Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 14 (14.10.1933)
- Date
- 1933-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 20 Pf. Nr. 14 ftiir bcutjciics 5ubcntum uitb celtniölett Mufbau 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RMzuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. — Anzeigen nach Tarif.— Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden BezugsaebOhren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Sehriitleitung: George Goetz Berlin, 6. Oktober 1933 Dle„Jüdlsch-llberale Zeitung“ erscheint Dienstags und Freitags. - Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 4, Mommsen'- str.40. — Fernruf: J 6 Bleibtreu Sammef-Nr. 1545. r- Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e.G m.b.H., Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung. Berlin 22764, ^ßüdibcft-CißetaCe Leitung* ibt dab einzige öfrtatt dcutbcft-jüdtbcftet &icßtungf dab $HfeimaC woc&entdcß ciscfieint. Nur auf uns selbst gestellt? Ein Seufzer der Erleichterung ist durch die ganze deutsche Judenheit gegangen, als unmittelbar! vor dein Neujahrsfest bekannt wurde, daii die langersehnte einheitliche Leitung der deutschen Judenheit sich endlich formiert hat. Wie diese Leitung gebildet und nach welchen Grundsätzen sie zusammengesetzt sein müsse, darüber gingen die Meinungen auseinander, daß aber eine solche Leitung nötig sei, darin stimmten alle überein, und so müssen auch die, deren Auffassung bei der Neugründling nicht verwirklicht wurde, zunächst froh sein, daß eine solche Leitung nun . vorhanden ist, müssen abwarten, wie sie arbeiten wird. Nach den Vertrauenserklärungen der großen jüdischen Organisationen (Vereinigung für das religiösliberale Judentum, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Zionistische Vereinigung für Deutschland) einerseits und der Gemeinden und Gemeindeverbände andererseits kommt den oppositionellen Kundgebungen gewisser] kleiner Splittergruppen (Jüdische Volkspartei, Separat-Orthodoxie, „Deutscher Vortrupp, Gefolgschaft deutscher luden“’, Verband nationaldeutscher Juden) nur geringe Bedeutung zu. Es unterliegt Sollte Ihnen die „jüdisch-liberale Zeitung“ nicht pünktlich und regelmässig zugestellt werden, so bitten wir Sie. uns unverzüglich davon zu benachrichtigen, damit wir in der Lage sind, für Abhilfe und ordnungsmässige Lieferung zu sorgen. aber keinem: Zweifel, daß' die Opposition an Zahl wie an moralischem Gewicht zunehmen wird, wenn die neue Reichs-. Vertretung der deutschen Juden nicht ohne Säumnis die ihr obliegenden Aufgaben in Angriff nimmt) wenn sie nicht zeigt, daß die Bedenken, die gegen ihre Zusammensetzung bestellen, unberechtigt waren. I Welcher Art diese Bedenken. sind, ist hier oft genug dargelegt worden. Das Fehlen einer] Stelle, die für alle deutschen Juden sprechen und handeln konnte, mußte bei den schwerlcidenden Glaubensgenossen jin Stadt und Land — vor allem in den Kleingemeinden und auf dem Lande — Trostlosigkeit und Verzweiflung hertjeiführen. Und doch konnte alle Niedergeschlagenheit nichts daran ändern, daß, bevor gesprochen und gehandelt wurde, -Klarheit darüber geschaffen werden mußte, was gesprochen und gehandelt werden sollte. Und nur ein Gremium] dessen Glieder über i, koun i dieses Grebefähigt sein, die Spitze zu bilden. Nun hat schitdenen innerjüdischen Weltanschauungen i . . mium hineingenommen, und nicht von| der Hand zu weisen ist die .Gefahr, daß jetzt auch dort oben in der Leitung jeder etwas anderes tut und will. Würde es dahin kommen, der Schade wäre me wieder gutzuinacheni die deutschen Juden müßten sich endgültig der Hoffnungslosigkeit hingeben. .Das ist die Verantwortung, die auf den Männern der neuen Reichsvertretung lastet und deren sie sich zweifellos bewußt sind. Um so dankbarer werden sie es;begrüßen, wenn die Stimme der jüdischen Oeffentlichkeit ihnen sagt, was die deutschen Juden als Erstes von ihnen | erwarten. Denn wenn hier einleitend bemerkt wurde, die Rcichsvertretung müsse, um alle Bedenken zu zerstreuen, ohne Säumnis an die Bewältigung der ihr obliegenden Aufgaben gehen, so sei hinzugefügt, daß ein Zeitverlust auch darin liegen würde, wenn die Rcichsvertretung zwar kraftvoll, aber doch au Aufgaben arbeiten würde, die nicht die wichtigsten und obersten sind. ln dem (in Nummer 13 unseres Blattes veröffentlichten) Manifest der-Reichsvertretung heißt es u. a., eigene Gedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, seien ihr nur-auf einem Gebiete, aber auf einem entscheidende^, gewährt, auf dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft; hier seien die bestimmtesten Aufgaben gestellt. Im Anschluß i daran wird dann über die" Aufgaben auf dem Gebiete der Erziehung, der jüdischen Schule, der körperlichen, Ertüchtigung und der Berufsumschichtung der Jugend’.gesprochen. Nun ist es bekannt genug, (daß gerade auf diesen Gebieten die Meinungen unter den deutschen Juden sehr weit auseinandei gehen. Ohne ’ auf die bestehenden Meinungsverschiedenheiten, die den Lesern dieses] Blattes bekannt genug sind, heule noch einmal inhaltlich eingehen zu wollen, muß doch eine Warnung und ein richtunggebender Hinweis hier ausgesprochen werden. | - , ' ■ Gewarnt werden muß, Weil gerade jede Arbeit »auf innerjüdischem Gebiete den einzelnen jüdischen „Parteien“ und Organisationen zu verbleiben hat. „Partei!’ isthier nichts anderes als die konkrete Organisation von Menschen einer ganz bestimmten Gesinnung. Wenn deshalb die Reichsvertretung in ihrem Aufruf sagt, „kein Parteigedanke, kein Sonderwunsch'’ leite sie, sondern ganz a lein die Verantwortung für „Leben und Zukunft der deutschen Juden“, so muß dem entgegengehalten werden, daß auch die sogenannten, jüdischen Parteien, sich nicht von irgend welchen egoistischen Sonderwünschen leiten lassen, sondern daß auch sie nichts als ausschließlich das Heil der Gesamtheit im Auge, haben, von dem' sie allerdings überzeugt sind, daß es nur auf dem von ihrer Anschauung gewiesenen Weg — und auf keinem andern — erreicht werden kann Jedes autoritäre Vorgehen der neuen Reichsvertretung auf diesen innerjüdischen Gebieten kann deshalb die mühsam hergestelltc Einigkeit zerschlagen und den innerjüdischen Kampf in hellen Flammen wieder auflodcrn lassen. Das abei wäre das Verhängnisvollste, was geschehen könnte, und so wie die Organisationen und Verbände durch ihre 'Verirauenskundgebungcu gegenüber der neuen ^Leitung den innerjüdischen Kampf beschwichtigt haben, so muß auch diese Leitung selbst darauf bedacht sein, nichts zu tun, was ihn wieder entfachen könnte! - - Die Gefahr, vor der hier gewarnt wird, kann von der neuen Reichsvertretung um so leichter vermieden werden, als ihre wichtigsten und dringendsten Aufgaben auch keineswegs auf innerjüdischem Gebiete liegen. Welche verschiedenen Auffassungen man immer von jüdischer Erziehungsarbeit "nureM^^zu^r$weckC"itst^Der^lrtensdirtoM,^Hüc^t^gt!lwe^' den zum Leben, und nur eine Gemeinschaft, die selbst gesichert ist, kann die Mittel für die Erziehung ihrer Jugend aufbringeu. Auf die Sicherung dieses Lebens muß daher die Arbeit der Reichsvertretung gerichtet sein: die jetzige Erwachsenengeneration muß — für sich selbst und um der Erziehung ihrer Jugend willen — eine gesicherte Existenz erhalten; und der Jugend muß gezeigt werden, auf welche Weise sie ihre Existenz finden soll, für die sie erzogen wird. Politische und wirtschaftliche Sicherstellung der deutschen luden ist und bleibt demnach die oberste Aufgabe der neuen Reichsvertretung, und alles andere hat dahinter zuriiekzu- ' Diese Sicherung ist. auf zwi Ls mini endlich der Versuch gcmac! lungen mit der Reiclisregiernng die i Weil I. durcl „ -. —.„.„ .....zu und wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden eindeutig zu klären. Gewiß, wir geben von unseriii Anspruch, vollberechtigte Deutsche zu sein, nichts auf: aber gerade weil keine Aussicht besteht, für absehbare Zeit mit diesem Anspruch durchzudringcii, wollen und müssen wir wissen, wie weil wir.ihn lienmterzusclirauben haben, wollen wissen, was wir dürfen :ht dürfen, was wir aufzugeheu haben -und dürfen, i e Poltemfldle Poste n will. Das sind v. für die Nation repräsentativ sind, dii demiker, Künstler, Wirtschaftsführer. Wirft mau uns — zu Recht odei zu Unrecht, das kann hier völlig gleich bleiben — vor, uns bisher in derartigen Stellungen allzu sehr betätigt zu haben, so daß wir zu unserem eigenen Nachteil nur lii einzelnen Schichten des deutschen Volkes, nicht aber in seiner Gesamtheit verwurzelt waren, so muß inan uns doch nun wenigstens in Positionen leben lassen, die zwar, wie übervliaisnt .j eder elvenwert*.iBeruf.,-’lebenswichtig,. .hlc8t ’»ber repräsentativ für die Nation sind, also ' als Handwerker, Arbeiter,, untere Beamte und in der Landwirtschaft, w’ie überhaupt in jeder Arbeit, in der wir zeigen können, dall wir die im Rahmen-des Volksganzen und einmal nötige, körperliche Arbeit nicht scheuen. Die Rl’ichsvertretnng ist es der jüdischen Oeffentlichkeit schuldig, schnellstens hckanntziigcbcn, was sie für das baldige Zustandekommen eines Rciehsjudengesetzes zu tun beabsichtigt, um dem jetzigen Zustande der Unsicherheit ein Ende zu machen. Das. zweite, nicht minder wichtige. Erfordernis ist die Heranziehung der von den Glaubensgenossen des Auslandes zur Verfügung gestellten M.ittel. In den letzten Monaten war viel von der großzügigen Opferbereitschaft der aus- Die deutsche Juden fragevor dem Völkerbund Der holländische Außenminister hat angekündigt, dal! die holländische Delegation in der nächsten Sitzung der Volkerbundsversammlung einen- Antrag einbringen wird, der die Herbeiführung einer internationalen Regelung der Frage der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland bezweckt. Den jüdischen Flüchtlingen sollen internationale Ausweisnapiere in der Art der für die Flüchtlinge aus Rußland vorgesehenen Nausen- Pässe gegeben werden. Die Bemühungen, die holländische Delegation zur Zurückstellung ihres Antrages zu_ bewegen, sind erfolglos geblieben. Der holländische Antrag'wird, wie auf Grund der bisher gepflogenen Besprechungen vorauszusehen ist, die Unterstützung der Mehrheit der Völkerbunds- Versammlung finden. Insbesondere beabsichtigen die an der Flüchtlingsfrage unmittelbar interessierten an Deutschland angrenzenden Staaten Frankreich, Polen und die Tschechoslowakei, sich für die Forderung nach internationaler Regelung 1 - Flüchtlingsprc1-1 —“ --* r' - Völkerbund s >11 be auftragt werden, das I endigen praktischen Maßnah treffen. Hinsichtlich der Erörterung der Lage der Juden im Abstimmungsgebiet von Deutsch-Oberschlesien, die auf Grund der Bernheim-Petition im Laufe der gegenwärtigen Völkerbundstagung stattfinden soll, wird seitens der deutschen Delegation angeregt, daß diese Frage in geheimer Sitzung behandelt und einer öffentlichen Diskussion entzogen werde. Auch der Bericht, den die deutsche Reichsregierung auf Grund des Beschlusses des Völkerburidsrates dem zum Rapporteur für diese Frage bestellten irischen Delegierten Lester überreicht hat, soll in-einer geheimen Sitzung vorgelegt und nicht vciöffentlicht werden. Es verlautet, daß in dem Bericht der deutschen Reichsregierung eine Reihe von amtlichen Maßnahmen und Verfügungen angeführt hat, die sich gegen eine unterschiedliche Behandlung der Juden in Oberschlcsicn wendet. Andererseits liegt ein nichtamtlicher Bericht über Oberschlesien vor, in dem dargelegt wird, daß' sich diese behöidlichen Maßnahmen nicht voll ausgewirkt haben. Aufgabe des Berichterstatters Lester ist es, darzulegen, in welchem Umfang die von deutscher Seite gemachten Zusagen betreffend die Behandlung der Juden in Oberschlesien erfüllt wurden. Der Jewish Board of Deputies hat den Delegierten der Völkcrbunasversammlung ein Memorandum überreicht, in dem die rechtliche und wirtschaftliche Lage der Juden in Deutschland dargestellt wird, technische Schwierigkeiten bei der Lösung der Flüchtlingsfrage, die sich insbesondere aus den Vorschriften über Vcrmngcnsaiisfuhr aus Deutschland ergehen, geschildert werden und schließlich der Völkerbund aufgefordert wird, durch Einsetzung eines Kommissars oder einer Kommission für die Ansiedlung der Flüchtlinge zur Losung eines schweren Menschheilsproblems durch internationale Kooperation in ähnlicher Weise hcizutragcu, wie dies seinerzeit Ein Völkcrbundsknmmissar für die Flüchtlinge aus Deutschland! Leonard-Montefiore und Professor NormanlSentwich in Genf. ' Der Mitvorsilzeiide des Joint Foreign Committee lind Präsident der Anglo Jewish Association Leonard G. Montcfiore und Professor Norman »entwich sind im Auftrag des Joint Foreign’ Committee in Genf eingetroffeii, um anläßlich der unter dem Vorsitz, des stellvertretenden Präsidenten des Völkevbnndsratcs M. Mowinckel, norwegisch«» Ministerpräsidenten und Außenministers, eröffneten Völkerbundsvcrsamm- lung mit den verschiedenen Delegationen der Tagung Fühlung in der Frage der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland zu nehmen. Die Vertreter des loint Foreign Committee schlagen die Einsetzung eines Völkerbundskommissars für die Behandlung des Flüchtlingsproblems vor. Es verlautet, daß die Vertreter der meisten Länder dieses Projekt befürworten. Sie sind der Ansicht, daß die Mitwirkung der deutschen Reichs- __ regierung bei der Einsetzung des Kommissars und bei der Erleichtciung seiner Arbeit wünschenswert und erreichbar ist. Die Vertreter des. Joint Foreign Committee werden im Einvernehmen mit den für ihren Plan gewonnenen Delegationen ihre Tätigkeit darauf beschränken, den Boden für die gewünschte Einsetzung eines Flüchtlingskommissars vorzubereiten,, ohne sich im übrigen mit der Lage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland selbst irgendwie zu befassen. Zum Vorsitzenden der sechsten (politischen) Kommission des Völkerbundes, vor der. voraussichtlich der Bericht der deutschen Reichsregierung über die Lage in Oberschlesien und eine durch die deutsche Delegation dem Völkerbund zugeleitetc Darstellung von nichtamtlicher Seite zur Verhandlung-.gelangen werden, wurde der, spanische Vertreter Senor Madoriaga' gewählt