Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- Sondernummer (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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rlr> r» m 5ütbeutfd2£03isbeittitm^^ Sondernummer 13. Jahrgang C*ak«lA*niiiMniiA» Bezugspreis: Monatlich 1,35 RM. zuzüglich Bestellgeld- Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarIL|— Bel Nichterscheinen ln-. folge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden! Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitun<>: George Goctz Berlin, 8. September 1933 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am I. und 15. Jedes Monats. — 1 Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW II. Hallesche Str. I. — Fernruf: FS. Bergmann 3358, 3359. — Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe c. G. njji. H„ Berlin N 24. - Postscheckkonto: jüdlscbliberale Zeitung: Berlin 227 M. Ab 1. Oktober ist die „ Jüdisch-liberale Zeitung“ das einzige Blatt /% : deutsch-jüdischer Richtung, das wöchentlich £ mal erscheint Offener an Lord Melchett. Eure Lordschaft! j Wie hier bekannt yird, haben Sie durch die Presse folgende Erklärung verbreiten lassen: „Die deutschen Zeitungen erklären, ich sei mit der Vorbereitung eines heuen Wirtschaftsboykotts gegen Deutschland befaßt. | Diese Nachricht ist unzutreffend. Als Juden sind vfir genötigt, die stärksten uns zur Verfügung stehenden Waffen — Recht und Moral — gegen Unterdrückung und Verfolgung zu gebrauchen; die Frage der deutschen Juden aber erfordert eine konstruktive Lösung, die unter .Mitwirkung der deutschen Reichsregierung vorgenommen werden muß. Deutschland jwird gewiß einsehen, daß; es unmöglich ist, eine halbe Million Menschen zu degradieren und sie ihrer Rechte, ja selbst der Lebensmöglichkeit, zu berauben. Es gibt bloß eine Lösung dieses Problems, und zwar geordnete Auswanderung der jüdischen Jugend nach Palästina. Ich bin bereit, an der Durchführung dieser .großga^be in jeder Weise mitzuarbeiten, 'und ich'appelliere atrDeufsdÖläriarüns jenefTtMTärr Gerechtigkeit und. Beistand zuteil werden zu lallen, das es uns ermöglicht, mif seiner Hilfe eine Zukunft für die nächste Generation der deutschen Juden, zu finden. . | ' Es ist absurd, zu behaupten, daß ich, der ich so alte und innige Beziehungen zu Deutschland habe, ein Feind des deutschen Volkes sei, .weil ich mich als aktiver Freund jder Juden erweise.“ Soweit diese Erklärung, sich mit der Frage des Boykotts und mit Ihrer persönlichen Stellung zu Deutschland befaßt, dürfen Sie der Zustimmung der deutschen Juden gewiß sein. Jn der Tat ist im Laufe der letzten Monate. Ihr' Name wiederholt in Verbindung mit antideutschen Boykottbestrebungen genannt worden. Die 201. betrug der Abonnenienzuwachs der „Jüdischliberaten Zeitung" im August 1933; Das beweist, daß die „Jüdisch-liberale Zeitung“ ständig an Bedeutung im Leben der n deutschen Juden, gewinnt und überall als unentbehrliche Lektüre angesehen wird. M 1,35 monatlich zuzüglich Post-Besteltgebühr kostet ab 1. Oktober die „Jüdisch-liberale Zeitung", die dafür 2x wöchentlich erscheinenwird Wer über jüdische Fragen und über Ereignisse des jüdischen Lebens hervorragend unterrichtet seih will, muß die ,, Jüdisch-liberale Zeitung" lesen! ..iHiiiiliiiiiiDinLiiiuiDQiiiiiiuiiiniiniuiniiiuniiiuiniiniiiEniiiiiuiiiiiiuiiiBiDiaifl maßgebenden Stellen der deutschen Juden haben in UÜbereinstimmung mit der gesamten deutschen Judenheit derartige Bestrebungen aktiv und erfolgr e i c h bekämpft. Obwohl die deutsche‘Regierung zur Zeit das Deutschtumder deutschen Juden bestreitet, und uns durch ihre von dieser Auffassung diktierten Maßnahmen in schwerste seelische und materielle Bedrängnis gestürzt' hat, fühlen wir uns mit Deutschland; viei zu innig verbunden, als daß wir gegen unser Vaterland gerichtete Boykottbestrebungen nicht mit der gleichen Energie bekämpfen würden wie jeder nichtjüdische Deutsche auch. Es ist mit dem Handelskrieg nicht anders als mit dem Krieg'der Waffen: man mag durch gemeinsamen Glauben verbunden: sein und man kann den Krieg selbst für ein Unglück halten, aber solange er dauert, tut man das, was man als Soldat seines Vaterlandes zu tun hat Wer antideutschen Boykott anstrebt, den müssen wir als Feind unseres Vaterlandes bekämpfen; das ist ausschlaggebend, und erst in zweiter Linie kommt die Ueberlegung, daß diese Bestrebunjsm ir> ihrer .Wirkung, sieh juick.gegen.ifns seihet-rieh-... ten, weil eine Schädigung Deutschlands alle Deutschen, und daher auch uns, trifft, und weil ferner derartige Bestrebungen, auch wenn sie gegen unsern Willen von ausländischen und unverantwortlichen jüdischen Personen ausgehen, doch uns deutschen Juden zur Last gelegt werden. — Aus allen diesen Gründen begrüßen wir es, daß der Zionistenkongreß' in Prag, dem Sie als Gast beigewohnt haben, es abgelehnt hat, sich von der winzigen revisionistischen Minderheit in eine Boykottstimmung gegen Deutschland hineinhetzen zu lassen, daß er vielmehr mannhaft und würdig den Boykott als ein jüdischer Ethik widerstreitendes Mittel von sich gewiesen hat. Und ganz ebenso begrüßen wir es. daß auch Sie jetzt das Mittel des Boykotts in aller Oeffentlichkeit abgelehnt haben, wodurch Sie sowohl Deutschland als auch der Sache der deutschen Juden einen Dienst erwiesen. Die deutschen Juden sind Ihnen hierfür dankbar. ' . Wenn ich es trotzdem unternehme, der Erklärung Eurer Lordschaft an dieser Stelle öffentlich zu widersprechen, so geschieht es wegen. derjenigen Partien Ihrer Verlautbarung, die sich auf das weitere Schicksal der deutschen Juden beziehen und die Sie abgegeben haben, ohne die Interessen, Wünsche und Notwendigkeiten der deutschen Juden zu kennen. Es ist gewiß richtig, daß die Lage der deutschen Juden eine konstruktive Lösung erfordert, und es ist ferner zutreffend, daß diese Lösung nur in Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung vorgenommeh werden kann. Diese Verhandlungen aber können nur seitens der deutschen Juden seihst durch ihre gewählten Vertretungen oder durch eigens zu ernennende Persönlichkeiten geführt werden; dem internationalen Zionistenkongreß oder einzelnen ausländischen Juden fehlt hierzu jede Legitimation. Dies in zwiefacher Hinsicht: einmal, weil sie als Nichtdeutsche sich allzu leicht dem Vorwurf der Einmischung in innerdeutsche Verhältnisse aussetzen; -sodann ‘ aber auch, weil sie, als Ausländer, nicht! Vertreter der deutschen Juden sind. Die deutschen Juden haben den Wunsch, die Berechtigung und di l Verpflichtung, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Das schließt die materielle Hilfeleistung nicht aus; für die großzügige Bereitstellung von Mitteln sind wir den ausländischen Glaubensgenossen dankbar, und wir dürfen sie annehmen, weil Hilfeleistung noch nie an Landesgrenzen gebunden war und weil wir deutschen Juden selbst mehr als ein Jahrhundert hindurch mit an der Spitze jüdischer Hilfsarbeit gestanden!-sind'. 1° der Ordnung unserer politischen Verhältnisse in Deutschland aber können nur wir selber für uns einstehen, und das Bild, das wir deutschen Juden von unserer Zukunft uns machen, ist ein erheblich anderes,: als Sie es gemalt haben.! Die deutschen Juden fühlen und wissen sich als Deutsche — die gesamte Literatur von bald fünf Generationen beweist das — und als Deutsche wollen wir in Deutschland leben; \vir und unsere Kinder und Kindeskinder. Wir glauben heilig und unbeirrbar, daß das neue Deutschland uns einen Platz anweisen .wird, der es uns ermöglicht, als jiidisehc Dcutselie in Ehren hier zu-leben; auch sind wir entschlossen, uns diesen Hatz zu erarbeiten. Deshalb kann es nicht unwidersprochen hingenommen werden, daß Sie, als ein Außenstehender, öffentlich erklären, die „einzige Lösung der deutschen Judenfrage sei die geordnete Auswanderung der jüdischen Jugend nach Palästina“, ln Wahrheitbesteht die einzige, Lösung der Judenfrage in jedem Lande in der aktiven und passiven Einordnung der Juden. Eure Lordschaft selbst würden es mit Entrüstung zurückweisen, wollten Juden, die nicht Bürger Ihres englischen - Vaterlandes sind, aus zionistischer Ideologie heraus es unternehmen, die englisch-jüdische Jugend aus England planmäßig auszusiedeln. Wie aber Sie und Ihre englischen Glaubensgenossen Engländer sein und bleiben1' wollen, so wollen wir jüdische Deutsche sein und bleiben, und wir müssen uns dagegen verwahren, daß Sie in unsenn -Namen eine Parole ausgeben, zu der .Sie nicht legitimiert sind und die unsern wirklichen Ab-. sichten diametral zuwiderläuft. .... Jficht .nur .unser ca- Absichten-übrigens— Denn, ich Spreche hier vielleicht — oder könnte doch in Verdacht geraten, zu sprechen: als Vertreter'der Erwachsenen-Generation. die in schwerste Gefahren gerät. wenn ihr der Nachwuchs fehlt. Die „Erwachsenen“ werden zu „Alten“, die Alten vielfach zu Gebrechlichen, zu Menschen, die weder sich selbst ernähren noch adch die gemeinschaftlichen Institutionen erhalten -können. Nur organischer . Nachwuchs einer gesunden, sich auf eigene Füße stellenden Jugend sichert also den Fort-.. bestand des Bestehenden; die von Eurer Lordschaft propagierte planvolle Aussiedlung der Jugend dagegen würde zur immer weiteren Ausmergelung der deutschen Judenheit und zu einem qualvollen Absterben einer ganzen Generation führen. Und nun könnten Sie angesichts solcher Betrachtungen mir vielleicht entgegehhalten — wir stehen dicht vor dem Neujahrsfest, an dem in-unsern -Tempeln die Erzählung von. der Opferung Isaaks verlesen wird —: daß Gott es nicht zu-, ließ, als Abraham, der Alte, sich anschickte, auf dem Altar seines Gottes, Isaak, den Jungen, zu opfern. Diesen Vergleich könnten Sie vielleicht sogar dann ziehen, wenn ich Ihnen sage, daß es nicht nur jener ■oben gekennzeichnete volkswirtschaftliche, also egoistische Gesichtspunkt* ist. der uns um unsere Jugend kämpfen läßt, sondern daßjvir dabei auch geleitet werden von dem idealen Willen, das Gebilde zu erhalten, das als „deutsches Judentum“ in die allgemeine und!in die jüdische Kulturgeschichte eingegangen ist und das. nach unserer festen Ueberzeugung, noch keineswegs ' der Vergangenheit angehört, weil es der Welt hoch viel zu sagen hat.-— Aber das mag „Abrahams Gott“, mag das Ideal der Alten sein — Eure Lordschaft sollten die Jungen hören! Deutschland hat ihnen nicht, wie in vergangenen Tagen uns Erwachsenen, ein freundliches Gesicht gezeigt; sie sind in der Schule und anderwärts einer immer heftiger werdenden Judengegnerschaft gegenübergestanden. und sie sehen sich um ihre Zukunftsmöglichkeiten hier getäuscht. Alles spräche also elafür, daß nichts sie hier hält, sondern daß sie das täten, was-aber nein, gerade das tun und wollen sie nicht. Der Gedanke einer planmäßigen Aussiedlung ist nur das Resultat eines papiernen Rechenexempels, einer lebensfremden Gedankenanalyse ohne Kenntnis der Seelen, der lebendigen Menschen. Eure Lordschaft sollten diese Jugend kennen, wie ich das reine, alle andern Güter überwiegende Glück .habe, sie zu kennen: Jungens und Mädels, getragen und durchdrungen von den ewigen Werten unserer jüdischen IJibel, gesättigt ganz ebenso mit allem unsterblichen deutschen Kultur- und Geistesgut. und diese Werte aus-- wirkend in der Wirklichkeit ihres Lebens, dieses ganz Jugendfrischen, ganz gesunden, modernen und durchaus deutschen Lehens —keine Macht vermag in ihnen umzuwerfen oder auch nur zu erschüttern das tiefe Heimatgefühl und jene Heimatv'erbunöenheit. die kein. Verzweifeln züläßt, weil sie unbekümmert und unbe-’ schwert arbeitet für den Tag, der kommen muß. Das ist der Tag, an dem ein gesundes, arbeitendes, blühendes Deutschland Platz haben wird für ail.e seine Kinder. So wie das-gesegnete, freie Land Eurer Lordschaft Platz hat für alle, die sich zu ihm rechnen', und