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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-09-01 · 11 (1.9.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
11 (1.9.1933)
Date
1933-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 20 Pf. ffiir beiitfcfteg 3itbeittiim wib relfgibfeit Aufbau Nr. 11 13. Jahrgang Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. ztizflgllch Bestellgeld- Einzelnummer 0,20 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarii. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht-kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schiiitleitun«: George Goctz Berlin, 1. September 1933 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am I. und IS. jedes Monats. — Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1. — Fernruf: FS, Bergmann 3358, 3359. — Bankverbindung: Kreditverein iür Handel und Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 21. — Postscheckkonto: Jüdischliberale Zeitung: Berlin 22764. - . : Die vorliegende Nummer erscheint im verstärkten Umfange von ' 12 Seiten Im Monat September erscheint die,Jüdisch-liberale Zeitung“ (statt wie bisher monatlich zweimal) 4 mal wir Ab 1. Öktöberist die, J.-l.Z “das einzige Blatt deutsch-jüdischer Richtung, das wöchentlich 2 mal erscheint Mahnung an die Führerschaft der deutschen Es bleibt dabei: weil wir an Gott glauben, ist uns unser Leben gewiß. '■ Darüber werden herzhalt lachen alle die „Aufgeklärten“, die einen solchen Satz nicht anders zu begreifen vermögen als im Sinne jenes Köhlerglaubens, dessen sie uns zeihen und von dem wir doch weltenweit entfernt sind: weil wir „fromm“ sind, müsse und werde Gott uns „belohnen“' — o nein. Millionen Fromme, die in solchem Sinne auf Gott „vertrauten“, sind zugrunde gegangen, schon Bibel und Schrifttum der Alten sprechen davon, wir Heutigen haben’s' nicht vergessen, und dennoch sagen wir: Weil wir an Gott glauben, ist uns unser Leben gewiß. . | Darüber werden sich empören alle die Gegner, die einen solchen Satz nicht anders!zu begreifen vermögen denn als Aeußerung jenes von ihnen überall vermuteten „jüdischen Materialismus“: für den Glauben an Gott wollten wir Sicherheit Und Wohlstand des eigenen Lebens einhandeln! — Mögen sie so sprechen, die Gegner'der Religion jenes und die Gegner des Judentums dieses, ja mögen sie sprechen, wie immer und wir an Gott glauben, ist uns unser Leben gewi hinzugefügt: nicht wir sind es, die also sprechen, sind mir Hörer dieses Wortes, sagen’s und tragen’s weiter, was Gott selber, vernehmlich für alle [wie für uns, spricht in der Offenbarung des Geistes und im ,Gang der Geschichte. Wer's nicht hört und nicht glaubt, der kann es nicht wissen; wir aber die es hören und glauben, sind, unsres Lebens gewiß. Kein noch so hartes Schicksal kann uns diese Gewißheit rauben; und unsre schwerste Stunde noch wird uns in der Kraft und in der Freude finden. Denn }all unser Schicksal in guten und bösen Tagen ist Werkzeug} eines Willens, der sich vollenden will in de/ Menschheit und der sich vollendet: .durch uns. Daher denn unsre Gewißheit: wir werden dabei sein, wir werden leben. „ j Wir werden „dabei sein“? Aber das klingt: wir werden's erleben, werden -Zuschauer sein und Mitgenießer des künftigen Heils. So bequem ist’s nicht gemeint, und es wurde schon gesagt, wie es gemeint ist: Werkzeuge sind wir, Hammer und Amboß zugleich, von einem höheren Willen benutzt zur Arbeit, gleicherweise den schmiedenden Hammerschlag zu führen und. zu ertragen. Heute, so ward uns bestimmt,. ist wieder ein Tag, Amboß zu (sein-und nun sei wiederholt, was jetzt nicht mehr köhlerhaft noch materialistisch verstanden werden kann: wer von Gott nichts weiß, in -dem erweckt des. Schicksals Schlag nichts als Stöhnen und Aechzen der -Furcht, des Entsetzens, der} Verzweiflung, treibt ihn zu Flucht aus dem Leben oder doch aus der Wirklichkeit hier in Deutsch- Durch ihre Umstellung auf wöchentliches Erscheinen 2 mal (and; wer.aber an Gott glaubt, der. weiß von der gestaltenden Kraft dieser Schläge, antwortet ihnen, unter Tränen, in allem seelischen Weh und trotz aller materiellen Qual, mit Jauchzen, wird seiner ewigen Berufung eingedenk und spricht das Gebetwort der Väter: Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott und König der ganzen Welt, daß Du mich zum Juden, erschufest; und alle, die Juden sind nicht nach Abstammung sondern nach Bewußtsein, erwidern ihm im Chor: Amen!-- Gottes gestaltender Wille-die Gegner sagen, nach der Auffassung des Judentums ziele dies auf die jüdische Weltherrschaft. Die aber sei jetzt endgültig verhindert worden. Nun, wäre je und je im Gang der Geschichte Herrschen unser Ziel gewesen, in der Tat: wir wären .ihm so fern wie zu allen Zeiten, wären ohnmächtiger als je zuvor. Aber wir greifen das Wort auf: Weltherrschaft des Judentums, nicht der. Juden. Die'Juden sprechen mit einem ihrer modernen Dichter das stolze Wort: „Taugt unser Blut zu mehr' nicht als zu Königen?“ Und sie erinnern sich an die uralte Verheißung bei der Betu^iA^bfthgitsr-.tiyaeMwr^äitTt^.TgyiffeTrKirirot-setm alle Völker der Erde." Weltherrschaft'nicht im Sinne: wir Herren, ihr Knechte; sondern: Herrschaft eines Segens über die Welt, dessen Knechte wir, dessen Empfänger alle Menschen sind. Die Welt will diesen Segen nicht? Sie nahm ihn bereits; denn: seht auf seinen Inhalt und seht auf seine Verwirklichung in der Geschichte! Sein Inhalt ist in unsrer Bibel, die auch , eure Bibel ist. Ihr meint freilich heute, das Alte Testament enthalte Kulturgut eines euch fremden Volkstums. So sollt ihr wissen: was’ euch, Kindern der heutigen Zeit fremd geworden, ist es uns nicht minder, da ja auch wir Kinder des Heute sind. Aber das, was ihr als das Wesentliche des Alten Testamentes mit hinüber,.nahmt, ist nicht weniger jüdisch als das, was ihr ab-, streifen wollt; und überdies ist es auch das uns Wesentliche, weil es.das allgemein Menschliche und Ewige ist: die aus der- Gotteserkenntnis herfließende Liebe; die in der Liebe durchbrechende Gotteserkenntnis. Und ist nicht auch eben dieses der Inhalt eures Neuen Testamentes, das, ganz wie das Alte, in Judäa spielt, von Juden geschrieben ist und jüdisches Leben, vergangener Tage abschildert? Die Nebendinge sind jüdisch; ihr mögt sie abtun. Aber auch die Hauptdinge sind jüdisch; denen könnt und wollt ihr euch nicht entziehn. Und so mögt ihr von uns denken und tun, wie ihr wollt: was ihr in den Jahren 1806 bis 1813 und 1918 bis 1933: erführet,-.als äußere Demütigung euch zu neuer Kraft wachsen ließ — wir erfuhren's m i t euch — aber wir erfuhren es auch Jahrhunderte Und Jahrtausende zuvor: daß im Völkerleben — einem Naturgesetze gleich — Leid Kraft wachsen läßt, die’zum Segen wird. Sind wir also zur Ohnmacht verurteilt, so wird sich auch an uns — und nicht zum ersten Mal in der Geschichte — bewähren dieses Gesetz von der geistigen Sieghaftigkeit - und. segenbringenden Macht der Ohnmacht bietet die „Jüdisch-liberale Zeitung" erhöhte Aktualität und größte Vielseitigkeit. Trotz mehr als vervierfachter Leistung stellt sich der Bezugspreis abl.Oktoberl933 auf nur RM 1^33 monatlich zuzüglich Post'Bestellgebühr. Wer die „Jüdisch -liberale Zeitung" liest. schöpft aus ihr Glauben/ Zuversicht und ' den alten Optimismus des Judentums. Diese vieltausendjährige Erfahrung aber läßt uns nicht nur in unbestimmter Weise Vertrauen fassen. Hoffnung schöpfen; nein, sie zeigt uns auch einen klaren Weg. Zeigt uns, daß — soll Geist des. Judentums seine segenvolle messianische Bestimmung erfüllen — wir eben nicht das tun dürfen, was man uns fälschlich vorwirft zu tun, nämlich: als Juden oder gar als jüdische Gemeinschaft irdische Macht zu erstreben. Nicht über die Andern und nicht einmal für uns selbst — als Juden. Es ist nötig, dies ganz deutlich auszusprechen. Der einzelne Jude, wie der einzelne Mensch, sucht die Sicherheit seines Daseins bei irdischen Mächten. Keinen Augenblick soll verkannt und unterschätzt werden, wie unentbehrlich all die Leistungen sind, die auf dem Gebiete praktischer jüdischer Aufbauarbeit heute vollbracht werden. Aber alle jüdische Hilfeleistung. Akademikerversorgung, Künstlerhilfe: Mittelstandswerk, Berufsumschichtung. Siedlung und alles andere ist doch nur möglich auf dem Boden innerer und äußerer Orientierung. Die innere muß vorausgehen. Deshalb müssen wir unser Schicksal, soll es jüdisches Schicksal sein, zu allererst wieder an das Ewige und Unvergängliche knüpfen, dürfen nicht uns, wie an unsere letzte Hoffnung, an eine Stütze halten, die rein irdisch ist, voller Fehler und Unzulänglichkeiten und schließlich doch: vergänglich. Um des ewigen Judentums willen und seiner Mission unter Völkern und Menschen geschieht es, mit dem weitesten Blick auf die Jahrtausende vor uns und nach uns, was Viele meinen, es geschähe aus. kurzsichtiger Freude an innerjüdischen Kämpfen: daß wir eine Bewegung als unjüdisch und widerjüdisch bekämpfen. die das Judentum irdisch gestalten und an irdische Mächte binden will. Der Zionismus würde uns zu einem Volk Juden. In den vergangenen Monaten einer schicksalhaften Entwicklung hat die deutsche ’Judenheit schwer’ daran getragen, daß ihre erwählten Vertreter eine klare, zielbewußte Führung vermissen ließen. Dieses Fehlen einer einheitlichen Führung wiegt um so schwerer, als in den letzten Tagen der -Prager Zionistenkongreß die Lage der .deutschen Juden zum Gegenstand seiner Beratungen und Beschlüsse gemacht hat. Der Kongreß dauert zur Zeit noch an; wir berichten darüber im Innern des Blattes und werden -nach seiner Beendigung über seinen Verlauf und seine Beschlüsse ein abschließendes Wort sagen. Darüber hinaus aber erklären wir, daß die Berichterstattung in der Presse nicht genügen kann, um den Standpunkt der deutschen Judcnheit zu präzisieren. Zuschriften aus allen Teilen des Reiches zeigenuns, daß von den maßgebenden Stellen der deutschen jüdischen Führern zur Kenntnis zu bringen, und ihr zugleich öffentlich Ausdruck zu geben. Die Zionisten haben mit der. Erschließung Palästinas für auswandernde Glaubensgenossen dankenswerte Arbeit geleistet, die-auch manchen deutschen Juden zugute kommt und daher gern, anerkannt wird. Wir Nlchtzio- - nisten werden uns in dieses Arbeitsgebiet nicht einmischen. Aber wir Verlangen auch, daß die Zionisten und ihr Kongreß sich der Einmischung in die Fragen enthalten, von denen Existenz, Freiheit und Ehre derjenigen Juden abhängt, denen Deutschland Heimat .ist und bleibt. Seit Generationen hier seßhaft, fühlen wir uns auch für alle Zukunft mit Deutschland verbunden und wünschen, als Deutsche unsere politische Stellung in Deutschland ausschließlich mit dem deutschen Volk und seinen berufenen Führern zu regeln. Der Kongreß hat kein Recht, im Namen der deutschen Juden zu sprechen, und auch für die Gesamtjudenheit kann er ' keine Erklärungen abgeben, da in allen Ländern der Erde die Zionisten nur eine Minderheit unter den Juden darstellen. . Von den maßgebenden Körperschaften der deutschen Jüdenheit muß erwartet werden, daß sie sich endlich . ermannen und iii dem hier gekennzeichneten Sinne die Geschicke der deutschen Juden selbst in die Hand nehmen. i . i-!-;• unter den Völkern machen, gestützt auf die Parteien des Lan- . des Palästina, auf die Garantien der Großmächte .-wie lange mögen sie, da alles stürzt, großmächtig bleiben? Wie lange, da Interessen sich wandeln, uns wohlgesinnt? Und würde nicht ein neues jüdisches Volk dereinst vergehen wfe das üte und wie alle Völker? . Nein; als Juden vertrauen wir auf den Geist, und Juden des Geistes werden wir bleiben, was immer sonst wir werden mögen ini Gange der Geschichte. Was unsere Enkel und Urenkel sonst sein und wo sie leben werden,’ wir wissen es nicht, aber Juden werden sie sein, oder sie sind nicht inTsere Enke, und Urenkel, sind, selber geschichtslos, eingetan in die Geschichte der Völker, unter denen dann sie leben. Leben sie als Juden, so sind sie beides, wie wir beid.es sind: Träger des Judentums von der Urzeit bis in . messianische Ferne und Glieder des deutschen Volkes, in dessen Boden wir wachsen, weben und leben so. Wie auch der Christ sein ewig Teil aut Gott gründet, dieses göttverbundene Leben aber einverwoben weiß-in das Leben seines Volkes. Gewiß sind Volk und Volkstum, wie dies beute von deutsch-christlicher Seite mit Nachdruck betont wird, von Gott gesetzte Ordnungen, Gott schuf dieses deutsche Volk, aber —.das ist es. was wir aus unsrer heiligen religiösen Gewißheit liinzufügeiu. — er stellte auch uns darein, machte uns zu Deutschen. dleV national und kulturell, nichts anderes sein wollen, weil sie nichts anderes sein können als Deutsche. Gott schuf die Völker, aber er schuf auch die Menschen, die verschiedenen Völker'mit den verschiedenen Menschen darin — * — Gotteskinder sind wir allzumal. So ist es Verkündigung der jüdischen Religion, daß „alle Anteil haben am ewigen Leben“, aber wahrlich auch.alle ihr irdisch Lebensrecht - Daher gehört es mit unter die Aufgaben, des Judentums, das

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