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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-03-15 · 24 (15.3.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
24 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Tagung ckr Würiien^bergischen Israelitischen Landcsversommlung, „Alles für die Erhaltung der tyelngemeinden." Am 19.- Februar tagte in Stuttgart die Württembergische Israelitische Laniiesyersamifilung unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Rechtsanwalt Ur. H a y u m-Tübingen. Das einleitende Referat hielt der Präsident des Oberrats, Dr. Hirsch. (Stuttgart). Im Vordergrund der Beratungen der Israelitischen Bundesversammlung standen wirtschaftliche und Steuerfragen. Der Oberrat hatte es als besondere Pflicht betrachtet, die -Kirchensteuern so niedrig als irgend möglich zu halten. Während alle übrigen Posten des Voranschlags der Zentralkasse gesenkt werden konnten, mullte allerdings eine namhaite Erhöhung der Beiträge an leistungsschwache Gemeinden vorgendimuen werden. Damit war in gewissem Umiange eine Mehrbelastung der Mitglieder der gröüeren Gemeinden, insbesondere- Stuttgarts, verbunden. Dankbar wurde anerkannt, daß gerade auch die Vertreter Stuttgarts sich zu diesem! Ausgleich bereit erklärt haben. Einstimmig wurde der liauslialts- Ulan für das Rechnungsjahr 1932133 und 1933 34 genehmigt. Die Ausgaben betragen in beiden Jahren etwas über 400000 RM, die Einnahmen über 210 000 RM. Die zur Deckung des Abmangels- 1932/33 zu erhebende Landesumlagewurde auf 4,4 Prozent aus der Reiehseinkoinmensteuer und aus der dreifachen Vermögenssteuer 1931 festgesetzt. (Jeher die Landesumlage für das Rechnungsjahr 1933/34 soll erst später, wenn die Ergebnisse der! Reicltseinkomineii- und Vermögenssteuer 1932 bekannt sind. Beschluß gefaßt werden. Präsident Dr. Ha yu m schloß die Tagung init dem Hinweis auf die Bedeutung der heute an den Tag gelegten Einigkeit und der Mahnung, auch weiterhin in der Liebe zum Judentum einig zusammenzustchen. Vielleicht wirst Du gesucht? Die Baruch Auerbachsche Waisenerziehungs- —Anstalt für jüdische Knaben und Mädchen begeht im Mai d. J. das Fest ihres hundertjährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß wendet sich der Barucli-Auerbach-Verein, in dem die ehemaligen Zöglinge des Hauses zusammengeschlossen sind, an alle früheren Schüler des Instituts im ln- und Auslande mit der Bitte, ihre jetzige Adresse dem Direktor des Auerbachschett Waisenhauses, Herrn Direktor Plaut, Berlin N, Schönhauser Aiiee 162, oder dem Vorstandsmitglied des Baruch _Auerbach-Vereins, Herrn Apothekenbesitzer Artur' .Tichauer] Berlin SO 16, Küpemcker Straße 119; .umgehend mitteilen zu wollen. - _L ____ j Vor einer jVeugestaltung 7 des Gdttesdienstes in Dresden. Wie in diesem' Blatte bereits berichtet, hat die hiesige Ortsgruppe der ..Vereinigung für das liberale Judentum“ vor kurzem einen Abend linier der Ueherschrift „Alte und neue Svnagogenmusik" veranstaltet, der so außerordentlich erfolgreich war. daß die hiesige Gemeinde'ihn am 19. März - als Wohltätigkcitskonzert in der Synagoge wiederholen wird. Wahrlich, ein schöner Eriolg unseres Liberalen Vereins. Jener Vereiiisabeud wird aber noch in anderer Weise tvirkungsrcich sein: denn als Nachklang zu. ihm veranstaltete der Liberale Verein eine Aussprache über Neugestaltung des ■ Gottesdienstes. Obwohl der ungünstige Termin — in einer starkbesetzten Woche kurz vor der Wahl — nur einen . kleinen Kreis von Gemeindemitgliedern hatte erscheinen lassen, gestaltete sich die Diskussion im Anschluß an ein Referat von Dr. Fant l recht anregend. Es. handelt sich lief der Reform des iiiesigen Haupigottcsdidnstes. der im Grunde ein orthodoxer mit Orgel ist. im 'wesentlichen darum. Ihn zeitgemäß zu gestalleii. d. h. kürzer, zu passenden Zeiten, unter Beibehaltung des Sabbats, und unter Wiedererweckung paMBw«chöner Psalmen, die jetzt meist unverständlich .^leihen oder Jkveggclassen werden. Zunächst muß aller einem Großteil dar Erwachsenen, denen an der Gewinnung eines solchen walirhäft! liberalen Gottesdienstes gelegen ist. das Verständnis dys Hebräischen nähergehracht werden, und dies hofft man iti einführenden KursciLzu erreichen. Sonstige Beschlüsse konnten) angesichts der geringen Beteiligung nicht gefaßt werden. [Erst wenn sielt nach zäher Weiterarbeit zeigt, daß wirklich weite Kreise der Gemeinde Anteil an der geklanten Reformierung nehmen, so daß. ein wahrhaft liberaler Gottesdienst ihnen Herzenssache ist. kamt und wird J!- Gemeindeverwaltung gezwungen werden, sieh der Forde- tyirach nicht länger zu verschließen, r. ( Dr. Richard Elb, Dresden. Kleingemeinden vor dem Untergang? Von Prediger Alfred Gordon, Harburg-Wilhelmsburg. Man braialit eigentlich über dieses Thema kaum mehr zu reden; es ist in den letzten Jahren genügend variiert worden. Wo große gyneindliclie Organisationen in der Brandung der wirtsehattlichln Not zu zerbrechen drohen, verhallen die SOS- Rutc der Kielt- und Zwerggemeindenfast ungehürt Gewiß: es muß anerlimit werden, die Landesverbände helfen nach Kräften. Was Wird aber erreicht? Die Auirechterhaltung eines, meistens nur (einmal wöchentlich zu erteilenden Religionsdil - ir_ . Unterrichts, d4 Feiertagen. 1| Vorposten ste düng mit der bewußtseins. den reiferen stein Sinne. Die Erhal Auigabe der .. „„„..„ii.neii tu cneneiiucn i^eligions- Bereitstellung eines Vorbeters au den Hohen s wichtigste Problem für die auf einsamem tiden Juden wird kaum berührt: die Verbinilaupttruppe, die Stärkung des üemeinschaftse pflegliche Beeinflussung der lteranwachsenigend — Seelsorge uu wahrhaftem und tielig der Kleingemeinden ist aber eine dringende _jsamtjudenlieit. Der Jude, der Kleingemeinde ist viel stärkt an die Gemeinschaft gebunden als der der Großstadt, vo hier aus kann letzterer die Blutauffrischung Zuströmen, dii ius dem Osten unterbunden ist, das Verant-, wortliclikeitsgi tl des Landjuden iür die jüdische Gemein-! Schaft ist stär ■ und noch natürlicher, als die der einzelnen; in der Großsta denn er ist erd-, oit sogar schollengebunden.; VonJliier aus imen noch immer der Großstadt Bhitströme ■ zuuuellen, die benötigt, soll sie nicht in der Masse und in i einseitigem Ra lalismus altern. Was kann schelten, um über den -Rahmen einer Unter-' richtsstuude liils das Leben dieser Kleingemeinden zu akti-j •ieren? I [ Zuerst einl: Zusammenschluß eines Kreises von Ge-! meinden, die vernein Zentrum aus versorgt werden können.' Die Gemeinderilen ihre Selbständigkeit keinesfalls verlieren.; Sodann: Etzielmng dieses Tätigkeitsbereiches in die amtliche Arbeitrjenigen Rabbiner, Lehrer, Seelsorger, die in der Lage unfilens sind, diesen Kleingemeiiiden zu dienen. Der Zusankschluß dieser Gemeinden zu Versorgungsbezirken ist Hts vielerorts erfolgt Doch haftet diesen Organisationen teiter Fehler an, der sie in ihrem tatkräftigen Wirken i trächtigt. Oit sind es nur „Vorsteherverbände“. die eit im Jahr tagen, Resolutionen fassen, aber mit den Gemeit itgliedern und der Beamtenschaft in keiner Fühlung stellet as betrübliche Kapitel, daß die Beamten keinerlei oder ganz geringen Einfluß .auf Gestaltung und Formung gemeihen Lebens haben (wo sie solch geringen Einfluß denuocl ngen, ist es ein Beweis ihrer besonderen Tüchtigkeit, En und kämpferischen Mutes), dieses betrübdie rung liehe Kapitel wirkt sich gerade in der Versorgung der Kleingemeinden mit wahrer Seelsorge besonders unliebsam aus. In diesen Versorgungsverbänden müssen Rabbiner und Lehrer nicht hur mit beratender Stimme hinzugezogen werden, sondern sie müssen führend beteiligt sein. - Wie vieles in dieser Hinsicht noch im argen liegt, kann an manchen Beispielen gezeigt werden, in einer mittelgroßen Gemeinde tagte ein Ausschuß zur Vorbereitung eines neuen Gemeindestatuts. Als nach vielen mühevollen Sitzungen unter der Mitarbeit von Juristen der Entwurf. vorgeiegt wurde, enthielt er einen Paragraphen, der vorschreibt, daß der Schulplan (?) von der Schulkommission auszuarbeiten sei, nach deren freiem Ermessen hierzu der Lehrer beratend hinzugezogen werden kann. Eine Kommission von Laien, für deren Fähigkeit zur BeurteilungpädagogischerDinge keinerlei Garantie gegeben ist, bestimmt Lehr- und Stundenplan einer Schule! Aber auch in anderer Hinsicht muH das Amt des Lehrers und Seelsorgers in diesen Kleingemeinden eine wesentliche Stärkung erfahren. Allgemein Findet die Anstellung derselben unter folgenden-Voraussetzungen statt: Der Landesverband wird zur Bewilligung vop Mitteln bewogen. Die Kleihgemeinde tritt mit einem Beamten aus der engeren oder weiteren Umgebung in Verhandlungen; dieser übernimmt den Unterricht und wird hierlür honoriert. Eine Bindung aüf Zeit wird grundsätzlich abgefeimt. Es sind Privatstunden, die erteilt werden, bei welchen oft genug sich dann der Vorstand der Hauptgemeinde auf den Standpunkt stellt, daß das Honorar hierfür seiner Gemeindekasse zugeführt werden, müsse. Alsdann lehnt der Beamte von sich aus die weitere Uebemahme des Unterrichts ab, denn ler ist nicht verpflichtet, über den Rahmen seiner amtlichen Tätigkeit hinaus freie Zeit und Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. ' Dies ist die Situation, welche der Versorgung der Kleingemeinden mit gutem Unterricht und mit wahrer Seelsorge hindernd fin Wege steht Zu fordern ist: Gründung von Verbänden der Kleingemeinden mit einer Mittel- oder Großgemeinde als Zentrum. In dem Ausschuß . dieses Gremiums müssen Rabbiner, Lehrer, Seelsorger gebührend vertreten sein. Zu den Aufgaben dieses Gremiums gehört wesentlich auch die Veranstaltung von Kulturnachmittagen, Zusammenkünften der Gemeinden mit Vorträgen, Besprechungen, sonstigen Darbietungen (Filme aus der jüdischen Geschichte. Miisikabende). Besonders ist hierbei auch die reifere Jugend heranzuzieheri. - Ein einfacher, aber würdiger Gottesdienst auch an anderen Tagen als am Sonnabend oder an den Feiertagen muß in regelmäßigen Abständen - veranstaltet werden. Wenn es gelänge — etwa durch Mitglieder des Jugendbundes der Hauptgemeinde ,—, einen kleinen Chor hierfür zur Verfügung zu stellen, wäre das besonders zu begrüßen. Der Beamte aber, der Rabbiner oder Lehrer, der mit * - vielem Idealismus und mit großen Opfern hinausgellt in die Kleingemeinden seines Bezirkes, muß wissen, daß er nicht als Privataiigestellter ein'mehr oder weniger gern gesehener Gast ist, der Privatstunden erteilt, die jederzeit aulkündbar sind. Nur dann, wenn er das Bewußtsein hat, mit den Menschen dort draußen in seelischem Kontakt zu stehen, kann er Seelsorge treiben. Seine Hauptgemeinde muß ihn besolden für die Mehrleistung: an seiner Hauptgemeinde muß er Rückhalt finden in seiner dornenvollen Arbeit auf dem Lande. Keine jüdische Seele darf uns] heute verlorengehen, kein Jugendlicher uns fremd bleiben, am allerwenigsten die, welche auf vorgeschobenem Posten unter härtestem Kampfe für ihr Judentum leiden lind leidend ausharren. Öberkantt)n Kornitzer. Hamburg, - --• —.»»«Ul hl vom „Israel Tempel-Verband zu Hamburg", Erster Voner des Allgemeinen deutschen }oren-Verbandes. Sobemheim-Trauerfeier und Jahresversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Protessor Eugen Mittwoch zum Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des; Judentums veranstaltete im Großen Tempel des Bne Briss- : Logenbauses zu Berlin eine Trauerfeier für ihren jüngst verj storbenen Vorsitzenden Legationsrat Prof. Dr. Moritz Sobern- :: beim. Vertreter fast aller jüdischen Kulturorganisafionen Ber- >lins wohnten der Feier bei. Dr. Ernst Schaeder, Profes- Yitloodte dec „Jüdisch;Mecatm Zeitung" Ein Purimkind. Von Thekl-a Skorra. ' Ir Lobkowitz war ein Purfnikind. Und Pu rimander sollen ein freudiges Leben haben, sagt man. Ihre aber‘hatte gar nicht freudig begonnen. Ihre Iste Erinnerung — vier Jahre war sie gerade alt Isen — malte ihr die aufschlagcnden Flammen aus JOMf, Heimatstadt Markgrabowa in Ostpreußen, das die emdringenden Russen in-Brand gesteckt hatten, noch bevor 1914 der Krieg erklärt worden. Und dann die Flucht. Am Waldrand vor der Stadt war der Vater noch einmal umgekehrt, das arme Vieh im Stall freizumachen, das er vergessen hatte, von der Kette zu lösen. Vergebens klammerten sich .Frau imd Kinder und die flüchtenden Ortsgenossen an ihn: „Bleib da, esist zu spät!“ Vater Lobkowitz war ein frommer Mann, der sein Leben immer nach den Vorschriften der Religion eingerichtet hatte. „Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes“, sagte er, „ich könnte nimmer froh .werden, müßte ich an die Qualen der im Feuer gefesselt umkommenden Tiere denken.“ Die waren dann fch wohl vor diesem-grausamen Geschick bewahrt irden — er selbst aber war niemals zurückgekom'mcn seiner angstvoll am Waldrand harrenden Familie. Ob . eine Kugel ihn getroifen, ob berabstüTzende Trümmer? , oder daß vielleicht die Russen ihn niedergemacht — man hat es nie erfahren. Nach Stunden bangen Wartens hatten die anderen weiter gedrängt, um nicht von ' der Nacht im j Wald überrascht zu werden oder dem nachrückenden Feind in die Hände zu fallen. Dem waren sie dann auch glücklich entronnen. Glücklich - .aber war die Mutter nie wieder geworden. Mit dem Vater war ihr das -Beste ihres Lebens genommen. Nach Tagen verirrten Umherschleichens durch Waldes- •; dickicht hatte ein glücklicher Zufall die Wanderer zu einem der inzwischen gebildeten Hilfskomitees für Ost- - preußen geführt Die hatten sie dann mit vielen anderen ' Schicksalsgenossen nach Berlin gebracht und ihnen dort 'auch Unterkunft verschafft Natürlich nicht gerade in vornehmen Stadtvierteln. In Kellerwohnungen der Grenadierstraßtn die jüdischen Flüchtlinge einyuartiert. NunLhalf sich. Juden haben aui ihrer Jahrhunderte Wanderschaft durch die Welt gelernt, sich zu bl Eierkisten mit Stroh und Häcksel gefüllt, wuiers und ihrer nur wenige Jahre filteren Brüderkätten. Ein altes Sclilaisofa für die Mutter unle Decken spendeten mitleidige Glaubensgenosi-uchsen sie auf und waren trotzdem fröhlich —ken ja Kinder. Und lachten und trudelten sich \ Kellerferistem in den Straßenstaub zu den vjleren Kindern und lustig bellenden Hündchen. I erst zur Schule gingen, liefen sie an der nalkneu Zentral-Markthalle vorbei. Das war ihnenliz besonders reizvolle Gegend. Zumal in den Ihren des Krieges. Die Marktleute freuten J dem klugen kleinen Völkchen, das sich danacV ihnen allerlei Dienste zu tun, auch Waren zikbaft trug. Gutherzig, wie die Berliner sind, je Marktleute sich den Kindern dankbar, besotJm Weihnachten kam, das für diese hier Charleutete, mit dem es meist zusammenfiel. Dip sie ihnen Aepfel und Nüsse und andere gutljn einen alten Korb, den die. Kinder geiueinskfause schleppen und behalten durften. Und vjgar ein paar Fische mit hinein verirrt hatten, f jauch die Mutter, daß sie einen richtigen Freitai nnaus herrschten konnte. Und i dann die Purim jinen besonders hellen Ton in I ihr armseliges achten. Dann taten die jüdischen Kinder a ganzen, ehemaligen Scheuneuviertel sich zus, J veranstalteten Maskeraden. Und die nichtjüAuten sich darüber'und zogen als Zuschauer t„>se Tage fiel ja auch Esters Geburtstag, den auch in den schwersten Zeiten ihr durch sine Ueberraschungen zu verschönen suchteJes Ernährers beraubte Frau iiatte schon wälKriegsjalire einen Handel mit alten Kleidern a Da fanden sich aus den wohlhabenderen ln immer mancherlei Stücke, mit denen sie ili kleines Mädchen ausstafiieren konnte; nid len Purim-Maskeraden, sondern auch ain Abhule. Sauber und nett verstand Frau LobkRinder herzurichten und mit Hilfe einer Nährfe ein wohlwollender Schneider aus der Na gespendet hatte,' auch aus den ältesten Sach machen. Das sprach sich; bald herum, und in den nervenaufreibenden Jahren der Inflation, die die bösen der Kriegszeit ablösten, als nur- : die Wenigsten die Preise für neue Sachen bezahlen : konnten, brachte man die alten zu Frau Lobkowitz. daß :sie sie umwende und ändere. So ernährte sie sich und;die Ihren aus eigener Kraft. Nur eine bessere Wohnung ivermochten sie sich nicht zu verschaffen, denn Wohnungen gab's ja in diesen Jahren und noch viel später in Berlin nicht.,. Das war schlimm, hatte aber auch sein Gutes: denn alle kannten sich und waren auf die guten und schlimmen Seiten der Nachbarschaft eingestellt. ‘Auch die nichtjüdischen Kinder wuchsen in Freundschaft mit den anderen auf und hatten allesamt hur einen Feind — das war der Portier, der zufällig Hamann hieß. Als sie in der Schule die Purimgeschichte durchnahmen, tuschelte ein recht dummes kleines Mädchen einer anderen ins Ohr: „Wenn Purim vorüber ist, wird Hamann dann auch gehenkt?“ Das wurde er aber nicht, sondern führte seinen Kleinkrieg mit der tieranwachsenden Schar weiter. Hatte er doch eine ganze Reihe der immer mehr verfallenden Häuser zu verwalten, deren Besitzer meist'auswärts wohnten und für ihre Häuser nur das eine Interesse hatten: ob die Mieten eingingen! Bei den Purimspielen, die die Kinder sich selbst ausdachten, mußte immer,der garstigste Junge Seine Rolle spielen. Zur Königin aber wurde stets Ester ausgewähit, in deren goldbraunes Lockenhaar die ' Königskrone aus Goldpapier gar gut paßte. Auch' die Texte, die ein begabter Junge zurechtschrieb, wußte sie immer ain besten und mit der wohlklingendsten Stimme - herzusagen. Nur bei den, Stellen, die von Mordechai handelten, kamen ihr die Tränen in Erinnerung an ihren verschollenen Vater, dessen Andenken die Mutter in seinen Kindern hochzuhalten verstanden hatte. Eines Tages, als sich die Kinderschar gerade, auf den Stufen imd dem Geländer einer haib verfallenen Keliervortreppe zu ihrem neuesten Purimspiel gruppiert hatte, kam ein fremdartig aussehender Mann mit einem großen, sonderbaren Kasten vorüber, der neugierig in alle Winkel dieser verräucherten Gassen lugte. Ueberrascht blieb er vor der kostümierten Kindergruppe stehen, die aufspringen und ihn umringen wollte.. Er aber winkte ihnen und forderte in einem fremdklingenden Deutsch sie auf, recht unbeweglich so zu bleiben, wie er sie eben angetroffen. Dann richtete er seinen Kasten, an de,m er zu drehen begann. „Der photogra-

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