Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 15 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1 Nachstehende Spenden für den Jugend-Zeitungsfonds sind dem Werbeausschufj für jüdisch - liberale Jugendarbeit im letzten Halbmonatzur Verfügung gestellt worden: Georg Tietz, Berlin —geworben durch Rabbiner Dr. Julias Galliner, Berlin — Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag, Berlin Handelsgerichtsrat Eduard Growald, Berlin — geworben durch Hanns Loewenstein, Berlin Alfred Jaulus, Berlin (Bisheriges Ergebnis: 57 Abonnements) Die Vereinigung für das liberale Judentum, der Liberale Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und die Arbeits- ' gemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands (Arge) danken den Spendern für das bekundete Interesse an ihrer Aufbauarbeit für die jüdisch-liberale Jugend, und geben der Hoffnung Ausdruck, daß immer weitere Kreise sich in gleicher Weise gebefreudig erweisen werden. Jugendwerbeausschuß der Vereinigung für das liberale Judentum. Postscheckkonto: Berlin. 29399 50 Abonnements 5 Abonnements 1 Abonnement 1 Abonnement - Goethes Verhältnis zu Spinoza und den Juden Von Dr. Julius Michelson, Hamburg. „Die späteren Philosophen haben durch die Brillen gesehen, die Spinoza geschliffen“. schrieb einst Heinrich Heine geistreich und wahr. Wie stark (ioethes Weltanschauung von Spinoza beeinilulit wurde, wissen wir aus vielen Aeußerungcn dieses unseres grollten deutschen Dichters. „Ich erinnere mich''; -sagt Uocthc. „welche Beruhigung, und Klarheit über mich gekünuneu ist. als ich die nachgelassenen Werke lenes merkwürdigen Mannes durchblättert. Diese Wirkung war mir noch ganz deutlich, ich eilte abermals zu den Werken, denen ich so viel schuldig geworden, und dieselbe Frühlingsluft wehte mich wieder an. Ich ergab mich dieser Lektüre und glaubte, indem ich mich selbst schaute, die Welt niemals so deutlich erblickt zu. habend Spinoza war jener philosophische Genius des „Olympiers", der dessen Weltanschauung in vielen Werken poetisch verklärte. Heine schreibt in seinem Werk über die romantische Schule: „Die Lehre Spinozas hat sich hier aus der mathematischen Hülle entpuppt und umilattert uns als Goethesches Lied. Der Geist der hebräischen Propheten ruhte vielleicht noch auf ihrem späten Enkel Spinoza." In Goethe hat die Spinoza-Renaissance einen Höhepunkt erreicht-, der sich zum Ruhme des Philosophen Spinoza und des Dichters Goethe in unseren Tagen wiederholt. Das tiefe, ruhige Anschauen des „Einsseins mit der großen Natur“ gewährte dem Lichter Goethe vor allem Spinoza. Spinoza; hören wir Goethe sagen, hatte zuerst großen und bleibenden.Einfluß auf ihn ausgeübt. Spiiioza war der Philosoph, dem er „zumeist vertraut“ und der einzige, demgegenüber er sich als Schüler, soweit das bei Goethes Denkart überhaupt möglich war. und 'als Anhänger betrachtete. Spinozas „Ethik" ist ihm bald das einzige Asyl, in welches, er sich, utn schmerzlichem Verdruß zu entkommen.-rettet. Auf seinen Reisen führt er sie wie ein .Brevier bei sich. So besteht denn zuletzt eine Art Seelenbund zwischen ihm und dem einsamen Denker, und dies Gefühl eines innigen geistigen Zusammenhangs hat besonders in der letzten und umfänglichsten Erklärung, die uns Goethe' über sein Verhältnis zu Spinoza hinterlassen hat, einen starken Ausdruck gefunden: in dem Eingang des Vierten Teils der Selbstbiographie. Eine Titanengestalt Goethes, das Jugendwerk „Prometheus“, zeigt schorf im Fragment gewaltige von spinozistisclier Weltanschauung getränkte Szenen. Goethes „Prometheus“ hat dem Spinoza sein „Eins und Alles“ entlockt. „Wenn ich mich nach jemand nennen soll, so weiß ich keinen anderen als Spinoza“: dies Bekenntnis war die Folge der eingehenden Beschäftigung mit Spinozas Schriften. Das, was Spinoza da-, mals, gleichsam ’ als Neuentdeckter, lehrte, hat auf Goethes Seele unauslöschlich eingewirkt. Wie stark Goethes Weltanschauung von Spinoza heeintlußt wurde, wissen wir ans „Dichtung und Wahrheit". Goethe nennt Spinoza den außerordentlichen Manu, dessen Geist auL seine Denkweise großen Einflußhatte: „Nachdem ich mich", bekennt Goethe, „in der Welt ' uni ein Bilduiigsmittel meines wunderlichen Wesens vergebens umgesehen hatte, geriet ich endlich an die „Ethik" dieses Mannes — ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenschaft, -es schien sich mir eine große und freie Aussicht über die sinnliche und sittliche Welt aufzutun.“ Nachdem Goethe des weiteren über den verständnislosen Artikel „Spinoza“ in Bayles AVörterbuch seine Mißbilligung geäußert, bekennt er sich, trotz mancher Anfeindung offen und ehrlich zu seinem verehrten Lehrer Spinoza. - - Je älter Goethe wird, desto mehr wird es ihm zur Natur, die Dinge mit den Augen Spinozas zu sehen: „Als ethischästhetischer Mathematiker muß icli in. meinen hohen Jahren immer auf die Formeln hindrihgen, durch welche ganz allein riiir die Welt noch faßlich und erträglich wird.“ Und diese Forderung entnahm' Goethe einzig ‘ und allein den Lehren Spinozas. Spinoza, der „heilbringende Sendbote der mündigen Menschheit“, wie ihn Berthold Auerbach nannte, steht als Phänomen eines zur vollständigen Einheit gediehenen Charakters und Genies vielleicht einzig in der Geschichte der führen-, den Geister der letzten Jahrhunderte. Gerade deswegen konnte Goethe, dieser Aristokrat der freien, schönen und starken Persönlichkeit und beseelt vom stärksten Trieb von Sclbstausbildnng und lauterster Menschenliebe, in vielfacher Beziehung ein nachahmender Schüler und großer Bewunderer der Ideen Spinozas werden. Vor wenigen Jahren hielt Professor Dr. Eugen Kühneinann (Breslau) im Nationaltheater in Weimar einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Goethe und Spinoza“. Es sei. sagte Kühnemann, kein Zweifel möglich, daß Goethe in seinen Beziehungen zur Gedankenwelt Spinozafe eine der tragenden Kräfte seines Lebens, erblickt habe. Die Hauptgedanken Spinozas hätten den Goetliesclien Werken den Grund, bereitet Gewiß gebe es fast keinen größeren Gegensatz der vergeistigten Wesensart als Spinoza und Goethe. Hier sei gleichsarii die starre Ruhe, des Morgenlandes, bei Goethe dagegen die behagliche Lebensfülle des Abendlandes bemerkbar. Solange man aber Goethe nicht verstanden habe in seinem Bekenntnis zu Spinoza, habe man ihn überhaupt nicht verstanden, denn Spinozas Philosophie habe Goethes allerinnerste Tiefen berührt, auch ohne eine schulmäßige Kenntnis und Abhängigkeit. Spinoza hat, führte Kühnetnann bei dieser Gelegenheit weiter aus, die gesamte deutsche Geistesgeschichte stark, befruchtet, so vor allem, um nur wenige zu nennen. Lessing, Herder, Schelling, Fichte, Hegel, Schleiermacher und Heine.-. Spinoza sei der wahre Klassiker der modernen Metaphysik. Nur eine wahre Freude gebe es, und das sei die Freude des Geistes, wie sie ein Spinoza und ein Goethe gelehrt haben. Es gelte daher sich zu entscheiden, ob..man im Geiste dieser Großen leben wolle oder im Üngeiste <ler modernen Jugend, die rnit tausend Klammern nach der Ungeistigkeit greife. Die weltumspannende Menschenliebe Spinozas verhindere ihn keineswegs, sein Vaterland mit ganzem Herzen zu lieben, da dies eigentlich einem Naturtriebe entspreche.- Gleich Spinoza war auch der deutsche Dichterfürst immer nur in einem höheren Sinne patriotisch, aber auch ihm wurde die rechte Freude am Vaterlande durch die tiefe, weltbürgerliche Erkenntnis geschwächt, daß der äußere Sieg einen inneren Fortschritt nicht bedeute. Auch Goethe sah die wahre Größe eines Volkes nicht in seiner.politischen Machtstellung, sondern nur in der größtmöglichen Höhe seiner Kulturentwicklung. Gerade wegen dieser allgemein-humanen Einstellung zu allen Völkern der Erde wurde Goethe bis in sein spätes Alter hinein von dem kosmopolitischen Gedanken einer Weltliteratur beherrscht. Heinrich Teweles hat 1927 mit seiner psychologischen Studie über „Goethe und die Juden“ einen überaus wertvollen Beitrag zur Goetheforschung geliefert Mit dem Rüstzeug rein menschlicher Unbefangenheit und großer Ueberlegenheit behandelt er die Beziehungen Goethes zum Judentum und den Juden. Teweles Abhandlung ist keine Streitschrift, sondern eine Huldigung für Goethe. Mit überlegener Ironie und kluger Satire weist der Autor die böswilligen und irrigen Goethe- Zitate des „nordischen Menschen“ zurück, die alles Edle und Erhabene nur für ihr eigenes Volk in Anspruch nehmen und wohlweislich vergessen machen wollen, was ihre Nation an Kulturgütern anderen Völkern zu verdanken hat. Teweles liegt es dabei ganz fern, den großen Dichter Goethe etwa zu einem Philosemiten machen zu wollen, da er keineswegs verschweigt, daß Goethe als Kind seiner Zeit und als Frankfurter Patriziersohn des 18. Jahrhunderts den Vorurteilen gegen die Juden nicht fremd gegenüberstand und daß er, als konservativer Staatsmann, den beginnenden Emanzipationsbestrebungen mit einem gewissen Bedenken begegnete. Wohl äußerte Goethe gelegentlich, es werde ihm schwer, die alttestamentarischen Dramen auf sich wirken zu lassen, weil der Kontrast zwischen Ahnherr und Enkel ihn irre mache: und doch war ihm die Bibel und vornehmlich das Alte Testament in seiner frühesten Jugend ein Hauptbildungsmittel, das er auch in späteren Jahren in angenehmer Erinnerung behielt: die ersten Versuche einer Lyrik und dramatischer Handlungen entnahm auch der junge Goethe dem Inhalt des Alten Testaments. In wechselnden Stimmungen Goethes hebt sich besonders die Wörme wirksam ab, mit der er später ein rein menschliches Verhältnis zu den Juden gewann, je riiehr er persönlich mit ihnen in Berührung kam. Bekannt ist die Episode während eines Brandes im Frankfurter Ghetto, bei dem Goethe sich betätigte und voll Mitleid helfend für die Geschädigten, eintrat. Ueberzeugend offenbarte sich die echte Humanität und die Achtung für alles Tüchtige, auch die Anerkennung alles Liebenswerten und Bedeutenden in dem entscheidenden Verhalten Goethes zu den Juden, denen er im Leben näher trat. Sachlich und, wo es verdient war, wohlwollend waren auch stets seine Kritiken und Ratschläge für diejenigen jüdischen Schriftsteller, deren Arbeiten er zu Gesicht bekam. Auf Grund zeitgenössischer Berichte muß an Goethes freundschaftlichen Verkehr mit einzelnen hervorragenden Juden erinnert werden und an die Förderung, die er Michael Beer, dem Dichter des Paria, gewährte. Innig verband Goethes Freundschaft Ilm mit genialen jüdischen Frauen, mit der Rahel und der Frau Marianne Eybenberg; mit wahrhaft väterlicher Liebe begleitete Goethe die Entwicklung Felix Mendelssohns, der oft Gast in seinem Hause war. Ganz besonders muß hervorgehoben und beachtet werden, was Goethe bezüglich des Lessingschen „Nathan“ sagte, daß nämlich das in der Dichtung ausgesprochene Duldungs- und Schonungsgefühl der ganzen Nation stets heilig bleiben möge. Dieser Wunsch war ein Gebot, das dem Dichter in Fleisch und Blut übergegangen war. In Goethes denkwürdigem Eintreten für einen allgemeinen deutschen Festtag, der seine Glorie nicht, etwa nur Christen, sondern auch Juden und Mohammedanern zu danken hätte, hebt er, der größte seiner Nation, seine Idealforderung noch über den „Nathan“ Lessings hinaus, indem er den drei Söhnen, von" denen jeder die Echtheit seines Ringes anerkannt wissen will, noch einen vierten liinzugesellt — „den Ungläubigen“. Alles, was mancher entartete Epigone in Bezug auf die Gesinnung und die Gedankengänge Goethes den Juden gegenüber in schlechtem Sinne auszudeuten bestrebt ist, kann'mit Fug und Recht als Fälschung und eine Herabwürdigung des großen Genius Goethe gelten, den jetzt alle Kulturvölker feiern. Lily Montagu und Margarete Goldstein in Prag und Budapest. Miß Lily H. Montagu (London) und Frau Margarete Goldstein (Berlin) weilten vom 17. bis 20. Oktober ais Vertreterinnen der World Union for Progressive Judaism in Prag. Die Führer des Prager Judentums nahmen sie sehr freundlich auf, besonders standen ihnen zur Seite Rabbiner Dr. Sclnvartz, Dr. Gottlieb Stein, der Vorsitzende der Prager Jüdischen Gemeinde, und Dr. Josef Popper, der Großpräsident der tschechoslowakischen U. 0. B. B.-Loge; Obwohl diese Herren selbst anders eingestellt sind, sehen sie ein, daß das liberale Judentum nötig ist. um die Jugend aus Indifferenz und Antireligiosität zum Judentum zurückzuführen, um den Glauben jener wieder zu erwecken, die sich vom Judentum abgewandt haben und in religiöse Negation verfallen sind, und die nicht mehr imstande sind, an das orthodoxe Dogma zu glauben. Am 20. Oktober, abends, fand ein großer Vortrag in " den Räumen der U. 0. B. B.-Logeri statt: über 200 Männer und Frauen hörten die Ausführungen von Miß Montagu und Frau Goldstein mit Interesse an. Zum Tode von Arthur Kahane. Erst sechszigjährig ist Arthur Kahane gestorben! Und mit Wehmut und Trauer muß man die Klage erheben, die hier wahrlich keine Phrase ist: die Welt, das geistige Leben unserer ' Zeit ist ärmer geworden! Berlin, noch immer die erste Theaterstadt der Erde, hat einen unersetzlichen Verlust "erlitten! Ein Voll- und Edelmensch in des Wortes umfassendster Bedeutung ist mit Kahane dahingegang;n. Eine einzigartige Synthese von Weisheit, Intellekt, Güte und schaffensfreudiger, nimmermüder Aktivität Max Reinhardt brachte diesen stillen, feinen wiener Dichter vor einem Menschenleben als söinen Dramaturgen nach Berlin, und seit mehr als dreißig Jahren, bis jetzt zu seinem Tode, wirkte er als geistiger Mit-Leiter des Deutschen Theaters, als Berater und Helfer des Theatergenies. Menschen, Dinge, Verhältnisse, Konjunkturen, Moden und Zeitströmungen wechselten nur zu häufig bei dieser Bühne, der repräsentativsten Deutschlands, — Kahane blieb der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht, ein unermüdlicher Helfer, Berater und Anreger auch aller Künstler und Autoren, die mit dem Theater zu tun hatten. . Selbst immer .bescheiden im Hintergründe, saß er in seinem Büro in der Schumannstraße, umgeben, erdrückt von Verhandlungen, Besprechungen, Stücken, Entwürfen, Projekten, redaktionellen Arbeiten, und — Künstlern und Schriftstellern, die seine Meinung hören wollten, seinen Rat brauchten. Der gute . Geist des alt-ehrwürdigen Hauses! Ein merkwürdiger Ailes- Kenner und -Könner. Für jeden erreichbar. Jedermanns Freund. Unzähligen nützend. Und dieser ungewöhnlich fleißige Mensch, auf dem eine außerordentliche Arbeitslast ruhte, war — „nur so nebenbei“ — ein bedeutender Schriftsteller, der ein höchst beachtliches dichterisches Lebenswerk hinterlassen hat. Er schrieb eine ganze Reihe zarter, feinsinniger Romane („Clemens und die Mädchen“, „Willkommen und Abschied“ usw.), Bücher von jener reifen, kultivierten Gelassenheit,-die mit wehmütiger Ironie verschwistert ist. Seine erzählenden Werke führen mit linder Hand aus der so unerfreulichen Gegenwart in das schweigsam-klare Reich aristokratischer Menschen und Dinge, in eine Welt, die uns Heutigen wie ferne, selige Inseln erscheinen. Wie dankt man dem Dichter für diese wundervollen Verzauberungen! ■» Neben entzückenden Liedern schrieb Kahane auch Bedeutendes über Dramaturgie, Schauspielkunst und Theaterphilosophie und war einer unserer glänzendsten und fruchtbarsten Feuilletonisten. Ich selbst habe eine dicke Mappe mit Kahaneschen Feuilletons gesammelt Keins ist nur oberflächliches Geplauder: alle, sind sie geistvolle, stilistisch-durchgefeilte kleine Kunstwerke. Eine leidenschaftliche, ja glühende Liebe hegte er iür Judentum und Juden, für das Milieu, dem er entstammte. Und doch war auch Haßliebe in dieser Leidenschaft. Vor zwei Jahren ließ er sein „Judenbuch“ erscheinen, in dem er viel Treffendes und Geistreiches über das „mosaische Bekenntnis“, den „jüdischen Intellekt“ und „Israel unter den Völkern“ zu sagen wußte.'Dieses Buch wimmelt von witzigen Paradoxen, scharfen, ironischen Antithesen und sogar nicht ganz harmlosen Ketzereien, die aber auch cum grano salis — „Wahrheiten“ sind. Denn wie Hesses Siddharta weise feststellt,, erkennt man eine richtige Wahrheit daran, daß auch ihr Gegenteil zutrifft. Vor den Ewigkeitswerten des-Judentums hatte Kahane Ehrfurcht. Seine Bearbeitungen der „Novellen aus der Bibel“ atmen jene stille und große Ergriffenheit, die auch der Spötter Heine einsti vo'r dem ethisch-einzigartigen Jahrtausende-Ton des jüdischen Genius empfand. Wie traurig und beklagenswert, daß der Tod einen so seltenen Menschen so vorzeitig von uns nahm. Aber dieser gütige, hochstehende Geist gehörte schließlich in eine bessere und kultiviertere Zeit als die unsrige. In Zeitläufte, in der Friedhöfe geschändet werden, in der Roheit und Ungeist Trumpf sind, in der zwei Drittel des Textes vieler deutscher Zeitungen Sportreportagen gewidmet sind, paßte ein Mann wie Kahane nicht mehr hinein Es wurde ein Comite gegründet, das mit der World Union regelmäßig korrespondieren wird und sich besonders für die religiöse Erziehung interessiert. Man hofft, im Laufe der Zeit Religionsunterricht für 14 bis 19jährige Knaben und Mädchen einzuführen. In Budapest, wo Miß Montagu und Frau Goldstein sich ebenfalls zu Vortragszwecken aufhielten, hatte ein Mitarbeiter des „Pester Lloyd“ Gelegenheit zu einer längeren Unterredung mit-den Damen, die er darauf aufmerksam machte, daß in Ungarn bereits in den vierziger Jahren eine jüdische Reformbewegung bestanden hat. in der der Gottesdienst nicht am Sonnabend, sondern am Sonntag abgehalten wurde. Miß Montagu wies demgegenüber darauf hin, daß es jetzt weniger auf Kultusreform ankomme, als darauf, die Religion mit dem Leben zu verbinden. Frau Dr. Goldstein wird nächste Woche einen Vortrag über die Ethik des Alltags halten. Eine liberale’ Versammlung in Wien, in der ebenfalls Miß Montagu und Frau Goldstein referierten, nahm nach Verlesung eines Briefes des Vorsitzenden der deutschen liberalen Vereinigung einen stürmischen Verlauf, wurde aber doch durch die Geschicklichkeit von Frau Goldstein zu einem guten Ende geführt. Näheres bringen wir in der nächsten Nummer. Herausgeber: Hanns Loewenstein und.Willi Tisch Verlae, Berlin SW 11. Verantwortlich für den Textteil: George Qoetz, Berlin SW 61; für den Inseratenteil: Willi Tisch, BerlinNW87. Druck: Berliner Spezial-Druckerei Q. m. b. H.. Berlin NW 21. Alt-Moabit 105. Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin.