Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 5 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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mm - yAf '?',Jrr ,/ 'L, ^mmm wmm '&*SfWlS:'/t,/i mei im andern £and Roman von Stephan Reginald Marknes tCo|i\-ri>rli< hv Hanns I.ncwcnstcin und Willi 'l isch Verlag.)!. . f In. Uur Schriftleitung der ,.M i 11 e r'n ach t spos t“. ' cid lau« an! Wenn alle Kollegen die Büros verlassen haben, innli ich Nachtschiclil inacheii. Es gibt kaum einen Menschen in der Welt, der weiß, wie langweilig das ist. Wir haben'20 Uhr-lll. Ich sitze eine geschlagene halbe Stunde und stelle fest, daß es-jetzt erst 20 Uhr 15 ist. Also alles ist relativ, und die' übliche Zeitrechnung gilt nicht für Wächter und Spätarheiter. ln der besseren Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts will nichts mehr geschehen, und aus Verzweiflung lese ich Romane. Vor mir liegt ein Stoß neuer Bücher —, aber wer hat die Kraft, alle zu verdauen und zu rezensieren? Das oberste trägt . in bunten und geschwungenen Buchstaben den Titel: „Zwei im andern Land". — Romamiainen sind wie die Deckblätter der I Zigarren* immer schmuck und farblich angenehm, aber der Inhalt, das, was darunter oder darinnen ist, entspricht nicht der vornehmen Außenseite. Wirklich, dieser Zweig meiner Arbeit ist.der ungemütlichste. Ich soll der .Geschmacksbildner der blöden Masse sein, so eine Art Vorkauer und Stilprobierer, ob es lohnt oder nicht beliagt. Nun. ich helfe mir und lese die ersten zehn Seiten und gleich den Schluß, dann weiß ich Bescheid. Lieber will ich als .Gerichtsberichterstattei enden und jeden Tag ein neues Essay über den Idealismus der Taschendiebe und Schwerverbrecher schreiben, selbst Urlaubsversicherungen auf Schönwetter abschließen, als unter die Fabrikanten von Liebesgeschichten gehen. i “Mit diesem.ehrlichen Bekenntnisverabschiede ich mich für heute Abend von der Journalistik und hoffe, aui ein gnädiges Zeilenhonorar und keine Kündigung zum.Fünfzehnten.-;— Das Rezensions-Exemplar des von Herrn Kritiker Xaverius so flüchtig und lieblos'betrachteten Buches lagi offen auf dem Schreibtisch der ..Mitternachtspost". Ursprünglich hieß sie ja das „24-Uhr-Blatt“. Aber nachdem die böse Konkurrenz sich eine zeitlang darin gefallen hatte, sie die Null,-Zeitung zu nennen,' entschloß inan sich auf Xaverius’'Vorschlag zu dem weniger angreifbaren Kopf einer „Mitternachtspost“. Den ' Redakteuren geht es allemal wie den Aerzten und unglücklich Verliebten. Entschloß sich der junge Mediziner wirklich zu einem gefühlvollen Abendspaziergang, dann meldet sich bestimmt telefonisch sein zahlender Patient, und ein gleichgültiger Kollege heimst das Honorar ein.. Und wenn ‘der Liebhaber, des iangen Wartens müde, den Platz des Stelldicheins geräumt hat, dann biegt sein Schwarm, rank und fein1 um die Ecke, und Mitmensch Glückspilz führt sie aus und ^vielleicht heim. . So ist es auch unserem’Xaverius ergangen: Er hat geglaubt, daß heute nichts passieren würde, weii so selten etwas geschieht Er ist eingeschlafen — das wollen’ wir ihm nicht übel nehmen :—. doch gerade während seines Schlummers hat sich Bedeutsames ereignet Er hätte Karriere machen können, der mühselige Skribent: nun hat ihm ein anderer den Rang abgelaufen. i Was. sich an Erstaunlichem begeben hat, jveiß die Welt, und wer es noch nicht weiß, soll es' hier erfahren! , I ) i cS z e n e w e c h x e 11. u n d : d e r ' - Leser gerät vom Zeituhgsvi er t eI in e’in ev Wolkenkratzer mittlerer Sorte. Dort wo der neue Haup'balmhoi zu jeder Tageszeit große Scharen-von Vorstadtleuten und Touristen in Lärm und Brausen der. Capitale entlädt.wo die nächtlichen Feuerräder und Lockschilder jn allen Farben glühet, und gleißen und den Ankömmling verwirren,- stellt jenseits des großen Vorplatzes das Columbia-Haus. Es ist ein stoi/er Eckbau und gleicht in seiner Struktur dem allbekannten Kau'liause. das dein großen westlichen Stadtteil Kraft und Enti iltinig mitverliehen hat. Für den Unbeteiligten ist-es angenehm zu betrachten, wie-der Bienenschwarm der Zweifüßler aus allen Richtungen kommend, auf geschickter Flucht vor Auto. Bus -und jTramway zum Columbia-Haus steuert und inden großen rEingangsliallen verschwindet. - j. Wir müssen zu Portal 3, das in der rechten Nebenstraße liegt. Diese sieht e.twa aus wie lie Wasa-üütan in unserer ^Nachbarstadt. hat auch so viel Leben., stammt aber aus der alten und beschaulichen Zeit. Im Columbia-Haus, Eingang 3. sausen die Fahrstühle, sechzehn Fahrstühle; alle nebeneinander. Wer viel Zeit hat, kann am-' heilen Ziffermableau beobachten, wenn sielt das IS. Geschoß (Dachgarten) meldet. Ja. man wird ein bißchen ungeduldig, bis die Kabinen -.immer analog zur fallenden Himbeersäuie — in der großen Halle landen und ihre Fracht ausspeien. Vor jeder Gitterstahtür ringelt sich eine Passantenschlange und wartet auf Bcfördvr.mg. Zwanzig gehen in jeden Fahrkorb. Victor Arago ist der Eimmdzwanzigste.L aber der Erste für den Nachbarliit. Da gibt es keine Höflichkeit den Damen gegenüber, er will und mu" auch itinaui. Im 14; Stockwerk, wo man schon ahnt, daß draußen-die.Sonne scheint, ist sein Büro — das kleine, dort in de- Ecke. Es hat einen Vorraum von zehn Quadratmetern und körtet nach der letzten Mietssenkung noch.-monatlich f>2 Dntdilo-, Wovon wird er sie diesmal bezahlen? Keine Ueberängstlicl kcit: es bleibt immerhin erlaubt, den wartenden Halbkreis der jungen Mädchen; zu betrachten, welche alle bei ihm Sclireibmaschinistinnen j werden woilern Victor macht sein Mussolini-Gesicht; wenn man dazu einen gelben und bauschigen Flauschmantel trägt, gibt dies--fast dramatischen Eindruck. Victor übersieht nicht, daß alle Schönen ihre Puderquasten zücken und so schnell, wie sie gewiß nicht .schreiben können, emsig tupfen, und streichen.:Er verschwindet in seinem Zimmer und läßt die Anwärterinnen noch warten. Man muß immer Beschäftigung markieren, j Sein Tischdrückknopf öffnet die Tür. Nummer eins erscheint. Stumme, einladende Bewegung: Niniimer eins,nimmt Platz, sieht Jhn schüchtern und doch mit jenem Lächeln an. das in der gewerblichen Fortbildungsschule den jungen Damen als keep smiling anempfohlen ist. Victor ist nicht lächerlich zumute: „Wieviel Silben, meine Dame?“ —-j „Diese Arbeitslosigkeit, diese Arbeitslosigkeit!“, denkt Victor, bis die Antwort kommt, und hört gar nicht, ob Nummer eins sich zu 130 oder 160 Silben in der Minute bekennt. „Vor fünf Tagen stand mein kostenloses Inserat in der „Mitternachtspost“, und noch immer hüpft der Arbeitssuchertrupp über meine Schwelle. Warum haben wir Jungen es doch überall so sehr schwer?" i Victor weiß sich auch später nicht zu erinnern, ob und welches Gehalt Nummer eins monatlich beansprucht hat. Seine Phantasie ist schon bei neuem volkswirtschaftlichem Trauern und Bedauern. „Wovon kleidet sich diese junge, lebenshungrige und lebensberechtigte AlädelWelt? Sind sie nicht Modepuppen nach dem letzten Schrei, dann findet keine jemals, ihren Platz. Ein schief getretener Absatz fällt das Urteil, lieblos hart, und der Frisör verlangt allwöchentlich Tribut, Tribut!“ Unser Sozialgrübler tastet sich zurück: sein Gegenüber ■ blickt ihn weiter lächelnd an und spricht: „Wir wollen keine Arbeit haben, sondern bringen. Wir wissen, daß es Ihnen noch viel schlechter geht, als uns!" „Ihre Liebe, unbekannte Majestät, rührt 'mich", antwortet Victor Arago-und neigt devot sein Haupt und den Oberkörper, bleibt aber auf seinem Schreibsessel, der einem besseren Throngestühl nicht ganz unähnlich sieht. Der Buschwald seiner Tolle, voll und echt, aufflutend wie ein wilder Wogenkamm, verbeugt sich mit, und seine Zähne, Raubtierzähne, blitzen. „Ich bin nur eine“, sagt jetzt Micaela, denn es wird Zeit, das braune Fräulein yorzustellen. „Sie" sollen uns alle, hören!“ ln einer Sekunde ist sie an der.Tür, und die fünf anderen, denen Victor schon im Vorraum des Büros begegnet war, eriüllen sein Zimmer. Die Letzte schließt die Tür, sie dreht das Schloß und‘bewahrt den Schlüssel, zierlich und schnell in der Handtasche. Die Handtasche verleiht jeder Frau das internationale Bürgerinnenrecht Man kann sie noch so oft verlieren — das hebt den Konsum —, man wird sie immer wieder brauchen, usie ist ganz unentbehrlich und muß sein. Mit ihr -hat sich »die Frau zu heut bestaunter Höhe aufgeschwungen. Gebt dem Erfinder der Handtasche ein Denkmal, am besten aus Krokodilieder! „Weiblicher Ueberfall, gesperrtes Telefon, das wird lustig! Sie sollen mich als Helden kennen lernen, ehe ich kapituliere! Aber was verschafft mir die Ehre Ihres' Besuches, meine Damen vom Apachen-Klub, vom Tennis-Klub?“, verbessert sich Victor. „Eine veraltete Konvention verbietet mir, mich Ihnen vorzustellem und es ist auch nicht nötig, denn Sie haben mein Schild gelesen. Sagen Sie doch schöne Namen, wer sind Sie alle? Ich tippe aui Amelie. Irina. Bessie, Mary. Nicoline und Ruth. Ruth darf nie fehlen, unter sechs schönen Frauen heißt bestimmt eine Ruth!“ „Wir werden uns bekannt machen, später, nicht liier. Es genügt, wenn Sie mich kennen. Ich bin Micaela und der Chef der Bande!“ Dazu glänzen ihre Augen. „Und ich bin hungrig, durstig!“ Der Gedanke an Kaffee, schwarz und steif und übersüß, ersetzt kein Frühstück, verdoppelt den-Appetit. „Hierzu iin Vorschlag!“, kommandiert der entzückende Räuberchef im weißen Gummimantel. „Wir laden Sie ein. unser Sechssitzer wartet. Bei unserer Schlankheit reicht er auch für sieben. Wohlan, wohlan, laßt uns am Meere Kaffee trinken.“ „Ich nehme an, verehrte Micaela“, entschließt sich der Gefangene, „aber meine Arbeit, meine Arbeit? Wer macht heute meine fälligen Aphorismen, wer liefert dem großen Kaufhaus sein tägliches Schlagwort? Ich bin Ideenspezialist. Wer zahlt meine Ehrenschulden, wer benachrichtigt meine Wirtin und, was noch schlimmer ist: ich bin unrasiert.“ „Zum Letzten: Wir lieben es,“ entscheidet Micaela, „wenn dunkler Flaum des Mannes Antlitz romantisch ummalt, und in Maimi ist kein Mangel an Barbieren. Und dann: Ihre Wirtin soll die Polizei bemühen, wenn ihr ängstlich wird. Wer heute Schulden zahlt, ist nicht wert, Kredit zu haben; und die. Aphorismen werden wir diktieren. — — Schreiben Sie auf!, dieses war nämlich der erste!“ „Die Rollen sind vertauscht!“, sagt Victor - Arago. „Ich suche eine Typeuse und bin zum Schreiber geworden. Zehn Aphorismen, armselige Geistreicheleien, sind mein Bedarf für jeden Tag. Dann habe ich iünf Doublos!“ Die von ihm Amelie getaufte diktiert: „Je tiefer man das Leben begreift, umso schwerer wird es verständlich.“ Victor nickt anerkennend. Irina diktiert: „Wer seine Torheit erkennt, ist nicht mehr dumm.“ Mary runzelt die S.tirn und spricht: ..Schon vor dem Berühmtsein sind die Menschen etwas wert, und nachdem bleibt 7 noch immer etwas übrig.“ r Bessie sagt an: „Es ist jeder imr halb so klug, aber doppelt so frech, wie er scheint.“ Auch Nicoline weiß etwas: „Mit Getreide ist mehr als Brot zu verdienen.“ - „Es fehlen noch vier“, stellt Victor schüchtern fest, „jetzt ist wieder Micaela an der Reihe.“ - „Ich helfe Ihnen, Victor Arago: es war Ihr Name, der mich gefesselt hat. wehe, wenn Sie uns enttäuschen." „Soli das auch ein Funkblitz Ihres Kopfes sein?" „Ach wo — das stellt nur zwischen den Zeilen. Schreiben Sie: Der beste dänische Aquavit ist der französische Cognak.“ „Also auch. Alkoholikerin! Ich will Ihnen sagen, Fräulein Micaela: Sie benutzen dasselbe Gedankenkochbuch wie ich. Haben Sie vielleicht auch in Ihrer Bibliothek. noch Stepputats Reimlexikon? Ich brauche dringend einen Reim auf Hochzeit.“ „Ach wie einfach! Schreiben Sie .noch Zeit’. Sie werden diese Frau nie heiraten!, das sage ich Ihnen.“ Wissen Sie schm, daß einer der Verteidiger des jetzt gefeierten Sclilageter der jüdische Oberlandesgerichtsrat Dr. Marx von der inristi- : sehen Abteilung des Auswärtigen Amtes war. den die damalige Reichsrcgierung zgr_ Verteidigung Schlageters ' gegenüber der Besatzungsb’ehörde nach Dusseldort entsandt hatte? ■ daß die Stadt Saloniki in ihr Jahresbudget einen Posten von 640 000 Drachmen iür jüdische Wohlfahrtszwecke eingestellt hat? daßder preußische Kultusminister Rust an die Oberpräsidenten und Regierungspräsidenten einen Erlaß gerichtet hat. in dem er darauf hinweist, daß jüdische Schüler in Deutschland vorläufig nicht durch die Leiter höhererLeliranstalten . vom Schulbesuch ausgeschlossen werden dürfen? daß die Reichsregierung nicht beabsichtigt, den für die Rechtsanwälte eingeführten Arierparagraphen auch aui die Kursmakler auszudehnen? daß der Hauptausschuß der Stadt Düsseldorf dem jüdischen Turn- und Sportverein Makkabi die städtischen Tüm- und Sporteinrichtungen, deren Benutzung ihm eine Zeitlang entzogen war, wieder zur Verfügung gestellt hat? daß 18 berühmte nichtjüdische Professoren belgischer Universitäten einen offenen Brief an die 'Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften gerichtet haben, in derti sie in Form eines Appells gegen die Entfernung jüdischer Gelehrter, von deutschen Hochschulen Stellung nehmen? daß in Paris demnächst aut Anlegung des unter der gemeinsamen Führung von Painleve und Baron Edmond de Rothschild stehenden Komitees zum Schutze jüdischer Intellektueller aus Deutschland eine internationale Konferenz zusammentreten wird, auf der Entscheidungen über die künftige internationale Rechtsstellung der aus Deutsch-, land ausgewanderten Juden getroffen sowie Beratungen betreffend eine bessere Verteilung der Auswanderer aui verschiedene Länder und die Organisierung der Hilfsaktionen für sie abgehalten werden sollen? daß die Professorenkollegien der Universitäten Cambridge, Oxford und London sowie die Professoren der Londoner Handelshochschule beschlossen haben, 3 Prozent ihrer Gehälter einem neugeschaffenen Fonds für die aus ihrem Wirkungskreis entfernten jüdischen Gelehrten Deutschlands zur Verfügung zu stellen? daß das Ergebnis der Straßensammlung;äft" dem in Holland veranstalteten Sammeltag zugunsten jüdischer Auswanderer aus Deutschland etwa 25000 hfl. betrug, und daß bei der Büchsenleerung in Amsterdam, in einer der Büchsen ein Tausendguldenschein gefunden wurde? daß der bekannte Tuberkulose-Forscher Dr. Max Gerson, bisher in Bielefeld, seine Tätigkeit an der Tuberkulose-Abteilung des Spitals der Gemeinde Wien in Lainz aufnehmen - wird? „Micaela, Micaela!, der Meisterdetektiv der Weltiilm- Kompagnie ist gegen Sie der Chef der Trottel. Was wissen Sie denn nicht von mir?“ „Genug, genug!“, entscheidet die Oberbanditm. „Wir haben noch Gelegenheit, hierüber zu parlieren. Die Zeit enteilt: jetzt müssen wir hinweg.“ „Nicht eher, als bis ich Ihnen, Micaela, die letzten drei Aphorismen diktiert habe. Ich muß mich an meinem Geschäft' beteiligen. Schreiben Sie: „Ei, ei, noch so jung und schon so klug!“ .Und damit Sie jsich nicht zu viel darauf einbilden, zur Abschwächung: „Nur weil es Dümmere gibt, sind die Weisen weise.“- Und als Letztes, das soll Sie bedenklich stimmen: „Wenn einer gleich ja sagt, ist; es immer schlimm.“ Jetzt Umschlag, Marke und den Brief in meinen Taschenkasten.“ Das Skriptum versinkt im Flauschmantel, und Victor konstatiert: „Ich habe jetzt eine Schriftprobe von Ihnen, Micaela.“ „Wir werden öfter Briefe wechseln; die .Graphologen schrecken mich nicht. Hinaus, hinaus zum Kaffee!“ Damit sauste, rollte der ganze Schwarm hinab, und der zweite Morgenportier verwunderte sich nicht wenig über Aragos vielfache Begleitung. t Victor kehrte heute .nicht zurück, auch nicht zu seiner Wirtin, Frau Desastro. Am Abend entstand die Sensation: „Ein Mann von sechs Mädchen entführt!“ Welch gute Ueberschrift fürs Morgen- Feuilleton, nicht nur Lokales! — Xaverius hat das alles verschlafen! III. Wer ist Micaela wirklich? Im allgemeinen kann man es jungen Mädchen nicht vom Gesicht ablesen, wer sie sind, und noch weniger, wie sie sind. Die scheinbar angenehmsten erweisen sich als veritable Puten, und manche andere, die der Mann weit weniger goutiert, sind, wie sich später zeigt, die allerbesten. Das gilt nicht mir von Qualität in Hirn und Seele, sie haben auch sonst ihre Reize. Wer weiß, ob Victor Arago im Stadtgewühl auf Micaela je geachtet hafte. Noch, ist sie nur der Typ, an dem der junge Mann mit seinem Selbstbewußtsein rasch vorübergeht. Und doch ist Micaela mehr als tausend Frauen: ein Mädel, so von-Anfang an auf sich selbst gestellt, das nichts von Vater und Mutter weiß .und eigentlich gar keine Heimat hat, und schon mit neunzehn Jahren, was die Wirtschaft „rechte Hand“ nennt, ganz unentbehrlich dem. der sie. erprobt, niemals der Muß-Pflicht halbstumpf hingegeben und außerdem voll Laune, bester Laune und Esprit, ein großer Kämpfer, überreich an nie erschöpfter Güte, ein guter und getreuer Kamerad! — Das ist Micaela!;Sie hat zu der Schar der Wanderer gehört, die vor Jahren, aus bekanntem Anlaß heimatlos geworden, die einen liier, die andern dort sich neuen Boden suchten. Sehr viele sind auf der Strecke geblieben: nicht nur der Hunger und die Frenfde, weit stärker hat die Sehnsucht sie ins Grab gebracht. Micaela ist ein halber Findling-urrd weiß von ihren Eltern nichts. Ganz weit, im alten Lande irgendwo, lebt noch ein älterer Onkel. Solche würdigen Herren müssen meistens neben der Last ihrei Jahre noch einen antiquierten Namen herumtragen, der in der Regel zwischen! Abraham und Zacharias schwankt. Micaelas Oheim — übrigens mütterlicherseits — ist ein ganz bescheidener, neutraler gerichteter Fritz und noch-mit 65 Jahren etwas jünglinghaft, außerdem Kavalier. Da das mit dem Ritter¬ und Reiterstande zusammenhängt. kann hier gleich der Voll- ständigkeit halber mitgeteilt werden, daß Oheim Fritz in längst vergangener goldener Friedenszeit, als eines .wohlkonfektionierten Vaters einziger Sohn, sein Jahr bei der berittenen Garde gedient hat. Der schmucke hellblaue Waffenrock ist damals von der ganzen Familie und interessierter Nachbarschaft gebührend bestaunt worden, und es war auch eine Auszeichnung, zu einer Truppe zu'gehören, deren allerhöchster Cbei einst Ihre Majestät die Königin von Groß-Britannien und Irland gewesen isi. Machte auch der Volkswitz aus diesen Dragonern gern das Regiment Cohn, weil viele .junge Juden, die sich das leisten konnteri. dort eintraten —: eine persönliche Stichelei für Fritz war damit nicht verbunden. (Fortsetzung folgt.) Herausgeber: Hau n s Loew enstein und;Wi 11 i Tisch Verlag. Berlin SW 11. Verantwortlich für den Textteil: George Goetz, Berlin W 35: für den Inseratenteil: Willi Tisch. Berlin NW 87 Druck: Berliner Spezial-Druckerei GmbH., Berlin NW 21. Alt-Moabit 105.