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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-08-15 · 10 (15.8.1933) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
10 (15.8.1933)
Date
1933-08-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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fy?r-' ►,■ cr.iv...'.imjiuwiti i »}i'ir’"iuDi^.,|.'<*vy?^TT Parallelen? Von Stadtrabbiner Dr. Saal Stieget, Stuttgart Der neue deutsche Staat hat durch Einführung des. Rassengrundsatzes den Juden die Gleichberechtigung als vollwertige Deutsche genommen. Die deutschen Juden aber fühlen sich: religiös als Juden, national als Deutsche, d. b. als jüdische Deutsche, wie es evangelische und katholische Deutsche gibt — Immer wieder nun taucht die Meinung auf, unser Verlangen nach Anerkennung als gleichberechtigte Deutsche im Totalstaate sei undurchführbar und aussichtslos. Die In dem nachfolgenden Aufsatz geschilderte Entwicklung, der ungarischen Verhältnisse scheint geeignet, eine derartige Meinung zu entkräften und neue Hoffnung zu erwecken. Sehr Ift lei tung. Die katastrophale Umwandlung in den Verhältnissen der ‘ Juden in, Deutschland mag es erklären, daß hier die in den letzten Wochen eingetretene bedeutsame. Wendung der Lage der Juden in Ungarn kaum beachtet worden ist Der schroffe Antisemitismus des letzten Jahrzehnts hat dort einer ruhigeren Behandlung der Judenfrage weichen müssen. Der derzeitige ungarische Ministerpräsident Julius von Gömbös, der noch vor wenigen Jahren ein leidenschaftlicher Judengegner war, hat bei der Amtsübernahme in einer Regierungserklärung vor einundeinhalb Jahren offen gestanden: „Ich habe meinen Standpunkt revidiert.“ Als anläßlich der Vorgänge in Deutschland Schichten der ungarischen Gesellschaft versuchten, den Ministerpräsidenten wieder in die alten Gedankengänge zurückzuführen, erklärte er öffentlich: „Wir Ungarn haben Erfahrungen in mehr als einem Jahrzehnt gemacht. Wir lassen uns durch die derzeitigen Vorgänge in einem anderen Lande nicht auf einen anderen Weg drängen, fn dieser Zeit schwerer Not kann ich keine Spaltung des ungarischen Volkes durch das Aufwerfen von Fragen der Religion oder der Rasse dulden. Denn ich brauche für den Wiederaufbau des Vaterlandes alle nationalen Kräfte.“ ln Ungarn war die Revolution im’-Oktober 1918 ausgebrochen, die dann in die Ausrufung der Republik endete. Die bis dahin gefangenen Kommunistenführer ergriffen die Zügel der Regierung, und, obwohl unter ihnen zwei Juden waren, Bela Kun und Tibor Szamuely, wandte sich die revolutionäre Regierung mit besonderer Leidenschaftlichkeit gegen die Juden, Inzwischen bildete sich eine radikalnatioiialistische. Gegenregierung unter Admiral Horthy. Am 5. August 1920 wurde die Räteregierung aufgelöst. Szamuely beging Selbstmord. Bela Kun flüchtete. Für die Juden bedeutete aber die Wendung keine Besserung, da die neue Regierung no.ch judenfeindlicher als ihre Vorgängerin auftrat. Man beschuldigte die Juden des Pazifismus, obwohl gerade Wilhelm Vazsonyi, ein Jude, von 1917 bis 1918 ungarischer Kriegsminister gewesen und den Pazifismus erbittert bekämpft hatte. Man beschuldigte sie ebenso des Bolschewismus, obwohl gerade die Juden unter der Räteregierung am schwersten gelitten. Die von Horthy gebildete Nationalarmee und . mit; ihr die „Erwachenden Ungarn“ und die „Rassenschützler“ in ihren halbmilitärischen Verbänden bekämpften Juden und Judenstämmlinge durch Boykott, Schließung von Geschäften, Requisitionen und schließlich durch den numerus clausus. Jüdische Professoren wurden fristlos ohne Ruhegehalt entlassen, jüdische Akademiker in der Ausübung ihres Berufes gehindert, jüdische Beamte ohne weiteres aus ihren Beamtungen entfernt Erklärungen der außerungarischen jüdischen Verbände blieben wirkungslos. In unerschütterlichem Patriotismus lehnten die ungarischen Juden selbst jeden Eingriff des Auslandes entschieden ab. Der Völkerbundsrat empfahl der Regierung mindestens die Abschaffung des numerus clausus für die Juden. Es blieb bei theoretischen Auseinandersetzungen. Inzwischen hatte man sich aber in Ungarn von der Unfruchtbarkeit des Antisemitismus selbst überzeugt. Vor allem General Gömböj mahnte zur Mäßigung. An dieser Umwandlung hatten vor allen Dingen die jüdischen Frontsoldaten mitgewirkt, die immer wieder Einspruch gegen die Zurücksetzung der ungarischen Juden erhoben und auch in den Zeiten schlimmster Verfolgung' und Zurücksetzung in ihrem vaterländischen Verhalten nicht irre geworden waren. 1926 wurde bei den Wahlen zum Parlament'die radikale Antisemitenpartei geschlagen. Die gemäßigte Grupp'e unter Gömbös' siegte. Allerdings erklärte dieser in seiner Antrittsrede als Landesverteidigungsminister, daß alle iudenfeindlichen Maßnahmen der Regierung grundsätzlich beibehalten werden sollten, aber vor den jüdischen Mitkämpfern des Weltkrieges Halt machen müßten. 1928 wurde der numerus clausus insofern abgeändert, als die Berufskategorien der Eltern zur Grundlage aller. Verordnungen über die Zulassung zu den höheren Schulen gemacht wurden! In demselben Jahre wurde der ungarischen Judenheit durch ein besonderes Gesetz eine Vertretung im Oberhause zugestanden.. Ein Jahr später wurden jüdische Verlangen. Sie ausdrücklich Gummischwänune Gununisauger - Wäimflaschen g. - Haushaft- Handscliube Sieselbst haben dadurch Vorteil el Abiturienten mit dem Prüfungszeugnis „Vorzüglich" uneingeschränkt zum Studium zugelassen. Anfang April 1933 wurde sdann der numerus clausus endgültig aufgehoben. Im Mai’ schlossen sich alle nationalen Verbände Ungarns zu einem Bund der nationalen Vereine unter der diktatorischen Führung des Ministerpräsidenten Gömbös zusammen.- In die Satzung des neuen Bundes wurde die Bestimmung aufgenommen, daß jedem Bürger kiichtuiigarischer Herkunft, der die nationalen Ziele des Bundes billigt und fördert, der Beitritt freisteht. Damit war ein erster entscheidender Schritt zur gesellschaft- . liehen Befriedung und Verständigung zwischen den bisherigen Gegnern getan. Besonders bedeutsam ist die Auswirkung der judenieindlichen Bewegung auf die inneren Verhältnisse der Juden Ungarns gewesen. Im Anfang der Verfolgung setzte eine rasende Flucht aus dem Judentum ein. In einem Jahre ließen sich in Budapest an 6000 Juden taufen. Nur langsam überwanden die Juden diese Katastrophenzeit und begannen, sich wieder stolz zu ihrer Schicksalsgemeinschaft zurückzufinden. Mit ihrer Verarmung wuchsen Opfermut und Gebefreudigkeit. Jüdische Schulen entstanden. Soziale und *wirtschaftliche Aktionen verhüteten den allgemeinen Ruin. Nach zwölf Jahren schwerer Demütigungen und harter Kämpfe steht das ungarische Judentum gefestigt da. Die halbe Million ungarischer Juden inmitten einer Gesamtbevölkerung von etwa 8,5 Millionen hat ihre alte Festigkeit'wiedergewonnen. Das Land hat sich in langsamer Arbeit aus drückender Wirtschaftsnot stetig emporgearbeitet, und seine Juden leisten wertvolle Mitarbeit am Wiederaufbau ihres Vaterlandes. Jadlowker, Professor am Letiländischen Staaiskonservatorium. Kammersänger Hermann Jadlowker, der nach einer mehrjährigen erfolgreichen Wirksamkeit au der Berliner und der Wiener Staatsoper, sowie der Metropolitan Opera in-New York vor einigen Jahren das Amt eines Oberkantors der Jüdischen Gemeinde in Riga: angenommen hat. ist nun zum Leiter der Gesangsklasse' des lettländischen Staatskonservatoriums mit dem Titel Professor ernannt worden. Professor Michael Gaitmann nach Budapest berufend Der Dozent am Breslauer Theologischen Seminar, Seminarrabbiner Professor Michael Guttmann, wurde als Rektor an das Landesrabbinerseminar in Budapest berufen. Professor Guttmann, dem die ungarische Regierung aus diesem Anlaß den Titel Hofrat verliehen hat, ist bereits nach Budapest abgereist. Sein Scheiden wird vom Breslauer Seminar als schwerer Verlust empfunden. Ein jüdisches Mitglied des indischen Parlaments. Meyer Nissim, ein Jude, ist zum Mitglied der Gesetzgebenden Körperschaft in Bombay ernannt worden. Meyer- Nissim hat sich um das Gemeindewesen in Bombay, sehr verdient gemacht und wurde 1929 zum Bürgermeister und Magistratspräsidenten gewählt Dem indischen Parlament-gehörten bisher als Juden Sir Sassoon J. David und Sir Victor Sassoon an. Fristlose Entlassung von Angestellten wegen Zugehörigkeit zum Judentum unzulässig. Das Arbeitsgericht hat der Klage einer wegen jüdischer Abstammung fristlos entlassenen Angestellten eines chemischpharmazeutischen Instituts auf Einhaltung der vereinbarten Kündigungsfrist von vier Wochen mit der Begründung stattgegeben, daß die von der Regierung bloß geduldete, nicht aber auf Grund gesetzlicher Bestimmungen durchgeführte Boykottbewegung fristlose Entlassung jüdischer' Angestellter nicht begründen könne. Arierparagraph auch im Werbefach. Die - nationalsozialistische Reichsfachschaft Deutscher Werbefachleute teilt mit, daß sich alle deutschen Werbefachleute bei ihr zu melden haben. Es werden Mitglieder der NSDAP und Parteifreunde deutschen Bluts aufgenommen, soweit sie den beruflichen Anforderungen genügen, die in Zukunft an den deutschen Werbefachmann gestellt werden müssen. Fremdrassigen wird das Betreten fränkisdier Ortschaften verboten. Wie die vom Reichstagsabgeordneten Julius Streicher herausgegebene „Fränkische Tageszeitung“ meldet, hat der Gemeinderat von Oberroßbach, Bezirksamt Neustadt a. d. Aisch, folgende vom Bürgermeister Löw gezeichnete Bekanntmachung veröffentlicht: „Es wird hiermit zur Kenntnis gebracht, daß Fremdrassige die Ortschaften Oberroßbach, Unterroßbach und Rimbach nicht mehr zu betreten haben. es sei denn, sie haben die Genehmigung des Unterzeichneten. . Die Gemeinde wird sich bei Uebertretung dieses Beschlusses zu schützen wissen.“ Handel mit Juden untersagt. Die „Fränkische Tageszeitung“ berichtet aus Debemdorf, daß der dortige Gemeinderat einsb'mmig beschlossen habe, der gesamten Gemeinde öffentlich bekanntzugeben, daß der Handel mit Juden untersagt ist. . Was die 1. L.Z -CHRONIK diesmal zu berichten weiß: Vom wahren Glückt — Hoch in den bayrischen Bergen steht ein Häuslein.'schmuck und sauber, und drinnen waltet die. züchtige Hausfrau. Es sei verraten, daß die Frau Jüdin ist und das Häuslein ein Frumdehheim. Viele Gäste beherbergt es. Frohsinn herrscht in seinen Wänden, und alles das leitet.- ordnet, beaufsichtigt eine Frau, die früher ....... und somit wären wir beim Thema angelangt. . _ . , Wir alle kennen das Lied von der unverstandenen Frau und wissen recht gut, daß die SchuliLdcs Uuverstandenseius recht oft bei ihr selbst liegt. Leben doch gerade in den Großstädten zahlreiche'weibliche Wesen, die es wundersam verstellen, dem Herrgott die Zeit zu stehlen. Pflichten nicht kennen. und deren Tage von gähnender Langeweile erfüllt sind. Da sie wissen, daß ihre Männer Geld verdienen, alle' ihre Wünsche erfüllen, viel Dienstpersonal sich um sie bemüht, so entfremden sie sich dem rauhen, harten Leben, bauen in sich -eine wirklichkeitsfremde Welt, auf, beginnen ihre Umgebung ' mit eingebildeten Leiden zu quälen und sind mit einem Worte — unverstanden. — Solch eine Frau war die, von der hier die Rede ist. Jlcr Mann gut verdienender jüdischer Arzt, drei Dienstboten, für sie selbst kein Aufgabenkreis, so bestand ihr Leben aus dem üblichen mondänen Getriebe, und dieses „far niente“ war nicht einujal „dolce“, dieses Nichtstun nicht süß. da es sie mit vehementer Gewalt -täglich mehr in die Rolle der unverstandenen Frau hineindrängte. Bis der politische Umschwung kann Der Mann verlor die ärztliche Praxis, die Frau stand fassungslos dem Geschehen gegenüber, das Leben beider erschien ein Trümmerhaufen. In diesem Augenblick jedoch geschah Seltsames. Die Frau erinnerte sich ihres kleinen Sommertiäuschens in Bayerns Bergen, das der Gatte ihr einst mitsamt einer schmucken Inneneinrichtung geschenkt hatte. Sie bewegt den Mann, mit ihr das ländliche Heim aufzusuchen, sie verwandelt es in cin Hotel en miniature, versteht es, Gäste heranzuzfehen. arbeitet von früh bis spät in die Nacht hinein, aus den drei Dienstboten ist eine einzige ländliche Magd geworden, und wip Schlacken fällt alles das von ihr ab, was ihrem früheren Drohnenleben Inhalt war. Was hier zu beweisen ist? Daß ein elementares Erlebnis es vermag, einen Menschen von Grund auf. zu verwandeln. Daß seine Wucht nicht niedcrdrttckcn muß. sondern im Gegenteil den Betroffenen 'aufrichten und über sich hinaus wachsen lassen kann. Wie diese jüdische Frau zu sich selbst, zum Menschtum zurückfand, so werden um und neben,uns sicherlich viele lebem die. einst satt und untätig, nun mit zusammengebissenen Zähnen darangehen, ein Glück, das sie in Zeiten des Wohlstandes nie.besessen haben, zu suchen und es, mit beiden Beinen fest im Leben stehend, in ehrlicher, wertschatfender Arbeit auch zu finden. ' Hanns Loewenstein. Juden dürfen die Nürnberger Schwimmbäder . nicht beaudien. - - Als erste größere Stadt hat — wie das VdZ-BUro meldet — Nürnberg angeprdnet,- daß Judenr-der Zutritt zu den Schwimmbädern der sämtlichen städtischen Badeanstalten verboten ist. Auf die Wannen- und Brausebäder ■ erstreckt sich das Verbot nicht. Badeverbot für Juden in Erlangen. Der Bürgermeister von Erlangen A. Groß hat folgende Kundmachung erlassen: „Das.städtische ROtbelheimbad ist bis- - her im wesentlichen von dem Besuch von Juden verschont geblieben, so daß sich ein Verbot des Betretens’ des Badegeländes durch Juden erübrigte. Da aber nunmehr in Nürnberg und anderwärts den Juden der Zutritt zu .Bädern verboten wurde, ist zu befürchten, daß aus der Umgebung in das Röthelheimbad Juden kommen. Ich Ordne deshalb „an: Zur— Aufrechterhaltuug der Ruhe und Ordnung ist Juden der Zutritt zürn Rötltelheimbad mit sofortiger - Wirkung verboten." Verkaufsstellen in allen Stadtteilen Berlins rl». Lassen Sie sich über Ihre SOMMERREISE von uns beraten! Sie erhalten bei uns Fahrkarten nach allen Ländern zu amtlichen Preisen ohne Aufschlag. Wir besorgen Ihnen das Einreisevisum! REISEBÜRO FÜR POLEN BERLIN W 62, Kleisfstra^e 6 (am Nollendorfplafz] Telefon: B 5 Barbarossa 2674 - Banoescuail Beroer & Co I Charlottenburjr 4, Kantstr. 64 I «. Telefon C I SteiapUtz 7811 ■ Alteste« Spezialgeschäft für Vohnangs. teilenden, Fasuwleo. Nutzbarmachung v. Villen, Geschäftsräumen etc. Günstigste Zahlungsbedingungen.' * rGEBR HERTLING —j Internationale Spedition o. 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