Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 12 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 20 Pf. Nr. 12 gfir beutftfteg 3ubentum unb rctiqlBfcn Sfaffom ® « f “ s fj>r i‘s:. Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,20 RAI. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitung: George Goetz Berlin, 15. September 1933 13. Jahrgang Die .Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am I. und 15. ifde,? ^opts. “ Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Hallcsche Str. 1. — Fernruf: FS Bergmann 3358, 3350. - Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H.. Berlin N 24. — Postscheckkonto: Jüdischliberale Zeitung: Berlin 22764. Neues Jahr — was bringst du? Herum das Blatt im Buche des Lebens und aufgeschlagen die Seite des neuen Jahres — ein Jahr entrinnt, ein Jahr beginnt: Herr, lehr uns unsre Tage zählen! Keines Denkers Krait und keines Dichters Phantasie reichen'aus. die Empiindungen zu schildern, von denen bewegt das gläubige —j und auch das ungläubige — Israel dieses Mal die Stunde der Jahreswende, begeht. Was das alte Jahr uns genommen, das wissen wir; was das neue uns bringen wird, das steht verzeichnet in jenem geheimnisvollen Buche, demgegenüber wir alle Analphabeten sind; im Buche der Zukunft;[ das aber von der schlichten Frömmigkeit unserer Alten das Buch des Lebens genannt .wurde. Doch glaube niemand, jmit dieser Erinnerung an den Optimismus des Judentums solle banaler und ilacher „Tröstung“ das Wort geredet .werden —: „Es wird schon wieder alles gut werden“, diese stimmlose Sprache des Alltags war noch nie die Sprache des j Judentums, und der Trost, den es bietet, ist von anderer, gewaltigerer und realerer, Macht als das sogenannte gute Zureden der Menschen. Deshalb: herum die Seite und dufgeschlagen das neue Blatt im Buche des Lebens; brünstig; klopfen .die Herzen, sehnsuchtsvoll weiten sich die Augen, und alles bangt: was steht verzeichnet im Schicksalsbuche, was bringt das neue Jahr? I * ' Vielleicht aber könnte man sagen: eine Gemeinschatt, deren Glieder jahrhundertelang allmorgendlich fragen mußten: Was bringt der neue Tag?, und die. erwachend am Morgen, oft nicht wußten, ob [sie am AbeHd noch eine Stätte haben würden, ihr Haupt niederzulegen, — vielleicht könnte man sagen, daß es sich füt; sie nicht zieme, den Tag der Jahreswende als besonderen Einschnitt zu empfinden: Schicksalswende ist jeder Tag; darf, wer d“» erfahren; verlangend! .. Und doch: so sehr ein jeder den schalen Zuspruch von •sich weist und keiner hören will, „es werde gewiß wieder alles besser werden“, so wenig auch wollen wir den Trost der Askese. Es käme auf das irdische Glück nicht an — darin steckt genau so viel Unwahrheit wie in der verantwortungslosen Glücksverheißung. Ist aber das eine so unwahr wie das ändere, was ist dann die Wahrheit und wo suchen wir die Richtschnur unseres Lebens in künftigen Tagen. Denn leben freilich wollen wir und sollen wir; unsere Religion würde nicht das Neujahrsfest als „Hajjaum haras aulom . als Geburtstag aller! Welt begehen, sie würde nicht das „Seid fruchtbar, mehret euch und füllet die Erde! als erstes Gottesgebot an’ alle Lebewesen verkündet haben, hatte sie je beabsichtigt, uns den Verzicht und die müde Resignation der Askese zu predigen. Darum entspricht es nicht nur dem völlig natürlichen Empfinden jedes Menschen, sondern ebenso sehr auch der Lehre des Judentums, wenn wir tun, was am Jahresbeginn alle tun, wenn wir uns selber,und unsern Lieben, ja allen Menschenkindern den Wunsch zurufen, der. mag er auch im .Gebetwort aui Hebräisch erklingen, in allen Sprachen dieser Erde widerhallt: Schanah tobah — ein gutes Jahr! | ( ■ Das wünschen alle, und daran wäre nichts Jüdisches. Jüdisch aber ist unser Schicksal, und jüdisch sei der Geist, in dem wir ihm nähen. Denn, wahrlich, wir werden auch im kommenden Jahre unser besonderes Judenschicksal zu tragen haben, nicht! allein den Wechsel von Glück und Unglück, der den Inhalt jedes Menschenlebens ausmacht, sondern, hinzu zu diesem allgemein Menschlichen, das besondere Jüdische, das Ineinander des uns als Juden aulerlegten Schicksals UHd der ihm antwortenden Erhebung. * Biniamin Segel, der vor zwei Jahren verstorbene erfolgreiche Apologetikerl des Judentums, hat einmal (in seiner Schrift „Morija und Golgatha") darauf hingewiesen, es sei Wichtiger Hinweis Zwischen dem 15. und 25. September legt der Briefträger die ÄhonnementsquittungfürdenMondt Oktober in Höhe von M. 135 zuzüglich Post-Bestellgebühr vor. Nur pünktliche Einlösung sichert den Weiterbezug der „Jüdisch-libe-. ralen Zeitung“. alter guter — das heißt natürlich schlechter — Theologciibrauch, die eigene Religion dadurch iin Vollglanz erstrahlen' zu lassen, daß man die andern Religionen recht schwarz anstreicht. — Nun, diese Schwarzweißlieit ist aller Menschen Weisheit, nicht nur die der Theologen: doch ist es richtig, daß kein Stand sich ihr ferner zu halten hätte als die -TIteoiogen. Und den [jüdischen Theologen kann im allgemeinen nachgerühmt werden — Ausnahmen gibt es überall _ daß sie sich bemüht haben. Segen und ethische Höhe des Judentums aus diesem selbst zu begründen, Vergleiche und gar abwertende Vergleiche mit andern Religionen aber zu unterlassen. Solche Abwertung liegt uns auch heute fern; wir wollen nicht hochmütig auf das „Andere“ als auf etwas Niederes herabblicken, denn wir empfangen ja unseren eigenen Wert nicht durch die Höhe oder Tiefe, in der Andere sich befinden, sondern nur unsere eigene Höhe entscheidet über unsern Wert. Diesen frclich dürfen wir zeigen. „Nicht wer sich weiß, nur wer sich mit ändern vergleicht, jst der Hochmütige", schreibt Martin Buher in seinem Kapitel „Von der Demut". („Die Legende ides Baalschcin“); und wissen freilich müssen wir Juden uns mehr denn je in dieser. Zeit, da alles rings um uns her Anschauungen huldigt, die nicht wenig geeignet scheinen, uns — oder doch die schwachen in unsrer Mitte — ,-im Glauben an uns selbst wankend zu machen. Denn in der Tat. man sagt uns, wir gehörten nicht hierher: und wie man alles, womit man unsere Fremdheit zu beweisen glaubt, aus unserer Rasse lierleitet so sei auch die jüdische Religion Ausfluß eines in Deutschland art- und' rassefremden Volkstums. „Was im Alten Testament Volksreligion und Volksgeschidita—i»i—niiiirt ukf—,—r um—- Reichsleiter der: Glaubensbewegung „Deutsche Christen". Pfarrer Joachim Hossenfelder („Unser Kampf“. Heft 1 der Schriftenreihe der „Deutschen Christen“), und er fährt fort: Wir müssen lernen. Kultus und Lebenshaltung eines Volkes zu vergessen, das in diesen Dingen tief unter, unserem Volke steht..." Ja, wenn das wahr ist, geboren wir'dann noch hierher, mit unserer Fremdheit und mit unserm Tiefstand? Wahr .ist es, duß der Kultus der Juden wesentlich ' abweicht von dem Brauchtum der Mehrheit des deutschen Volkes. Und diese Abweicliting.wird wohl nirgends, so sichtbar wie an der Tatsache, daß wir Neujahr feiern, wenn alles andere sich mitten int. Werkjulire befindet; und abweichend wie das Datum des Neujahrsfestes ist auch die Art seiner Begehung. Aber sind wir damit Fremde? Es gibt in deutscheu Landen manche— kleine (iruppc mit Kan/ eigenem MraucMuui (die alten Innungen; die Lotsenschiffer: die örtlichen Landsmannschaften, sei es im Friesischen, int Spreewald .oder Oberbavern). und niemand kommt darauf, diese uruppen, au deren (iewolmheilen die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes keinen Anteil hat. als volksfremd zu. bezeichnen. Weil wir Wenige sind, brauchen wir nicht rreinde, und weil unser Kultus abweichh brauchen wir nicht Niedere zu sein. .Es ist richtig: wir Italien unser Neujahrsfest nach Datum und rorm für uns. Und sind wir damit „Andere“, scheinen wir damit „Fremde“, so darf vielleicht an eine Situation erinnert werden, in die wohl nuhezir ein Jeder von uns schon cfiitiKil geraten ist. Das Kind in der. Schule, der Angestellte nn Büro, der Beamte an sehjem Arbeitsplatz, der Bürger in seinem Bekanntenkreis: jeder hat einmal sich von nichtjüdischen Freunden oder Kollegen für den kommenden-Tag verabschiedet, weil „wir unser Neujahrsfest feiern“, jeder von uns blickte dann in die-erstaunten Augen des Oespräclts- Pjirtncis. der, nach einem Augenblick der Verwirrung rasch sich sammelnd, in durchaus gutem Glauben uns einen sehr herzlichen-«^ber doch auc1' seI,r Protonen Glückwunsch nachro-'o ‘LjLüäflgckwunscli. .der., apt „Silvester-Abend in *1«, 3aststätt»“3!isalJeUdju _ /ejiweiTüäJeit "ivgäMsfs Tage;■ des* has-Skarönz+ftif-oes Erinnerns, Ist der: Ehri dischett Neujahrsfestes. * Vergessen, was will man vergessen? Daß das neue Jahr, mit vielem Guten, auch vieles Böse bringt: davor betäubt man sich, veranstaltet dem neuen Jahr zu seiner Begrüßung einen regelrechten Polterabend und vollfuhrt — vielleicht gar 'Unbewußt, noch mit der alten,, heidnischen Vor¬ Die Glückwünsche der , Jüdisch-liberalen Zeitung“* Von Statms £ceweusiem. Erscheint es nicht geradezu widersinnig, in einer Zeit Glückwünsche auszusprechen, da das deutsche- Judentum Abschied nimmt von einem Jahre, das ihm nichts gebracht hat als schwerstes Unglück und sich anschickt, in ein neues hineinzugehen, das zu Optitnismus auch nicht den geringsten Anlaß zu geben scheint. Wird es einen deutschen Juden geben, der nicht in tiefster Erschütterung am Vorabend des Neujahrsfestes die Hand seines Glaubensgenossen ergreift, ihn zum Jahreswechsel zu beglückwünschen, und wird nicht ein einziges Weinen durch die jüdischen Gemeinden Deutschlands gehen in dem Augenblick, da Eheleute, Eltern und Kinder, Verwandte und Freunde sich umarmen, einander zu gratulieren? Kann da die „Jüdisch-liberale Zeitung“ in diesem Jahr der Niedergeschlagenheit, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wirklich mit Fug und Recht ihre Glückwünsche aussprechen, kannsie, da ein neues Jahr aufsteigt, von dem niemand weiß, ob es'uns allen auch nur einen einzigen glücklichen Tag bringen wird, aus überzeugtem, hoffnungsfrohem Herzen gratulieren? Sie kann es. Denn das, was jüdische .Menschen, Juden in Deutschland unter Glück! verstehen, muß in Zukunft mit anderen Maßen gemessen werden, als es bisher geschah. Glück wird schon sein, wenn auch die leiseste Stimme nur sich regt, die dafür spricht, uns wieder anzuerkennen als vollberechtigte Bürger unseres Landes. Glück wird schon j sein, wenn Bruchteile der Maßnahmen aufgehoben werden, die uns von allen anderen scheiden, die uns in der Entfaltung hemmen, die uns als völlig unverdient erscheinen. Glück wird schon sein, wenn arbeitslose Glaubensgenossen wieder Brot und Verdienst finden, wenn Juden, die noch Stellungen innehaben, sie halten können, wenn selbständige jüdische Unternehmer ihre Betriebe aufrechterhalten. Man wende nicht ein, das alles sei nur wenig, das geringste von dem, was man erwarten könne. Unter den obwaltenden Umständen ist es vieL Erfüllt es sich, so ist es sogar Glück. Denn was uns nottut. ist. daß wir wieder glauben und hoffen dürfen» und wir dürfen es nur dann, wenn wir arbeiten und mitarheiten können in Deutschland, efn jeder an seinem Platze, ein jeder an seiner Stelle. Erhoffen wir Wohlleben, Rbichtümer vom neuen Jahre, so wird es uns enttäuschen; denken wir . an. langsamen Wiederaufbau dessen, was uns verloren ging, so ist, Glauben am Platz. '■ § Noch immer hat für das Judentum die Zeit gear-. beitet. Lasen wir nicht in einer der letzten Ausgaben dieses Blattes von den Verhältnissen in Ungarn vor mehr als fünfzehn Jahren? Daß die nationale Revolution die Judenheit Ungarns in ihren Grundfesten' er- . schotterte und sic täglich in ihrer Existenzmöglichkeit neu bedrohte? Kehrte nicht auch dort Gleichberechtigung, Anerkennung für alle und damit wieder Zuversicht und Beruhigung unter den Juden ein? Warum sollte das, was in Ungarn möglich war, hierunmöglich sein? Ob es so sein soll, wird die Zukunft lehren.; . Darin wird die „Jüdisch-Jiberale Zeitung' auch im neuen Jahre ihre vornehmste Aufgabe selten, Verbitterung von den Juden Deutschlands ferzuhalten, sie zu ermutigen im Ausharren, sie zu stützen im Kampfeumihre Gleichberechtigung. Ein neues Jahr kann dunkle Tage bringen, unser aller Leid vertiefen, aber es kann auch Ungemach hinwegnehmen, neue Lebensmöglichkciten bieten.- , , , ,, , Wir glauben daran unbeirrbar, unerschütterlich. Und weil wir es tun., können wir unseren Lesern bewegten. Herzens, aber zuversichtlich und hoffnungsfroh unsere Glückwünsche aussprechen. Mag cs uns vergönnt sein, im nächsten Jahre von dieser Stelle, aus schreiben, zu können, daß das deutsche Judentum wieder frohe Tage sehen durfte, daß die deutschen Juden wieder glauben, hoffen, vertrauen.