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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-09-29 · 13 (29.9.1932) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
13 (29.9.1932)
Date
1932-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Jahrgang . Nummer 13 JftlHfdMilietale Seifnng Beilage 29.Septemberl932 Die Gemeinde, als Familie. Das fünfte Berliner Altersheim. Es gereicht der Berliner Jüdischen Gemeinde zur Ehre, daß sie trotz aller Schwere der Zeit-, den ohnehin schon großen Apparat ihrer Eürsorgeanstalten immer noch weiter ausbaut, aber es wirkt andererseits auch wie ein Symbol gerade dieser Zeit, daß es Fürsorgeanstalten' sind, die sie errichtet. Zu den' vier bereits bestehenden Altersheimen hat sich nun das fünfte gesellt: das vor Jahresfrist von der Gemeinde übernommene Mädchenfürsorge-Erziehungsheim des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes in Köpenick ist zum Altersheim umgebaut und eingerichtet worden. Es wurde am Sonntag, 18. September, feierlich eingeweiht. Herr Oberkantor Wilhelm Friedmann gab — mit seiner schönen, scbmelzreichen Stimme, von Herrn Organisten Schwarz am Harmonium ausdrucksvoll begleitet — der Feier religiöse Einleitung und Ausklang.' Sodann übergab der Vorsitzende des Gemeindevorstandes. Direktor Dr. h. c. Wilhelm' Kl eemann.' mit einer Ansprache das Heim seiner neuen Leitung. Mit Hinweis darauf, daß aus den .Altersversorgungsanstalten“ der Vorkriegszeit neuerdings .Altersheime“ geworden sind, brachte er zum Ausdruck, daß die Getrimmte wie eine Familie alle ihre Mit- glieder umfassen will. Wenn sie auch, im Gegensatz zu früher, auf ihre eigene Kraft angewiesen sei, so werde sie, doch ihre Verpflichtung besonders gegenüber dem Alter nie verabsäumen. Als zuständiger -Dezernent des Gemeindevorstandes übernahm Herr Moritz Rosenthal das Heim; er begrüßte die anwesenden Vertreter der städtischen Behörden sowie der jüdischen Gemeinde und der Organisationen; den Dank, den ihm Direktor Kleemann namens des Gemeinde- Vorstandes ausgesprochen hatte, gab er an seine vielen Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer weiter, ohne die er nicht imstande gewesen wäre, das Werk durchzuführen: auch gedachte er, der großen Wohltäter der jüdischen Altersheime^ Moritz Manheimer. Frau Pakscher und Frau Priester, deren Initiative der Gemeinde stets ein Ansporn war; jetzt müsse die Gemeinde die' Hilfe solcher Menschen entbehren, da es Helfer und Wohltäter solchen Maßes nicht mehr gibt. — Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. L e w k o w i t z. Ausgehend von dem Psalmwort: „Verwirf uns nicht im Alter, schwindet unsere Kraft, so verlaß uns nicht!“ kennzeichnete er den sozialen Gedanken als stärkste Triebkraft jüdischer Religiosität: wie die Gemeinde -nach diesem Gedanken handle, so müssen es auch die Insassen untereinander tun, damit das Haus zum Segen werde.- > An die Feier schloß sich ein vom Gemeindevorstand den Gästen gegebenes Frühstück und ein Rundgang durch das neue Haus, welches von Regierungsbaumeister. Alexander Beer für seine neue Bestimmung mit großer Sachkunde und Zweckmäßigkeit hergerichtet worden ist. Vierundsechzig Betten für Insassen sind auf Einzel- und Ehepaar-Zimmer verteilt; alle Zimmer haben Zentralheizung und fließendes Warm- und Kaltwasser. Von allen Räumen geht der Blick, auf Wald und Gärten. Ein gemeinsamer Speisesaal soll — im Gegensatz zu anderen Altersheimen, in denen auf den Zimmern gegessen wird — die Insassen bei den Mahlzeiten wie zu einer großen Familie vereinigen. Im ganzen hat die Berliner Gemeinde in ihren Alters- und Siechenheimen jetzt Unterkunft für. 700 Insassen; aber noch viele Hunderte, die sich gemeldet haben, müssen noch warten. * Nachdem die Gemeinde nunmehr ihr fünftes Altersheim ein ge weiht hat, ist wohl gestattet, die alte liberale Forderung erneut zu erheben: Auch dieses Altersheim ist der Kaschruth-Kommission unterstellt, und es-wäre an. der Zeit, wenigstens eines der fünf Heime so einzurichten, daß auch Liberale nach ihrer religiösen Ueber- 'zeugung und nach ihren bisherigen Lebensgew'ohnheiten darin wohnen können! In der Einheitsgemeinde sollen grundsätzlich alle religiösen Richtungen gleichberechtigt sein; wenn also zunächst nur für eins der fünf Altersheime gefordert wird, daß es der Beaufsichtigung durch die Kaschruth-Kommission nicht unterliegt, so ist das bescheiden genug. Ob in dem neuen Köpenicker Heim oder in einem der anderen, diese Forderung erfüllt wird, sei von uns aus nicht erörtert; aber erfüllt muß diese Forderung werden, daran ist kein Zweifel. Das liberale Einheitsgebetbuch und die Berliner Orgelsynagogen. Für diejenigen Besucher der Gottesdienste mit neuem Ritus, die die bisherigen Gebetbücher (für Neue Synagoge und Fasanenstraße) nicht besitzen, hat die Berliner Gemeinde ein „Merkblatt mit Gebetfolge“ herausgegeben, welches die Benutzung des im Verlag I. Kaufmann erschienenen, vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden berausgegebenen „Liberalen Einheitsgebetbuches“ im Berliner Gottesdienste ermöglicht Ein Abdruck der Gebetfolge und die dazugehörigen Merkblätter sind bei den Oberaufsehern der Orgelsynagog’en unentgeltlich erhältlich. Wer darf sich als Kantor bei einer Gemeinde bewerben? Bedeutsame Neueinrichtung des Preußischen Landesverbandes. Die langjährigen Bemühungen um die Gewährleistung geeigneter Qualifikation in der Ausbildung zum Kantorat haben jetzt dazu geführt, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden eine Prüfungsordnung für Kantoren festgesetzt hat durch die geeigneten Bewerbern die Möglichkeit gegeben wird, vor einer Prüfungskommission ihre Befähigung für das Kantorat nächzuweisen. Das Prüfungszeugnis berechtigt jedoch keinesfalls zur-Erteilung von Religionsunterricht Für die Anstellung als Religionslehrer ist mithin, unabhängig von der Kantorenprüfung, der vorgeschriebene Bildungsgang zurückzulegeri. Der genaue Wortlaut der Prüfungsordnung wird demnächst im Verwaltungsblatt des Landesverbandes abgedruckt werden; wir werden dann auch in der „Jüdischliberalen Zeitung“ diese Prüfungsordnung und ihre Bedeutung für die Hebung des Kantorenstandes ausführlich würdigen. Pie „Jüdisch-liberale Zeitung“ brachte im vergangenen Vierteljahr unter anderem folgende Beiträge: Oberkantör Bernhard Alt, Aachen: Nachruf auf J.-R. Dr. Frandcen * Dr. Siegfried Braun, Köln: Machet einen Zaun umjden — Liberalismus/ * Karl Burkert: Rahel empfängt Goethe * Dr. Ludwig Davidsohn: (Binder um, Verdun-* Edith Falk, Frankfurt a. M.: Antwort an Doris Wittner *; Hermann Falkenberg: Die Schule der jüdischen Jugend * Meta Fuß-Opet, Breslau: Nicht Flucht, sondern Verständigung/ * Dr. Max Gach: Umformung unserer Liturgie * Dr. Arthur Galliner,. Frankfurt a. M.: Max Liebermann zum 85. Geburtstag * George Goetz:, Nachruf auf Rabbiner Dr. Arnold Lazarus / Jüdische Aufbauarbeit / Die Kernfrage dieser Reichstagswahl / Bericht über die holländische Tagung, des liberalen Weltverbands / Deutschland nach der Reichstagswahl / Zwei Neuerungen am Hamburger Tempel / Hilde Walter und die jüdischen Zentrumswähler * Max Goldschmidt: Wie dachte Gustav Freytag über den Antisemitismus? * cand. theol. Gerhard Graf: Natürlich Jugendgoitesdienstl * Ruth Jacob: Freiwilliger Arbeitsdienst? * Alfred Jaulus: Das Werk des Barons Hirsch * Oberkantor Hanns John, Berlin: Neugestaltung der Synagogenmüsik » cand. jur. Werner Kadisch: Freiwilliger Arbeitsdienst *; Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, Berlin: Der jüdische Mittelstand und die jüdische Genossenschaftsbewegung ». Ing. D. Klementinowsky: Osten und Westen sind nicht mehr zu trennen * Rabbiner Dr. J. Lehmann: David Philipson (Cincinnati) zum 70. Geburtstag * Rabbiner Dr. J. Lewkowitz: Liberalismus und Tradition * Gerhard Lindner: Vom jüdisch-marxistischen „Kleinschreiben" / Ich ernenne Goethe zum Judenfeind * Reichstagspräsident Paul Lobe: Politisches Interview * Elkan Luria, Amsterdam: Liberale und Zionisten in Holland * Wilhelm Marcus,' Berlin: Vorsorge durch Selbsthilfe * S. Meiseis, Wien: Verwerflich,- aber erlaubt (Der „Große Herder“ über den Antisemitismus) * Rabbiner Dr. J. Norden: Constantin Brunner zum 70. Geburtstag * Landtagsabgeordneter Otto Nusdike: Interview zur Reichstagswahl » Professor Dr. Franz Oppenheimer: Siedlung ist notl * Hedwig Ries: Die Judenfrage * Dr. Werner Rosenberg: Erinnerung an Hans Lennhoff * Moritz Rosenthal, Berlin: Siedlung und Gemeinden * Dr. H. Sachs: Fort mit dem Zaun um den Liberalismusl / Liberales Judentum und Reformjudentum- * Julian Sauer s. A.: Zum Schlagwort: Das Aussterben der Juden * Ottilie Schoenewald, Bochum: Von der Männerkultur — durch die Frauenbewegung — zur Menschheitskultur * Dr. Ernst Heinrich .Seligsohn: Schule der jüdischen Jugend. * Rudi Stensch: Zusammenbruch des politischen Liberalismus? * Rechtsanwalt Heinrich Stem: Der Kampf des liberalen Judentums gegen die falsche Art der Assimilation * Ulrich Steuer, Breslau: Julian Sauer zum Gedächtnis * Doris Wittner: Ludwig Fulda der Siebzigjährige / Quo vadis, domina? * Louis Wolff: Kampf des Handwerks * Bruno Woyda: Zur Berufslage der deutschen Juden / Patentritter Dr. Kurt Zielenziger: Die Juden in der deutschen Wirtschaft * Außerdem in jeder Nummer: „Die kritische Zeitbetrachtung“ von Leopold Nathansohn, sowie die aktuellen Berichte über Vorgänge und Ereignisse im jüdischen Leben. Heinrich Sdialits neuer Freitagabend-Gottesdienst. Die vollständig neue Vertonung eines Gottesdienstes .ist in der heutigen Zeit, in der Kunst und Religion kaum noch zueinander; zu üuden vermögen, gewiß besonderer Beachtung wert. Darüber hinaus bedeutet aber das.Schalitsche Werk — wenigstens vom Standpunkt des Musikers aus — einen Wendepunkt in der Geschichte der synagogalcn Musik. Die kritik-. lose Anhäufung künstlerisch wertloser, aus falschem Traditionsgefühl beibehaltener Synagogalgesänge, die Verwässerung und Uebertünchung altjüdischer Weisen durch unrichtige Bearbeitungsweise haben zum Niedergang der Synagogaimusik. geführt. — Der Münchener Komponist Schuld.schlägt nun.mit seiner Komposition einen neuen Weg ein; wir erleben überraschenderweise nicht etwa den Versuch einer Lösung, wir müssen vielmehr erkennen, daß Schuld bereits eine. Lösung gefunden hat. Es ist ihm die Synthese aus alten, wertvollen, synagogalen Melodien und einer durchaus modernen Tonsprache, aus dem orientalisch-jüdischen Melos und einem heutigen harmonischen Empfinden, die Vereinigung dieser sonst einander widerstrebenden Elemente zu einem einheitlichen, originalen Musikstil geglückt. - Diese schöpferische Tat erklärt sich daraus, daß Schuld gewissermaßen bis zu den Quellen vorgedrungen ist. Er befreit die altjüdischen Melodien von den Schlacken romantischer Verbildung und unterbaut die so gereinigten Melodien mit moderner Harmonik. Interessant ist, wie sielt hier ein historischer Kreislauf vollzieht. Die Melodien des altjüdischen Tempelgesanges, im gregorianischen Gesang der katholischen Kirche aufgegangen, bilden einen — wenn auch nicht mehr feststellbaren — Wesensteil dieser Kirchenmusik. Der moderne Schalit lehnt sich in seinem Bestreben, den jüdischen Tempelgesang zu erneuern, in seiner Tonsprache bewußt an die gregorianische Musik au. (Der Einwand, daß an der Schalltsehen Musik manches katholisch klinge, ist somit unberechtigt, denn diese an sich zutreffende Feststellung kann nur positiv gewertet werden.) Das durch seine Stilbildung und musikalische Substanz bedeutende Werk konnte nur von einem Musiker, geschaffen werden, der wie Schalit eine stark schöpferische Natur und , im Besitze aller musikalischen Ausdrucksmittel ist. Eine erhabene, religiöse Weihestimmung geht durch das Werk, das bis zur letzten Note auf voller künstlerischer Höhe steht und an zahlreichen Stellen wirkliche Größe und tiefstes Empfinden offenbart Dabei gellt Schalit mit den Ausdrucksmitteln sehr ökonomisch um — ein Beweis seines reifen Könnens. So lstdie Orgelbegleitung ebenso feinsinnig wie sparsam und stimmungsvoll. Schalits. liturgische Musik ist für einen Gottesdienst geschaffen, der auf der hebräischen Sprache als Gebetsprache beruht Das hebräische Element tritt bei ihm besonders-deutlich und eindringlich hervor:, die Musik scheint geradezu aus dem Geiste und der Eigenart des Hebräischen geboren,'wozu auch die vorbildliche Deklamation des Wortes beiträgt. Aber gerade -deshalb scheint mir der deutsche Qcsangstcxt zum Beginn des Gottesdienstes („Wie schön sind“) und. für das Predigtlied unangebracht. Der Stimmungsgehalt dieser Musik paßt nicht zu einem deutschen Text, und so kann die Synthese, die durch die. bindende Wirkung des ^hebräischen Wortes hervorgerufen wird,' nicht erfolgen. Die Musik Schalits ist gewiß nicht populär, oder kann es vielmehr hoch nicht sein, denn die liturgische Musik ist durch diese Neuschöpfung zu plötzlicji auf ein künstlerisches Niveau gebracht worden und macht daher auf die Gemeinde zunächst mehr den Eindruck eines Kunstwerks. Hinzu kommt die durchaus moderne Tonsprache, die eine sprunghafte musikalische Fortentwicklung um weit mehr als ein halbes Jahrhundert bedeutet. Diese Schwierigkeit wird aber zu überwinden sein; die Gemeinde wird die neueti Gesänge, die. in ihrer Melodik durchaus einfach und klar gehalten sind,' bald mit Leichtigkeit mitsingen können. Es wäre darum sehr zu wünschen, wenn dieser neue, wertvolle Gottesdienst des öfteren wiederholt würde. Die Schalitsche Vertonung ist jedenfalls ein musikalisches Ereignis ersten Ranges, das für die i!s .FAA&IUEKSCHUTZ, Erste jüdische Famllienversidierung auf gemeinnütziger Grundlage Empfohlen durdii Den Rat des Preußischen Landesverbandes Den Rat des Bayrischen Landesverbandes Den Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. —' Den Jüdischen Frauenbund Den Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten usw., usw., usw. 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