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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-01-15 · 20 (15.1.1933) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
20 (15.1.1933)
Date
1933-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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< uns nicht in die stille Werkstatt des Denkers, worin wir zuschauen könnten, wie ein ragender Gedankenbau Stufe um Stufe entstellt; er führt uns in das brausende Weltgetriebe, : um uns zu zeigen, wie sich im Strom der Welt ein Genie heranbildct. Mitten in einer wildbewegten und durchstürmten . Umwelt .ragt die Gestalt Spinozas empor. Ein Bild der Ruhe I mitten ’im Sturme. D_er Geistestitane Spinoza wird von den Stürmen seiner Zeit nicht inrtgerissen, weil sein Geist in sinnender Ruhe über den erregten Gewässern schwebt. Er! steht in seiner Umgebung als einer für sich. Völker, die um j Ehre und Unabhängigkeit oder um Macht und Herrschaft kämpfen, ziehen an ihm vorüber; Männer, die um Licht. Waliri heit und Erkenntnis ringen, sind um ihn gruppiert; Menschen i und Begebenheiten bildeu-jimi ihn einen festgeschlossenen; Kreis — aber all das vereinigt sich nur zu einem dunkeln, schattenhaften Hintergrund, um das Bild des Helden um so! leuchtender hervortreten zu lassen. Ringsum hastet alles und j kämpit und strebt und ringt. Mit betäubendem Gepolter wälzt ' . das Rad der Geschichte Ereignis auf. Ereignis, Kraft mißt sich! an Kraft, Geist will Geist bezwingen; nur er allein, der stille Denker einer geräuschvollen Zeit, ist der ruhende 'Pol in der ‘ Erscheinungen Tlucht. Er strebt nicht nach Macht und Ruhm. , Er kämpft nicht gegen Aberglauben und Finsternis. Er sitzt. in seiner Kammer und schleift Gläser und löst dabei die sichtbare und unsichtbare Welt in Gedanken aui — und Macht und Ruhm und Sieg über die Finsternis fallen ihm wie von selbst in den Schoß. So wollte anscheinend Kolbenheyer in seinem Roman „Amor Dei‘‘ den Spinoza zeigen. Aber das geplante Gemälde mit den unzähligen Gestalten und der riesigen Zentralfigur ist durch den Mangel an Geschlossenheit nicht ganz zur Ausführung gekommen: _Kolbenheyer stellt seinen Helden nicht in den Mittelpunkt lind auf die höchste Höhe, daß er zu keiner Zeit und von keiner Seite unserem Gesichtskreis entschwinden könnte. Spinoza tritt in diesem Roman allzuoft außer Sicht. Andere Persönlichkeiten und ihre Erlebnisse drangen sich vor und ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich. Kolbenheyer hat sämtliche Gestalten unterschiedslos mit dem gleichen Maß an Fleiß und Liebe herausgearbeitet. Keinen hat erbevorzugt, auch den Helden des Romans nicht Ob es die königliche Gestalt Rembrandt ist oder .der schlichte, schweigsame Rabbi Jehuda .Leon, ob der zermürbte Uriel Acosta oder der fanatische Mose Zacuto, der bedachtsame Morteira oder der draufgängerische Adriaan. ob der tätige. De Witt oder der denkende Spinoza — gleichviel..wer uns jeweils vorgeführt wird, der’ ist der Held, der unser ganzes Interesse in Anspruch nimmt. Dadurch ist Kolbenheyers Werk nur eine Mappe von Skizzen, eine in schön geformter poetischer Sprache abgefaßte Chronik, aber kein Roman mit einer einheitlichen Handlung. Und doch ist Kolbenheyers „Amor Dei“ ein gutes, ja, ich möchte sagen, ein gesundes Buch. Wer alle Gänge dieser vollgestopften Bildergalerie, in der Kriegsgemälde. Landschaftsbilder und „Stillebeu“ durcheinandergcwürfelt sind, mit einiger Anstrengung durchgewandert hat. wird des Guten genug finden, das volles Lob verdient. Bücherschau f Jacob Beraays. Ein Lebensbild in Briefen. Herausgegeben von Michael Eraenkel, Breslau. Verlag von M. & H. Marcus. 1932. 172 Selten. Nur mit Dankbarkeit kann man das Buch aus der Hand legen. „Ein Lebensbild in Briefen“ nennt der Herausgeber — . seine Veröffentlichung. Vielleicht hat ihm bei der Wahl des Untertitels ein Wort Gottfried Bürgers unbewußt vorgeschwebt, der in einem seiner Gedichte meint: „Briefe leben, atmen warm.“ Der warme Atem des Lebens ist es, der dem Leser aus jeder Zeile entgegenweht. Aus dem ersten Teil, der eine mit' Liebe und Sorgfalt zusammengestellte Biographie des berühmten klassischen Philologen Jacob Bernays enthält, sowie aus dem zweiten Teil, in dem der Briefwechsel niedergelegt ist, der die geistige Verbundenheit Bernays’ mit hervorragenden Zeitgenossen zeigt, beispielsweise mit dem Dichter Paul Heyse — der Bernays einen der schärfsten und tiefsten Denker nennt"— Georg ßunsen. F. W. Ritschl, Eduard Lasker, Theodor Mommsen und Eduard, Zeller. Diese Briefe sollte inan zumal in der Gegenwart aufmerksam lesen. Wenn' wir Juden die Haltung vieler Gebildeter unserer Tage zur Judenfrage oft seufzend beobachten, so sollten wir uns mit einem Worte Mommsens-trösten, der in einem Briefe aus dem Jahre 1876 (Seite 157 a. a. O.) schreibt: „Je länger man sich das Gelehrtentum mit all seinen Jnanen und Perversen und all seiner Verfaultheit und Böswilligkeit ansieht, desto deutlicher wird es einem, daß es schließlich damit ist, wie mit jedem Sodom; so lange noch fünf Gerechte da sind, machen diese mit ihrem Wirken all das nichtige und nichtswürdige Treiben des Packes einigermaßen wett — sic fuit, sic est, sic erit“ Der Herausgeber hat seiner Biographie das Motto vorangestellt „Religioni et musis amicus“. Mit Recht Jeder religiöse Mensch wird sich von diesem tiefgläubigen, ebenso gelehrten wie charaktervollen Manne angezogen fühlen, der um seines Judentums willen die schwersten Enttäuschungen erleben mußte und doch trotz aller Anfechtungen seinen Weg in Treue zu Ende ging. Vielleicht wird dieser Persönlichkeit am besten ein Wort von Wilainowitz-Moellendorf gerecht, der in seinen „Erinnerungen“ von Bernays schreibt: „Mir hat er imponiert, denn da war alles echt, hatte alles Stil.“ Rabbiner Dr. Bruno Italiener, Hamburg. Professor Dr. Hedler: Rassenkunde und Rassenwahn. 66 Selten. DIetz. —,75 RM. Das Werk rechtfertigt seinen Untertitel: Wissenschaft gegen demagogischen Dilettantismus. In klarer, gemeinverständlicher Sprache stellt der Verfasser den gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Rassenforschung dar und sammelt die Argumente gegen ihren Mißbrauch. Er stützt sich dabei auf die fortgeschrittensten unter den ernsten Vertretern dieser Wissenschaft und weist die Widersprüche auf, in die sich die pseudowissenschaftlichen Autoritäten der politischen Rassenkunde verwickeln. Er setzt sich mit den Größen des reaktionären Rassenwahns von Gobineau bis Durch das um 5. d. M. unerwartet erfolgte Hinschciden' unseres hochverehrten geschäftsfahrenden Vorsitzenden - Herrn Legafionsrat Prof. Dr. Moritz Sobernheim sind wir in tiefe Trauer versetzt, " Ein Vierteijahrhundert hat der Heimgegangene unserer Körperschaft in leitenden Stellungen angehört und besonders durch sein auf die Zusammenfassung afler im deutschen Judentum vorhandenen Kräfte’gerichtetes Bestreben und durch die Sicherung, des Fortbestandes der von unserem Bunde begründeten Reichsanstalten unsere dauernde Dankbarkeit erworben. Deutsch-Israelitischer Gemeindebund. Tiefbetrübt zeigen wir den Tod unseres ersten Vorsitzenden Professor Dr. Morifz Sobernheim Legafionsraf im Auswärtigen Amf an. Mehr als ein Jahrzehnt hat er in nie versagender Treue und Umsicht unsere Gesellschaft geleitet. Seine selbstlose und begeisterte Hingabe an die Aufgaben unserer Gesellschaft sichern ihm ein dankbares Gedenken. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. lüissm Sfe schm, daß Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ auf Grund eines Protestes von Rabbi Emanuel Liishitz (New York) vom Schulsuperintendenten aus dem Unterrichtsplan aller. Schulen verbannt worden ist, weil das Werk „die gefühlsmäßige. Haltung zwischen Juden und Nichtjuden ztim Schlimmen beeinflussen könne“? daß die Köchin des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, die wegen ihres in Jahren aufgelaufenen Lohnes bis vor dem Reichsgericht hatte klagen müssen und daraufhin von ihrem „Schuldenprinzen“ aus Schloß Glienicke ausgewiesen worden ist. in der Wohnung des Vorsitzenden der Potsdamer jüdischen Gemeinde Obdach und Kost ge- Tunden^hat? t daß die Jüdische Gemeinde in Nürnberg ab I. Januar 1933 ihr Gemeindeblatt, statt wie bisher durch ‘die Post, durch Arbeitslose in die Häuser bringen .läßt, um diesen ein Verdienst zukommen zu lassen? daß der Landtag von. Mecklenburg-Schwerin einen nationalsozialistischen Gesetzentwurf angenommen hat, der ein Schächtverbot für Rindvieh, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde vorsieht? daß in Rastenburg (Ostpr.) aus Anlaß der Ermordung des achtjährigen Knaben Haike wieder einmal das Märchen-von einem jüdischen- Ritualmord systematisch verbreitet und zum Teil geglaubt worden ist? i daß Oberrabbiner Netter (Metz) einen Aufruf zur Schaffung eines Siedlungsforids zwecks Ansiedlung arbeitsloser jüdischer Einwanderer in Frankreich erlassen hat? daß in San Sebastian (Spanien) in den ersten Januar-Tagen seit Jahrhunderten wieder das erste jüdische Begräbnis stattgefunden hat und vom Rabbiner der benachbarten französischen Stadt Bayonne ausgeführt' wurde? daß die Standard Oil Company in New York zwecks Schaffung eines Fonds zur Erhaltung.der Jeschiwoth und Talmud- Thora-Schulen von New York eine Stempelsteuer auf alle diejenigen ihrer Produkte eingeführt hat, die für Jahrzeitlampen und Bethauskerzen gebraucht werden? Günther auseinander, zeigt ihre wissenschaftliche Unzulänglichkeit und gibt in gedrängtester Form eine Uebersicht der von ihnen aufgestellten Lehren, sowie eine Anleitung zu ihrer Widerlegung. - -Das Büchlein ist gleichzeitig ein ausgezeichnetes Handbuch zur Judenfrage, das in seiner Gemeinverständlichkeit für den jüdischen Abwehrkampf, eine wertvolle Waffe darstellt. H. P. Am 5. Januar starb das Mitglied unserer geschäftsfGhrcnden Körperschaften. Herr Legafionsraf Professor Dr. Moritz Sobernheim.' In tiefer Erschütterung trauern wir um den gütigen, immer hilfsbereiten Freund und Förderer aller Bemühungen zur Linderung menschlicher Not. Die Fortentwicklung jüdischer Sozialarbeit in neuzeitlichem Geiste. verdankt ihm . wertvollste Anregung und stärkste Mitarbeit. ArbeiferfÜnorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands Jüdische Arbeitshilfe e.V., Landwerk Neuendorf Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge Zentralwohlfahrfssfelle der deutschen Juden BERL IN &nf4eMeusutede!Be<zugsqueMea J. SCHÜPKER . TISCHLERMEISTER WERKSTATT FOR GUTE MÖBEL ü. INNENAUSBAU BERLIN SW29, ZOSSENER STRASSE 10 BERGMANN 277 BERLIN i loiemalionale Apomeke Palast «Hotel / -Potsdamer Platz TeL: A 2 Flora 2223 Alles f*r e i Haus I Aufzüge ] ALBERT SEEL AufzugafOrsorge / Herslcllunjf u, Umänderung von Aufzügen u. Hebewerken all. Sysirmr 1 llcparalurarbtitep BERLIN N-31« l*ucl>u\scr Straße 52 ' Fernsprrdirx: Amt I) 5 Vinctn 0747 [ Autobereifung | Autobereifung Wilhelm Grabs Vertrieb samtL Reifenfabrikate . Autozubehör - Reifen-Reparatur-Werlcstatt Spezialität: Auto-Oele Ersatzteile Jur Ford wagen BERLIN SW68, Friedrichstr. 249 Nsht Belle-Alliance-Plsts * Fernsprecher: F 5 Bergmann .4735-36 Automobliredern Neu u. Reparaturen sämtlich. Systeme. Einu. Ausbau. 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