Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 9 (1.8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Jahrgang Nummer 9 3üöij<f)-libetale äeUtutg 1. Beilage 1. August 1933 „Erneuere unsere Tage!“ Zu diesem Tiscko b’Aw. Von Rabbiner Dr. Benno Gottschalk, Köln a. Rh. Brich aus in düstre Klagen, du dumpies Märtyrerlied, das ich so lang getragen - im flammenstillen Gemüt ' . Es dringt durch alle Ohren und durch die Ohren ins Herz. Ich habe gewaltig beschworen den tausendjährigen Schmerz.“ So begleitete einst Heine die Uebersendung eines Exemplars des „Rabbi von Bacharach“, jener klassischen Schilderung der Ritualmordlüge; so aber kann man auch' das Motto des Neunten Ab in Verse kleiden. Immer wieder seufzt und singt er die Judentragödie, die sich viermal — 586 v„ 70 n., 135 und 1492 — gerade am Neunten Ab zugetragen hat. Aber es hat auch in der Neuzeit einen Neunten Ab gegeben, und an .ihn werden wir deutschen Juden zumal in diesem Jahre besonders denken: der 9. Ab 1914, das war der 31. Juli, der Tag der Mobilmachung. Da mischte sich die Trauermelodie des Neunten Ab mit der Erschütterung über den. ausgebrochenen Krieg. Aber nicht einer freilich hat damals geahnt, geglaubt, daß diesem 9. Ab 1914 ein 9. Ab 1933 folgen würde, wie wir ihn in diesem Jahr begehen müssen. War es damals eine Erschütterung durch den Krieg, so ist es jetzt eine Erschütterung durch den Frieden, eine Erschütterung über die Folgen. starrkalter Doktrinen. Es kann .nicht sein und es darf: gar nicht sein; daß ein solcher Tag, der an Wendepunkte unserer Geschichte erinnert, nicht hinwegstürmte über alle Sachlichkeit, die zum Verhandeln und Aufbauen nötig ist; daß er nicht einen einzigen gewaltigen Schrei in das Vaterland hinausriefe, nicht' den „tausendjährigen Schmerz“ gewaltig, gewaltig auflodern ließe. Es kann nicht sein und es darf nicht sein, daß wenn kein anderer im Land oder fast keiner die Stimme für uns erhebt, wir nicht selbst im Namen der Religion die Frage erheben: Kann das Dogma richtig sein,' das eine halbe Million Menschen in ihren heiligsten Gefühlen nicht anerkennt? Kann es richtig sein, gleichzeitig zu stärkstem Aufbau jeden zu' rufen, aber die Arme, die Kraft, den Geist einer halben Million Menschen, die dazu in voller Ehrlichkeit, in ganzer Liebe zur Verfügung stehn, so wenig zu beachten? 'Kann es richtig sein, eine halbe Million deutscher Menschen nicht etwa allmählich, nein von heut auf -morgen ,-der Existenz zu be-, rauben, ihre Jugend vor ein Nichts zu stellen? Kann es richtig sein, mit dem Prozentmaß Lebensglück und Lebensfreudigkeit austeilen zu wollen? Um den letzten Deutschen in der Welt kümmert man sich jetzt — mit Recht, aber die Stimmen einer halben Million Deutscher im eignen Land dürfen nur leise klingen oder müssen ganz schweigen. Kann dies alles richtig sein,' — sollen wir nicht vielmehr eine Regierung der Religion, wie die unsrige es ist, im Namen der Religion gerade ganz laut fragen: Deutschland, was haben wir dir getan, daß du so mit uns umgehst? Deutschland, bist du so reich, so stark, daß du eine* halbe Million deiner Kinder wegstoßen oder als Bürger minderen Ranges bezeichnen darfst? Deutschland, du kannst ja doch unsre.Gefühle nicht ausrotten, durch tausend Gesetze nicht, Deutschland, wir rufen dich, Deutschland, wir haben nur dich — kann .es richtig sein, daß du dazu schweigst? Zwei große Religionen erhielten ihr Recht, und die Religion einer halben Million Menschen? Ist sie dieses Rechtes nicht würdig? Wir wollen nicht bloß das Recht auf Brot, das Recht auf Deutschland will — unsere Religion. Denn Religion und Patriotismus — ich schrieb es vor Jahren — sie stehen sich unendlich nah. Der wahre Patriotismus,- er ist Religion, denn wie sie rührt auch er an ein Urgefühl der menschlichen Seele, ein _Urgeheimnis, das niemand entschleiert, das unser Glück \jst, unsere Tragödie, unser Schicksal, - unser Leben, unser Tod. , Ja, im Namen der Religion flehn wir um Glück für unser Land, in jedem unserer Gottesdienste segnen wir es, ihm gilt unser Jubel, ihm unser Heimweh, wo immer wir seien — kann eine Doktrin richtig sein, die so viel seelische Werte nicht anerkennt, die Stimme des Blutes leugnet um der Lehr e des Blutes willen? Bisher stand eure Lehre im Feuer der Theorien, jetzt steht sie in nackter Wirklichkeit da, und wir fragen nicht die politische, wir fragen die religiöse Regierung: Kann die Doktrin richtig sein, die selbst unschuldige Kinder und sogar" Blinde in den Streit mit hmeinschlefldert? Wir fragen und werden so lange fragen, bis die deutschreligiöse Antwort ertönt: „Da wo dir Gottes Sonne zuerst schien, da ist dein Vaterland.“ 9. Ab 1914 — 9. Ab 1933, ein fürchterlicher Gegensatz, der sich in unsere Geschichte einprägen wird. Und doch sind die „Klagelieder Jeremiae“, die für diesen Tag bestimmt sind, keineswegs ein einziger Verzweiflungsausbruch. Immer wieder leuchtet der Glaube an .die Zukunft hindurch. „Mein Teil ist Gott, spricht meine Seele,.darum will ich auf ihn hoffen.“ „Wohl dem, der das Joch in seiner Jugend trägt.“ Und vor allem die innige Bitte am Schluß, die in die Liturgie übergegangen ist und so bezeichnend ist für jüdischen Geist, da sie im tiefsten Elend gesprochen wird: „Führe uns zu Dir_ zurück, o Ewiger, wir wollen zurückkehren. Erneuere unsere Tage wie ehedem.“ Wie ehedem — was das in politisch-seelischem Sinn für den deutschen Juden besagt, haben wir ausgeführt. Aber im jüdisch-seelischem Sinn, was besagt es da? Daß wir bei allen so dringend wichtigen Berufserörterungen denn doch nicht zti einer Flucht aus dem Geist gelangen dürfen. Es scheint wirklich nötig, das schon auszusprechen, wirklich nötig, daran zu erinnern, daß wir immer nur die Verbindung von Bildung und Arbeit „schön“ gefunden haben. Mag schon, sein, daß unter den „vielen“ Intellektuellen, die man uns jetzt plötzlich vorhält, so mancher,- ein Intellektueller, ohne Intellekt, in einen anderen Beruf eher hineingehört hätte. Aber daß wir nun selbst noch in das Geschrei: Flucht aus dem Geist, alles zur Scholle, alles zum Handwerk — einstimmen sollen, das wäre nicht nur Uebertreibung, es' wäre einfach Revolution gegen unser ureigenstes Wesen. Wir sind nun einmal das „Volk des Buches“, das Volk des Geistes in erster Reihe. Und wenn wir alle Stürme bis heut überdauert haben, dann nicht zuletzt aus diesem Grunde. Im Geist leben, heißt in der Idee leben, und eine Minorität wie wir braucht ganz „Mein-stärkstes. jüdisches Erlebnis. “ In der Nr. 22 vom 15. Februar 7933 begannen wir die Serie „Mein stärkstes jüdisches Erlebnis". Diese Artikelfolge, begonnen zu einer Zeit, da die großen, für uns so schicksalschweren Ereignisse einsetzten, hat bei unserer Leserschaft den allergrößten Anklang gefunden. „Mein stärkstes jüdisdies Erlebnis" — das soll zeigen, wie stark die Verfasser von der Wucht des .geschilderten Ereignisses gepackt wurden und wie elementar dadurch jüdisches Empfinden in ihnen zum Durchbruch kam. Die Aufsatzreihe „Mein stärkstes jüdisches Erlebnis" wird in den nächsten Nummern der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ fortgesetzt werden. vorzugsweise die Luft der Idee, die Krait der Idee. Wir brauchen die Hingabe an ewige Güter, damit wir unseren ewigen Bestand sichern können. Das'ist keine Ueberschätzung des Geistes, keine Unterschätzung der anderen Arbeit. Das ist die Erkenntnis jüdischer Wirklichkeit. Nur keine Rassen- und keine Berufspsychose, nur keine Gleichschaltung um jeden Preis. Wir dürfen nicht körperlich und erst recht nicht geistig vergreisen,- wir brauchen in Deutschland neben allem anderen auch die Siedlungen der Thora, die Siedlungen des Geistes und — die Menschen dazu. Und nicht zuletzt des Ur-üeistes. der Religion. Vor vier Jahren wurde hier vorgeschlagcn. den Neunten Ab als „Freudenfest der Emanzipation" zu begehen. Wer hätte heut den Mut dazu — aber ein Tag des Treugelöbnisses soll unser Neunter Ab sein, damit das Fest der Emanzipation hinterher folgen kann. Wir sehen.uns plötzlich von einer Fülle von Propheten umgeben. Jeder hat. „Gesichte“, nur fehlt ihnen fast immer das Prophetische. Kein Neunter Ab ohne das Gedenken an Jeretuia. .sc in Bild muß erstehen,, wenn man diese Zeit überdauern will, sein Leiden, sein Kämpfen, sein Siegen. Nichts war, falsch, was wir von der Mission Israels unter den Völkern gesagt, kein Wort nehmen wir davon zurück. Alles sehen wir vielmehr bestätigt. Falsch sind nur jetzt wie immer die „Propheten", die .ohne Kampfwillen, ohne Zukunftsglaubcn. ohne Siegertrotz jüdische „Werte“ schaffen möchten. Weg von ihnen, sie sind; die wahren Unjugendlichen, von denen man jetzt so viel spricht. Der Neunte Ab, er beschwört „tausendjährigen Schmerz“, er rückt die Gegenwart ins Licht der Geschichte, aber er Uberströmt uns auch abermals . mit der Kraft von Jahrtausenden, der Kraft aller Dulder. - Aus ihren Gräbern steigen sie herauf, von Scheiterhaufen grüßen sie lachend, breiten die Hände und segnen uns. Wir hören euch alle, wir sehen euch, ihr Ahnen — „erneuert unsere Tage wie ehedem!“ Die Juden und der antideutsche. Boykott. Wie aus der Tagespresse bekannt und wie auch wir an anderer Stelle dieses Blattes kurz melden, haben sich die Reichsvertretung der deutschen Juden und die Berliner Jüdische Gemeinde gegen die antideutschen Boykottbestrebungen gewandt. die in Verbindung mit der geplanten Jüdischen' Weltwirtschaftskonferenz sich in -England geltend machten. Bekanntlich hat der Einspruch Erfolg gehabt, denn die Konferenz ist abgesagt.worden.. Dagegen hat am 23. Juli eine Tagung 'von Körperschaften der Juden des Britischen Weltreiches stattgefunden und, wie das B. T. und einige andere. Blätter melden, über .einen Boykottbeschluß gegen deutsche Güter und Dienste .beraten. Ein ' - antideutscher Boykott Ist nach dem Ergebnis dieser Ver- . -. saaualuDgmit UberwUtlgeiidar-M*fcrbetV nhmUcb mlt- . HO gegen 27 Stimmen abgelehnt worden. ' Nach der ganzen Haftung, die die deutschen Juden, und mit ihnen die „Jüdisch-liberale Zeitung“, in der Boykott-Frage einnehmen, brauchen wir nicht erst besonders zu betonen, wie sehr dieses Ergebnis zu begrüßen ist Die britischen Juden haben, keinerlei Verpflichtung gegenüber Deutschland, vielmehr sehen sie in ihm als Engländer den wirtschaftlichen Konkurrenten und als Juden das Land der offlz!e!len_Judengegnerschaft. Wenn trotzdem nur 27- Stimmen sich für den Boykott ausspraclien, so ist dies ein Zeichen vernünftiger und friedvoller Gesinnung. Wie die Frage des antideutschen Boykotts für uns deutsche Juden aussieht, darüber mag, statt langer Abhandlungen und statt Wiederholung von früher Gesagtem, eine Mitteilung aus Amsterdam Aufschluß geben. Das bekannte Amsterdamer Blatt „Teiegraaf“ hat sich an den Präsidenten des Weltbundes der gesetzestreuen Juden. Jakob Ro.setiheim (Frankfurt a. M.). gewandt, um dessen 'Stellungnahme zu erhalten. - Rosenheim wandte sich gegen den Im. Ausland durch die Labour Party von bestimmten wirtschaftlichen Interessenten' und auch von lüdlscher Seite propagierten antideutscheil Boykott. Dieser Boykott, erklärte er, sei ein Verbrechen gegen die Menschheit, denn In seinen Folgen bedeute, er eine regelrechte Kriegserklärung an Deutschland, das sich allerdings dadurch nicht elnschücbtern lassen werde. . Eine solche Politik könne zu den ernstesten Verwicklungen führen. Die deutschen Juden protestierten daher apf das schärfste gegen die unverantwortlichen Treibereien ausländischer Juden, die sich als politischje QlUcksspieler betätigten, jedoch den deutschen Juden in Wahrheit niejit belfert könnten. ~ . j Reisebüro Atlantic Expreß (Palestine u. Orient Lloyd) Berlin N 24, Friedridistr. 121 (Oranienburger Tor) Telefon: D 1 Norden 2455 u. 2454 Vertretung der wichtigsten Schiffahrtsgesellschaften Spezialbüro für Palästina Kostenlose Beratung Alle Fahrkarten zu Originalpreisen Internationales Speditionsbüro Brokerhoff & Lipschütz G. m. b. H. , ■ BERLIN C 2 * Frommclstra^e la . (Hinter der Garnisonkirche) Telefon: D 2 Weidendamm 0622 Transporte aller Art Abteilung: Paläslina- Transporte Unentgeltliche Frachtu. Zollauskünfte * Umzugsberatung MÖBELTRANSPORTE nach dom In- D. imSHUiil . billiget und fachgomäf) nur durch NEUMANN & SCHNEIDER International« SpodHouro, Berlin IW 4S, Orantenstr. 117/1* A 7 Dönhoff ST* Massive Lagenpeidtar. Verpackung, Versicherung Spezialverkehr Palästlna/Paris Als langjährig ansässige Hausverwaltungsges. . übernehmen wir Hausverwaltungen u. treuhänderische Vermögensverwerfungen unter Leitung eines zugelassenen bekannt Anwalts, -wodurch sicherste u. uneigennützigste Behandlung der Interessen jed. 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