Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 3 (1.5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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augenblicklich nahezu völlig gehemmt sein; da durfte niemand allzuviel erhöhen. Aber die .wissenschaftliche Aufklärung? 'Ist'es verboten, daran zu erinnern, daß die Kassentheorie das (jettenteil einer exakten Wissenschaft ist? Dari man nicht mehr mit Fritz Kahn, Luschait und andern Rasseforscitern daran erinnern, daß der „Arier“ in das Reich der Dichtung gehört? Daß die Nationen nicht auf Rassegleichheit basieren? Daß im Gegenteil Rasseinzucht oft, wie bei Indianern und A/.teken zum Anssterben, oder wie bei den Grönländern zu kultureller und nationaler Sterilität führt? Daß dagegen die durch Völkerwanderung und dreißigjährigen Krieg ltervorgerufene Rassemnischung der mittel- und westeuropäischen Nationen wie auch diejenige in-Amerika zur Wüte geführt hat? Daß in allen Kriegen und noch im .letzten Weltkriege Angehörige einer und derselben Rasse einander als Feinde gegenüberstanden? Und daß — dies vor allem — die heutigen Deutschen keine Germanen'sind, jedenfalls nicht in dem Sinne. einer reinrassigen Abstammung von den alten Germanen? — Darf man dies alles nicht mehr sagen, um hier den Hebel anzusetzen zur Wiederherstellung unseres Heimutrechts? Stattxiessen: ein „deutschjüdischer Sektor“ werde entstehen, und ■wir müßten den „deutschjüdischen Gruppenwert“ schaffen!! Das hieße doch geradezu eine jüdische Rasse in Deutschland etablieren; und zwar in eitlem Augenblick., da alles darauf nnkommt, den Rassebegriff als unerheblich tür das nationale Leben, und gar erst den jüdischen Rassebegriff als völlige Fiktion zu erweisen! , Ganz anderes wäre die Aufgabe des C.-V. gewesen. Er' hätte zu zeigen, daß nicht wir den Staat, sondern daß-der jetzige Staat uns bekämpft, und er hätte zu fordern: laßt ab von eurem Kampfe gegen uns, so werdet ihr sehen, daß auch wir staatsbeiähende, aufbauwillige' Menschen sind, die im politischen Leben nichts Höheres kennen als Ehre und Wohlfahrt der Nation! Ihr schließt Abkömmlinge der Hugenotten und Wenden nicht aus, so lasset ab von deui unhaltbaren Gegensätze „Arier“ und_„Semiten“! Wohl kann die praktische Verwirklichung-solcher berechtigten Forderung nur in Jahren oder Jahrzehnten errungen werden: aber das Ziel mußte gezeigt, die Forderung mußte erhoben, ihre Berechtigung mußte bewiesen werden. Der „deutschjüdische Sektor" ist:gerade das, was* wir nicht wollen; der deutschjüdische Gruppenwert wäre gerade das, was die deutsche Nation nicht zu dulden brauchte. Unser einziger „Gruppenwert” ist der religiöse: und den kann niemand uns verübeln, wenn wir, getreu der auch heute noch gültigen Ueberlieferung des C.-V. sagen: Wir sind Deutsche wie alle nichtjüdischen Deutschen auch; darum erfüllen wir freudig alle. Pflichten, die Deutsche für Deutschland zu erfüllen haben, und so stehen uns auch dje Rechte zu, die Deutsche in Deutschland genießen! X. Und noch eines, wäre mehr als je darzutun: daß die Ueberwfndung des Judenhasses nicht nur itn jüdischen, sondern ebenso sehr im deutschen Interesse liegt. Gerade das war ja immer unser Hauptargument im Streite für unsere Freiheit; auch der Centralverein hat sich stets als einen deutschen'Verein mit deutschen Zielen gefühlt Es ist mehr als schmerzlich, daß seine Zeitung jetzt diese Linie zu verlassen droht und sich ganz auf den jüdischen Separatismus zurüekzieht Vergebliches Beginnen: unser Leid und unsere ■ Not' gehen die gesamte Judenheit in Deutschland an, daher wird auch die praktische-Hilfsarbeit nicht vom Centralverein, sondern von der offiziellen Gesamtvertretung der deutschen Judenheit geleistet. Im Ideologischen aber gibt es keine Einigkeit;. noch immer bestehen die alten Richtungen fort, und die „jüdischen Gruppenwerte“, die der C.-V. züchten will, würden ein schönes Durcheinander darstellen! Da ist es schon besser, die eigenen, unvergänglichen Werte klar herauszustellen. Es würde sich bald zeigen, daß es dem Ansehen Deutschlands in der Welt nur zuträglich sein könnte, wenn es seine jüdischen Volksangehörigen als Volldeutsche behandelt Jn'diesem Sinne ist die englische Unterhausdebatte zu bewerten, die Mitte April so viel Aufsehen erregt hat, und von der der .Außenminister Sir John Simon gesagt hat, daß sie das allgemeine Gefühl in England ausdrücke. Nicht anders ist es mit anderen Kundgebungen ausländischer Stellen, die in der letzten Zeit bekannt.wurden und zum Teil von Kreisenausgingen, denen Juden — wie z. B. bei den schweizerischen Kirchen — völlig iernstehen. Wenn ferner kürzlich irgendein ausländischer Nationalist und Deutschenfeind die Behandlung, die Deutschland seinen Juden angedeihen läßt, zum Vorwände nahm, gegen Deutschlands Ansprüche auf Kolonialbesitz aufzutreten, weil ja auch die Eingeborenen „fremdrassig“ sind, so muß dies vom deutschen Standpunkt aus außerordentlich bedauert werden. Es ist auch nicht zu übersehen, daß gerade diejenigen englischen Blätter durch Deutschlands Judenpolitik verstört sind, die seit Jahren mit größter Kraft sich für. die Revision von Versailles und für die Gleichberechtigung Deutschlands eingesetzt haben. Und — zu dem außenpolitischen der innenpolitische Gesichtspunkt: sollen die Juden, aus Berufen und Erwerb herausgedrängt, dem deutschen Volke materiell und seelisch zur Last fallen? Sollen sie, die bisher produktiv mitarbeiteten, ein Pfahl im Fleische Deutschlands werden? Dies alles hätte der'C.-V. darzustellen, hätte, die Einzelhilfe den offiziellen Stellen überlassend, die neuen Gesetze zu erläutern und zu zeigen, daß die jetzt, den Juden zugewiesene Rechtsstellung für die gesamtdeutschen. Verhältnisse unhaltbar ist. Anstatt das Schicksal dieser Tjige achselzupkend hinzunelmien, müßte er richtungweisende Worte finden, Worte, die seine und aller deutschen Juden Richtung Weisen, von der wir überzeugt sind, daß es die Richtung zu Deutschlands immer weiterem Aufstieg ist. XL Zu denen, die schwiegen, gehören leider auch die Gemeinden. Viel praktische und ideelle Arbeit ist versäumt worden. Auf dem Gebiete der praktischen Verwaltung muß weitgehende Zusammenlegung erfolgen. Nachdem wir gehört haben, daß das Breslauer Rabbinerseminar mit der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zusammengelegt wird, kann auch ein Zusammengehen zwischen Großgemeinde und Adass-Jisroel-Gemeinde erfolgen. .Auf dem Gebiete des Kaschruth-Wesens sind gerade jetzt Konzessionen möglich; und wie der äußerste linke Flügel, die Reform, zur Gemeinde gehört, so kann es auch die Adass. Viel unnötige Kosten und Verwaltungsarbeit würde erspart werden. Auf ideellem Gebiet wären vor allem zwei Aufgaben zu erfüllen. Mehr als je ist Fühlungnahme mit den christlichen Kirchen notwendig: die Religionen gehören zusammen, zumal sie einen gemeinsamen Feind haben: nicht die Gottlosenvereine etc.,, die matt ja verbieten kann, sondern die atheistische und materialistische Denkweise, die noch allerorten und in allen Volkskreisen ihre Anhänger zählt Die Gleichschaltungsbestrebungen der evangelischen Kirche sind eine Angelegenheit, die uns Juden nicht zu kümmern braucht: aber mit der Rassentheorie wird sich auch der christliche Geist niemals befreunden können, der — über Rassengegensätze hinweg — Men- Fürsorgliche, liebevolle Pension ■ findet Dame oder Herr in gebildeter Familie. Mä&iger Preis. Tel. Bleibtreu 1744 I Berlin Neueröffnet. Erstklassige Pension mit allem Komfort. Tagespreis von RM. 4,50 an. Restaurant- und Stadtkucbe. HugO-Kaufmannv Berlin tT 62, Klelststr. 14, (U-Bahn Wittenbergplatz). Tel. B5 Barbarossa 5109. schenliebe und Versöhnung predigt und dessen Heiland ein Jude war*). . Die zweite Aufgabe, die den Gemeinden obliegt, ist die Gewinnung all der Vielen, die der Idee des Judentums durch eigene oder elterliche Schuld entfremdet sind.' Sie, die jetzt von außen her zu uns getrieben werden, müssen uns innerlich eingegliedert werden, damit sie wissen, für was sie leiden, und damit dieses Leiden sich umwandelt in fruchtbringende Kraft. XII. Nicht aus Lust am Anklagen wurden alle diese Versäumnisse aufgezeigt. Gerade heute, da jeder für sich' und die Seinen schwerste Sorge trägt, muß man mit Vorwürfen sehr vorsichtig sein. Doch mit den Versäumnissen wurden auch die schweren Gefahren gezeigt, die uns allerorten bedrohen, und ein Teil jener geschichtlichen Aufgaben, die es zu erfüllen gibt. Möchte die große Zeit ein Geschlecht Finden, das ihr gewachsen ist. •) Vergiß hierzu die Notiz „Judenfrage und Christentum“ in dieser Nummer.1 Aus den Gemeinden Chemnitz. (Schwerer Verlust.) Ein tragisches Geschick hat hier Herrn Rechtsanwalt Dr. Arthur Weiner aus seinem arbeitsreichen Leben gerissen. Der Verstorbene, der einem bisher noch unaufgeklärten ‘Ueberiall zum Opfer fiel, war stellvertretender Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde. in deren Verwaltungskörperschatten er seit mehr als zwanzig Jahren mitarbeitete. Der Heimgang dieses verdienten, allgemein beliebten und geachteten Mannes, der eine wahre Führerpersönlichkeit war. wird in weitesten Kreisen tief betrauert.?Mnittm=1lacfu!ichteit^ (Aufnahmen in diese Rubrik kostenlos.) Barmizwah: Mannheim: Albert Daübe. Sohn des Herrn Albert Daube. I) 4. 13. 6. 5. 1933. Franz Wolff, Augusts Anlage 63. 6. V. 1933. Gestorben: Charlottenburg, Gustav Falk 73 Jahre. Nachruf! - Unsere Israelitische Religionsgemeinde ist von einem schweren Verluste betroffen worden! Am 10. April er. wurde unser stellvertretender Vorsitzender,'Herr Rechtsanwalt Dr. jur, Arthur Weiner ganz plötzlich aus unserer Mitte gerissen. Länger als zwei Jahrzehnte hat der Heimgegangene unserer Gemeindevertretung angehört. Seine hervorragenden Geistesgaben hat er unermüdlich für das Interesse und Gedeihen unserer Gemeinde eingesetzt. Sein vornehmer Charakter und sein stets ausgleichendes, sympathisches Wesen werden uiis immerdar vorbildlich hleiben! Sein Andenken wird in unserer Gemeinde allezeit in Dankbarkeit und hohen Ehren genannt werden! Dar Vorstand 1 v der laraalitiaohsn ReUgionsgsmsinde zu ChBmnitz. BERLIN -• r tmpfeMenswede tBezuqsqueMea BERLIN (Bürgersteige) Finanzierung von Hausrrparaturen Robert' Wolf er* Kurfflrsteodamm 163, Tel. H 2 Uhland 565 I eigener Ausführung Bauingenieur Karl Graeber ■ Sachverständiger für technische Fragen und Beratungen N 65, Kieler Straße 20 / Fernsprecher: D 6 Wedding r zürn & Schütten Installationen » Sanitäre-, Heizungsu. Warmwasserbereitungs-Anlagen * Ausführ, s&mtl. Reparaturen Berlin W 8, Mohrensir. 10 * Fernruf: A1 Jäger 3926 H. BEYERSDORFF IBerlin. 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