Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 12 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Eine Bitte an die Rabbiner und Kantoren. Es ist zwar üblich geworden, darüber zu witzeln, daß die „Rabbiner und Kantoren nach der Uhr predigen und beten", aber nicht alles, was geistreich klingt, ist richtig, und kein „gebildeter“- Spötter würde es wagen, dergleichen Bemerkungen über den Künstler, etwa über den Operndirigenten, zu machen, der ebenfalls seine ganze Seele an das Kunstwerk gibt und dennoch — oder gerade darum? — die Tempi cinhalten muß. Wenn also für den Gottesdienst bestimmte Zeiten vorgeschrieben sind, so ist das kein Gegenstand zum Bewitzeln. Ist z. B. für die Berliner Orgelsynagogen ein Neujahrsgottesdienst-von 7% bis \2'A Uhr vorgesehen, so ist das eine M a x i m a I daucr. die nicht .überschritten werden darf. Das muß schon der Schacharis-Kantor, vom ersten Augenblick des Gottesdienst-Beginnes in der Frühe an; sich vor Augen halten; er hat dafür zu sorgen, daß der Rabbiner pünktlich mit seiner Predigt beginnen kann, und der Rabbiner darf seine Predigt nicht längen, um den Mussaf-Kantor nicht ins Gedränge zu -bringen. Rücksichtnahme der Funktionäre aufeinander ist zugleich Rücksichtnahme auf die Gemeinde. Größere Dauer des Gottesdienstes ist nicht gleichbedeutend mit größerer Frömmigkeit, und selbst in orthodoxen Tempeln murrt das Volk der Beter, wenn der Vorbetcr und Rabbiner kein Ende finden. Und am Versöhnungstage, da geht es ja, weil es nach der religiösen Vorschrift gehen muß; der Gottesdienst muß» auf die Minute zu Ende sein und ist auf die 'Minute zu Ende. Folglich, wird es am Neujahrsfest bei gutem Willen auch gehen. Oer Synagogen-Vorsteher aber ist machtlos. Er kann nicht dem Rabbiner, während dieser predigt und sein Bestes gibt, die Uhr zeigen, nicht dem betenden und singenden Chasan den Schammes hinaufschicken. Geschieht dergleichen 'aber doch einmal, dann ist die Taktlosigkeit des Vorstehers nicht größer als diejenige derer, die ihn durch ihre Undiszipliniertheit dazu genötigt haben. Darum, ihr Prediger und Sänger, haltet euch an die vorgeschriebenen Zeiten, so nützet ihr euch, eurer Leistung, eurer Sache und der Gemeinde. Ueber die Disziplin, die die Gemeinde zu Oben hat. reden wir ein andermal. Man geht nicht n u r in die Synagoge, um sich mit Nachbar oder Nachbarin zu unterhalten, nicht nur, um kurz vor Schluß ein Wettrennen auf die Garderobe zu veranstalten. Nicht nur. um das böse Wort zu bewahrheiten, daß wir Juden keinen Respekt voreinander und vor den eigenen heiligen Einrichtungen haben. Aus der Bewegung Berfin-Tempelbof-Kreuzberg. (Neuer liberaler Gottesdienst an den Hohen Feiertagen.) Es ist den liberalen Organisationen gelungen, bei dem Gemeindebehörden eine Subvention zur erstmaligen Einrichtung eines liberalen Gottesdienstes in den Bezirken Tempelhof und Kreuzberg zu erwirken. Die Gottesdienste finden in der stimmungsvollen Aula des Askanisclien und Tenipelhofer Gymnasiums, Wittelsbacher Korso 60. statt Einzelheiten über Kartenverkauf usw. siehe Inserat. — Mit dieser Neueinrichtung ist einem lang gehegten Wunsche weitester liberaler Kreise in diesen Stadtgegenden Rechnung getragen. Auslands-Chronik Amsterdam. (Bemerkenswerte Rektoratsw a h I.) Der akademische Senat der Universität Amsterdam wählte einstimmig zum Rektor magnificus der Universität für das nächste akademische Jahr den bekannten jüdischen Gelehrten und Lehrer für römisches Recht Prof. Dr. J. H. Hymans. steriums einen Schiedsrichterspruch erwirkt' wonach der Parlamentsbeschluß als wirkungslos erklärt wird. Die Synagoge wird nicht der jüdischen Gemeinde zurückgegeben, sondern wird der Altertumskommission unterstellt Malmö. (Rabbinerwahl.) Die südschwedische Gemeinde Malmö hat den bisher in Schönlanke amtierenden Rabbiner Dr. E. Berlinger zum Nachfolger des in den Ruhestand tretenden jetzigen Malmöer Gemeinderabbiners Dr. Wohlstein gewählt Sprechsaal Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung lediglich die preßgesetzlichc Verantwortung. Umformung unserer Liturgie. Mit Recht wird in Nr. 11 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ die Frage aufgeworfen, warum die in der Liberalen Synagoge Norden übliche Liturgie des Gottesdienstes am Neunten Ab nicht auch in der Synagoge Prinzregentenstraße, die doch auch aus einer liberalen Vereinssynagoge hervorgegangen ist, übernommen wurde. >— Diese Frage berührt einen Komplex, der eine Diskussion verdient, weil er Fragen aufzeigt, die eine Lösung dringend erfordern. Wer einmal in einer Kommission tätig sein durfte, die den Ritus einer derjenigen Berliner Gemeinde-Synagogen festzulegen hatte, welche an sich ein bestimmtes Programm zu -vertreten berufen sind, wird feststellen müssen, daß es dort Hemmungen gibt, deren Ueberwindung die größten Schwierigkeiten bereitet. Man entschließt sich sehr schwer zu einschneidenden Maßnahmen, weil die Rücksicht auf diejenigen Gemeindemitglieder, die nicht so liberal sind und in der Synagoge das Konservative suchen, das sie gedankenlos von den Vätern übernommen haben, stärker ist als der Wille, etwaseinschneidend Neues zu schaffen. Die Minderwertigkeitskomplexe der Liberalen, die ihnen durch die ewige Rücksicht auf die Orthodoxie eingeimpft sind, treten bei solchen Gelegenheiten am stärksten in Erscheinung. Man vermeidet’ es ängstlich, mehr zu tun, als diejenigen getan, die außerhalb der Gemeindesynagogen für eine neue Form der Gottesdienste gearbeitet haben, und läßt es zur Not bei dem, was einmal eingeführt ist Diese ewigen Rücksichtnahmen sind es, die bisher einer entschiedenen Umformung der Gottesdienste in den Gemeindesynagogen entgegenstanden. Dabei wird 'aber nicht daran gedacht daß’ die Orthodoxen auf die ihre Synagogen doch auch von Fall zu Fall besuchenden Liberalen keine Rücksicht nehmen, daß dort Revisionen nach rückwärts vorgenommen werden, gegen die sich kein Veto der zuständigen Korporationen richtet, weil es sich eben um Konservative handelt, deren Maßnahmen von vornherein durch das Religionsgesetz sanktioniert sind. Zugegeben, daß auch im liberalen Lager über den Umfang der Aenderungen und Kürzungen keine Einigkeit herrscht Das darf aber nicht dazu führen, daß etwa prominente Liberale eine Aenderung der einmal beschlossenen Form und eine Orientierung nach rechts herbeizuführen versuchen. Gar eine Uniformierung des Gottesdienstes in allen Gemeindesynagogen, wie man so schön sagt, „mit neuem Ritus“ herbeiführen zu wollen, ist ein Unding, vor dem nicht ernsthaft genug gewarnt werden kann. Gerade darin, daß jede von den Orgelsynagogen ihre, wenn auch geringen Eigenheiten aufzuweisen hat, die sich mit der Zeit aus der Entwicklung ergeben haben, liegt der Beweis für das Prinzip des Liberalismus und seine in die Augen fallende Berechtigung. Auch der konservative Gottesdienst mit Orgelbegleitung, der in einer Berliner Gemeindesynagoge (im „Friedenstempel“) üblich ist, ist nur ein Beweis für die Notwendigkeit der Entwicklung, die auch vor den konservativen Synagogen nicht Halt gemacht hat In der Nummer der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vom. 29. Juli d. J. stellt Herr Dr. Sachs verschiedene Forderungen für eine Aenderung des Gottesdienstes auf. Sie aufzugreifen und auch, durchzuführen, wäre eine dankbare Aufgabe, die allerdings Kämpfe kosten wird. Wenn man aber beobachtet, wie. gerade die Jugend die bisherigen Formen des Gottesdienstes ablehnt, .muß das nachdenklich stimmen und zur weiteren praktischen Durchführung der bereits eingeleiteten Versuche anspornen. Die musikalische . Umgestaltung der Gottesdienste, die in' der letzten Zeit versucht wird, kann es allein nicht schaffen. Es kommt auf den Inhalt und den Gehalt an. Das lebendige Wort des Predigers, der deutsche Vortrag von Gebeten und Psalmen muß noch mehr in den Mittelpunkt gestellt werden, wobei der Vorbeter selbstverständlich die traditionelle Stellung innerhalb des Gottesdienstes nicht verlieren darf. Wie sdhnell'slch.neue Formen einleben, zeigt die Gedenkfeier für die Toten, die in der Synagoge Prinzregentenstraße an den Wallfahrtsfesten an den Vorabenden der Maskirtage abgehalten wird. Unter den Berliner Gemeinde-Rabbinern, die gutachtlich gehört worden sind, fand sich nur ein einziger, der als konsequent liberal bekannte Rabbiner Dr. Galliner, der die Notwendigkeit dieser Neuerung erkannte und in seinem Gutachten vertreten hat. Heute würde es das die Synagoge besuchende Publikum kaum verstehen, wenn die Feier, die die Synagoge immer fast bis auf den letzten Platz füllt, ausfallen würde! Die deutschen Gebete, die in der Liberalen Synagoge Wilmersdorf eingeführt waren und von der Synagoge Prinzregentenstraße übernommen worden sind, möchte kein einziger Besucher missen. Die Fiktion, daß die neben dem hebräischen Text stehende Uebersetzung mitgelesen werden kann, greift nicht durch. Die große Zahl der Besucher, die ohne Gebetbuch nur in ihren Gedanken versunken die Synagoge füllt, verlangt das Gebet in der Sprache, die sie spricht das sie Wort für Wort versteht Und wie viele von den zahllosen Besuchern; sind es denn wirklich, die die hebräische Sprache so beherrschen, daß sie mehr als Worte lesen, wenn sie die Gebete im Urtext sprechen?! Gerade für die Hohen Feiertage ist die Aenderung der Form des Gottesdienstes dringend notwendig. Kleine Anfänge sind in der Gebetordnung für die Synagoge Prinzregentenstraße schon vorhanden. Aber sind mehr als. drei Stunden geeignet, eine konzentrierte Andachtsstimmung zu erhalten?. Und kann nicht für den Versöhnungstag eine ändere Gestaltung gefunden werden? Wie schafft man eine geeignete Liturgie für Simchath-Thora, für Chanukka und Purim? Das neu eingeführte Einheitsgebetbuch zeigt teilweise den Weg. Es ist aber zu unübersichtlich und enthält zu viel Gebetstücke zur Wahl. Gerade diese Wahl ist das schwierigste. . Ein Gebetbuch, das beweglich ist, müßte geschaffen werden, um auch den „Dreitagejuden“,'die nur an den Hohen Feiertagen die Synagogen bevölkern, aufzuweisen, daß die' gedankenlose Tradition, -die sie in den Synagogen suchen, die sie verteidigen wollen, ohhe innerlich am Gottesdienst allzuviel beteiligt zu sein, Platz machen muß der aus der neuen Zeit geborenen neuen Form mit altem Inhalt Die Bedenken, die immer wieder geäußert werden, müssen überwunden werden. Die bisherigen Rücksichten auf die Konservativen haben keinen Raum bei unseren Erwägungen. Ebenso wie sich die Liberalen nicht um Einführungen der konservativen Gottesdienste bekümmern, müssen sie sich jede . Einmischung in die eigenen Angelegenheiten verbitten. Dann werden die Minderwertigkeitskomplexe verschwinden und der Weg für weitere Arbeit offen sein. Gerade die „Jüdisch-liberale'Zeitung“ und die hinter ihr stehenden Körperschaften sind berufen, Wegbahner zu sein. Es wird die Weiterentwicklung nicht gehemmt werden können, wenn alle interessierten Faktoren den Willen zeigen, daß es nicht nur Sei bloßen Erörterungen bleiben darf. Eine dankbare Aufgabe für die Synagogenvereine, besonders aber für den Liberalen Verein im kommenden Winter. - Dr. Max Gach. Kopenhagen. (Dr Erik Warburg Professor für interne Medizin.) Dr. med. Erik Warburg ist zum Professorfür interne Medizin an der Universität Kopenhagen als Nachfolger von Prof. Knud Faber ernannt worden und übernahm die Professur am 2, September. Prof. Erik Warburg ist ein Urenkel von Rabbiner Dr. A. A. Wolff, der vor etwa 100 Jahren die Jüdische Gemeinde Kopenhagens organisiert und mehr als 60 Jahre in ihr gewirkt hat. London. (Robert Kronfeld zum Organisator des -indischen Segelflugwesens bestimmt) Die englische Regierung hat sich entschlossen, in Indien Flugschulen und Stationen für den Segelflug zu errichten. Als Organisator ist der Segelflieger; Robert Kronfeld — bekanntlich ein österreichischer Jude —, der Gewinner des Daily Mail- Preises für die erste Ueberquerüng des Aermelkanals mit einem Segelflugzeug, berufen!worden. In Indien sollen besonders günstige Luftverhältnisse für die Verwendung des Segelflugs vorhanden sein. Man wird zunächst in einer Reihe indischer Städte, so in Bombay, Kalkutta, Delhi, Karachi, Madras, Labore, Cawnpore, Lucknow und Jodhpur Fliegerschulen errichten. Madrid. (Keine; Rückgabe der Cordovaer Synagoge, an die.Juden.) Das spanische Parlament hatte, wie schon mitgeteilt, auf Antrag' des Deputierten Antonio Jean, Direktor des Cordova-Lyzeums, beschlossen, die vor kurzem in Cordova ausgegrabene, aus dem 14. Jahrhundert stammende schöne Synagoge den Juden zurückzugeben. Nunmehr hat die Altertumskommission des Unterrichtsmini- Spezial-Behandl. nur für Ischias ln Hüften, Gesäß und Bein, wenn ärztlich festgestellt, in 15 Tagen sind schwere Falle beseitigt worden. Unantastbare Heilerfolge. Bestätigung und Referenzen. Ärztlich empfohlen« Invalidenstr. 106, 9—11, 1—4, Sonntag 10—12. Jacoby. HAUS-VERWALTUNG Töpfermeister übernimmt Hausverwaltungen bei unentgeltlicher Instandhaltung der Öfen und Herde” einschließlich Modernisierung zu den üblichen Hausverwaltungssätzen. Gefl. Anfragen unL M.246 an dieJüdisch'liberala Zeitung, Berlin SW 11 * Dachdeckerarbeilen aller Art, Fassadenpufz>Ansirich sind Vertrauenssache. Eigene Gerüste, keine Leihgebühr) reelle Bedienung, arbeite selbst mit. 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