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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-06-15 · 6 (15.6.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
6 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitung: George Goctz Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. jedes Monats. Redaktion und Geschäitss'telle: Berlin SW. II, Hallesche Str. l. Nr. 6 Berlin, 15. Juni 1933 13. Jahrgang Tun und Horen! Von Heinrich Stahl. Der neu gewählte Vorsitzende des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde, unser Gesinnungsfreund und'Führer Direktor Heinrich Stahl, erläßt den folgenden Aufruf, den wirj seiner großen Bedeutung wegen hier zum Abdruck bringen: | In schwerster Zeit zum Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin berufen, möchte ich ein Wort zu jalien meinen Brüdern und Schwestern sprechen: Mein Ruf soll in allen Seelen ein Echo finden, und jeder soll gleich mir geloben: „Wir wollen tun und hören!“ (2.Buch Mose, Kap.24.) j Als Berliner Kind in den Anschauungen unseres Judentums erzogen, durfte ich den Segen, der Ueberlieferung und diej Wandlung zu neuen Aufgaben und Fortschritten erfahren, mit Freude und Genugtuung beobachten, zu welcher Größe unsere Gemeinde .unter dem Schutze friedlicher Zeiten geschritten war. Ais vor einigen Jahren der Ruf an mich erging, in den Gemeindevorstand einzutreten, habe ich das mir übertragene Amt dankbar angenommen und versucht, dem Wohlfahrtsamte und seiner weitverzweigten Arbeit vorzustehen, um zu helfen. | Jetzt soll' Ich die Geschicke der Gesamtgemeinde, führen und ihr bedrohtes Leben aus sturmbewegtem Augenblick friedlicherer Zukunft entgegenführen. Der einzelne vermag das nicht, ich brauche Mitarbeiter, wirkliche Gefährten! Ich bin angewiesen auf Freunde und Berater, ich muß Menschen an die Gemeinde fesseln, die leisten können und wollen. Ich suche Genossen der Tat und der Einordnung, Männer und Frauen von Bewußtsein und dehorsam! . j Nur wenn Tun und Hören — das bedeutet heute: unverzagt Schaffen und selbstlos Dienen — uns vereinen, dann werden wir uns halten iind die jüdische Gemeinschaft erhalten. Darum stellt das Trennende ziirück! Wir wollen uns die Hände reichen, uns die Treue bewahren In der Gefahr und für alle Zeit! .Jede Anschauung, jede .Richtung und Pawel, . ,. die die Eigensucht zurückstellt, isi wTirktynmCn! ’ V? Die Rettung unserer Ehre und unseres - Lebens müssen wir in Arbeit und gewissenhafter Pflichterfüllung erblicken. Vor uns liegt ein weiter, harter Weg! I Wir wollen ihn unverzagt in Gottverträuen und Bescheidenheit wandern! | Vor, uns liegt ein hohes Ziel: Verbundenheit mit Deutschland, unserem Vaterlande! j So wollen wir unerschrocken, glaubensmjutig, Israels würdig für die Zukunft des .Judentumsarbeiten. | Das ist mein Gelöbnis, möge es einen einzigen machtvollen Widerhall in unserer ganzen Gemeinde Anden. Ein klares Wort zur Judenfrage. „Reichsvertretung der deutschen Juden“ wünscht Verhandlungen mit der Regierung. Die „Reicfisverfrefung der deutschen Juden" erläßt die nachfolgende Erklärung: | Die deutsche Judenfrage verlangt1 ein klares Wort der deutschen Juden. | Vor dem deutschen Judentum steht das Schicksal, zum. Entrechteten in der deutschen Heimat zu werden. In ihrer Ehre getroffen, können die - deutschen Juden als die Wenigen sich nicht verteidigen; aber es darf ihnen nicht verwehrt sein, ihre Haltung offen und-aufrichtig kundzutun. ,| Die deutschen Juden weisen es von sich, als die Anhänger oder Urheber irgend eines „Systems“ angeprangert zu werden, während sie in Wahrheit immer bewiesen haben und attch jetzt zu beweisen bereit sind, daß sie sich jeder staatlichen Ordnung willig und freudig unterordnen, wenn sie ihnen Würde, Arbeit und Freiheit läßt. | Die deutschen Juden lehnen es ab, immer wieder auf ihre Jahrhunderte alte deutsche Kultur zuverweisen, auf ihre dauernde Verbundenheit mit deutschem Land und deutschem Geist. Die Wirklichkeit der Geschichte spricht für sie. spricht von ihrer Arbeit, ihrem Willen und Ihrer Treue, von ihrer Verbundenheit mit dem deutschen Volke. | Wir dürfen erwarten, daß auch die Auseinandersetzung mit uns auf dem Boden des Rechtes und mit. YVaffen der Vornehmheit geführt werde, daß ehrliche Klarheit über unseren Tjlatz und unseren Weg in dem Raume des Lebens geschaffen werde. Eine offene Aussprache mit der, Reichsvertretung der deutschen Juden, welche die Gemeindeverbände und die großen jüdischen Organisationen und damit die Gesamtheit des deutschen Judentums umfaßt, vermag zum Ziele zu führen. Das Wohl Deutschlands erfordert es ebenso wie das der deutschen Juden. Die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands. * Zu der vorstehenden Erklärung wird seitens der Reichsyertretung nocli bekannt gegeben, daß es sich bei der in der Nummerder „Jüdischen Rundschau“ -vom 30. Mai veröffentlichten, von dem obigen Text abweichenden Erklärung insofern tim einen Irrtum handelt, als der „Jüdischen Rundschau“ nur der Text eines vorbereitenden Entwurfs Vorgelegen hatte, als sie die Veröffentlichung vornahm. Klare Fronten! Von Rabbiner Dr. IBetma Qcüsdiaik, Köln. Tn diesem Augenblick, in dem auch die Kirche zu der -*■ neuen nationalen Bewegung^ und Staatsführung Stellung nimmt und der Streit um den Reichsbischof die christlichen Gemüter bewegt, dürfte es auch für uns an der Zeit sein, d i e Front ganz klar und deutlich .herauszustellen, an der der Kampf um die Gestaltung der jüdischen Zukunft, jedenfalls nach unserm Wunsche, geschlagen werden muh. Ich sage nicht: der Kampf um die politischen Rechte und spreche nicht bloß von der jüdischen Zukunft in Deutschland. Von diesen politischen Rechten haben wir alle, die wir den deutschjüdischen Standpunkt vertreten und uns zum deutschen Volke rechnen, laut und deutlich gesprochen und werden immer wiederholen: über die. Gestaltung unserer politischen Zukunft in Deutschland kann und darf nur von erheben können.' Man sagt uns zwar, daß mau gar nicht gegen die Religion kämpfe, sondern gegen die Rasse. Aber es muh endlich auf unserer Seile ein Ende haben, daß wir bloß gegen den RaSsdirrtunt: kämpfen und nicht dagegen, daß man mit Betonung, dieses Prinzips nicht ^-nur dem. jüdischen Deutschen,, sondern erst recht dem deutschen Juden, seiner durch) drei ■ Jahrtausende bewährten jüdischen Religion zui nahe tritt, dieser Religion. Ohne die es .heut keine Ue-j wegting „Deutscher Christen“ gäbe! Selbst dann.! wenn der Rassestandpunkt einwandfrei als richtig er-! wiesen wäre, was ja doch nicht im geringsten | der Fall! ist. müssen wir es ganz laut liinnusrufcn. daß unsere Religion Werte enthält, die noch jedem Lande midi jeder Russe zur Zierde. gereicht haben und I reichen. liC]D£ ■qja©5i uns selbst entschieden. werden. Alle Ratschläge nationaljüdischer Kreise lehnen wir in aller Oeffentlicli- -keit und ganz entschieden ab. Ihre Wege sind nicht die unsrigen, und ihre Führer sind es erst recht nicht, auch die sind es nicht, die unter dem verführerischen Schlagwiort des (lesamtjudentums selbst heute noch' gleichzeitig deutsche Mittel für Palästina verlangen und den Aufbau des deutschen Judentums. Was schon, immer falsch war, ist es heut noch genau so: man kann nicht aus bloßer Humanität zwei hlationen dienen, aus inneren Gründen nicht,' ganzsabgeselien von äußeren! (ilaubt man dort, daß die Idee des nationalen Judentums jetzt gesiegt habe, so gestatten wir uns, genau der gegenteiligen Ansicht zu sein, und spricht man öffentlich, davon, daß sich jetzt etwas „rächt“ —, unsere Desinteressiertheit am Palästinaaufbau nämlich —. -wirft' man uns eine „Schuld“ vor. so meinen wir, daß sich etwas ganz anderes an der deutschen Jüdcnheit rächt und daß sich eine ganz andere Schuld offenbart: die nämlich, daß der Trennungsstrich zwischen beiden Anschauungen von der deutsclijüdischen'Seite nicht ebenso deutlich gezogen wurde wie von der änderen — trotz aller Zusammenarbeit in der Praxis. Und wo es heute nicht geschieht, ist es ein Vergehen gegen die jüdische Zukunft in Deutschland, ein Vergehen gegen unsere Kinder. Tragen wir nur keine Bedenken, jetzt weniger entschieden zu sprechen und zu handeln, als die nationaljüdischen Kreise — wie groß ist ihre Zahl eigentlich? —. es jetzt tun! Wir achten ihre Festigkeit, aber wir wollen nur. auch auf die unsrige; achten. Sind wir so weit mit allen deutsch gesonnenen Juden einig, so gilt es aber, innerhalb dieses Kreises ebenso, laut zu fragen: national deutsch wozu? Gilt es. diej alte' Zielsetzung neu zu unterstreichen und so zu formulieren: wir wollen nicht bloß jüdische Deutsche, wir wollen deutsche Juden sein. Deutsche Menschen also jüdischer Religiosität. Auch davon war hier in letzter Zeit die Rede, aber vielleicht kann eines hinzugefügt (werden: nur vom Standpunkt dieser Religiosität aus werden wir eine unangreifbare Position besitzen, von diir aus wir gegen alles, was geschehenist und noch gieschehen sollte, lebhaftesten, ja heiligen Protest (Wir sagen Religion und _ setzen das natürlich nicht mit ihren Bekennen! gleich.) Man hat kürzlich im ■ Beisein eines der führenden Minister vor lausenden 'das Andenken Selilageters gefeiert, und tun Anfang erklang das „dreimal heilig" unseres Jesajji in der Vertonung Schuberts. Am Volkstrauertag' sprach der Geistliche im Beisein des Reichspräsidenten und Reichskanzlers über „Fzcchicl 37“. und aus Amerika hat uns das Radio in diesen -lagen den „Hällefuju-Clmt‘‘ Handels, von 4000 Menschen gesungen, ül ermittelt': der deutsche Sprecher pries Händel hinterher als „echt.'deutschen Musiker“. den.Hüudul also, der sich mit seiner echt deutschen Seele so wundervoll in zahlreiche jüdische Themeneinfühleu konnte, dali es auch uns Juden noch heute dankbar ergreift, ja. daß wir diesem Händel Einlaß in unsere Synagogen gewährt haben! Und gerade das ist es. was wir meinen, und nicht nur wir sollten sulche Dinge als-Symbol nehmen. Mit Recht rühmt sich die neue nationale fiewegting der Leiden, der Opfer, der Standhaftigkeit, der Toten durch 14 Jahre hin. Aber sollte man denn (nicht erst recht bewundernd vor 3000 Jahren stellen können und der unzältl baren Opfer in dieser Zeit, die die Juüenlicit —■ die nie etwas anderes war als eine religiöse Minorität —' für iitre Ideen gebracht hat. weil sie von ihrer — der Idee — Unzerstörbarkeit so überzeugt -war, wie sie es heute ist utid immer sein wird, mag kommen, was wolle. — „M i r sind die Kinder Israel Knechte, meine Knechte sind sic“. — dieser (iottesruf gab uns seit je ein Doppeltestem unendlich beglückendes Freihejtsgefülil in der Unterwerfung unter Gott. u n d damit die lachende Veraeli ung jedes Zwanges, der von Menschen kam. Das aber ist' die Gesinnung, unter die v ir die jüdische Zukunft wie überall, so auch hier ii - Deutschland zu stellen haben. Mit »der seit einig :n Jahren als Ersatzbegriff cingeführten „Scliicksalsgeineinseliaft“ betonen wir einen zeitlichen, aber keinen iibi rzeitlichen Wert. Die Wucht der Geschichte trifft in voller Kraft immer nur die Mitlehendcn und verliert mit jedem Ta« nach vorwärts an Eindruck. Wenn das .(Schicksal“ sich gewandelt hat, "Unglück wieder Glück! geworden ist, was besitzt dann der bloße Seliicksalsjude an tra- Wem die Lektüre der „JüdiscMiberalen Zeitung" Herzensbedürfnis geworden ist, ■=■ — — ' : xlet Mei^ ihc xuuA ^meitechui tem. ' '' - ~!:".== ■=

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