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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-01-29 · 21 (29.1.1933) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
21 (29.1.1933)
Date
1933-01-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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9 \ , Werner Sombart. I Zu seinem 70. Geburtstag. jWeim in unsern Tauen auis lebhafteste über die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft debattiert, wenn immer wieder über die Zukunft des Kapitalismus gestritten wird, mutt jener (jelehrte au seinem 70. Geburtstag besonders gefeiert werden, der uns erst gelehrt hat, die Wirtschaftsepoche, in der wir leben, historisch zu begreifen. Es ist besonders interessant, wenn einerder Führer des „Taf-Kreises, E. W. Escliniaun. in einem Artikel über den Jubilar Werner Somb a r t behauptet, seine „Leistung wäre ohne Karl Marx nicht möglich -gewesen". Denn der Solm eines wohlhabenden natinnalliberaleu Abgeordneten, der seine Laufbahn als Syndikus der Handelskammer der alten Hansestadt Bremen begann. machte seine wissenschaftliche Karriere unmöglich, als i er es in seinem ersten grundlegenden Werk „Sozialismus und soziale lieweguns“ wagte, in bürgerlichen Kreisen . auf Karl Marx als den Ausgangspunkt aller Kritik am kapitalistischen Zeitalter hinzuweisen. Schon damals schloß er sich, ohne je selbst Sozialist gewesen zu sein, dieser Kritik an. Kein! Wunder, daß er von 189(1 bis 1900 als. außerordentlicher Prpfessor in Breslau blieb. Erst dann berief ihn die Handelshochschule Berlin auf einen Lehrstuhl der Wirtschaftswissenschaft.', den er im Kriege 1917 mit dem Katheder Adolph Wagners au der Berliner Universität vertauschte. Hier wirkt er — wenn auch nicht mehr als Ordinarius — noch heute. Temperamentvoll, körperlich und geistig so elastisch wie ■ .einst: Als Nachfolger Zerkners wurde Werner Sombart zum I. Vorsitzenden des Vereins für Sozialpolitik gewählt, damit also Ider jetzt anerkannte Führer der deutschen; W i rjt s c h a f t s g e 1 e li r t e n. In seinem mehr als 3(10(1 Seiten starken Werk „Der moderne Kapitalismus“, dessen erster Teil 1903 erschien. hat Sombart die umfassendste und vielleicht glänzendste Darstellung über die Entstehung und Entwicklung unserer Wirtschaftsepoche von ihren Uranfängen bis zu ihrem , Abstieg gegeben. Geistreich, glitzernd, wie alles, was Sombart schreibt, stark angreifbar in Hunderten von Einzelheiten, aber l;gcnial in der gesamten Konzeption. Es kann nicht verwundern. daß er in seiner neuesten Schrill „Die Zukunit d e s Ka p i t a Ji s in u s" eine autarke und nationale Planwirt s c li a f t' voraussagt, nachdem er in seinem größten Werk! das Ende dieses wirtschaftlichen Zeitalters, das ihm als ein böser Traum erscheint, prophezeit hat. Als Vorstudie zu Sombarts Kapitalismus in neuerer Fassung i erschien 1911 das Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben“. Diese Schrift, die eine Hochflut von neuen Schriften — für und wider — hervorrief, ist es. die den Anlaß hictct. dieses Mannes in einem deutsch-jüdischen Blatte zu gedenken. Mit Recht ist — auch von dem Verfasser dieser] Zeilen — daraui hingewiesen worden, daß Sombart die Juden durch eine einseitig gefärbte Bri 11 e gesehen hat. Indem er sie als die V ä t e r. d e s Kapit a I ism u s. hinstellte. als Menschen, die stets nur zielstrebig handeln können, weil ihre Lebensführung beeinflußt sei von einer jsonst nie erreichten Rationalisierung des Lebens, indem er die jüdische Religion als „eine vertragsmäßige Regelung aller (Beziehungen zwischen Jahve und Israel“ empfand, glaubte er in ihnen die Urheber jener Wirtschaftsgesinnung entdeckt zu .haben, die er im tiefster: Grunde seines Herzens ableimte. Daß sich alle Völkischen und Antisemiten begeistert auf Sombarts Thesen stürzten, um sic für ihre Zwecke auszubeuten, kann nichtwundernehmen. Es ist auch nicht unwichtig. wenn Dr. Paul Nassen ihn (in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“) „unter die geistigen Väter des Nationalsozialismus mitaufnehmen“ will. Aber Werner Sombart ist ein viel zu großer Denker, um aus antisemitischer Gesinnung heraus die Juden, die er fälschlich als die Begründer des Kapitalismus erklärte, in dieser Eigenschaft als Schädlinge der Wirtschaft und der Kultur anzusehen.-Wie er erklärte: „Kein moderner Kapitalismus, keine moderne Kultur ohne die Versprengung der Juden über die nördlichen Länder des Erdballs!", so setzte er allen Judenfeinden das Wort gegenüber: „Si le iuif n'existait pas, il faut l’inVenter." Dr. K u r t Z i e 1 e n z i g e r. Eine Zuschrift. Die „Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen" .sendet uns mit der Bitte um Veröffentlichung folgendes Schreiben: Unter Bezugnahme auf den in Ihrer geschätzten Zeitung unter dem 1. Januar 1933 erschienenen Artikel „Hilfe kennt keine Partei“ legt der Unterzeichnete Vorstand der Zentralstelle für jüdische Darleltnskassen Wert auf die Feststellung, daß 1. seit Begründung der Zentralstelle Liberale und Zionisten in gleicher Weise an der Verwaltung der Zentralstelle beteiligt waren und sind, 2. innerhalb des Vorstandes differierende Anschauungen über Sinn, Aufgabe, Bedeutung und Arbeitsbereich der Zentralstelle nicht bestanden haben, sondern daß vielmehr alle Beschlüsse des Vorstandes in voller Uebereinstimmung einmütig gefaßt worden sind, 3. alle in die Verwaltung der Zentralstelle delegierten Personen die dringenden Fragen der produktiven jüdischen Kredit- ■ hilfe durch Errichtung von Darlehnskassen als eine Angelegenheit betrachtet haben, die jenseits alles jüdischen Parteienstreites liegt, und auch hoffentlich weiterhin jedem Parteienstreit entzogen bleiben wird, 4. bereits vor der außerordentlich dankenswerten Kredithilfe durch die Foundation wir über die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden längere Zeit Kredite in nennenswertem Umfange vermittelt haben, einen Zinsverbilligungsionds bereits vor Beginn der neuen Kreditaktion begründeten und auch sonst den Darlehnskassen in jeder nur möglichen Weise zur Verfügung standen. Vorstand der ’ Zentralstelle für jüdische Darlelmskassen Berger Eskeles Dr. Kreutzberger Marcus Dr. Ollendorff Dipl.-lng. Woyda Wir geben dieser Zuschrift um so lieber Raum, als sie sich völlig mit unserem Urteil über die Arbeitsweise der „Zentralstelle“ deckt. In dem Artikel „Hilfe kennt keine Partei“ haben wir die Tatsache der völligen Parität und Loyalität der Zentralstelle eindeutig zum Ausdruck gebracht. Wir haben deutlich darauf hingewiesen, daß die Darlelmskassen „allseitig“, d. h. von Liberalen, Konservativen und Zionisten gefordert worden sind, wir haben u. a. die Tätigkeit des zionistischen Geschäftsführers Dr. Kreutzberger rühmend hervorgehoben, und wir haben geschrieben: „Es ist der Ruhm der .Zentralstelle iür jüdische Darlelmskassen' und der mit ihr Hand in Hand arbeitenden Stellen im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, daß man dort bei der wirtschaftlichen Aufbauarbeit keine Politik kennt.“ Diese Ausführungen sind unmißverständlich, und lediglich der „Jüdischen . Rundschau“ ist es Vorbehalten geblieben, die Bemerkungen mit denen wir uns gegen Störungsversucheeines Zionisten wandten; so . zu deuten, als hätten wir d i e Zionisten gemeint. Zwar muß auch die „Jüdische Rundschau“ zugeben, daß Carlebachs Darstellung im Warschauer „Hajnt“ unzutreffend war, daß er alle seine Behauptungen zurücknehmen mußte; ja, die „Jüdische Rundschau“ muß sich dazu bequemen, das journalistische Vorgehen Esriel Carlebachs als „zumindest leichtfertig“ zü charakterisieren. Immerhin aber sah sich die „Zentralstelle für jüdische Darlelmskassen“: genötigt, mit der obigen Zuschrift noch einmal festzustellen, was wir stets anerkannt haben, daß in den sozialen Stellen weitgehendes Zusammenarbeiten von Angehörigen aller Parteien stattfindet und daß insbesondere bei dem Ausbau der jüdischen Darlehnskassen führende Zionisten und Konservative neben unseren liberalen Freunden mitgewirkt haben. Wissen Sie schm, daß Herr Hauptmann a. D. Loewenstsin, den von ihm geleiteten „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ gemeinsam mit dem zionistisch-faschistischen Jugendbund „Brith Trumpeldor“ und noch zwei anderen kleinen jüdischen Gruppen als „die jüdische Jugend“ im Reichskuratorium für Jugendertüchtigung (Vorsitzender: General von Stülpnagel) vertritt, wohingegen alle andern jüdischen Jugendverbände aller Richtungen eine Teilnahme an diesem Reichskuratorium abgelehnt haben? daß in Portsmouth zugunsten des Weih nachts-Wohlfahrtsionds der Stadt ein Fußballspiel der Aerzte und Rechtsanwälte gegen die Geistlichen stattgefunden hat, daß auf seiten der Geistlichen ein Rabbiner mitkämpfte und daß die Geistlichen dieses Spiel gewannen? daß an dem Begräbnis von Professor Moritz Sobernheim auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee u. a. auch der Berliner Oberbürgermeister Sahm und der evangelische Theologiedozent Professor Sellin teilgenommen haben? daß während des Lippeschen Wahlkampfes der bekannte nationalsozialistische Abgeordnete Frank II bei einer Wahlrede Hitler mit den „großen Einsamen der Weltgeschichte, mit Christus, Hermann dem Cherusker, Luther, Friedrich dem Großen und Bismarck“ verglichen und General Litzmann Hitler über Bismarck gestellt hat? daß bereits im Jahre 1931 (Nr. 197) der „Angriff“ geschrieben hat, dies „mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden, evangelischen Kreise müssen sich klar entscheiden, ob sie in Jesus oder Hitler ihren Messias sehen; hier gibt es kein Paktieren, hier heißt es: Messias HitI‘er oder Messias Jesus!“? daß die nationalsozialistische preußische Landtagsfraktion sich mit einem Antrag gegen die kürzlich vom Deutschen Anwaltsverein geforderte Zulassungssperre zur Anwaltschaft wendet und stattdessen die Not des Rechtsanwaltsständes durch „Beschränkung des Anwaltschaftsberufes auf deutsche Volksgenossen unter Ausschluß rassefremder Elemente“ gelindert sehen will? . . daß in der-Budgetkommission des polnischen Sejm ein Antrag aut Ausschluß der Juden'von allen Heereslieferungen gestellt war, dem Folge zu leisten aber der polnische Kriegsminister strikt abgelehnt hat? 9ximiiiea=7lad!idditen^ (Aufnahmen in diese Rübrik kostenlos.) 80. Geburtstag: Beverungen/Weser: Frau Karoline NuBbauni, geb. Barth, 23. Januar 1933. Gestorben: Berlin-Schöneberg: Emil Basch, 76 Jahre. Am 16.. d. M. verschied das Mitglied unserer. geschäftsführenden Körperschaften.Herr Rechtsanwalt Dr. Georg Baum. In tiefer Erschütterung nehmen wir von einem Manne Abschied, der mit unserer Arbeit von ihren Anfängen an verbunden war, sie tätig und aus innerstem Interesse förderte und entscheidend zum Ausbau moderner jüdisch-sozialpolitischer Arbeit beigetragen hat. Sein Wirken und seine Persönlichkeit werden in unseren Reihen unvergeßlich bleiben. Hauptstelle für jüdische Wanderiursorge Vereto Jüdische Arbeitshilfe e. V.. BERLIN c Apotheken iDlernalionolß Apotheke Palast-Hotel / Potsdamer Platz “ j Tel? A 2 Flore 2223 Alles frei Haus | Asphaltierung Asphältlerungsgeftchtill Ausführung sämtlicher Reparaturarbeiteo PAUL BACH MANN Berlm-Reioickendorf-West, Humboldtatr. 36. 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