Eigenschaften des Gatten zur Begründung der. Anfechtung von ihm herangezogen wird, sondern mangelnde Voraussicht einer künftigen Gesetzgebung, allenfalls ein Irrtum über die Tragweite der bekannten Eigenschaften des Gatten., Zu den bisher unbekannt gebliebenen Tatsachen rechnet Wöhrmann auch~„die allgemein .bekanntgewordene Welthetze des Judentums gegen das erwachende Deutschland'*. Es braucht an dieser Stelle nicht nochmals betont zu werden, daß der Boykott des Auslands, unter dem wir selbst ja leiden, von den deutschen Juden nicht nur verurteilt, sondern »ach- Kräften bekämpft worden ist. Abwegig erscheint es jeden- falls, zur Begründung einer persönlichen Eigenschaft Handlungen anderer Personen als des Ehegatten . selbst heranziehen zu wollen. Denn daß der Verfasser’ seiue'u Anfechtungsgrund auf solche Gatten beschränkt wissen wollte, die sich etwa an einer Hetze gegen Deutschland beteiligt hätten, ist seinen Ausführungen nicht zu entnehmen. Die Beweisführung erscheint daher gegenüber dem Gesetze nicht' haltbar. Es ist daher kaum damit -zu rechnen, daß . ein deutsches Gericht .der Ansicht des Verfassers beipflichten sollte. Die Gefahr besteht aber immerhin, daß ein Ehegatte, der aus irgendwelchen Gründen die Lösung seiner Ehe wüuscht, die in einer namhaften Fachzeitschrift vorgetragene Ansicht benutzt, um eine Anfechtnngsklage zu versuchen. Auf einen Erfolg dürfte, wie bemerkt, solche Klage nicht zu rechnen haben, zumal sie binnen (i Monaten seit Entdeckung des^ „Irrtums“ erhoben sein müßte und die Anfechtung auch ausgeschlossen ist, wenn nach dieser Entdeckung die Ehe bestätigt, cL li. "fortgesetzt worden ist, was formjos und stillschweigend geschehen kann. Ein Epilog. Vor kurzem wurde Max Reinhardt, der größte heute lebende Beschwörer der Bühne,^sechzig Jahre alt. Dem zur_ Zeit in Wien weilenden Künstler wurde von der österreichischen Regierung die höchste Auszeichnung, das goldene Ehrenschild der Republik, verliehen. Da. heutzutage jüdische Menschen und ihr Werk im Deutschen Reich keine Geltung mehr haben, nahm fast diu gesamte Presse nur wenig Notiz von dem Vorgang. In einer lieblos-kurzen Erwähnung stellte z. B. die älteste Berliner Zeitung fest, „daß Reinhardts Uhr abgelaufen“ sei, und auch die Bemerkungen anderer "Blätter über diesen in der ganzen Kulturwelt berühmten „Magier“, der zum Ansehen und zur Verbreitung deutscher Kunst im Auslände unendlich viel geleistet hat, waren recht frostig. Darüber hinaus brachten aber auch vielgelesene und große Zeitungen höchst ungerechte und völlig unzutreffende Bemerkungen über „den Juden üoldmann“ und behaupteten, daß er als Semit naturgegebeuerweise kein Verständnis für echte deutsche Kunst haben konnte und aus seiiiem „unentrinnbaren Rassenzwang heraus“ alles Deutsche zurückgesetzt habe. u _ Es ist zur Zeit völlig sinnlos, irgendwelche jüdische Apologetik treiben zu wollen; das Vorurteil * ist zu groß. Andererseits darf mau aber doch vielleicht annehmen, daß auch die Ungerechtigkeit und die Undankbarkeit ihre Grenzen haben, und daß manche, die "heute Reinhardts Leistungen „entbehrlich“ finden, es nicht nuterlebt haben und nicht mehr wissen, welch beseligenden Glanz dieser geniale Mann Jahrzehnte* hindurch über das Theaterleben Berlins und ganz Deutschlands ausgegossen hat. _Vielcn Millionen Menschen sind durch die Regickunst des.„Zauberers“ die tiefsten Stunden künstlerischen Erlebens geschenkt worden, durch ihn sind sie an unvergeßlichen Abenden dem Grau des Alltags und der Ewigen Not und Sorge des Daseins entrückt worden; er ließ sic Blicke tun in ein schöneres, tieferes, lichteres Reich als das kläglich-irdische. Wer z. B. den märchenhaften Schimmer der ersten Reinhardtschcn "Vorkriegs-„Sominemachtstraum“- Inszcnicnmg miterlebt hat, ist wohl doch gegen dies zur Zeit herrschende Fehlurteil gefeit. ^Uiiü um der, der Reinhardts Spiclnlüne nicht kennt, kann behaupten,'daß er deutsche Kunst mntangejiej/t habe. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der Beweis ist leicht zu erbringen, daß Deutschland noch, keinen Theaterleiter gehabt hat, der mit solch 'einem aus angeborener Liebe entsprungenem Fanatismus gerade die deutseh-ej> Dramatiker, vor allem ihre jungen, erfolgversprechenden Kräfte Jahrzehnte hindurch gefördert hat. Auch als damit materielle Erfolge nicht */u erzielen waren. Während Reinhardt. fast alle Hauptwerke von Goethe, Schiller, Kleist, Hebbel, Grillparzer, ürabbe, Büchner, Kliuger und Lenz in noch nicht gesehenen Inszenierungen zeigte, während er die „nordischen“ Dichter Björusou, Ibsen, Hamsun, Strindherg, Geijerstam, Jenseti, Nansen mit ihren Hauptwerken spielte, die grollen östcrreichisch-völkisclieu Talente Anzengruber, Nestrov,- KaiinumL Wildgaiis, Max Mell, Schönherr, die sclnvei/er Haucrudichtcf Gidiou und Overveg, die -Münchener Ur-Bayem Thoma und Ruederer zu Worte kommen ließ, vernachlässigte er nie die. „Jungen“. Er verhalf als Erster Stucken, Gött, Alfred Brüst, Eulenberg, Klabund, Mohr Schniidtbo'nn, Wilhelm von Scholz, Emil Strauß, Harlan, Arno Holz, Unruh und vielen anderen von der Bühne herab zu literarischem Ruhm, gerade als diese Autoren noch nicht „arriviert“ waren! Sehr/viele junge deutsche Dichter spielte er mit'idealistischem T rotz, obwohl er wußte, daß damit * kein „Geschäft“ zu machen yvar. Eine ganze Reihe von Versuchen wyrde gewagt, obwohl von vornherein feststand, daßüberhaupt mir ein oder zwei Aufführungen möglich seien.’ | Ich entsinne mich, daß er —. lahrzchntc ist’s her_— vor der Inszenierung des völlig* bülmenunwirksameii "Dramas „Meta Koncgcu“ des damals noch unbekannten Dichters Hermann .Stehr erklärte, „zwei Aufführungen wären viel; wahrscheinlich-müßte aber das Stück schon nach der Uraufführung abgosetzt werden“. In der Tat konnte das Werk n u r /. w e i Mal gespielt werden! Und nun vergegenwärtige man sich, was für eiH heiliger, uneigennütziger Enthusiasmus für die Kunst dazu gehört, um viele Wochen lang .tagtäglich die Zeit mit Proben zu einem Stück ausziifülieii,__ dessen materielle Erfolglosigkeit ganz sicher war! Beispiele älmliclirr Art aus Reinhardts künstlerischer Tätigkeit hissen sich häufen! Man kann ruhig darauf verzichten, Reinhardt gegen seine Gegner in Schutz zu nehmen. Aber hin und wieder ist es ganz, angenehm, nach dem Liede des deutschen Freilieitsdichlers zu handeln: „Wer die Wahrheit weiß und säget sie nicht . . I)r. Ludwig Davidsolm, Berlin. Umzüge - Spedition ^PakBtfalirtdiBnst-^iü^^r ’ .Massiver Lagerspeicher. Beratung kostenlos s..si mono witz, sctmnweni. Eitenattenir. 58 V Telefon: Q I 44*1, nach Qescfcifts«cbfnß~Vd tt» Uiiiiiiiniiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimmiimiiiimimummim ^Conc/ifolei f (~fyOiMen£ergpfai'z f =°' empfie/»C{ siefi naefi tute 5 s vot ifirer wet/en BÄCKEREI,* CAFE und CONDJTOREI „Zum Wiener“ Ver.Hand feinster Könditorwar*n Hauptgeschäft: Berlin S 14. Kommnn(1antenstr.44a Telefon: F 7 J«*wamvitz 0002 Mitglied "der Jüdischen Gemeinde Filiale: Berlin W, Martln-Latheratr. 91 Telefon: 11 5 Barbarossa C121 Rudolfttratzcrf £fCundsc£af{. jTiiimmmimnimimmimiiiuiiimiimiiiuimminiimimi O Dauerwurst Schlackwurst, Salami, Mettwurst. Krakau.r Pfund 1,60 Mk. Polnische, Scblesi$ch% ff. Leberw. Pfund 1,20 Mk. 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