Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 13 (29.9.1932)
- Date
- 1932-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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. / Oraätt &er Eeretatemia für da« tifterafe 3ndenfam e. $. Bezugspreis: Vierteljährlich 1.50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Sie „3fiMf«ö'WietaIe 3eifanfl“ etföetal am 1. and 15. jedes Monats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Hallesche' Str. 1 Herausgeber: Hanns Loewenstein.und W1U1 Tisch Verlag Schrlftleitung: George Goetz_ Fernruf: F 5, Bergmann 3358,-3359. Bankverbindung: Kreditverein lür Handel und Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 2t. Postseheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 233U. Vereinigung lür' das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 «9. Dh VtnbJgung für da* Uten!* Judtahun Qbvnlmmt nur für ditj*ats*a Auftäizt, dt* atttdrüddkh als ln ftrtm Namaa orftf in Ana Aeffngs ncfaSt 9«*«wutfeAotf skd, dk Vsnntwortung. All» andmnArtit»!, AsuBsnogea uodVorsdMg» »nckskan unter dt VeraatwuHmf dt Rednkthm. Nr. 13 Berlin, 29. September 1932 .12. Jahrgang Die Predigt. Aus einem Briefe: »,.» hieß es in früherer Zeit, die Mehrzahl der Synagogenbtsucher könne dem Ae6rdi*cA#n' Gottesdienst nicht folgen, so daß wir deshalb, zumindest, neben dem hebräischen Gebet eine deutsche Predigt brauchenrso ist es jetzt damit eigentlich weit schlimmer. Denn — man mag es beklagen', aber es ist doch Wahrheit — die meisten Menschen kommen während des ganzen Jahres nicht zum Gottesdienst, una wer dann zu den Hohen Feiertagen plätzlich wieder im Tempel erscheint, der ist heute der deutschen Predigt nicht weniger entwöhnt, als unsere Väter und Großväter dem hebräischen Gebet" — Der hier ausgesprochene Gedanke im Verein mit dem weiteren Problem, daß eine gänzlich, veränderte Zeit wohl, auch andere Predigten braucht, gab Anlaß, eine Unterswhung über das Wesen der Predigt in drei zusammenhängenden Aufsätzen xum Ge^enrtand unserer diesjährigen Festnummer zu machen. Die Schriftleitung. Appell an die Arbeitgeber. Der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands erläßt zu den bevorstehenden Feiertagen einen Aulrui, in dem es u. a. heißt: „Vordem Kriege war es für fast alle jüdischen Geschäfte noch - eine Selbstverständlichkeit, an den Feiertagen zu schließen oder wenigstens dem jüdischen Personal freizugeben. Leider ist das in den letzten Jahren anders geworden. Jüdische Arbeitgeber haben vielfach unter Hinweis auf den Personalmangel, auf den schlechten Geschäftsgang, auf den Samstag als wichtigsten Geschältstag. Gesuche um Beurlaubung für die betreffenden Tage abgelehnt oder nur für den Gottesdienst freigegeben. , Die Unterzeichnete Organisation, deren Mitglieder vor- / nehmlich Angestellte sind, hält es deshalb für ihre Pflicht, an alle jüdischen Arbeitgeber, zu appellieren, ihr jüdisches Personal für die Feiertage zu beurlauben-und ihm dadurch Gelegenheit zu geben, in der Feier dieser Tage neue Kraft und inneren Halt zu 'gewinnen.“ Diesem Aufruf möchten wir. uns auch von uns aus anschließen und ihn auch auf die nichtjüdischen Arbeitgeber ausdehnen: in Zeiten des Beschäftigungsmangels sollte es möglich sein, daß jedermann den Urlaub-für seine religiöse Pflichten und Bedürfnisse erhält. Ein Ehrenmal — nicht aus Marmor! . Das Gefallenen-Gedenkbuch des RiF. erscheint. Gerade rechtzeitig zu den Feiertagen erscheint das vielfach angekündigte und lange erwartete'Gedenkbuch, die in mehrjähriger mühseliger Arbeit vom „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ hergestellte alphabetische. Liste der in dem Kriege 1914—1918 gefallenen jüdischen Soldaten des-deutschen Heeres, der deutschen Marine und der dcatjchcn-Schutztruppen; aber cs bleibt r.icht nur bei ■ dem alphabetischen Namensverzeichnis und dem Ortsverzeichnis, sondern dem Buch ist auch ein Anhang mit näheren Erläuterungen beigegeberi. Landesverbände, Synagogengemeinden und private jüdische Organisationen haben seit Jahren dieses Werk gefördert, und so darf gesagt werden, daß die ganze deutsche Judenheit Mitschöpferin dieses Ehrenmales ist, das der RjFv den im Felde gefallenen Kameraden errichtet hat. Wie aber in der nichtjüdischen Allgemeinheit — teils aus Stilgründen, der Sachlichkeit unserer Zeit folgend, teils aus Gründen der Not, der Schwere unserer Zeit Rechnung tragend — die Tendenz aufgekommen ist, nicht mehr nutzlose Prunkdenkmäler aus Marmor und . Erz zu errichten, sondern im Gedenken des oder der zu Ehrenden Werke zu schaffen, die zugleich den Lebenden Nutzen bringen, so hält auch dieses Gedenkbuch nicht nur die Erinnerung an die jüdischen Gefallenen wach,- sondern es leistet praktische, nützliche Arbeit für die Lebenden, ist es doch ein politisches Dokument von höchster Schlagkraft gegen den Judenhaß, widerlegt in eindruckvollster Weise alle Lügen über die von den deutschen Juden gebrachten Kriegsopfer, und ist uns Lebenden und unsern Nachkommen wirksame Waffe im Kampf um die Gleichberechtigung und Emanzipation — eine Waffe, die genutzt werden wird und die nützen wird: den Toten zur Ehre, den Lebenden zumSegen-! * In Wien wurde kürzlich ein „Bund jüdischer Frontsoldaten.Oesterreichs“ gegründet: zur konstituierenden Generalversammlung erschienen mehr als 1000 neue Mitglieder und Delegierte der bereits bestehenden zahlreichen Ortsgruppen. Bundesführer ist Gerieral Emil Sommer, Organisator Rudolf Landes, der einstimmig zum ersten Ehrenmitglied gewählt wurde. Die Aufgaben dieses österreichischen Frontbundes entsprechen denen des deutschen „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten"; beide Bünde werden in kameradschaftlichem Einvernehmen miteinander arbeiten. Tonfilmaufnahme in der Synagoge. Die aktuelle Wochenschau einiger Lichtbildtheater zeigt zur'Zeit eine Chorprobe zu Kol Nidre in der Berliner „Neuen Synagoge“ (Oranienburger Straße) unter Leitung von Alexander W e i n b a u m und mit Herrn Oberkantor Leo G o 11 a n i n als Solist Das erste Gebetbuch mit rumänischer Übersetzung. Soeben ist das erste jüdische Gebetbuch mit rumänischer Uebersetzung erschienen. Die Uebertragiing der hebräischen Gebetstexte in die rumänische Sprache wurde vom Brailaer Rabbiner Dr. Thenen besorgt In liberal-jüdischen Kreisen wird diese Neuerscheinung, in der man ein wichtiges Instrument zur Erhaltung jüdischer Religiosität in jenen Schichten des rumänischen Judentums sieht in denen die Kenntnis der hebräischen Sprache im Schwinden begriffen ist und die den ' bisher üblichen Gebetbücher»- beigegebene deutsche Uebersetzung nicht verstanden wird, lebhaft begrüßt Vor hundert Jahren erschien das epochemachende Werk von Zunz „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden.“ Es ist dasjenige Werk, das vielleicht den stärksten Einfluß auf die Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes im 19. Jahrhundert gehabt hat. Mit diesem Werk hat Zunz die wissenschaftlichen Beweise gegeben, daß die Predigt jüdisches Geistesgut ist und jahrhundertelang ein wesentlicher Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes gewesen ist. Die Entstehung dieses. Werkes ist auf jene bekannte Tatsache zurückzuführen, daß auf Veranlassung der Orthodoxie durch eine königliche Kabinettsorder vom Jahre 1823 der Jacobson- Beersche Tempel in Berlin geschlossen wurde. Insbe-' Neues Jahr alter Grundsatz: immer für liberales Judentum einzutreten, immer weitere Kreise mit liberalem Geist zu erfüllen, immer aktuell zu sein, immer mehr für die Ausgestaltung des Blattes Sorge zu tragen. Mit diesem Versprechen wünschen wir allen Lesern und Freunden ein glückhaftes neues Jahr. Verlag und Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitungf*. sondere hatte die deutsche Predigt in diesem Gottes-, hause bei den Strenggläubigen Anstoß erregt. Man glaubte, die Einrichtung der Predigt sei fremdes Geistesgut. Es ist Zunz gelungen, das hohe Alter und die Unabhängigkeit der jüdischen Predigt von der.modernen christlichen zu beweisen. Die Thorävorlesung, die nach unserer Bibel unter Esra stattfand, geschah, wie es Neh. 8, 8 heißt, „deutlich und mit Hineinlegung des Sinnes“. Das bedeutet nichts anderes, als daß an die Vorlesung des Textes sich ein erbaulicher und belehrender Vortrag knüpfte. Ohne Zweifel beginnt um diese Zeit die hagadische Auslegung der Schrift, ln den Synagogen der seleucidischen und makkabäischen Epoche stand die Thora- und Prophetenvorlesung im Mittelpunkte des Gottesdienstes, und für die Folgezeit hat Zunz aus talmudischen und zeitgenössischen Quellen bewiesen, daß in Palästina an Sabbaten und Festtagen sowohl in Anknüpfung an Thora- und Prophetenabschnitt, als auch unabhängig vom Gottesdienst freie Vorträgeüber den verlesenen Schriftabschnitt gehalten wurden. Die Vorträge erfolgten in der Sprache, die die Zuhörer verstanden, ursprünglich in der hebräischen Spräche, und als man diese nicht mehr verstand, in der jeweiligen Landessprache. So hat Philo öffentliche gottesdienstliche Vorträge in griechischer Sprache gehalten. Diese haben entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung der christlichen Predigt gehabt In der mischnischtalmudisthen Zeit gewann die Predigt eine-weitere Ausdehnung. Sie erstreckte sich nicht nur auf die Deutung des Schriftwortes, sondern auch auf die Vorkommnisse in Haus und Familie. Es folgten Jahrhunderte, in denen die Predigt im Gotteshause wenig oder gar nicht gehört wurde. Erst die Reform des Judentums erweckte— sic zu neuem Leben. In unseren Tagen ist für viele die Predigt der wichtigste Teil des Gottesdienstes geworden. Wenn mau bedenkt, daß das Gotteshaus für die meisten unserer Glaubensgenossen die einzige Stätte der religiösen Belehrung geworden ist, so wird man begreifen können, daß der Predigt heute eine ganz besondere Bedeutung ziikomint. Gewiß-unterliegt auch sic der Geschmacksrichtung der Zeit. Schon der Talmud weiß davon eine Geschichte zu erzählen. Rabbi Chijali. .der bemüht war. seine Zuhörer mit dem Geiste der Religion zu erfüllen und sie mit den religiösen Problemen vertraut zu machen, vennochte nur eine kleine Schar um sich zu versammeln. Rabbi Abahu dagegen, der seine Reden mit witzigeu Anekdoten und mit anmutenden Beispielen würzte, die-Denkkraft seiner Zuhörer nicht sehr in Anspruch nahm, hatte großen Zulauf. Als sich sein Kollege über seinen Mißerfolg beklagte, tröstete er Ilm in weiser Selbsterkenntnis mit den Worten: „Perlen und -Edelsteine finden immer weniger Käufer als Nippsachen und Leckerbissen.“ Es ist nur selten vorgekommen, daß die Prediger auf den jüdischen Kanzeln sich in der Wahl ihrer Themen von dem Haschen nach Popularität haben leiten lassen. Sie waren sich stets der großen Verantwortung bewußt, die ihnen das Amt des- Wächters und Lehrers auferlegte. Es ist selbstverständlich, - daß der Prediger populär sprechen muß, das heißt: der Auifassung.skraft der Zu-' hürcr angemessen, aber er darf dabei der Größe und Würde des Gegenstandes nichts vergeben,-nur dann ist Popularität eine Tugend. Joel, einer der besten und tiefsten Prediger des 19. Jahrhunderts, sagte einmal, daß es ihm immer verdächtig sei, wenn ein eben erst angehender Prediger ob seiner Popularität gerühmt werde; es geschehe dies fast immer auf Kosten des Wichtigsten, auf Kosten der Sache und des Inhalts. Der Prediger, steht vor der.Aufgabe.-das Beste zu sagen, und es so zu sagen, daß alle es verstehen. Die Ungleichartigkeit in der Bildung der Zuhörer wird die Aufgabe des Predigers erschweren, aber dennoch müssen Inhalt und Sprache so gewählt werden, daß der Gebildete nicht leer ausgeht und der weniger Gebildete dem Vortrag, folgen kann. Es ist die Pflicht des Predigers, den Zuhörer an das Pathos einer gesunden und schlichten Redeweise zu gewöhnen. Die Heiligkeit des Ortes, an dem gesprochen wird, der Ernst des Tages, der den Inhalt der Predigt bildet, werden von selbstdie gehobene' Sprache ergeben. Doch alle Mittel der Rhetorik können nicht die Kraft ersetzen, die aus der Persönlichkeit des Predigers spricht. Nur überzeugte Herzen können auf den Willen des Zuhörers -einwirken, und diese Einwirkung . auf den Willen ist schließlich im letzten Orunde die Aufgabe der Predigt., Die hohen Feiertage stehen vor der' Tür. In den ‘ Gotteshäusern wird viel gepredigt werden. Mögen die— Berufenen das rechte Wort finden, damit die Ehrfurcht gebietenden Tag'c zu einer Quelle neuen Segens für die großen Scharen der Betenden werden. Rabbiner Dr. Julius G a 111 n e r. Was erwarten wir von der Predigt? Von Sanitätsrat Dr. WTlbelm Feilchenfedd. ■ Es ist unzweifelhaft, daß die Mehrzahl der Besucher des Gotteshauses an den Hohen Feiertagen; auch in den Synagogen mit altem Ritus, aus Personen besteht, die nur an diesen Tagen — vielleicht noch im Laufe des — Jahres zur Seelenfeier — am Gottesdienste -teilnehmen. Die Würde des Hauses, der Vortrag des Kantors, Gemeindegesang und dgl. rufen auch bei dem seltenen Besucher des Gotteshauses eine weihevolle Stimmung hervor. Der Inhalt der Gebete, allerdings nur bei modernem Ritus, hebt diese andächtige Stimmung, wenn auch die häufigen Wiederholungen und die länge Dauer des Gottesdienstes sicher beeinträchtigend wirken. Auch die Wahl der Kapitel bei der Thoravorlesung, zuweilen auch des Prophetenabschnittes,, könnte glücklicher gestaltet sein. Aber im Mittelpunkt des Gottes-