Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 2 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Oraatt 5er $ereintauna für da* (fderafe Ju&enfora e. Bezugspreis: Vierteljährlich 1.50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements ' werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder 'Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleituni': George Goetz Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und IS. Jedes Monats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1. Dir Vereinigung flr dar llterele Judentum Ctcmünml nur für diejenigen Auftäln, diu aiudrüekUeh eit In threm kamen oder In Om Auftrege uerfeßt gektenitkJmei tlnd, die Verunhterlung. Aßt änderte Artikel, Aeußerungtu und VorecAIßge Fernruf: F S, Bergmann 3388, 3389. Bankverbindung: Kreditverein für Handel und Gewerbe i. G. m. b. tU Berlin N24. Postscheckkonto: ‘ Jüdisch-liberale- Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung für-das liberale Judentum e. V.: _ Berlin 1370 69. eraeßelnen unter der VerenlwetlengdtrRednßtltn, Nr. 2 Berlin, 15. April 1933 Wenn nicht jetzt, wann dann? Eine Betrachtung zu diesem Pefiach von Rechtsanwalt 9(emüch Steen, Vorsitzendem der Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Es ist wohl .nicht zuviel behauptet, wenn wir es aussprechen, daß die deutschen Juden sich an diesem. Sederabend in einer Stimmung um den .Festtisch setzen, wie sie die lebende Generation noch nicht beherrscht hat. Wenn von dem ~ „Brot des Elends“ gesprochen wird, das wir. gegessen haben, und von der Fron, unter der unsere Väter geschmachtet haben, so wird sich in Tausende von Herzen das Empfinden einer grausamen Aktualität einschleichen. Diese Stimmung wird noch dadurch erhöht werden, daß unsere Väter das Brot' des Elends in einem fremden Lande gegessen haben, in dem sie als Sklaven lebten, während wir deutschen Juden, die Bitternisse der heutigen Zeit zu kosten bekommen in dem Land,‘das uns allen Heimat und Vaterland, bedeutete und trotz allem auch heute noch bedeuten muß. Ich habe es schon einmal ausgesprochen und wiederhole es: wahre Liebe fragt nicht nach Recht und Unrecht, und so, wie wir unsere Jugend lieben und unsere Eltern, die in dem teueren Schoß dieser Erde ruhen, so müssen wir dieses Deutschland lieben trotz allem, was es uns zugefügt hat Es wäre aber kein rechtes Pessachfest und keine rechte: Lehre für unsere Kinder, wenn wir nur die düstere Seite des Festbuches aufschlügen. Wir deutschen Juden müssen gerade jetzt zeigen, daß wir in den. ’infejp^.iüdiscben. Lebens: dasi jüdisCfle SchickSil'mmns'aüfietiommenhaDen'mcnfnü^^isfeSJf^ Last, ' sondern als einen Stolz und als eine Hoffnung.' Und wenn wir am Sederabend auf die Frage unseres Kindes nach dem Sinn des Festes die Pessachgeschichte . erzählen, so werden wir gewiß nicht kleinmütig bei der Not der Vergangenheit stehen bleiben, sondern uns gerade,,heute um so inniger an die zweite Hälfte des- Satzes klammern, daß der Ewige uns mit starker Hand und ausgestrecktem Arm aus der Not der Vergangenheit gerettet hat. Zweierlei ist es, was uns Juden diese Zeit ertragen lehren muß, zweierlei gerade, was wir religiös-liberalen Juden mehr denn je in unsere Seelen aufnehmen müssen. Es ist einmal das Gefühl der. großartigen Verbundenheit der jüdischen Geschlechter untereinander, dieses Gefühl der Schicksalsverbiuidenheit aller Juden, . das aber nicht ein blindes Ungefähr ist, sondern das Walten des ewigen, gerechten und liebenden Gottes, der uns unter seinen Fittichen birgt, so wie 'er einst unsere Väter behütet hat und herausgeführt hat „aus der Sklaverei zur Freiheit, aus Not zur Erlösung“. Es ist das Bewußtsein, daß wir Glied einer Kette sind, die . nicht von gestern bis heute, sondern von Ewigkeit zu ■ Ewigkeit geschmiedet ist; daß wir nicht allein stehen in unserem Kampf um Recht und Gerechtigkeit, sondern daß sichtbar und unsichtbar neben uns die Unsrigen stehen, uns tragen und kämpfen helfen. Wir liberalen Juden haben immer betont, daß wir Gemeinschaftsstrebeh und Gemeinschaftswollen hochhalten, daß unser Wille, als Juden zu leben, ungebrochen ist, auch wenn er sich nicht an sichtbare Formen oder an sichtbaren Boden klammert Heute ist die Stunde gekommen, da wir Rechenschaft vor unseren Kindern dafür äblegen müssen, daß unser Judentum . nicht nur ein Schatten sei, nicht nur eine Erinnerung, sondern eine lebendige Kraft unseres Seins, die uns aufrecht erhält auch in diesen Tagen schweren Kummers. Wenn wir dieses unseres Judentums gedenken,' wenn wir vorwärts blicken, wie ’ wir es bisher getan, so wird uns das Fest auch noch eine andere- Lehre geben. Die Thora-Vorlesungen unseres Festes beginnen mit der Pessachnacht, mit der Nacht der Erlösung, mit der sichtbaren. Befreiung der Gemeinschaft. Sie enden am letzten Tage mit des größten Propheten großartiger Vision vom Reich messianischer Zukunft, dem Reich, in dem Friede, Freiheit Gerechtigkeit und Einigkeit walten werden. Dieses wundervolle Gedicht darf nicht vergeblich vor uns gesprochen werden. Aus ihm sollen wir unseren Zukunftsglauben stärken. Wir haben immer gewußt, daß der Sinn unseres jüdischen ■ Lebens nicht in der Gegenwart beschlossen sein kann; wir haben an diese Zukunft Israels und der Menschheit geglaubt Wenn der uns von unsem andersdenkenden Brüdern so oft gemachte Vorwurf, daß dieser Glaube nur Die vorliegende Nummer wurde abgeschlossen - am Montag, 10. April, vormittags. eine bloße Phrase gewesen sei, nicht wahr sein soll, dann muß er. in uns heut stärker sein als je. Gewiß werden wir alle gezwungen, unseren Blick auf die Not des Tages zu lenken. . Wollen wir aber unser Judentum beweisen, so muß seine Größe und Kraft uns lehren, den Blick vom Tage auf die Ewigkeit zu richten. Wir sind nicht von heute und gestern, wir werden auch morgen, und übermorgen sein, weil der, der unser Geschick in seiner Hand hat, nicht von heute und gestern ist, sondern von Ewigkeit zu Ewigkeit In seine Hände legen wir, in innigstem Glauben an den Sieg des Guten, unser Geschick und das Geschick unserer Kinder. In einem Artikel, der sich mit der Zukunft der deutschen Juden befaßt, hat der „Der Israelit“, das Gesamtorgan der gesetzestreuen Juden, sich Sorgen gemacht um den Bestand des liberalen Judentums oder vielmehr um den Bestand des Judentums in. uns Liberalen. Diese Sorge geht dahin, daß die jüdische Substanz, die in Uns ist. nicht ausreiche, um uns die Kraft zu verleihen, in der Zukunft uns in unserer Gemeinschaft zu erhalten. Schon sieht der „Der Israelit“ unsere Kinder in die Arme des Nationaljudentums fallen. Ich möchte heutenicht inner jüdische Gegensätze aufreißen, Die, Zeit ist dazu nicht angetan. Ich habe-immer daran ge- Wer die „Jüdisch-liberale Zeitung” liest, schöpft aus ihr Glauben, Zuversicht und den alten Optimismus des Judentums 13. Jahrgang Machtpositionen sondern daß wir s e 1 b s Fortbestand der' Gemeins was uns trennt; diese Tage haben es deutlicher gezeigt als je. Dies aber möchte ich nicht nur unseren innerjüdischen Gegnern,'sondern auch unseren Freunden sagen: Gerade jetzt muß :s sich zeigen, daß ein gläubiges .und hemeinschafts\erbundenes. Judentum seine Kraft bewahren wird. Darum richte ichjnein Wort an alle unsere Freunde in allen unseren Organisationen: Gebt die Arbeit nicht auf! Sie beginnt erst jetzt, ihren echten Sinn zu haben- Zeigt unseren Kindern, daß Judesein mehr.ist als ein Name, als ein Wort; daß nicht Gesetzejsbestitn in ungen noch unser Judentum bestimmen, t es sind, in deren. Hand der ihaft gegeben ist. Denn: wle_vielen Juden scheint heute durch die Machtsprüche des' ' Staates,'die das Einhalten | der Speisegesetze nicht mehr -ermöglichen, ein .Wesentliches vom 'Judentum genommen!^ Wie viele meinen ferner, durch die Macht der Tatsachen dazu gedrängt zu sein, ihre ganze Exi- - stenz auf Palästina bauen zp müssen! Wir liberalen Juden, können und müssen unseren Weg gehen! Wenn man mich fragt, was unsere Gruppen und Unterverbände heute tun sollen, da (lief Gemüter, durch die Alltägssorgen über Gebühr in Anspruch genommen werden und da auch die gemeindcpolitische Arbeit vielfach gelähmt ist, so rufe ich ihnetr mit dem alten Wort unserer - Haggadah zu: , j ' - „Ze ul’mad —» geh hin-tjhd lerne 1“ Unsere Seele muß mehr als je geöffnet sein für das, was unser heiligster Besitz ist, für unsere heiligen; Schriften und unsere Geschichte. Welch hohe Aufgabe für unsere Rabbiner und jLehrer, gerade jetzt sich an 'dtep^tftze-'zu stellen'--f - dasL-Bpcftr-apfmcblngen, Sewheä;:nicht.uuriEtinnettmg^.sondemi',aüch sorelche sichfzu scharen und ihr zu| zeigenr atULuns^zwar äuße Möglichkeiten genommen Werden konnten-und es ist bitter, bitter, um sie Kämpfen zu müssen) —, daß uns aber das ewige Erbe unserer Väter nicht geraubt werden kann. Heute an diesem Tagg, an dem ich diese Zeilen schreibe, ist der RUsttag des Pessachfestes; vielerorts ist es noch üblich, an diesem Tage unsere Häuser von allem zu reinigen, was nicht dem Brauch des Festes entspricht Wir aber müssen jetzt unsere Seelen läutern und die Schlacken herauswerfen, die den Flug der Hoffnung; lähmen könnten. Wir glauben an das Pessach der Zukunft; win_glauben an die Erlösung, und wir glauben, daß unser Judentum in den .heutigen Zeiten wiederum, ja. noch tqehr als bisher, ein lebendiges und unzerstörbares Heiligtum jedes jüdischen Herzens werden wird. In dieser ijnerschütterlichen Zuversicht rufe ich allen unseren Freunden zu: — „Bleibt uns treu; seid stolz; arbeitet!“ In der letzten Nummer konnten wir berichten, daß angesichts der neuesten Ereignisse die „Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe“ eingerichtet worden ist. Die Gründung erfolgte zunächst seitens des Preußischen Landesye Landes jüdischer Gemeinden, aber bereits am nächsten Tage beschloß die Reichsvertretung der deutschen Juden (was wir ebenfalls schon berichteten), die Zuständigkeit der Zentralstelle auf das ganze Reich auszudehnen, und auch die Berliner Jüdische Gemeinde schloß sich an. Die Zentralstelle ist somit von den einschlägigen jüdischen Körperschaften als dasjenige Amt eingerichtet worden, welches den vielen, vielen Tausenden von Juden in der heutigen schweren Zeit mit praktischen Ratschlägen und, soweit möglich, mit Hilfe und Hilfsmitteln an die Hand geht. — Sie ist deshalb auch diejenige Stelle, die für die'Zwecke dieser Wirtschaftshilfe die notwendigen Fonds aufbringt und die von allen. Glaubensgenossen unterstützt werden muß —: siehilft den vielen Einzelnen und wird dadurch zur wichtigsten Stütze auch für den Fortbestand der Gemeinden und Organisationen, die sich ja nur durch, die Steuer- und Beitragskraft der Einzelnen erhalten. Wem also irgend noch das Wohl seiner einzelnen Glaubensbrüder, der Fortbestand unserer Gemeinden, Verbände und Vereine und damit die Erhaltung unserer Glaubensgemeinschaft in Deutschland am Herzen liegt, der fördere diese „Zentralstelle für jüdische. Wirtschaftshilfe“! Und nun die Antwort auf die berechtigte und selbstverständliche Frage: was tut sie?, was geschieht? Es wäre falsch und geradezu romantisch, wollte' man glauben, es ließe sich eine einheitliche Richtlinie aufstellen und nach solcher| Einheitslösung verfahren. O nein — das böse Wort von „denen, die sich in Emigrantenstimmung vergraben“, hat nichts mit der Wirklichkeit und ihren Notwendigkeiten zu tun; die Wirklichkeit ist denn doch komplizierter, und ebenso sind es die .Wünsche all der Vielen, die sich an die Zentralstelle wefiden. Es zeigt sich vielmehr, daß jeder mit ganz individuellen Sorgen, Wünschen und Möglichkeiten kommt; und es zeigt sich ferner, daß die weitaus meisten— sie mögen über inner jüdische Fragen noch so verschieden denken — hier zu sehr ideell und materiell verwurzelt sind, um sich in Abenteuer zu stürzen, die noch weitaus unsicherer wären, als der immerhin auf Realitäten gestützte Versuch, sich hier die Position zu halten (wenn auch oft mit verringerten EflTnahmen) oder sich hier wieder eine Position zu erringen. Eine Fülle von Post, die täglich aus dem ganzen Reiche, von Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen eingeht, wird erledigt; etwa 500 Menschen werden in der täglichen Sprechstunde abgefertigt Dabei war und ist es erforderlich, reine W oJx-1 - fahrtssachen von vorlherein auszuscheiden. Alle reinen Wohlfahrtssachen sollen deshalb, um Zeit, und Arbeit zu sparen, auch fernerhin an die bei den örtlichen jüdischen Gemeinden eingerichteten Wohlfahrts-