Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 21 (29.1.1933)
- Date
- 1933-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Orfion der Eereinteuna für 5<w (Gerate JuDentura e. 35. Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarlL — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden' Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitun": George Goclz 1 Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. Jedes Monats. I Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str 1. | Fernrui: P 5, Bergmann 3358. 3359. Bankverbindung: Kreditverein iür Handel und Gewerbe e. G. m. b. it. Berlin N24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung; Berlin 237 6t. Vereinigung Iür das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 59. O/t Vintafguag fSrdoi Ubtmlt jtidtnfum Qbimlmmt mir für dltjinlgin Au/iätzi, dt, giudrückllch cf» ln ttnm Nanui odw fn thnn Auftrag, „rfaSt gUnaanklunt Uad, dt, Vvaatvartaag. Ad, entfern ArtlkU, Amdmagm imd VonctMf, «neMam mhr tfnr Vtnatwfmj tf«r Rvtahtien. Nr. 21 Berlin, 29. Januar 1933 12. Jahrgang Landgut Neuendorf — ein Standardwerk jüdischer Arbeitshilfe. In großen Ausflug-Autos, fuhren wir alle hinaus, ‘eine große Zahl, Vertreter vieler jüdischer Körperschaften. Wir wußten, daß ein Erlebnis unser harrte, und wir kamen zurück mit dem Vorsatz: im Sommer sehen wir uns das noch einmal an, am besten zur Erntezeit. Landwerk Neuendorf ist die erste jüdische Arbeiterkolonie; sie wurde im Juli 1932 mit Hilfe des Preußischen Wohlfahrtsministeriums errichtet. 60 Jugendliche, deren Zahl aber erheblich vergrößert werden kann und soll, finden dort in den verschiedensten Berufszweigen Tätigkeit; zumindest für die zwanzig Wochen des F. A. £>., doch sucht man nach Wegen, auch diese Zeit zu verlängern. 1500 Morgen umfaßt das Werk, 1200 Morgen Acker- und Gartenland, 300 Morgen Waldbestand. Wir sahen Wald, Feld und Garten in ihrem Winterzustand, sahen die Ställe mit Pferden und Vieh, sahen den Hof, das Gutshaus, die Schlaf-, Eß-, Lese- und Aufenthaltsräume. Und wir teilten die Begeisterung der Redner, die uns begrüßten: Alfred Berger (namens der Jüdischen Arbeitshilfe), Bruno W o y d a (Preußischer Landesverband),. Wilhelm Graetz (Jüdische Gemeinde Berlin), teilten die'Begeisterung eines besonders lebhaft begrüßten Redners, des Herrn Pastor Braune, der als Vertreter der Bodelschwinghschen Heime erschienen war und seine Rede mit einem hebräischen Bibelzitat begann. Auch ein sehr ernstes Wort vernahmen wir: nachdem die jugendlichen Insassen durch einige Lieder die Feier verschönt hatten, sprach einer ihrer Vertreter zu uns, sprach von seiner und seiner Kameraden Sorge: „Was kommt nach den zwanzig Wochen? Sollen wir "wieder auf den Stempelstellen herumlungern? Soli, wer; von uns verarmte Eltern hat, diesen zur Last fallen? Vergeht uns Neüendorfer nicht!“ Wir werden Eucli nicht vergessen. Von dem Landwerk Neuendorf und seinen Insassen soll, hier noch oft die Rede sein. In den jüdischen. Gemeinden und Gemeindeverbänden wird inan an Euch denken! George Go et z. . Anfragen sowie auch Anmeldungen für das Landwerk Neuendorf sind an die „Jüdische 'Arheitshilfe E. V.“, Berlin-Charlottcnburg 2, KantstraQe 15S, zu richten. Oeffentliche Boykottpropaganda gegen jüdische Geschäfte in Deutschland verboten. Ein Erlaß des Reichsministers des Innern. Der Reichsminister des Innern, Dr. Bracht, hat den Landesregierungen eine Mitteilung zugehen lassen über Maßnahmen gegen die immer mehr auftretenden Fälle von Boykott gegen bestimmte Geschäfte oder bestimmte Gattungen von Geschäften. Da es sich hierbei um Boykott aus politischen'oder weltanschaulichen Gründen handele, der teilweise Formen angenommen hat die über eine geschäftliche Schädigung der Betreffenden hinaus eine Störung der Ruhe- und Ordnung mit sicli brächten, hat der Reichsminister die Länder darauf li.ingewiesen, daß gegen solche Störungen der öffentlichen Ordnung die Polizei auf Grund ihrer allgemeinen Beiugnisse zum Einschreiten berechtigt und verpflichtet'ist. “ Ablehnung judenfeindlicher Anträge. im Preußischen Landtag. Während der in der Nacht zu Donnerstag, den 19. Januar, vom Plenum des Preußischen Landtags vorgenommenen Abstimmungen wurde eine Reihe antisemitischer Anträge der Nationalsozialistischen Fraktion durch Ablehnung erledigt ‘ Die nationalsozialistischen Anträge auf Entfernung aller Juden von den Staatstheatern und Staatskapelien. vom Rundfunk und von den Rundfunk-Beiräten, sowie vom Bühnennachweis wurden mit den Stimmen der Sozialdemokraten, der Kommunisten und des Zentrums abgelehnt; hingegen wurde der nationalsozialistische Antrag, das Staatsministerium zu beauftragen, dem Landtag - alsbald eine genaue Aufstellung aller hei Staatstheatern und Staatskapelien beschäftigten Ausländer und aller derjenigen vorzulegen, die die .deutsche Staatsangehörigkeit erst nach 1918 erworben haben.’mit den Stimmen des Zentrums angenommen. Gleichfalls abgelehnt wurden nationalsozialistische Anträge über eine Neubestellung der Ueberwachungsäusschüsse und Kulturbeiräte bei den deutschen Sendern, huf Abberufung des Rundfunkkommissars Dr. Bredow und über eine Beschäftigung nur deutschstämmiger Künstler und Geistesarbeiter beim Rundfunk. ■ " In dieser Nummer: Gespräche mit jüdischen Führern „Der Fremdling“ Novelle.von Luigi Pirandello Kleines Zeiipanorama. Von Oberstudiendirektor Hans Rosby. I. „Unsere Umwelt und .wir“ —: das klingt nach einem Buchtitel, klingt zumindest nach einer Abhandlung. Doch dürfte das Grundsätzliche darüber für. die Lesegemeinde der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ " feststehen. Die Welt jedoch, die Ereignisse um uns. sind fließend. Einigen hiervon, soweit sie wichtig und symptomatisch erscheinen, wenden wir uns zu. Urnen gilt dieser Rundblick in die Zeit. Doch bleibe < das Allgemeinpolitische (Reichstag nsw.) für heut beiseite. II. Breslau —: der Fall Cohn ist, bis zum nächsten Mal. beigelegt. (Freitag, 24. Januar, so ward verkündet, werden seine Vorlesungen wieder beginnen.. Ob sie]s werden? Wenn diese Zeilen erscheinen, werden wir’s wissen.) Bis-zum nächsten Mal: denn die-nationalistischen Studentenverbände haben weiteren Kampf angekündigt und werden nicht klein beigeben, weil. IeideF, Herr Cohn klein beigegeben hat. Es ist traurig, dies feststellen zu müssen, aber es fst wahr. — Objektivität gebietet; die guten Seiten des Herrn Cohn nicht zu verschweigen. Da ist zunächst seine hervorragende fachliche und pädagogische Befähigung. Sie ist unumstritten, und sie ergibt sich auch für Unkundige aus den näheren Umständen der s. Zt. einstimmig erfolgten Wahl dieses Siebenundzwanzigjährigen nach Breslau. Da ist ferner ein Ereignis, das die Fama meldet: Er. vor kurzem noch Privajdozent in Frankfurt a. M., sei ganz bestürzt mitseinem Steuerzettel auf dem Büro der Frankfurier Jüdischen Gemeinde erschienen: man habe ihn zu.niedrig eiugeschützt, er habe mehr zubezahlen. Das ehrt ihn. Dann kam der Breslauer Krach, und es war; gelinde gesagt, unklug und weltfremd, daß er, der auf dem Pulverfaß Sitzende, sich dazu hergab, die von sehr wenig Verantwortungsbewußtsein,, von lim so mehr Sensationsgier aber zeugende telefonische (telefonische! — von Berlin nach Breslau) Anfrage des „M M“ zubeantworten’. Diese Antwort, Colins Stellung zur Frage des Asylreehts für Trotzki in Deutschland 'enthaltend, bildet ja keineswegs, wie es jetzt .dargestellt wird, den Anlaß der Angriffe auf ihn. sie gab nur detrVorw a ii d ab für den Umfall von Rektor und Senat.' Uin so bedauerlicher daher der nachfolgende Umfaß, des Herrn Cohn selber. Die kommissarische Preiißcnregierung. durch übermäßige Abneigung gegen den Nationalismus nicht bekannt, hatte eingegriffen; bis.in die Kreise, der D. A. Z. hinein hatte man die Fudcnscheinigkeit des Vorwandes, eben jener Affäre der Trotzki-Umfrage. erkannt,, und dennoch: Herr Cohn revozierte. nahm zurück, wo nichts zurückzunclunen war. entschuldigte sieh, wo er nichts verschuldet hatte! Seine Privatangelegenheit? Ja, das auch:'aber keineswegs nur. Die Trotzki-Affäre war der Vorwand; der Anlaß war: Cohns Name. Das Judentum sollte getroffen werden; und er, der Jude; gab nach. Das Recht der deutschen Juden sollte getroffen werden. Recht und Gerechtigkeit selber standen auf dem Spiel; und er, der Rechtslehrer, gab nach! Und wenn nun von nationalsozialistischen „Jüdische Religionsgemeinde Dortmund." Neue Gemeindesatzung genehmigt. — Aktives und passives -Wahlrecht für die Frauen. In der ersten Repräsentanten-Sitzung des neuen Jahres, die unter dem Vorsitz des Herrn Rechtsanwalt Dr. Koppel, aber bei Abwesenheit der zionistLsch-ostjüdischen Repräsentanten stattfand. wurde von den Berichterstattern Louis Jacoby (namens des Gemeindevorstandes) und Nathan Baum (namens der Repräsentantenversammlung) mitgcteilt. daß der Herr Oberpräsident der Provinz Westfalen nunmehr, d. li. nachdem die Gemeinde einigen von der Regierung verlangten Abänderungswünschen entsprochen hatte, die neuen Satzungen genehmigt hat. Durch diesen Erlaß ist nunmehr der neue Name: „Jüdische R e I i g i o u sg ein e i n d e Dortmund" oitiziell festgesetzt worden — ein Fortschritt, der besonders vom' liberalen Standpunkt sehr zu begrüßen ist. Die sonst gebräuchliche Bezeichnung „Synagogen-“ oder „Kultus-Gemeinde" deckt nicht den Begriff; Religion ist'mehr als nur Kultus oder Synagogendienst. Andererseits schützt die Bezeichnung R e I i g i o n s - Gemeinde vor faLscher Deutung des Charakters der jüdischen Gemeinde in Deutschland. die keine Volksgemeinde sein will noch dari. „Volkspartelen“ , und sonstige Fraktionen, die in einer Religionsgemcinde nichts zu suchen haben, werden wir freilich wohl vorläufig noch ertragen müssen. Die neue Satzung bedeutet auch insofern einen Fortschritt in liberalem Sinne, als nun auch die Frauen aktives und passives Wahl-' recht erhalten. Wählerlisten liegen bis zum 15. Februar im Gemeindehause zur Einsicht aus. ■ . V Die Eintrittskarten zum 2. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung”, am Montag, 30. Januar, (Thema: „Männer der Feder sprechen”) sind restlos vergriffen. Das beweist, daß unser Programm Anlclang gefunden hat, und daß die -„Abende der Jüdisch-liberalen Zeitung” immer größere . Beachtung in jüdischen Kreisen finden. Den Freunden unseres Blattes, die dieses Mal keine Eintrittskarten mehr erhalten konnten, sichern wir heute schon zu, daß wir in absehbarer Zeit einen weiteren . Abend veranstalten werden. ~ 2. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ am Montag, 30. Januar-1933, 8 Uhr abends, im Großen Saal der Konditorei Leon, Berlin, Kurfürstendamm TSSj156 (am Lehniner Plan) " i „Männer der Feder sprechen“ Kurzreferate werden halten: George Goetz, Redakteur der „Jüdiadfliberaian Zeitung44 „Die . jüdisch - liberale Zeitung“ innerhalb desdeutschen Kulturkreises“ Fritz Engel, Schriftsteller uLiberalismus als Weltanschauung* Rechtsanwalt Dr. Erich Eyck, Stadtverordneter „Jüdische liberale Parlamentarierw Dr. phil. Max Osborn, Kumtkritilur der 1 t i ts~ Ai U HVossischen Zeitung* „Juden als Künstler Dr. Kurt Zielenziger, Stellvertretender Pteueehef der „Juden im öffentlichen Dienst“ Stadt Berlin Bernhard Cltron, Handeleredakteurde» .Montag Margen“* „Die Bedeutung der Juden für das deutsche Wirtschaftsleben“ Julius Bab, Sdirifuteller „Juden im literarischen Schaffen“ Hanns Loewenstein, Mitherausgeber der . ,, m Jüdisch-liberalen Zeitung* „Ausklang _ Gesänge: Oberkantor Wilhelm~Friedmanh Leitung des Abends: ~ Landgerichtsrat Dr. Martin. Lesser, tager Vorsitzender de» Liberalen Verein» für die Angelegenheiten der Judithen Gemeinde xu Berlin Um pünktliches Erscheinen wird gebeten, Eintritt frei, jedoch nur gegen Eintrittskarten» (Beachten Sie bitte nebenstehende Anzeige)