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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-08-01 · 9 (1.8.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
9 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ffiir beutfdjes Siibetttiim itnb reltgiöfen Aufbau Bezugspreis: Vierteljährlich ljO RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach''Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der . entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitlcitung: George Goetz Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. Jedes Monats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1. Fernruf: F 5, Bergmann 3358, 3389. Bankverbindung: Kredltverelüffür Handel und Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 24. ~~ Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 61. Nr. 9 Berlin, 1. August 1933 13. Jahrgang- Aufschwung. Von Hanns Loewenstein. ps erfüllt unseren Verlag mit großer innerer Genugtuung, seinen Lesern und Freunden davon Kunde geben zu können, daß die „Jüdisch-liberale Zeitung“, das Blatt für deutsches Judentum und religiösen Aufbau, vor einer grundlegenden Umwandlung steht. Die „Jüdisch-liberale Zeitung“, ein halbmonatlich erscheinendes. Organ, wird vom 1. Oktober 1933 ab zweimal wöchentlich zur Ausgabe gelangen. Was diese Umstellung bedeutet, welchen Gewinn sie für das religiösliberale Judentum und darüber hinaus für die gesamte deutsche Judenheit darstellen kann und darstellen wird, sei hier kurz skizziert. Ist es notwendig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, daß die Ereignisse, die das deutsche Judentum in den vergangenen Monaten bis ins Mark trafen, sich' nicht allmählich -abwickelten, sondern sich geradezu überstürzten? Deutsche Juden, vor kurzem hoch ruhig lebend in kaufmännischen Positionen, in den Berufen aj.Y;v des Handwerks, in Aemtern und Stellungen, sahen sich, ivi 5 was sie nie für möglich gehalten hätten, plötzlich als ■ if Eindringlinge betrachtet,, als Rassenfremde gemieden, zu einem Teil in ihrer Existenz auf das tiefste gefährdet vund .zum anderen Teil aus ihr.völlig entfernt. $!&■,Wte aber jede Fügung auch Segen mit sich bringt, f&Meiischen stählt und festigt, sie wandelt und läutert, so f^aucih das Geschick, das die deutsche Judenheit ereilte. Judentum wurde wieder Lebensinhalt, Judentum wurde '~ £]Frost:ihr Unglück, Judentum wurde eine Säule der Hoff- Euhfgaüf bessere Zeiten. ,Jüdische Menschen fanden zu ■.iVv ' -ecrirai,- -oehtosscn sh-zusäuvn wx» ^tützfeii' einander. Und die jüdische Zeitung, früher hinter der Tagespresse zurückstehend, vermochte nun zu beweisen, daß sie wert war, im Geschehen der Dinge ernst genommen zu werden, sie, die Trost spendete, Mut einflößte, aufrichtete, belehrte. Und darf nicht die „Jüdisch-liberale Zeitung“ heute von sich'sagen, daß sie neue Freunde gewann und alte noch fester "mit sich verband,'da sie eine klare Linie einschlug, für deutsches Judentum forderte, was des deutschen Judentums ist, an den religiösen Prinzipien einer neuzeitlich orientierten Generation festhielt, für Vertiefung im Religiösen immer und immer wieder eintrat, bewußt jedes Nationaljudenium ablehnte, sich für ein Verbleiben in Deutschland einsetzte und ständig die Hoffnung anfachte, daß eines Tages das Recht bei den Juden sein würde, die zu ihrem Volke, ihrem deutschen Volke hielten und nicht glaubten an das vage Gebilde eines jüdischen Volkstums? Die Schar der vielen alten und neuen Anhänger gibt der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ nun den Schwung, aufzubauen, den Weg nach aufwärts weiterzuschreiten. Und so wird es dem Verlag und der Redaktion dieses Blattes, getragen von den.Sympathien der Leser, möglich sein, sich aus eigenen Kräften umzustellen und die Erscheinungsweise der Zeitung mehr als zu vervierfachen. 1 , Der Gewinn für das religiös-liberale, für das gesamte deutsche Judentum liegt klar vor Augen. Die „Jüdischliberale Zeitung“ wird in kürzesten Abständen, in Intervallen von nur wenigen Tagen über alles Geschehen im deutschen Judentum berichten können, sie wird häufiger als bisher und darum eindringlicher die tiefen Probleme der Juden in Deutschland darstellen und erläutern, sie wird mehr denn je ein lebendiges Instrument des religiös-liberalen Judentums und die Stimme der mit der deutschen Heimaterde unlösbar verbundenen jüdischen Gemeinschaft sein. Zweimal in der Woche anstatt zweimal im Monat, das heißt sehr viel. Vom 1. Oktober 1933 ab wird - unsere religiös-liberale Judenheit, jeder Leser, jeder Gesinnungsfreund ein Blatt in Händen haben, das dann noch aktueller, noch vielseitiger sein wird, als es bisher ' schon war. In Zwischenräumen, die drei Tage fast nur ausmachen, wird es vor ihm liegen, gefüllt mit jüdischem Geist, erfüllt vom alten, uralten Optimismus des Judentums. ' Und so geht der. Weg aufwärts. Wir, die wir die Geschicke der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ lenken, glauben an das Judentum, glauben trotz aller Wolken an eine glückhaftere Zukunft der Juden in Deutschland. Die jüdische Gegenwart ist düster, die jüdische Zukunft soll hell sein. Diese Zukunft vorbereiten helfen, ist die Aufgabe, der die „Jüdisch-liberale Zeitung“ .dienen will mit allem, was' sie zu vergeben hat an Tatkraft und an Idealismus. Droht meinem Stein im Brett Gefangennahme, so muß ich die Position räiimen: steht mir hierfür aber nur ein einziger Ausweg frei, ein Zug, der mich wiederum in'Gefangenschaft führt, so bin ich in der Zwickmühle. Doch gibt es Situationen, in denen sich bei genauer Ueberlegung, gegen allen Schein, ein zweiter Ausweg, ein Weg in die Freiheit und eine Lösung findet. * In den alten liberalen Staat der nicht auf Rassetheorie fußte, konnte sich jedermann ohne "Schwierigkeit einordnen; es genügten der Wille und das Bekenntnis. Ja — ähnlich wie im Strafverfahren nicht der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen braucht sondern umgekehrt so lange als unschuldig gilt, bis das Gericht ihn der Schuld überführt — ähnlich galt auch jeder als guter Deutscher und aufbauwillige~Kraft, solange ihm nicht Gemeinschädlichkeit nachgewiesen wurde. Für solches nachzuprüfen sein. Verbrechen, die vor dein Inkrafttreten des Judengesetzes hegangen wurden, sind durch die etwaige Verbüßung einer Strafe.nicht erloschen.*' Der in diesen Ausführungen enthaltene Vergleich; mit den in Deutschland lebenden Engländern, Franzosen, Italienern-usw. ist aber deshalb falsch, weil hinter allen diesen Ausländern ihr Land und ihre Nation stellen, während cs für uns keine; jüdische Nation und kein „Erez Jisrael“ gibt und wir obendrein — äußeriiclr-formal als Staatsbürgerwie nach unserem inneren Kultur- und Nationaibewußtseiii — Deutsche sind. Und das sollten wir nun nicht mehr sagen dürfen? * Es gibt in der Tat traurige Gestalten unter uns, die sich“ mit viel gelehrtem Wortschwall änschicken. uns heillos in die Zwickmühle zu führen. So schreibt z. B. Herr Dr. Alfred Hirschberg in der „C. V.-Zeltnng“ die wahrhaft bieder- 2 X wöchentlich erscheint ab 1. Oktober 1933 ' Lesen Sie den neot „Aufschwung“ Beachten Sie unsere Ankündigungen in den nächsten Nummern. uns Juden wirkte sich dies so aus, daß der Staat als Vorbedingung. für die Gewährung der Emanzipation geradezu unser Bekenntnis zum Deutschtum forderte, ein Bekenntnis, das freudig gegeben werden konnte, weil es der äußeren und inneren Wahrheit entsprach, und das seither in Krieg und Frieden tausendfach durch die Tat, durch Leistungen und Opfer erhärtet, worden ist. * Heute ist die Rassentheorie und damit die Lehre vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Deutschtum und Judentum Staatsauffassung geworden. Wir Juden sind damit in seltsame Lage und in die Zwickmühle geraten. Ohne das uns'' selbstverständliche (und daher keineswegs als Beteuerung und Anbiederung gemeinte) Bekenntnis zum Deutschtum und durch Anerkennung der heute herrschenden Auffassung würden wir uns außerhalb des Staates und der Nation stellen; erklären wir aber immer wieder unsere Dazugehörigkeit, so stellen wir uns ebenfalls gegen den Staat, nämlich gegen seine rassische Grundlehre. Jeder, der sich von der heutigen Staatstotalität nicht erfassen lassen will, ist ein Opponent: wir, aber,'die wir uns nicht erfassen lassen dürfen, sind auch dann und gerade dann Opponenten, wenn wir — gegen Antisemitismus und Rassentheorie — unser Recht auf Einordnung proklamieren. Zu Außenseitern gemacht, werden wir erst recht Außenseiter durch die Erklärung, wir seien keine! Das geht so weit, daß von führender nationalsozialistischer Seite kürzlich angeregt wurde, jüdischen Geschäftsleuten deutscher Staatsangehörigkeit zu verbieten, ihre Firmen als deutsches Geschäft zu bezeichnen. Der neue Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Dipl.-Ing. Gottfried Feder hat als Lösung der Judenfrage kürzlich in einer Broschüre folgendes empfohlen: „Wir sehen nach dem klaren Wortlaut unseres Programms die Lösung der Judenfrage darin, daß die Juden im deutschen Volke als Fremde-betrachtet -werden,,die sie sind und als was sie sich selbst gelten, und demnach unter Fremdenrecht gestellt werden. Das bedeutet keinen Pogrom gegen sie. Die Juden haben nur dieselbe Stellung im Staate wie die hier wohnenden Engländer, Italiener, Japaner, Neger irgendeiner Negerrepublik. . Welchem Staate sie angehören wollen, ob dem zionistischen in Palästina, ob dem so judenfreundlichen Frankreich oder dem Herkunftslande der meisten von ihnen, Polen, das berührt uns nicht weiter, das ist ganz die Sache jedes einzelnen von ihnen. Als Angehörige eines fremden Staates haben sie keine Rechte im deutschen Staat, und auch das Wohnrecht nur solange, als sie sich den Gesetzen des Staates fügen, nicht Verbrecher an ihm oder seinen ■ stammsässigen Staatsbürgern werden, und solange, als der deutsche Staat durch ihren Aufenthalt nicht die eigenen Staatsbürger in .ihren Erwerbs- und Emährungsverhättnissen beeinträchtigt sieht. Der Franzose. Engländer. Italiener usw., der sich bestimmter Verbrechen schuldig macht, kann als „lästiger Ausländer" ausgewiesen werden. Dasselbe Recht muß' dem deutschen Staate über die Juden zustehen. Das Wohnrecht der einzelnen Juden wird als schmetternden Sätze, daß uns Juden „heute keine Emanzipation in die Rechtssphäre der Umwelt möglich“ sei, denn: „eine Emanzipation vom Semiten zum Arier ist unmöglich — und wenn wir unser Judentum und den Willen . der Geschichte für unser Judentum richtig deuten, a u c h nicht erstrebenswert. Denn in der Bewahrung unserer unvergänglichen jüdischen Wesenseigenarten bei gleichzeitiger Verbindung mit den verjüngenden und erneuernden Strömen gegenwärtig geschichtlichen Umweltgeschehens liegt die Erhaltung des Judentums jeweils in seiner Zeit begründet. ' Das Judentum aber aufzugeben, war niemals eine jüdische Tat." Mit einem Wort: wenn wir deutschen Juden leugnen. Semiten zu sein, geben wir das Judentum auf! Sagt Herr Dr. Hirschberg, der dann im Vorübergehen noch Gabriel Rleßer als Führer in die Emanzipation für abgesetzt erklärt, nicht ohne diesem unsterblichen Heroen und Moses Mendelssohn vorher noch—einmal onkelhaft auf die Schulter—zu klopfen: „Ihr Wille, ihr Wissen und ihre Zielsetzung bleiben beispielhaft“ Für wen denn, bitte, etwa auch für die heutige Führung des C.-V., die — sehr im Gegensatz zu dem „beispielhaften Wissen“ Mendelssohns und Rießers —: uns für Semiten hält und damit das anerkennt, was ihre Vorgänger vierzig Jahre lang bestritten und als unrichtig bewiesen haben?! Und die — von Mendelssohn -und Rleßer Ist die Rede — mit ihren Lehren, über die Einordnung der deutschen Juden in das deutsche Volk Dinge gesagt haben, die auch heute noch von Männern gesagt werden, denen niemand nachreden kann, sie befänden sich ln Opposition zum; heutigen Staat! _ '; Seit Jahren wirkt auf Schloß Eimau (Oberbayern) ein Mann, der als Vorkämpfer.'nationaler und religiöser; d. h.jin diesem Falle christlicher Erneuerung eine große Gemeinde um sich geschart hat: Johannes Müller* Er ist u. a. der Herausgeber der .Grünen Blätter“, von denen Ende April 1933 ein Sonderheft „Die nationale Revolution“ (Heft 2 des XXXV.. Bandes) erschien. Wir wollen hören, was dieser Mann zur Rassen- und Judenfrage sagt, und wir'wollen alsdann wieder unsere eigene Orientierung suchen. * Offenbar auf Grund gewisser Bibelstellen und der Bedeutung, die das altjüdische Religionsgesetz ihnen zuwies, hält Müller die Rassentheorie für1 eine semitische Anschauung, denn er schreibt: ,;Rasse und Volksgliedschaft ist Anlage und Zug des menschlichen Wesens, aber man kann nicht sagen, wo essitzt. Wenn man ihren Grund- und Ursprung im Blute sieht, so befindet; man sich im Wahn der semitischen Vorstellung, daß das Blut der Sitz der . Seele sei. Das Blut allein und als solches tut es aber nicht. - Nicht einmal -reinkörperlich. Sonst würden-nicht reindeutsche ~ Menschen nach langem Aufenthalt in China Schlitzaugen und auch Wie die vorige, so erscheint auch diese Nummer im verstärkten Umfange von Seiten.

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