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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-07-29 · 9 (29.7.1932) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
9 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Oroan der ftereiufeuna för Hat (ttcrafe Juüenfum e. & BezugspreisVierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich " sstellzeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarit — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder hSherer Gewalt besteht kein An. sprach ant Nachlleierang oder Rückerstattung der - entsprechenden Bezugsgebühren. Sie JfibMfaetflle 3eWu»8“ etfdjetot amttmD 15. jedes Jtomrts. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW II, Hallesche Str. 1 - Fernruf: F S. Bergmann 3358, 33*9; Bankverbindung: Kreditverein für Handel ui Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: ladlsch.llberale Zeitung: .Berlin 227 64. '"r das liberale Judentum e. V.t Berlin 1370 69. Vt Vtfwhfgongfilrdiu äbtnlt Mtatat* Qbvalmmt aur fttr dltfantya MfrOtz*, <Ut vadtteUkinItUOiniaMmBiidtrl» Vna tafinftnifett «H» VmattnHmg. JU Nr. 9 Berlin, 29. Juli 1932 12. Jahrgang Zwei politische Interviews. Die Kernfrage. Von George Goetz. Reichstagspräsident Lobe und Landtagsabgeordheter Nusdike zu Fragen der jüdischen^Gleichberechtigung und des Nationalsozialismus. \ Die bevorstehenden Reichstagswahlen’ haben uns veranlaßt, uns mit zwei führenden Persönlichkeiten der 'deutschen Politik in Verbindung zu setzen und'sie über-besonders aktuelle Fragen um Bekanntgabe ihrer Meinung zu bitten. Der Reichstagspräsident Paul Lobe und der preußische Landtagsabgeordnete Otto Nuschke sind unserer Bitte bereitwilligst nachgekommen, und wir bringen die beiden Interviews unsern Lesern hiermit zur Kenntnis:. ~ Reichstagspräsident Paul Lobe. Frage 1: Wir wissen, daß die Sozialdemokratie unter den deutschen Volksgenossen keine Unterschiede der Abstammung oder der Religionszugehörigkeit macht. , Wie wirkt sich diese Haltung im praktischen politischen Leben, und hei einer etwaigen Regierungstätigkeit der SPD. aus? - Antwort: „Schon die Tatsache, daß ln der Sozialdemokratischen Partei Freidenker und Katholiken, Juden und Evangelische gleichberechtigt nebeneinander arbeiten, daß kein Mitglied nach seiner religiösen Ueberzeugung oder seiner Abstammung gefragt wird, daß Im Reichstag und ln den Landtagen Anhänger aller Konfessionen als Vertreter sitzen,, beweist, daß unser Bekenntnis zur Neutralität ln religiösen und Abstammungsiragen nicht nur aul dem Papier steht Ebenso selbstverständlich ist. daß wir im Staatsleben lede Benachteiligung eines Volksgenossen aus diesem Grunde ablebnen.“ Frage 2: Im Preußischen Landtag und in anderen parlamentarischen Körperschaften sind in der letzten Zeit -Anträge antisemitischen Charakters, wie beispielsweise' *•'- Entfernung jüdischer Künstler und Absetzung von Stücken jüdischer Autoren-von den deutschen Bühnen: Ausweisung der Ostjuden und Beschlagnahme ihrer Vermögen angenommen worden. Wie stellt sich die SPD. zu diesen Anträgen? Antwort: „Aus der Antwort zu 1) ergibt sich, daß die Sozialdemokratie alle solche Anschläge prinzipiell ablehnt und abgelehnt hat.“ Frage 3: Sind Sie. der Ansicht, daß deutsche Volksgenossen jüdischen- Glaubens von dem ihnen verfassungsmäßig zustehendem -Recht auf öffentliche und politische Betätigung vollen Gebrauch machen, oder daß sie sich in diesen bewegten Zeiten in dieser Beziehung Zurückhaltung auferlegen sollen? Antwort: „Die Volksgenossen Jüdischen’ Glaubens sollen sich gleichberechtigt neben die der anderen Bekenntnisse stellen, sich nicht vordrängen, aber auch nicht benachteiligen Landtagsabgeordneter Otto Nuschke. 1 Fr age 1: Wir wissen,' daß die Deutsche Stäatspartei grundsätzlich auf gänzlich anderem Boden stellt j als die NSDAP. Würde trotzdem aus Zweckmäßigkeitserwägungen heraus die Deutsche Staatspartei in eine Koalitionsregierung mit der NSDAP, eintreten;. wenn ja, unter welchen! Voraussetzungen? ' 1 Antwort: „Niemals! — Die Aufgabe, die NSDAP, nicht allein regieren zu lassen, fällt der Deutscbnationalen Volkspartei und anderen rechtsstehenden Gruppen wie Landvolk usw. zu. Auch das Zentrum wird Ja ohne jeden Zweifel der Reichsregierung angehören und 1 diejenigen Schäden, die eine Alleinherrschaft Hitlers ergeben würde, abzuwenden haben. An dieser Aufgabe aber wird sich die Staatspartet nicht beteiligen können, denn abgesehen von der grundsätzlichen Divergenz; welche die Anhänger des politischen und kulturellen Liberalismus vom Zentrum trennt, liegt cs Im Wesen einer Koalition, daß die Koalltlonsparteien Konzessionen machen, begangene Fehler decken u. a. m„ so daß eine starke, unabhängige bürgerliche Oppositionspartei notwendig vorhanden bleiben muß. —Das Argument mit den verlorengehenden Stimmen halte Ich nicht iiir wesentlich, da unse:' Position Im Reiche ganz'anders Ist als ln Preußen.“ | Frage-2: Sind Sie der Ansicht, daß deutsche Volksgenossen jüdischen Glaubens von dem ihnen verfassungsmäßig zustehendem Recht-auf öüentiiehe und politische Betätigung vollen Gebrauch machen, oder daß sie sich in diesen bewegten Zeiten' in dieser Beziehung Zurückhaltung auferlegen sollen? Antwort: „Ich habe In dieser Frage einen ganz eindeutigen Standpunkt eingenommen und halte ledes Zurückweichen von dem Grundsätze der völligen bürgerlichen Gleichberechtigung für ein Verhängnis. -Ich möchte sogar noch. weltergehen und sagen, daß In dieser Zeit die Jüdischen Wissenschaftler. Künstler, aber auch die Wlrtschaltslührer zeigen müssen, was.sie können, am die Berechtigung. Ihrer bürgerlichen Gleichstellung Immer wieder zu erweisen. Eine andere Auflassung würde auch zn den merkwürdigsten Konsequenzen führen: wie kann man zum Beispiel einem Forscher sagen, er solle keine Entdeckungen machen, nur well er Jude ist? Es lassen sich hter auch gar keine Grenzen ziehen: weder kann man feststellen. wann die Zelten anfangen, so bewegt za werden, daß die iüdlschen Mitbürger sich „Zurückhaltung aulerlegen“ müßten, noch kann man angeben, wo die Zurückhaltung anihört und die Selbstaalgabe aniängt Unsere jüdischen Mitbürger können ln Deutschland nur leben mit allen Konsequenzen Ibrer staatsbürgerlichen Gleichstellung oder gar nlcb t; es gibt in dieser Frage kein Kompromiß.'“ i,Die Kernfrage bei dieser Reichstagswall! lautet, ob Hitler allein oder koaliert, und das heißt: gehemmt, an die Regierung kommen soll. Von einer solchen Koalition: mit einer den schrankenlosen Hitlerismus immer noch hemmenden ■Wirkung kann wohl auch bei einer Regierung wie der jetzigen gesprochen werden, die, . ohne selber direkt antisemitisch zu sein, dem Nationalsozialismus weitgehende Zugeständnisse macht; aber sogar der weit schlimmere . Fall einer offiziellen Beteiligung der NSDAP, an der zukünftigen Regierung bedeutet immer—noch Aufrechterhaltung und Wahrung der Verfassung, der Demokratie; das andere, das uns droht, ist die Alleinherrschaft der NSDAP., die Diktatur. Dieser wohl von niemandem geleugnete .Tatbestand ist es, durch den diese Wahl sielt von allen früheren unterscheidet, . und der auch die Betrachtung vom jüdischen Standpunkt aus besonders schwierig macht. Bef früheren Wählen lag es für uns einfacher. Oft genug ist es. ja ausgesprochen,'daß wir Juden wirtschaftlich, und eben deshalb auch parteipolitisch, durchaus keine Einheit bilden, daß Juden anschauungsmäßig in allen Lagern stehen, und daß nur die judenfeindliche oder Juden ausschließende Satzung mancher., Parteien es ist, die die ihnen, ansciiäuungsmäßig nahestehenden ’ Juden daran hindert.-sich ihnen auch tatsächlich anzuschließen. Eben dieser .Tatbestand Immer weitere Kreise . abonnieren die Jüdisch-liberale Zeitung*. Das beweist: Der Weg der Jüdischliberalen Zeitung* ist richtig* Deshalb': Ausbau der jüdischen Dahrlehnskassen in Deutschland. Auf der Ende Jnnl ln Paris stattgehabten Generalversammlung der American Joint Reconstruction Foundation wurde" auf Vorschlag des Managbig Directors Dr. Bernhard Kahn (Berlin) in Aussicht genommen, unter gewissen Voraussetzungen an der Kreditierung der vom Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und von der Zontralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden geplanten Darfehnskassen ln Deutschland tellzaaebmen. ' . Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ hat gerade in der vorigen Nummer (Sondernummer „Jüdische Aufbau-Arbeit“) nachdrücklich auf die Bedeutung der jüdischen Darlehnskassen für den Wiederaufbau des jüdischen Mittelstandes hingewiesen. Holland in Erwartung der jüdisch-liberalen Weltverbanda-Tagungr. Infolge der bevorstehenden Haager Tagung der World Union for Progressive Judaism steht hier das liberale Judentum im Vordergründe des Interesses. Ueber die Vorträge von Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) hatte s. Z. auch die nichtiüdische Tagespresse1 ausführlich berichtet und Bilder des Redners gebracht. Nunmehr bat der Vorsitzende der Vereinigung für liberales Judentum in Holland, Herr L. Levis s o n. auf Einladung der Liberal-Christlichen- Radio-Gesellschaft durch den Hüversum-Sender zwei Vorträge über Geschichte, Entwicklung und Ziele des liberalen Judentums gehalten. Am 27. Juni fand in Amsterdam die erste jüdische Trauung nach religiös-liberaler Zeremonie statt. Rabbiner Dr. J. Norden aus Elberfeld, der geistige Führer des jüdischen Liberalismus in Holland, vollzog die Trauung, Seit längerer Zeit bemühen sich ’der Preußische Landesverband und die Zentralwohlfahrtsstelle um die Schaffung eines Netzes von jüdischen Darlehnskassen, insbesondere!auch Bezirksdariehnskassen, zugunsten der Klein- und Mittelgemeinden. Bisher fehlten hierfür Kapitalien. Auf Grund langwietiger Verhandlungen, die Herr Dipl.-lng. Bruno Woyda für den Landesverband und Herr Dr. Kreutzberger für die Zentralwohlfahrtsstelle mit der deutschen Abteilung der ,’IICA“ geführt haben, ist es gelungen, deren Direktor, Dr. Bernhard Kahn, für diesen Plan zu gewinnen, so daß. wie die obige aus Paris eingegahgene Nachricht zeigt, nunmehr ein ansehnlicher Betrag für den Aufbau und Ausbau des oft geforderten Netzes jüdischer; Darlehnskassen zur Verfügung gestellt, werden wird. Ueber die Durchführung des Kredits sind die Verhandlungen, wie!wir hören, noch im Gange. Die Beratungen dürften in Kürze [zu einem erfolgreichen Abschluß gebracht werden. * ralkomitees für die Angelege'nzusammenschluß der einzelnen jüdischen Landesverbände bei-■ In jedes jüdische Haus gehört die Jüdisch-liberale Zeitung'. machte aber auch den verantwortlichen jüdischen Organisationen und Blättern die Ausgabe einer Wahlparole verhältnismäßig“ leicht:, sie brauchten nur vor denjenigen Parteien zu warnen, die offen, oder versteckt judenfeindlich waren; im übrigen sollte, so sagten sie und sagten es mit Recht, jeder diejenige Partei wählen, der er sich kraft seines politischen Bekenntnisses zu-, gehörig fühlte. Mit anderen Worten: man gab niemals eine Parole für Parteien, sondern nur solche sTegen Parteien aus, gegen die judenfeindlichen nämlich. Und da dies die Parteien des rechten Flügels waren,, so-blieb unsern Glaubensgenossen im Grunde genommen nur die Entscheidung, ob sie sich zur Privatwirtschaft bekannten und deshalb eine der bürgerlichen Mittel- oder Linksparteien wählten, oder ob sie für Sozialisierung waren und deshalb der SPD. ihre Stimme gaben. ' So einfach liegen, wie gesagt, die Dinge heute nicht. Immer mehr ist in den'letzten Jahren allerorten: bei den Wählermassen die Tendenz sichtbar geworden, nur noch die großen Parteien, und zwar hauptsächlich die Flügelparteien zu wählen; immer mehr ist die Mitte zerrieben und immer geringer ist daher — von der allbekannten Ausnahmestellung der Zentrumspartei abgesehen — der Einfluß der Mittelparteien geworden, zu denen man auf Grund eben dieser Entwicklung auch die bürgerliche Linke rechnen muß. Und im,Zuge dieser. Entwicklung liegt es auch,, daß der Begriff der Stimmenzersplitterung eine Erweiterung erfahren hat: früher

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