Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- Sondernummer(20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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X } $iit beutfdjes Subcntum unb religiöfeit Aufbau Sondernummer 13. Jahrgang Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld- Einzelnummer 0,20! RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitun<j: George Goetz Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. Jedes Monats. — Redaktion und Geschäftsstelle:. Berlin SW 11. Hallesche Str. 1. — Fernruf:”F5. - folge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder | Rückerstattung der entsprechenden BezugsgebGhren. Berlin, 20. September 1933 .13SH, 3359. Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H., Berlin N 34. — Postscheckkonto: Jüdischliberale Zeitung: Berlin 32764. Eine Jjewish Agency" für Deutschland? Immer wieder ist in Reden, Aufsätzen und anderen Verlautbarungen der letzten Monate von jüdischer Seite betont worden, daß die deutsche Regierung es nicht dabei lassen könne, uns Juden zu sagen, was -wir nicht dürfen, sondern daß sie nun auch in dem Staate} den sie nach ihrem Wüten geordnet hat und in dem wir ausschließlich noch Objekte der Politik sind, uns den Platz anweisen müsse, wo wir leben sollen und können. Daß diese Notwendigkeit auch in Regierungskreisen vielfach erkannt wird, Idaiür sprechen gewisse-Anzeichen, aber ebenso gewiß ist die Tatsache, daß es mit dieser positiven Regelung unserer Verhältnisse bisher über Einzelheiten und Ansätze nicht: hinausgelangt ist. und daß dieses In-der-Luft-schweben. 'diese Ungewißheit für uns immer unerträglicher wird.. Was kann geschehen, .ihr ein Ende zu bereiten? Es wird gesagt, man müsse versuchen, mit der Regierung k— r.,v— - zu verhandeln. Diese Antwort sf zweifellos richtig. — aber es erheben sich hinter ihr sofort zwei neue Fragen: Wer soll verhandeln? und: Auf welcher Grundlage soll verhandelt werden? Doch müssen diese fragen in umgekehrter Reihenfolge beantwortet werden, denn zum Verhandeln berufen ist zweifellos nur die Stelle oder sind nur die Männer, die diejenigen Grundsätze vertreten. | welche allein bei derartigen Verhandlungen zum Ziel zu führen vermögen. - - * * | - Man wird sich also zunächst über diese ideologische Grundlage klar werden müssen. Nun ist es aber seltsam: sobald AbJJUctobV—-1 ist die „Jü Zeitung“ jüdische Bit wöchentlich Abi. Oktobi disch - liberale das billigste itt, das zweimal erscheint. Jr ist die „Jü Zeitung“ di mal wöchej de Zeitung scher Rieht Abi. Oktobi disch-iiberale e einzige zweiflieh erscheinendeutsch - jüdiung. är ■ istdie„Jüt | Zeitung“ dt Aktualität Vielseitigke Ab 1. Oktob Usch-liberale rs Blatt erhöhter und größter it. er i ■ mehr denn dische Hi „Jüdisch-li je: in jedes jüius gehört die berale Zeitung“.. Vergessen Sie nicht die Einlösung der Abonnementsquittung für Monat Oktober. i ■ 1 die Forderung nach ideologischer Klärung erhoben wird, kann man von allen Seiten hören, zu theoretischen Auseinandersetzungen sei jetzt keine Zeit, die Not sei so groll und es müsse vor allen Dingen gehandelt werden. — Man glaube nicht, daß wir die Schwefe der Not und das Erfordernis eiligsten Handelns auch niir im Geringsten unterschätzten: diese Dringlichkeit aber enthebt doch wahrlich niemanden der Notwendigkeit, vo r jeglichem Handeln sich zunächst einmal darüber klar zu werden, was er denn eigentlich tun will, welches sein Ziel ist, wieviel er davon unter den gegebenen Umständen erreichen kann i und welche Wege er nach Lage der.. Umstände zur Erreichung, des Zieles einzuschlagen hat. Der voll anzuerkennende Hinweis auf die Dringlichkeit macht also die theoretische Klärung nicht überflüssig, wohl} aber erhält er den Sinn eines Vorwurfes gegen diejenigen^ die die theoretische Klärung bisher "verabsäumt haben, obwohl Zeit genug zur Verfügung gestanden hat! | I- * ' I Die deutsche Judenheit ist heute in zwei große Lager gespalten: auf der einen Seite stehen diejenigen, die] sich als Glieder des deutschen Volkes wissen, auf der anderen Seite die Anhänger des Zionismus, die die Juden aller Länder als ein einheitliches’Volk ansehen, dem eine neue Heimat ge-., 'schaffen werden müsse. Diese innere Zerrissenheit schwächt selbstverständlichunsere Handlungsfähigkeit, und es (ist daher nur allzu begreiflich, daß der innerjüdische Parteikampf von allen Seiten beklagt wird. Auch wir beklagen ihn und möchten ihm ein Ende machen —: freilich auf eine Weise.] die nicht nur vom Geiühl eingegeben wird, sondern die den harten Tatsachen Rechnung trägt.! i i |. Einig sind sich alle Juden darin, daß wir als freie Men- Rch^gBLDeutsshlatMf-wb. in.!fä‘>jtj_Lämdfleben-WßUejv..<,Wie aber ist das zu erreichen? — das ist die große Frage, und wer sie beantworten will,! der muß vorher auch feststellen, wie es n i c h t zu erreichen ist. Was uns als angeblich „einzige Lösung“ immer wieder angepriesen wird, dasist in Wirklichkeit eine Loslösung, die uns überall hvurzellos machen würde, Wir haben schon in der vorigen] Nummer dieses Blattes auf die große Gefahr hingewiesen, die darin, liegt, daß das offizielle Organ Mussolinis, der „Popolo d’ltalia", sich den zionistischen Grundgedanken zu. eigen gemacht und geschrieben hat: [ ' I „Für die Judcnfragc gibt es nur eine' Lösung: den jüdischen Staat in Palästina, tu den Erklärungen! von Prag ist klar verkündet worden:] das Judentum ist keine Religion, son- ■ dem ein Volk. Diese Frage drängt immer mehr nach einer Vollständigen und endgültigen Lösung." j Es darf vermutet werden, daß eine solche Auslassung von so bedeutsamer Stelle angesichts der Beziehungen zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und dein italienischen .Faschismus aut die Meinung der maßgeblichen deutschen Kiieise nicht ohne Einiluß bleibt, und da!der „Popolo d'Italia“. wie] das oben wiedergegebene Zitat zeigt, ausdrücklich auf den speben. ubgehalteuen Prager Zionistenkongreß Bezug nimmt. Iso ist es wohl am Tage, daß uns deutschen Juden dieses Lfuhcil von den Zionisten eingebrockt worden ist und daß die Bekämpfung des Zionismus kein überflüssiger „innerjüdischer Parteikampi“, sondern eine Lebensfrage für das deutsche Judentum .ist.! alle diese Versuche sind gescheitert, und zwar sowohl wegen der falschen Methoden, deren inan sich bediente, als auch vor allem wegen der gruudverkehrteii Voraussetzung, von der man ausging. Ueber die methodischen Fehler braucht hier nicht ausführlich gesprochen zu werden: daß ttran die verschiedenartigsten Gremien zusauimeiibericf. citihid lind wieder attshid. bald Stuttgart, bald'Essen, bald Berlin zum Tagungsort wählte: das alles verrät zwar ein ziemlich kopfloses Herumcxpcrimentiercn. es iiätte alter doch schließlich zu einem greifbaren Ergebnis führen können, wäre man nicht von vornherein von der falschen Voraussetzung aUsgegangeti, daß au der Führung alle Richtungen des deutschen Judentums mehr oder minder paritätisch zu beteiligen seien. Ja, von einer Seite wurde sogar die „Jewislt Agejic.v“ als Beispiel hillgestellt. Nur als Beispiel, .verstellt sich. Denn diese Jewish Agency hat mit deutschen Angelegenheiten oder mit denen der deutschen Juden nichts zu tim. ihr Aufgabengebiet, ist Palästina, aber in ihr sitzen zur Hälfte Zionisten und zur anderen Hälfte Niclitziouisteii. Es1 ist bekannt genug, daß' 'dieses Fifty-Fifty-Priiizip sich nicht bewährt -hat. daß beide Freilich, die Zionisten berufen sich darauf, daß ditr'Rassenlehre, die auch dem Zionismus zugrunde liegt, im neuen. Deutschland herrschend wurde, und ihr Organ, die „Jüdische Rundschau“, schreibt in einer ihrer letzten Numjnern, sie hätte sich lediglich dagegen zu wehren, daß von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse gesprochen werde: anzustreben sei „ein Verhältnis gegenseitigen Respekts unter Anerkennung des Wertes jeder rassischen Eigenart", von] der deutschen Welt müsse erwartet werden, daß sie „uns Juden möglich macht, als aufrechte Menschen zu lehen" — sc|ir richtig, aber es fragt.sich nur, wo!, und wäre die zionistische Ideologie herrschend, so würde man zweiiellos den größten „Respekt vor unserer rassischen .Eigenart“ haben, wenn wir nicht in Deutschland, sondern dort lebten, wo wir nach dieser Ideologie hingehören, in" Palästina. Denn nicht nur aus unserem angeblichen Mindersein, sondern ganz ebenst} sehr aus’ unserm angeblichen Anderssein kann die Folgerung gezogen werden, daß wir in Deutschland unerwünschte Fremde seien. Deshalb muß all unser Bemühen darauf gerichtet sein, unsere Hierhergchörigkeit, unser Deutschtum zu betonen und zu erweisen. Geraten wir damit in einen Gegensatz |z.ur herrschenden Rassenlehre, so gründet sich dieser Gegensatz nicht auf eine Opposition,! sondern gerade im Gegenteil auf unser Bekenntnis zu Deutschland. Solch ein Bekenntnis zu Deutschland muß wohl in {Deutschland)nicht nur erlaubt sein, sondern es ist überhaupt I die Grundlage für jeden) iBeredhtigungsanspruchv den irgendeiner — er -sei Jude oder nicht auf das Leben in Deutschland erhebt. j « Mit dieser Feststellung; ist' die ideolQgische Grundlage gegeben. aui der allein verhandelt werden kann und darf, und es folgt'daraus, daß auch nur solche Männer odqr Stellen iür die deutsche Judenheit auftreten dürfen, die eindeutig diesen Standpunk entnehmen!— jede andere Lösung bedeutet ein Verbrechen an der deutschen Judenheit und ihrer Zukunft. h Es ist bekannt, daß in! den letzten Wochen und; Monaten seitens verschiedener jüdischer Stellen der Versuch gemacht worden ist, eine offizielle! jüdische Führung zu bilden. Aber Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ zieht um. Ab 1. Oktober befinden sich unsere Geschäftsräume: . __ '>-4}fr-lbi-Gkari<itte.nburg,Momntsenst?.dQ* Teile unzufrieden sind uTid daß gerade soeben der Zionistcnkongreß alle Aiisteiiguiigeii gemacht hat, die paritätische Zusammensetzung der Agency zugunsten einseitiger und klarer zionistischer Führung zu ändern. Solche klare Führung ist auch in Deutschland nötig: auch wir deutschen Juden würden mit einer Fifty-Fifty-Führmig ein klägliches Fiasko erleiden, ■und cs ist deshalb all den weichherzigen Versuchen zu widersprechen. die die Zionisten au der Vertretung der deutschen Juden beteiligen wollen. * Dieser Widerspruch richtet sich nicht zuletzt auch gegen den Centralverein, der einst zur Wahrung der Rechte der deutschen Juden gegründet worden ist, dessen hier oft beklagte unklare Haltung ihn aber in dieser Sdiicksalszeit versagen ließ. Einigkeit ist gewiß eine, schuhe Sache, aber zwischen Feuer und Wasser, d. Ii. zwischen nationaldcutschem und natiunaljüdischcm Streben, läßt sie sich nicht hcrslellcii. Der CV-Vorsitzciide Justizrat Broduitz erklärt unter dem Stichwort „Einigkeit“, es sei nicht möglich. „ilaü eine der (iruiuien den_Ansprueli auf alleinige Führung des 'deutschen Judentums erhellen dürfte. Nur eine Führung, hinter deralle Richtungen stehen, die im Leiten der. deutsehen' Juden Bedeutung haben, .wird der nichtiüdischcn Welt -gegenüber wirksam die deutschen Juden vertreten können. Nur sie wird auch Iür das deutsche Judentum selber eine wirkliche Autorität darstellen.“ ■ Ein fundamentaler Irrtum!: Autorität ist nur,, wo ein einheitlicher Wille gebietet, und gerade der CV, der stets behauptet, die neue Zeit besser zu verstehen als andere, müßte wissen, daß das Fifty-Fifty-System nichts auszurichten' vermag als - Unheil! - Man muß sich das eimual praktisch ausmalen. Wir Juden fühlen uns auf allen (iebieteti in der .Entfaltung gehemmt, und überall suchen wir, unsere Lchcusmüglichkcitcn zu erweitern.; Olt es sich um die Benutzung städtischer Sportplätze durch jüdische Sportvereine handelt,, oder um die Beteiligung der Juden an den Ehestandsdarlehen oder_um die. Interessenvertretung der großen Massen jüdischer Arbeitnehmer durch Aufnahme in die Deutsche Arbeitsfront auf allen diesen und zahllosen anderen Gebieten kann man -nicht nur schriftlich oder mündlich Gesuche einreichen, sondern man muß sic auch begründen, und man kamt überhaupt nicht über Einzclpunkte verhandeln, solange man sich nicht auf dasjenige berufen kann, was die Grundlage jeder Verhandlung sein muß, auf unsere Zugehörigkeit zum Deutschtum. Dieser Gretchenfrage muß jeder unserer Verhandhffigsx führer kraft innerer Wahrheit^staudhaltcn können! ' 0 Es ist demnach klar: bevor wir verhandeln können, müssen wir erst unser eignes Haus bestellen, mussen-Männer an unsere Spitze berufen, die unwankbar von denr-Anpruch ausgehen, daß unsere Zugehörigkeit zum deutschen Volke "anerkannt werde. Das schließt nicht aus, daß wir auf manchen Gebieten der Wirklichkeit Rechnung tragen und nicht Dinge fordern, die zur Zeit unerreichbar sind. Im Wirtschaftsleben ist uns Freiheit zugesichert. Noch in der vorigen Nummer dieses Blaues konnten wir darauf hinweisen. daß die „Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels“ erklärt hat. „die Idee des ständischen Aufbaus habe zur Voraussetzung, daß s.äin fliehe Angehörige eines Standes zusammeugeiaßt werden" und daß sich „daraus die Unmöglichkeit-ergibt, einen Teil 'eines Standes, .nämlich die nichtarischen Standesangehörigen; hcrauszulassen." Diese Erklärung zeigt, wie sehr wir Juden uns davor hüten müssen, auf Grund verkehrter jü- .. ■ k