Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 16 (14.11.1932)
- Date
- 1932-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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land, erließ einen Aufruf an seine Haniburuer (jlaubensjienossen. in dem er zum Frieden riet und aui die Tatsache himvies. daß . die Notwendigkeit einer Reform nicht nh/.ulcugncn sei. Seine Worte traten taube Ohren. ' iiie Orthodoxen unternahmen nun einen unerhörten Schritt, indem sie versuchten, den Hamburger Senat zu überreden, das neue (iotteshans zu -schließen. Das vcranhi&tc. die Reformer, sich zu rühren. Die Beamten der neuen Gemeinde iorderten rahhiuisclic Autoritäten aui. ihre Meinung über die Reclitskrüitigkeit der von ihnen eingeiiihrten Reformen zu ändern. Das Ergebnis war die Verönentliciumg eines von liliezer Liebermaun berausgegehenen Huches, das eine Anzahl zustimmender' Meinungsäuderungen über die neue Richtung enthielt. Die bemerkenswerteste in dieser Kontroverse ist die des ungarischen Rabbiners Aaron Chorin aus Arad, einer der interessantesten Gestalten ans den ersten Jahren der Reiormhewegung; Chorin verteidigt alle in Berlin eingeführten Reformen mit Belegen rabbinischer Autoritäten. i:r befürwortet diese Reformen als notwendig und verdammt uneingeschränkt die Mißbräuche. die die Reformer zu beseitigen begonnen hatten. Ei spricht den Mitgliedern der neuen Gemeinde Worte der Ermunterung zu und dringt in sie. das Werk, das sie begonnen, fortzusetzen. Hits Hamburger Rabbiner appellierten jedoch ebenfalls am ihre Kollegen. sie in ihrer Position zu stärken. Sie erhielten ’’ Antworten, die alle ihre Position unterstützten und die Reformen auis entschiedenste verwarten. Sie verdammten ex cathedra. Einige ihrer Aussprüche sind charakteristisch und wohl wert, jangc'lTihrt zu werden als Gradmesser der Gefühle, die allgemein hei den Gegnern der jüdischen Reformbewegung .herrschten. Moses Sofcr. das berühmte rabbiuischc Oberhaupt der jüdischen Gemeinde zu Prellburg. nennt die Reformer „Ungläubige". „Füchse. die die Weinberge zerstören". Er widersetzt sich der Einführung einer Orgel in der Synagoge oder des Gebrauchs irgendeines Musikinstruments beim Gottesdienst mit der"' Begründung, die Juden, seien im Exil und trauerten um die Zerstörung Jerusalems; deshalb müsse alle Musik als eine Acuüerung der Ereudc jimd des Vergnügens vnni Gottesdienst ausgeschlossen sein. Mordechei Bauet, der Oberrabbiuer von 'Mähren erklärte, daß die Hamburger Reformer „weder Juden noch Christen seien, sondern Menschen ohne Glauben“; daß „ihre Gebete sündig seien, und daß der einzige Zweck der Einführung ihrer Reformen der sei, die Gunst der Christen zu erwerben.“ Diese vernichtenden Urteile hatten kein praktisches Ergebnis. "Die Orthodoxen erreichten nicht, daß der Tempel von der Regierung geschlossen wurde, wie sie es erhofft hatten. Die Reforntgcmeinde blühte weiter. Kurz nach der Einweihung des Tempels, im Oktober 1818, wurde Gotthold Sa Io tu on aus Dessau berufen, um im Verein mit Eduard Kley das Amt des Predigers zu bekleiden. Trotz des Rufes ihrer Prediger und deren glänzender Aktivität blieb die praktische Tätigkeit der Gemeinde dennoch örtlich begrenzt, mit Ausnahme einer großen Tat: der Errichtung einer Zweig- Refofittsynagoge in Leipzig während der großen alljährlichen Messen. KaufJeule aus ganz Europa kamen während dieser Messen in Leipzig zusammen, und die Einführung eines Reformgottesdienstes im Jahre. 182b war Missionsarbeit für die neue Sache. Die dort in den. Predigten verkündeten Ideen würden von den Hunderten von Fremden, die sie anhörten, mit nach Hause genommen und wurden ihnen häufig der Antrieb zu einer Reformarbeit in ihren Heimatgemeinden. Der Prediger dieser eigenartigen Sammelgemeinde war J.L. Auerbach aus Berlin. Die Gemeinschaften von Hamburg, und Leipzig retteten das Schiff der Reform vor der Gefahr, an den Sandbänken der Reaktion zu scheitern. Diese beiden Gemeinschaften, vor allem die Hamburger, bestanden weiter als sichtbares Zeichen' der Reform. Die einfache Tatsache dieses-Fortbestandes hat der Sache sehr gedient. . Während der Jahre, die zwischen dem Sieg der orthodoxen Gemeinde in Berlin (1823) und dent Beginn der Geigerschen Tätigkeit .(1835) lagen, vertrat der Hamburger Tempel als einzige Gemeinde in Deutschland die Grundsätze der Reform, trotz der Widersprüche, in die er sich, bei den Versuchen, Kompromisse zu machen, verwickelt hatte. „Ist der Rabbiner konsequent. I wenn er seine Predigten und seine theologischen Abhandlungen, was Sprache, Form und Stil betrifft, germanisiert und cntoricntalisiert, und wenn er und seine Gemeindemitglieder gleichzeitig mit bedecktem Haupte beten? Ist er konsequent, wenn er das Hanoten t’schua-üebet, das für einige asiatische Despoten oder italiehischc Condottieri veriaßt worden war, spricht und unmittelbar darauf Von den bürgerlichen Zuständen im Lichte und im Geiste unseres Jahrhunderts redet? Ist er konsequent, wenn er alles daransetzt, Ordnung und Anstand in seiner Synagoge am Neunten Ab zu wahren, und wenn er dann gestattet, daß bei privaten Traueriallen die Menschen ihre Kleider zerreißen lind sich nicht rasieren? Ist er konsequent, wenn er Versöhnung und Toleranz gegen alle predigt und dann nicht wagt, das Welamalscliinim-Gebet. abzuschaffen?" " Diese Worte, die ein Kritiker schrieb, um die Inkonsequenz in Ritual und Gottesdienst des Hamburger Tempels zu -rügen, und um aufzuzeigen, daß die Reform in keiner Weise auf der ganzen Linie durchgeführt war, soll nicht die großen Verdienste verdunkeln, die. diese Gemeinde, sich während der genannten Jahre erworben hat. Denn „es kann nicht abgeleugnet werden, daß sie in hohem Maße durch ihre bloße Existenz dazu beitrug, weit und breit den Gottesdienst wieder zu verjüngen, und daß sie einen großen Einfluß auf die neu atifgenouiineuc Diskussion und Behandlung dieser Frage ausübte.“ Auslands-Chronik Bukarest. (Zusammenschluß der 'rumänischen J ti d eii.lt e i t.) Der Kongreß der Jüdischen Gemeinden Altrumäniens nahm einen von seinem Vorsitzenden, Dr. W. Fildermaiin. verfaßten Gesetzentwurf an, der den gesetzgebenden Körperschaften zugeleitet werden und den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden und Gemeiudeverbände aller rumänischen Provinzen herbeiführen soll. London. (Auch hier: An t i se m i t i sitt us i m Rundf ii n k.) Nun hat auch England seinen antisemitischen Rund- ' funkskaiidal. Cedric Beliradge, der Filmkritiker des „Sunday Express“ und Sachverständiger im Rundfiink-Kontroll-Ausschuß der Regierung, hat sich in einem Ruudiunkvortrag gegen die „Oligarchie der raubgierigen Juden in dem Filmland England- Amerika'' ausgesprochen. Die Führer der englischen Juden Planen Schritte bei der Regierung gegen den Mißbrauch des staatlichen Rundfunks zur Propagierung rassischer Vorurteile. Jüdische Unterhausmitglieder bereiten eine. Anfrage vor, die sich in der gleichen Richtung bewegt. Die leitenden Persönlichkeiten der Film-Industrie, Juden wie Nichtjuden, haben von der Redaktion des „Sunday Express“ gefordert, daß sie Beliradge die Filmkritik entzieht. Als die Redaktion diese Forderung abschlug, beschlossen die englischen Filmindustriellen gemeinsam mit den großen amerikanischen Filmgesellschaften, wie Metro-Goldwyn-Meyer, Gaumont, Universal. Warnei; Brothers usw., dem „Sunday Express“ keine Annoncen mehr zu geben und die bereits erteilten Annoncen-Aufträge zurückzuziehen. Wien. (Enthüllung des Marcus-Denkmals.) Im Resselpark zu Wien, zwischen der Technischen Hochschule und dem Karlsplatz, wurde am 15. Oktober ein Denkmal für den Erfinder des Automobils, Siegfried Marcus, bei Anwesenheit der Elite von Wissenschaft und Industrie Oesterreichs, enthüllt. Die Festrede hielt der Handelsminister Jakoncik. Stadtrat Richter übernahm das Denkmal in die Obhut der Stadt Wien. Die Israelitische Kultusgemeinde war bei'der Feier nicht vertreten, weil diese, ohne Rücksicht auf die jüdischen Gefühle, auf einen Sabbath angesetzt war. — Marcus wurde 1831 in Malchin (Mecklenburg) geboren und starb 1898 in Wien. Er war mehrere Jahre Gehilfe von Werner von Siemens. Für seine Erfindungen: Thermosäule, Telegraphen-Relais, elektri-. scher Zünder, neue galvanische Elemente u. a. m. erhielt er die Große Goldene Medaille der Akademie der Wissenschaften in Wien. 1864 stellte er seinen ersten, 1875 seinen zweiten Kraftwagen her; es waren die ersten Fahrzeuge, die mit Benzin-Motor betrieben wurden. Wissen Sie schon, daß kurz vor der Reichstagswahl auf dem jüdischen Friedhof in Breslau die nach der Lohestraße zu gelegene Rückseite des Grabmals von Ferdinand Lassalle mit einem meterhohen Hakenkreuz und entsprechender Inschrift in roter Farbe besudelt worden ist? daß auf einer Generalversammlung des Allgemeinen deutschen Bädervereins in Bad Kreuznach ein Vertreter des Auswärtigen Amts an Hand der Fremdenstatistik nachwies, daß viele vermögende amerikanische Juden wegen des Antisemitismus nicht nach Deutschland zur Erholung kommen? daß einige hundert Mitglieder des christlichen Metallarbeiterverbandes vor kurzem die Essener Synagoge, eine der schönsten Deutschlands, besichtigten? daß es bei einem Auftreten des 'nichtjüdischen, aber von Juden abstammenden Kammersängers Richard Tauber in der steiermärkischen Hauptstadt Graz zu radauantisemitischen Kundgebungen und schweren Zusammenstößen kam? daß der Papst dem unter dein Pseudonym" „Soter“ bekannten jüdischen Schriftsteller Salvatore Attal eine Audienz gewährte und bei dieser Gelegenheit von dem Verfasser ein Widmuugsexemplar seines Werkes über den hl. Franziskiis entgegennahin? daß in Prag, dieser Stadt altjüdischer Erinnerungen, iin, Oktober 1932 24 jüdische Todesfälle und 8 Austritte aus dem Judentum, aber nur 2 jüdische Gebürten und 4 jüdische Eheschließungen zu verzeichnen waren? Vereinsnachrichten Geistige Winterhilfe. Die Jüdische Toynbee-Halle, das Volksbildungs- und Unterhaltungslieim der Berliner Logen UOB13., wird auch in diesem Winter — ebenso wie in den vergangenen drei Jahrzehnten — an-ledern Mittwoch und Sonnabend um 8 Uhr abends in den Räumen der Toynbee- Halle, Berlin N 54, GipsstraUe 12a, die arme jüdische Bevölkerung des Zentrums zu gemütlichen Abenden versammeln. Bei diesen Veranstaltungen werden Vorträge aus allen Gebieten jüdischen Wissens gehalten, Themen aus den Gebieten der Hygiene, Volkswirtschaft, Geschichte usw. behandelt. Dem populär-wissenschaftlichen Vortrag folgt eine Erfrischungspause, in der eine nahrhafte Suppe gereicht wird oder eine Bewirtung in anderer Form erfolgt. Hierauf folgen deklamatorische und gute musikalische Vorträge. Es wäre wünschenswert, wenn diese Veranstaltungen nicht nur zweimal wöchentlich, sondern wie es vor dem Kriege üblich war, an allen Abenden der Woche stattfinden würden. Die Institution, die ihre Arbeit gern über den bisherigen Rahmen ausdehnen möchte, ist bei der Verwirklichung dieses Wunsches jedoch abhängig von der Zahl ihrer Mitglieder. Die Jüdische Toynbee-Halle verdient die Förderung aller sozial interessierten Kreise. Man erwirbt die' Mitgliedschaft durch Meldung beim Schatzmeister dieser Institution, Herrn Fedor Eisner, Berlin W30, Landshuter Str. 15, Postscheckkonto Berlin Nr. 822 03. OSE-Ball. Die Berliner Ortsgruppe der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden OSE veranstaltet am Sonnabend, 19. November, einen Tanz- Abend im Cafe Leon am Lehniner Platz, um die nötigen Mittel zur Unterstützung ihrer Kinderkolonie und zur Fortführung'ihrer Fürsorgetätigkeit zu beschaffen. Alljährlich werden in die Kinderkolonie 180 bis 200 Kinder im Alter von 4 bis ‘12 Jahren aus den ärmsten Schichten des Berliner Nordens aufgenommeru Es wird beabsichtigt, Anfang des nächsten Jahres eine ständige Kinderanstalt für Kinder von 3 bis 6 Jahren '.einzurichten. BERLIN Empfehlenswerte ^Bezugsquellen BERLIN Asphaltierungen — Pflasterungen (Burgertteige) Finanzierung von Hnusivparaturen Robert Wolfers Kurfürsten dämm 163, Tel. H 2 Uhlaod 565 DnthtiecKernrheiten aller Art. Fnssadenputz-flnstrlcli sinn vnmanBnHadiB Eigene Gerüste, keine Leihgebühr, reelle Bedienung, arbeite selbst mit. Kostenanschläge unverbindlich. Evtl. Teilzahlung* -Kurt Kronberg * Berlin-Reinickendorf-Ost, Grüner Weg 71 Telefon; D9 4464 1. SCHOPKER . TISCHLERMEISTER WERKSTATT FOR GUTE MÖBEL U. 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