Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 3 (1.5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die nie vetaCtea 1 Landtagsabgeordneter Justizrat Oscar Cassel am 10. Juni 1907. Unvergessen ist noch heule der Vorkämpfer für deutschircihcitliche Bestrebungen, darum auch iür die Freiheit der deutschen Juden, der LaiiUtagsabgeordnete. langjährige Berliner Stadtverordnete und-Geheime Justizrat Oscar Cassel. Die nachfolgende, liier nur wenig verkürzte Rede hat er am ltr. Juni 1907 in unserm „Liberalen Verein für die Au gelegen bei len der JüdiscbenGemeinde zu B e r I i n“ gehalten. Vor einem Viertellabrhundert verlaßt, ist sie wie für heute geschrieben! Alle Fragen, die heute wieder aufgeworfen werden, sind, ln dem Vortrag behandelt und beantwortet. Besonders aber ist es eine groBe Lehre, die sich durch diese ganze, von echter Vaterlandsliebe glühende Rede zieht: Patriotismus kann und muß sich freimachen von Antisemitismus! Nur gegen die Judenfeindschaft wendet sich Cassels scharfe Polemik, nicht etwa gegen die nationale Bewegung, denner selbst, das zeigen seine zündenden Worte und das bewies sein Wirken, war ein nationaler Mann, in dem jüdische Religiosität mit deutscher Volkszugehörigkeit eine ebenso unzerstörbare Einheit bildeten wie wahre Humanität, mit wahrer Vaterlandsliebe. Lange schon ruht er. der hier wieder beschworen wird, in der Ehrenreihe unseres Friedhofs in Weißensee —: seine Worte haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Schrlftleitiing;'- Die Steilung der deutschen Juden.ziinrdcut-. sehen V a t e r I a n d e ist eigentlich eine so historisch sichere, klare und zweifellose, daß es vielleicht überflüssig erscheinen könnte, sie noch einmal auseinänderzusetzen. Strömungen der Zeit mögen aber die Behandlung dieses Themas trotz seiner Klarheit rechtfertigen. Vor 30 Jahren hatte die Behandlung dieser Frage bei den deutschen Juden das höchste Erstaunen hervorgerufen; denn damals war nach der Gründung der deutschen Einheit auch die bürgerliche Gleichstellung der Juden durch Gesetz und Recht zum Abschluß gekommen. Der-An ti sein i t isittus hat es dorchgesetzt, daß die deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens in ihren heiligsten Gefühlen verletzt und in ihrer bürgerlichen Gleichstellung ge- - schmälert*'worden sind. Nun werden aber — das zeigt die -Weltgeschichte — durch irgend eine Bewegung oft auch ganz andere Wirkungen als die beabsichtigten hervorgebracht. So auch hier. Der Antisemitismus hat dazu geführt, die Juden in ganz anderer Weise um den Glauben ihrer Väter zu scharen, als das bisher' der Fall war. Andererseits hat er eine Erregung herbeigeführt, die begreiflich ist, aber mitunter in gewisse Unklarheiten ausartete. Solche Momente der Erregung und Nervosität sind aber bei den deutschen Juden stets nur vorübergehender Natur gewesen. ...Die weitaus überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden tut' dem Antisemitismus nicht den Gefallen, sich von ihm zürückdrängen zu lassen von dem Boden, der allen Deutschen olute Unterschied des Glaubens gemeinsam ist. von dem Boden dqs Vaterlandes. Für .uns deutsche Juden ist unser Vaterland dasselbe, was es'für alle Bürger ist, unser -liebes nud großes Vaterland. W-j.ru in ist nun Deutschland unser Vaterlau d? Es ist das Land, in dem wir und unsere Vorfahren geboren sind, das Land, dessen Sprache wir sprechen, die teure Heimat. in der wir geboren und erzogen sind, in der wir die Tage der Jugend und der Arbeit verlebt haben. An dieses Vaterland schmiegen sich alle, die in der Muttererde wurzeln und an ihr festhalteu, die den Ort, das Reich, den Staat und die Gemeinde ihrer Jugend lieben, die die Gräber ihrer Eltern und Vorfahren nicht vergessen. Es ist zugleich das Land, in dem wir schaffen und wirken, das Land, in dem wir unser Heim errichten, das auszugestalten wir uns bemühen. Den Geist des Landes haben wir empfangen und in uns aufgenommen, wir pflanzen ihn fort.' Wir wurzeln hier fest mit allem, was wir sind und1 vermögen, in diesem Vaterlande, unter dessen Schutz und Schirm wir in ihm und in weiten Fernen wirken können. Dieses Vaterland muß uns teuer sein, und wir können nicht anders, als mit Empfindungen der Liehe und treuen, innigen Anhänglichkeit zu ihm uns herangezogen iülilen. . Noch andere Gründe zwingengerade uns deutsche’ Juden, mit inniger Verehrung und Dankbarkeit unseres deutschen -Vaterlandes zu gedenken. Es hat die deutschen Juden an die moderne Kultur augeschlossen. Dieselbe Ouelle, die dem deutschen Volke did Gründung des Deutschen Reiches brachte, hat auch den deutschen Juden viel für ihre innere Erstarkung, aael für ihre Zivilisation und Kultur gebracht Wenn wir zurückblicken auf die großeu Erfolge Deutschlands im wirtschaftlichen Erwerbsleben, in der Hebung der sozialen Verhältnisse, in Kunst und Kultur, wenn wir aui die Macht und Kraft blicken, die das jahrhundertlange Sehnen des deutschen Volkes nach yülliger Einheit und Freiheit seiner Verwirklichung entgegenführte, so müssen wir anerkennen, daß dies nicht etwa lediglich geschehen ist durch den großen Aufwand an Out und Blut durch die Hergabe von Leben und Vermögen, nein, die Grundlagen zu dieser kräftigen, geistigen und wirtschaftlichen Erstarkung des deutschen Vojkes beruhen vornehmlich auch auf den hohen Geistestaten 'unser klassischen. Heroen. Die Klassiker Schiller, Goethe, .Lessing. Herder. Kant und andere sind es gewesen, die in dem staatlich unireien und in Atome zersplitterten, gesellschaftlich undwirtschaftlich beengten und bedrängten deutschen Volke das Gefühl für äußere und innere Freiheit des Daseins, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit hervorgerufen haben und inihm das Ideal reinen und freien Menschentums erweckten. Durch ihre hohe Gcistestaten wurde erst der Aufschwung des deutschen Volkes ermöglicht, der im 19. Jahrhundert zu so glänzenden Errungenschaften geführt hat Diese großen Geister stellten die These des reinen Menschentums auf, dessen klarer Schein den Menschen in die Seele leuchtete. Da wurde das Wort Schilleis von den Millionen, denen sein Kuß gelten sollte, .durch die Tat beherzigt. Das Wort, daß alle Menschen Brüder Seien, und die Lehre der Humanität führten dazu, den Sinn für Teilnahme am Leid aller Bedrängten und Verfolgten zu erwecken. Deutschland hat die Geböte der Toleranz von einem herrlichen Mann aussprecheu lassen, in Klängen, die niemals ihren Widerhall verlieren werden. Wenn es richtig ist. daß die französische Revolution die bürgerliche Gleichstellung gebracht hat. so ist cs zweifellos, daß Gotthold Ephraim Lessing die'Gebote der Toleranz mit unverlöschlichen Zügen in die Tafeln der Geschichte eingeschrieben hat-, so daß keine Zeitströnumg imstande sein wird, ihre eherne Schrift wieder zu verwischen. . ’ V Im Anschluß an diese hohe geistige Kultur, im Anschluß an diesen Geist der Toleranz haben große Männer es verstanden, die Kultur Deutschlands den Juden zu erschließen. Uiid der unvergeßliche Freund Lessings, Moses Mendelssohn, hat sie der modernen Zivilisation entgegengeiührt, und . zwar hauptsächlich auch durch seine deutsche Uebersetzung biblischer Bücher. Wenn auch auserlesene Geister unter -den Juden in allen Zeiten große Taten vollbracht haben, wenn selbst der Geist eines Spinoza aus trüber Zeit hervorgehen konnte, so beginnt doch für die Masse der Juden erst von diesem Moment, an ihr Anschluß an die moderne Kultur. Der Hinweis Schillers aufs teure Vaterland, der Appell, sich an dieses Vaterland anzuschließen, dieser Appell wurde auch von den deutschen Juden mit innerer Ergriffenheit und staunenswerter Opferwilligkeit befolgt Dabei führten die Juden erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ein menschenwürdiges, Dasein im deutschen Vaterlande. Als es 1813 galt, Deutschland von dem Joche des großen Napoleon zu. befreien, als der König rief und alle, alle kamen, da sind auch in Scharen die Juden .herbeigeeilt die erst seit kurzem den Wohltaten deutscher Bildung entgegengeführt worden waren. Massenhaft haben sie als tapfere Krieger —- Männer jeden Standes — ihr Blut auf den Schlachtfeldern vergossen. Sie haben den Kriegern ande- . reu Glaubens nicht nachgestanden in Vaterlandsliebe und Heldenmut. Wie hat sich nun die Entwicklung in Deutschland weiter vollzogen? Die Juden haben sich von Anfang an die Pflege des Gemeinwohls angelegen sein lassen, aus dem Gefühl heraus, daß sie mitwirken müßten für ihr deutsches Vaterland, obgleich sie damals rechtlich noch gar nicht gleichgestellt waren. Es wäre ein langes Register aufzustellen, wollte man alle die Juden aufzählen, die seit 100 Jahren zum Wolde des Vaterlandes in allen Ständen und Berufszweigen gewirkt haben. Die Namen dieser Männer werden nicht untergehen. Und nennt man die großen deutschen Männer, dann sind auch viele ihrer Namen darunter. Nicht bloß auf'den böhmischen und französischen Schlachtfeldern ist der Grund zu Deutschlands Einheit gelegt worden, dem Kampfe ging das geistige Ringen voraus. Auch manche unserer Glaubensgenossen haben ihren Anteil an der freiheitlichen und einheitlichen Entwicklung unseres Vaterlandes. Gabriel Riesser, Veit, Kosch, Lasker, Bamberger, Löwe, Straßmann usw. haben sich nicht bloß bemüht, die Gleichstellung ihrer Glaubensgenossen zu erlangen, sie haben auch an der Entwicklung des Vaterlandes zur Einheit und Freiheit mitgewirkt. Sie haben mitgewirkt, daß der Boden unseres Vaterlandes so werde, wie er jetzt ist, auf dem wir uns alle befinden, unser gemeinsames deutsches Vaterland. Diesen Boden sollten wir aufgeben? Wir sollten uns plötzlich nicht als Deutsche fühlen? Was würden die großen Männer, die ich genannt habe, dazu sagen, wenn sie sich dazu äußern könnten?! Was würden sie dazu sagen, wenn überhaupt ein Zweifel darüber entstehen könnte, daß wir etwas anderes sind, als Deutsche, Deutsche jüdischen Glaubens?! Wir wollen uns dieses deutsche Vaterland nicht schmälern lassen. Die deutschen Juden werden es niemals zugeben,- daß ihnen von irgend jemand mit irgend welchen Worten vorgeredet wird, sie seien überhaupt keine Deutschen. Der Antisemitismus hat allerdings bei manchen eine große Nervosität hervorgerufen. Man hört oft sagen: „Ach Gott, die Juden müßten mehr zurückhaltend sein. Warum spricht über politische Gegenstände und Streitfragen im deutschen Volke gerade der oder jener Jude? Warum überläßt man das nicht anderen? Warum sucht man dadurch die Äugen auf die Juden zu lenken?“ — Ich habe viele Jahre Gelegenheit gehabt, den Widerhall solcher Reden an mein Ohr dringen zu lassen. Ich habe sie nie beachtet. Gewiß soll jeder Jude, der in der Praxis oder in der öffentlichen Tätigkeit steht, mit Takt und Ehrfurcht das achten, was Bürgern.anderen Glaubens heilig ist. Er soll es vermeiden, sich in Dinge ■ des Glaubens anderer zu mischen. Aber in der Frage des Vaterlandes. seiner Förderung nach außen und seiner inneren E n t w i c k 1 u ti g, ist es die Pflicht jedes Juden, an der Stelle, an der ersteht, gemäß seiner Ueberzeugung mitzuwirken zum Besten des Vaterlandes. Wir sind, ja doch nicht mehr —: und wollen es nicht sein — die Kammerknechte der Kaiser des heiligen römischen Reiches, die geduldeten und geächteten Juden. Wir sind jetzt freie deutsche Bürger. Und wenn wir dem Vaterlande gegenüber unsere Schuldigkeit tun wollen, so können wir nicht blos verlangen, daß es uns das gibt, was unser Menschen- und unser Bürgerrecht ist, sondern wir müssen uns mit besten Kräften in-den Dienst des Vaterlandes steilen, sonst würden wir ja bekennen, als sei die Zugehörigkeit zum Judentum ein inneres’Hind e r n i s, an diesem Wirken sich zu beteiligen. Wir werden . also vor allen Dingen nicht unterlassen, nach wie vor. jeder nach seiner Ueberzeugung, für das Vaterland, für Reich. Staat und Gemeinde mit besten Kräften zu arbeiten und zu wirken. Wenn wir in diesem Sinne wirken, so tun wir es nicht als Juden, sondern als Deutsche. Selbst die Forderung der Gleichberechtigung ist keine spezifisch jüdische Forderung. Sie ist eine Sache der Freiheit und Gleichheit. Gemeinsam wollen wir handeln, wenn es gilt, unser Recht zu verteidigen. In Angelegenheiten des Vaterlandes müssen wir aber in'denjenigen politischen Lagern arbeiten, zu denen wir nach unserer Ueberzeugung gehören, auch wenn wir dadurch unter uns getrennt werden. Möge jeder seinen Weg gehen, den er für richtig hält. Bei Beratungen über das allgemeine Wohl möge er sich nicht mit Glaubensgenossen, sondern mit den Leuten bespreche», die gesellschaftlich und politisch auf demselben Standpunkt stehen. , Darüber hinaus haben wir noch die weitere Aufgabe, unserer‘Glaubensgenossen in fernen.Ländern zu denken, da sie dort bedroht und verfolgt werden,. Wir sind mit jenen Unglücklichen, die in.Rußland und Rumänien unerhörte Qualen erleiden müssen, die Leib und Gut und Leben verlieren, die ihre Frauen und Kinder vor ihren eigenen Augen abgeschlachtet sehen, wir sind mit diesen Glaubensgenossen verbunden, weil sie wegen des gemeinsamen Glaubens leiden. Dieses Gefühl legt uns besondere Verpflichtungen auf, wenn es auch die Aufgabe aller edlen und gesitteten Personen jedes Glaubens ist. diesem ungeheuren Weh gegenüber das ’ Scherflein der Mithilfe und Abwehr zu gewähren.. Wenn aber jemand behauptet, daß dein deutschen Juden der fremde Volksgenosse jüdischen Glaubens näher stellt als der Landsmann anderen Glaubens, so muß ich mich zunächst wundern, warum es überhaupt jemand für nötig hält, eine solche Frage aufzuwerfen. Sind I doch die deutschen Juden stets eingetreten zur. Milderung von Not und Elend im deutschen Vaterlande ohne Unterschied des Glaubens! Sind sie nicht in erster Reihe stets beteiligt gewesen bei allen Hilfeleistungen der Menschenliebe und Humanität? Wie kommt man dazu, eine Ansicht auszusprechen, die dem Gefühl der deutschen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit widerspricht? Wenn nun dieses Liebeswerk der Hilfe für unsere ausländischen Glaubensgenossen notwendig ist und wenn einzelne meinen, daß durch Ansiedlung dieser Glaubensgenossen und durch Errichtung jüdischer Kolonien es möglich ist, ihr Leid zu mildern, so mache ich denen, die sich damit abgeben, nicht den geringsten Vorwurf. Sie laden jedoch eine schwere Verantwortung aiif sich, falls diese Versuche denen, die es erhoffen, nicht das ersehnte Heil bringen. Wenn es aber Leute gibt, die behaupten: Wir gehören nicht zum deutschen Volke! Wir gehör e.n zum jüdischen Volke! 'Wir seien keine Deutschen und könnten dies nur nach dem Gesetz sein und nicht nach der Gesinnung, und unsere Sehnsucht sollte, nur einem zu konstruierenden jüdischen Staat gehören, so muß ich erklären: Das ist eine Afterweisheit, von der es gut wäre, daß sie weite Kreise unserer Glaubensgenossen nicht befallen möge. Es gibt ja jetzt schon deutsche Juden, die der Meinung sind, wir wären nicht Deutsche, sondern Juden, die es erklärlich finden, daß den Antisemiten unsere Nase nicht gefällt; ganz mit derselben Logik wie die Antisemiten sehen sie auch in denjenigen immer noch Juden, die jüdischer Abstammung sind,' trotz der Taufe. Es ist eine 'Afterweisheit, zu behaupten, ein Volk bestehe nur aus Gliedern desselben Stammes. Das spräche aller historischen Entwicklung Hohn. Auch beim deutschen Volke ist das nicht der Fall. Ganz abgesehen von Juden und Polen, sind in Deutschland noch die verschiedensten Stämme vertreten, Slaven, Romanen usw. Sie alle haben sich in dem deutschen Vaterlande zu einem Ganzen vereinigt Sie sind mit ihrer ganzen Gesinnung und ihrem ganzen Herzen deutsch, weil sie deutsch sprechen, im deutschen Geiste ernährt sind, deutsch denken und deutsch empfinden. Es ist eine ganz rohe Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung, wenn man glaubt, die Glieder eines Volkes müßten alle derselben Rasse angehören. Ich möchte nur an Berlin erinnern, wo noch französische Emigrantenfamilien bestehen, die sich unvermischt erhalten haben. Was würden sie sagen, wenn man ihnen erzählen würde, ' daß sie keine Deutschen, daß sie Franzosen sind? Davon kann keine Rede sein. ' Wir sind, wenn nicht durch Abstammung, so doch durch die Erduldung gemeinsamer Schicksale, durch die süßen Laute derselben Sprache, durch Empfinden, Erziehung und Gefühl Deutschegeworden und niemand — auch nicht diejenigen, die damit glauben, zu unserem Besten zu handeln— wird imstande sein, uns von dem Boden unseres Vaterlandes loszureißen. Die Sache hat aber noch eine andere Seite. Wenn wir die Gleichberechtigung verlangen, so können wir das nicht tun. weil wir bloß den Gesetzen gemäß unsere Pflicht tun, sondern weil wir uns als Angehörige dieses großen deutschen Vaterlandes fühlen. Wie können wir von dem deutschen Volke verlangen, daß Lehrer aus unseren Reihen die Jugend unterweisen, wenn ein Zweifel entstehen kann, ob diese Lehrer geeignet sind, die deutsche Jugend ohne Unterschied des Glaubens in. deutscher Gesinnung ' zu erziehen. Wenn wir verlangen, daß an den höheren Schulen und Universitäten und an den Akademien Juden Lehren, wenn wir verlangen, daß Juden richten im -deutschen Volke, wenn wir verlangen, daß die Verwaltung auch von befähigten und geeigneten Juden geführt wird, wenn wir fordern, daß man auch im Heere allen denjenigen' Juden gerecht wird, die befähigt sind, auf diesem Wege dem Vaterlande zu dienen, wie wollen wir so 1 ch e Fo r d e r un ge n vertreten, wenn ein Zweifel darüber möglich wäre, daß unser Herz dem Vater lande gehört? Es wird nicht mijglich sein, die Juden aus dem deutschen Volke jemals zu entfernen. Die Juden haben eine große Anhänglichkeit an ihr Vaterland und an ihre Heimat. Das beweist am besten die Tatsache, daß die Nachkommen derjenigen Juden, die vor Jahrhunderten aus Deutschland verdrängt worden sind nach den Ländern des europäischen und asiatischen Ostefis, daß diese Juden' noch heute ‘ das Deutsch sprechen, das in dem vergangenen Jahrhundert ihrer Verdrängung in Deutschland gesprochen wurde. So rührend haben sie an ihrer deutschen Sprache festgehalten, daß es heute noch Sprachforschern möglich ist, in Rußland, Polen und im Orient aus der Sprache der jetzt dort lebenden Juden nachzuweisen, ob deren Vorfahren einst in Schwaben,- in der Pfalz, am Ober¬ oder am Niederrhein wohnten. Darum bleiben wir treu dem Boden, auf dem wir genährt wurden, dem Vaterlande, unter dessen Schutz wir stehen, bleiben wir treu dem Staate, der geeint worden ist unter der Aegide des Kaisers Wilhelm L, des Fürsten, unter dessen Aegide die ’Gleichberechtigung aller Konfessionen, also auch der Juden, gesetzlich besiegelt wurde. Bleiben wir treu der Gesinnung, die unsere Vorväter betätigt haben. Lassen Sie uns nicht die Manen der Dahingeschiedenen warnend heraufbeschwören, die für das Vaterland und die Glaubensgenossen gelitten und gekämpft haben. Gewiß, es ist schmerzlich, wenn wir hier und da eine Maßnahme sich entwickeln sehen, die uns schmerzt und kränkt, aber wir haben nicht das Re eilt, mit dem Vaterlande zu hadern und zu schmollen. Wir haben die Pflicht, zu sorgen, daß die Grundlagen der Toleranz und Gleichberechtigung zur Wahrheit werden, und wir wollen uns der vielen Mitkämpfer, die wir haben, treuen. Wir wissen es. in dem Glauben des Judentums ist ausgesprochen und vertreten der messianische Gedanke. Wir hoffen auf eine Zeit, wo alle Menschen jedes Stammes und jedes Volkes sich vereinen werden in einem Glauben zu dem allmächtigen, allgewaltigen Wesen ohne Unterschied der Formen. Wir hoffen, daß dieses Ziel erreicht werden möge, das Ziel, von dem ein deutscher Dichter sagt: „Es ist ein lichter Maientag der ganzen Welt beschieden!“ Wir vertrauen auch darauf, daß aller Nebel, alle Verfinsterung, die sich dem klaren Lichte der Sonne entgegenstejlt, von ihren eigenen Strahlen verweht werden möge. Bis aber diese Zeit erfüllt sein mag, bis zu der Zeit, wo alle Völker sich vereinen werden und alle zu einer beseligten menschlichen Gemeinschaft sich zusammentun werden, bis zu der Zeit halten, wir fest an dem Boden unseres Vaterlandes. Auch für uns hat Schiller die Worte geprägt: „Ans Vaterland ans teure schließ’ dich an; das halte fest mit deinem ganzen Herzen, hier sind die starken Wurzeln d ei n.e r'Kraft!“ Gewiß im Vaterlande und auf ihm beruht alle unsere Kraft Bleiben wir treu unserem Glauben. Suchen wir. unser Recht und unsere Menschenwürde jedem gegenüber zu vertreten, aber seien wir davon durchdrungen, daß für uns kein Heil anders zu finden ist als in einer gedeihlichen .Blüte unseres Vaterlandes, als unter dem Schutze unseres Vaterlandes, unter seinem Schirm, und daß wir nichts weiter sehnlichst erstreben, als daß das Vaterland zu dem Glanze, zu dem Glück, zu der beseligenden Zufriedenheit für alle seine Mitbürger und Bewohner gelangen möge, die ihm unsere Vorfahren gewünscht haben. Halten wir fest an der Gesinnung,-daß wir männlich und mutig eintreten für unser Recht, daß wir aber unser Herz treu erhalten dem Vaterlande, wie es eirtst unsere Vorväter getan haben, um alle Kraft für dasselbe hinzugeben und, wenn es sein muß, für dasselbe zu leiden und zu sterben! I