Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 6 (15.6.1933)
- Date
- 1933-06-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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T<tj Und dennoch Kameradschaft. Heilte wie vor dreißig Jahren . ■ ■ . Von Pipl.-lug. Jacob Stein berg. NicinuU .in all den Jahren habe ich jdas verlosen, oft halte ich ca meinen freunden erzähl;;: aber cur einigen .Monaten, als ich nach einer Sitzung der .<ieineiiidevert'retung mit uuserii lihcraleu Freunden litfi einem Glase unseres liehen Pfiilzerw eins ziisanunenhliel) und auigeintderl wurde, es wieder einmal zu erzählen; da wallte ich plötzlich, warum gerade dihses l'.rlehuis meiner Juaeudiahre sieh: mir so tief eiugcgraben hat und so sehr als jüdisches Erlebnis in mir lebt, obwohl nichts von indischer! Geschichte, ifiehts von Religion. (iottesdieust und (iemcindeängelegenlieitcn dabei luitspielte.. Ueberhaupt’: indische (icnieindeaugelegenheiten —. ietzt schon seit hniaen Jahren mehr als Hürde denn als Würde in meine Hand gelegt wie iurn. lagen sie mir damals, als ich. hoch obenim niirdiichstenj. Kanada, als blutjunger Ingenieur iiir eine der großen Fisejibuhngeseilscliaften die Vorarbeiten iiir den' Hau einer neuen Linie leitete, freilich. die .Einflüsse des elterlichen Ka.bhinefhauses sind nie in mir auch eine Stunde nur verblalit.. und -jauch damals fühlte und aab icli mich als'Jude. . Dennoch.'einsam mit sechs Kameraden — aeuau genommen waren es „Untergebene“ — als Pionier menschlicher, europäischer Zivilisation in der Einöde: es standen wahrhaftig andere Dinge ini Vordergrund des MewuUtseins. ' Im Kanini mit dem Wetter, der Wildnis, in sogar mit den Wölfen jener Landstriche hätten wir nur einen tiedaukon: die uns aufgetraaene Arbeit in der vorgeschriehenen Zeit zu Ende zu führen. So war es auch au jenem l äge, als das ganze vieltausendjährige Judenleidj in einem winzigen.- ia fast banalen Ereignis, aber -dennoch w^e'in einem Brennglase gesammelt, sich mir offenbarte. I Ich weill es noch wie heute. Mit allen Einzelheiten. Am Vormittage' war dünner, trockener Sch lee " geiallen, dann halle' es zu frieren begonnen, und immer stärker und schneidender wurde der Ernsthaueh der'Luft. Unsere Landmesser-Kolonne war auf dem ebenen Gelände verteilt. Da und dort .schaufelten wir den Schnee weg. rammten Pflöcke mit kleinen Fähnchen, in die irostliarte Erde, hüpften von einem full auf den länderen, hoben die Hände und schrien: I ..Rechts!" . - ..Links!" - .| .:All light!“ ' - | Die Ruie tönten so liauiig und hallten so vielfach wider, dalhsic'ein Vielfaches von sechs Männern- — so viele arbeiteten auf dem Gelände — vortäuscliteu. j Kleine Baumgruppen waren über die Ebene verstreut. Der Schnee hing wie zerschlissene Wolle m ihnen, runzlig und kruuilu streckten sie nackte" dürre Aesie in die Höhe und standen unbeweglich. . ' Wenn der Ernst einen von uns zu .arg plagte, so faßte der Gequälte'seine Axt und hieb mit ihr jaul einen Baum los. Jeder-Hieb rollte dann in langgezogeneni Nachhall filier das Schneefeld. - j _ Ein bläuliches Eener saß irgendwo! auf dem Schnee, schmolz ilm. verschwand in dichtem Rauch, streckte, da und - dort bhulgrauc Elanunchen aus der Hülle und verschwand wieder! Kupferglanz hinter sich lassend! Der Führer der Partie, das habe ich schon angedeutet, war ich. Ich stynd bei der Maschine, gab Befehle durch Handsiguale und blickte zufrieden vor mich hin. denn die Arbeit ging zu Ende: morgen um dieselbe Zeit mußte die Linie trassiert sein. . | Beim langen Stehen auf demselben ^latz hatte mir der Frost so zugesetzt, daß meine steifen Finger kaum noch die Maße und Zahlen polieren konnten. Ich wandte mich zu meinem Nachbarn, dergerade die Ohren mit den Handschuhen rie|i: j ..Was meinst du. John, -ist's genug für heute?“ ..Genug, genug! Die Sonne’ geht unter, und der Frost kneipt ordentlich!" ...All riglu. wir machen Schluß!“ Gottesdienste Liberale Synagoge Gottesdienst - Predigt Norden Frig., lTi.fi.; 19.15 Uhr l i, .Rabbiner Mehler Schönhauser Sbd., 17. fi„ 10.00 Uhr I _ Allee 162 Frtg., 23.fi.. 19.15 Uhr Rahb. IV. Swarsensky Sbd.. 2-t.fi., 10.00 Uhr - Frtg., Jfi.fi., 19.15 Uhr Predigt Sbd.,.31.0.' lu.UM Uhr Osten Frtg.. lfi.fi., 19.20 Uhr I^abb. Dr. Hirschberg Aula 4'rlg., 23. fi.. 19.20 Uhr Rabb.-Kand. Kaiscrstr. 30 Wreschinsky Wtg.. Jfi.fi.. 19. Jfi Uhr " Rredigt Westend Frtg., lii.fi., 19.15Uhr Rabb.-Kand. Zimet Aula -Frtg., 2.*.iO‘kl5Uhr Rabte Dr. Hirschberg Loistikowstr. 7 Frtg.. Jo.fi.. 19.15 Uhr Predigt Liberaler Frtg., ifi.fi., 19.00 Uhr Rabb- Dr. Gafliner Gottesdienst Schmargendorf Frtg.. 22. fi.. 19.00 Ulir '_ Altershes'n' Berkaer^tr. 32 Sbd., 2-t.fi.. 10.00Uhr (Neumond-Sabbat) Frtg.. 2fi.fi.; 19.00 Uhr ' Jüdische Reform- Stg., 1S.6„ 10.00 Uhr ' Die Prediger werden in den Gemeinde Jobannissu. lfi Stg.. 25:(*., 10.00 Uhr ’Kleiststr. 10 Frtg.,lfi. 6„ 19.30 Uhr Tageszeitungen (Logenhaus) Frtg., 23.6.. 19.30 Uhr bekanntgegeben. „Mein stärkstes jüdisches Erlebnis“ Ich packte die Instrumente zusammen, gab Handsignale nach rechts und links, wari den schwarzen Mpntel ab. um utii dem Schnee besser gesehen zu werden, und signalisierte meiner Kolonne durch ein langgezogenes ..All right“, daß die Arbeit zu Ende sei. Die Burschen packten hastig ilire Instrumente und nach einer Weile standen wir alle beim Feuer. ..liehen wir ins Dorf zurück?" begann einer. „Zu weit.“ „Wir müssen morgen fertig werden.“ „Weshalb?“ „Vielleicht wohnt ein Farmer in der Nähe, dann übernachten wir bei ihm.“ „Wozu stehen wir also noch da?“ „Gehen wir!“ Wir luden die Instrumente auf die Schultern und setzten uns nach dem Takt einer Operettenmelodie in Bewegung, um eine farm zu finden. Der Frost drang durch die Kleider bis an-die Knochen, die verschneiten Felder blendeten die Augen und machten müde; es begann, dunkel zu werden. Wir waren ja schon wochenlang unterwegs: geschlafen wurde dort, wo die Arbeit gerade fertig war: selten wunderten wir nach einem der Dörfer, die an der künftigen Eisenbahnlinie lagen. Schmutzig, durchfroren und übellaunig schleppten wir Sechs uns über die verschneiten' Felder und hielten nach allen Seiten Ausschau. oh ein Licht zu sehen sei: die schlechte Laune hatte uns sogar vergessen lassen, daß wir morgen frei sein würden, daß wir zwei Wochen würden tun und lassen können, was uns beliebt. Jetzt aber beherrschte uns alle nur ein Gedanke—: so schnell wie möglich in ein warmes Zimmer zu kommen und etwas Heißes in uns hiiieinzugießen. etwas sehr Heißes, das die steiien Glieder auftauen ließ. Bleierne Müdigkeit lag aiii uns allen, und wäre auch nur einer stehen geblieben und hätte gesagt: ich kann nicht weiter — so hätten alle auf dem Sehneeieid übernachten müssen. „Ich bin schob müde vom Schleppen!“ brummte einer ärgerlich. „Das ist ia eine Einöde!“ . - „Gott weiß, wohin wir uns verirrt haben!“ „Koffiim nur. kommt!“ ermunterte ich sie. „Wir werden eine, Farm linden!“ „Machen wir-doch ein Feuer und übernachten wir hier! Ich kamt nicht mehr weiter!“ „Wenn ihr mit steiien Füßen auistehen wollt — einverstanden!“ scherzte ich: aber ich war selber blau vor Kälte. Hatte dieser Scherz sie geärgert? Ließ er tief Verborgenes nach oben tauchen? Ich weiß es nicht. Ich. bemerkte nur. wie sie alle einander wortlos ansahen und sich dann weiterschleppten. Und ich fühlte mit Entsetzen, was dieser Blick bedeutet hatte: feiner von ihnen allen wußte vielleicht den Grund, aber jeder war in plötzliche stille Wut über den — Juden verfallen. Ob es deshalb war. weil gerade ich der Führer dieses Trupps war. weil ich mehr Lohn bekam, oder weil ich trotz aller körperlichen Beschwerden so gut aufgelegt war — was es auch sein mochte: jeder versuchte plötzlich mit .mir anzubinden, um so seine eigene Müdigkeit und schlechte Laune zu betäuben oder zu vergessen. „Wir hätten heute überhaupt nicht hinaus dürfen“, begann einer. t- „Am Morgen hat es nicht gefroren“, verteidigte ich mich. „Aber es hat geschneit“,, warf da ein Zweiter ein. „Was tut das?“ sagte ich. „Seid ihr nicht überhaupt eine deutsche Firma? Wir wollen nur für Amerikaner arbeiten!“ „Wer hindert euch daran?“ warf ich ein. „Alt. du bist aber bockig! Du bist nicht der Cltei!“ „Bei der Arbeit bin ich es!“ . „Ja. bei der Arbeit freilich.“ „Warum maulst du also?“ „Weil ich nicht mehr unter einem Juden arbeiten will.“ „Kein Mensch zwingt dich dazu.“ „Ich werde auch nicht mehr arbeiten.“ „Dann arbeite nicht!“ Icli liebte vor Erregung. Ich' fühlte es: wenn wir nicht bald eine Farm fanden, so würden die Fünf es womöglich iertig bringen, mich hier zu erschlagen. Jeden Augenblick war ich darauf gefaßt, daß sich einer auf mich stürze. Ein Gedanke quälte mich: Woher dieser Haß? War ich ihnen nicht die ganze Zeit ein guter Kamerad, hatte ich nicht gearbeitet wie sie. gefroren wie sie... Kommt der Haß nur daher, weil ich Jude hin? Hundegebell. Wir blieben alle mit einem Ruck stehenum iesizustelien. von welcher Seite das Bellen kam. Da — zwischen den Bäumen ein Licht in einem Fenster. Fröhlich rannten wir vorwärts, der Farm zu. Der Bursche, welcher gesagt halte, er wolle nicht unter einem Juden arbeiten, stand plötzlich neben mir.. „Dari ich Ihnen den Instrumeutenkasten tragen? Sie irieren.“ Unwillkürlich machte ich eine ablehnende Bewegung. Würde es denn hier ie Gemeinsamkeit geben: war nicht das Gefühl kameradschaftlicher Verbundenheit ein Irrtum gewesen? Aber dann besann -ich mich. „Es ist nicht so arg“, sagte ich freundlich, „die kurze Strecke geht es noch.“ Und plötzlich sangen wir wieder alle ein Lied. Da wußte ich: Not erzeugt Haß. verwirrt die Gemüter, stimmt die .Menschen feindlich gegeneinander. Rette sich wer kann — in solcher Stimmung denkt jeder nur an sich selbst, wird 'seines Menschenbruders Feind. Im Aufstieg aber, ja selbst wenn dieser nur erst eine Hoffnung ist, weicht alle Verwirrung, fällt alle Trennung. Jener Tag liegt nun wohl dreißig Jahre zurück. Aber immer hab ich gewußt: ich werde das alles noch einmal erleben. Und dann kamen hier in meiner deutschen Heimat: Krieg. Hungersnot. Niederlage, Inflation, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. „Wir wollen nicht mit den Juden arbeiten“, sagen die tiinfundscchzig Millionen Kameraden. Ich aber bin voll Hoffnung: geht es nur erst voran, winkt.ein Licht in der Ferne, so darf ich sagen: „Wie arg es auch sei, die kurze Strecke muß es noch gehen.“ Und in der Erinnerung sehe ich uns Sechs von damals — vor wenig Stunden noch Jude und Judenfeind — vereint vor dem wärmenden Feuer jener Farm. die. nach feindlichem Tag. uns so ireundselige Zuiluclit wurde. Nichtarier zur Doktorpromotion in Preußen vorläufig nicht mehr zugelassen. ' Auf Anordnung des preußischen Ministers für Volksbildung, Unterricht und Wissenschaft sollen Nichtarier vorläufig zur Doktorpromotion nicht mehr zugelassen werden. Diese Verfügung wurde durch den Rektor der Breslauer Universität Geheimrat Professor Helfritz bekannt gemacht. Professor Helfritz erklärte bei dieser Gelegenheit, es habe keinen Zweck, in dieser Sache Gesuche an das Ministerium zu richten, da dieses keinerlei Ausnahmen machen wolle. Der österreichische Bundespräsident beglückwünscht Daniel Prenn. Bundespräsident 'Mikfas beglückwünschte den jüdischen Tennischämpioii Daniel Prenn. der bei den eben in Wien stattgeiundenen internationalen Konkurrenzen durch Besiegung seines Gegners Kinsel die Meisterschaft im Herreneinzelspiel gewonnen hat, herzlich zu seinem Erfolg. Zahlreiche österreichische Zeitungen bringen ein Bild, auf dem der österreichische Bundespräsident zu «eilen ist. wie er Daniel Prenn die Hand reicht. Die Zeitungen weisen bei dieser Gelegenheit auf die von Prenn früher für die deutschen Farben erfochtenen Siege hin. Das Jli-Progrämm Berlin. Wir hitten, Besuche bei den Gruppenführern anzumelden. Gruppe Tiergarten: Mittwoch, 14. Juni, bei Ilse Meyer. —.Mittwoch, 21. Juni, bei Ilse Cärö. Gruppenführer: Manfred Schwarz. Gruppe Westen: Führer: Heinz Kellermann. Montag, 19. Juni, 8 Uhr, bei Erika Loewenstamm. — Mon- . tag, 26. Juni, bei Hilde Weglein. Thema: Cohen, Religion und Sittlichkeit. Zur Beachtung! Um Mißverständnissen und . Mißbräuchen vorzubeügen. geben wir bekannt, daß das Rabbinat der Kaschruth-Kommission die Verantwortung für das Kaschrufh nur bei den Fleischwarengeschärten trägt, in welchen ein Inspizient dauernd anwesend ist. Dem Aufsichtsbeamten, ist aufgegeben, beim Verkauf zugegen zu sein und bei eventueller Zusendung ins Haus die Rechnung oder den Lieferschein gegenzuzeichnen. . Geschäftliche Mitteilungen. Die Firma Kurt Haürwitz, Berlin NW 40, Lüneburger : Straße 7, macht die Berliner Hausbesitzer daraui aufmerksam, daß sie.in der Lage ist, aus eigener Fabrikation Dachpappen nebst Zubehör in bester Qualität zu liefern. Die Hausbesitzer bzw. deren Verwalter werden gebeten, den Materialbedarf bei der genannten Firma zu decken. Der i . krIditverein I " .. für Handel und Gewerbe e.G.m.b.H. Berlin N 24, Oranienburger Strafje 3 erlaubt sich, auf folgende empfehlenswerte Firmen aus dem Kreise seiner Genossen und Kunden hinzuweisen: J5al£o. 6L Scfioepe Inh. Leo Kaplan Dachu. 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