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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-07-01 · 7 (1.7.1932) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
7 (1.7.1932)
Date
1932-07-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Errichtung der ersten jüdischen Arbeiterkolonie.! Landwerk Neuendorf wird am 1. Juli 1932 in Betrieb genommen. ”; Der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ wird mitgeteilt: . Seit langem verfolgt die Hauptstelle für jüdische. Wanderfürsorge das Projekt der Errichtung einer jüdischen Arbeiterkölonie. Nach Ueberwindung mannigfacher Schwierigkeiten ist es nunmehr mit der besonders großzügigen.Unterstützung des Preußischen Wohlfahrtsministeriums, des Preußischen und der anderen jüdischen Landesverbände gelungen, das Gut Neuendorf bei Berlin'zu übernehmen, das die Möglichkeiten gibt, in größerer Zahl jüdische Erwerbslose sowohl in Landwirtschaft und Gärtnerei als auch in handwerklichen Neben-, betrieben zu beschäftigen. War diesem Projekt schon in wirtschaftlich gesünderer Zeit eine besondere Bedeutung beizumessen, da es allein'in der Lage ist, unabhängig von den Schwankungen des Arbeitsmarktes einer größeren Zahl langjährig Erwerbsloser und damit völlig Entwurzelter Gelegenheit zu geregelter Arbeit zu geben, so ist ihm im gegenwärtigen Augenblick ein ganz besonderer Wert zuzuerkennen. Die steigende Zahl jüdischer Erwerbsloser, die Unmöglichkeit für viele, auf absehbare Zeit , in den Produktionsprozeß wieder eingereiht zu werden, entlassene Jugendliche,- die eben ihre Lehrzeit beendet und keine Möglichkeit haben, neue Arbeitsstellen zu finden, abgebaute ältere Angestellte und viele, andere Kategorien mehr können und müssen von der jüdischen Oeffentlichkeit erwarten, daß ihnen die Möglichkeit gegeben wird, wieder für einige Zeit zu arbeiten, um ihre Arbeitskraft und ihren Arbeitswillen zu erhalten.; Ländwerk Neuendörf wird am 1. Juli vorerst 30 bis 40 Pers'onen aüfnehmen; es ist aber geplant, diese Zahl bald erheblich zu erhöhen, tun den jüdischen Arbeitslosen eine wirklich merkbare Hilfe zu geben. . Das Gut Neuendorf liegt in landwirtschaftlich besonders schöner Lage, die Arbeitsmöglichkeiten sind vielseitig und umfangreich, Ünterbringungsmögirchkeiten sind angemessen und ausreichend gesichert, die Werkstätten (Tischlerei, Schlosserei, Schuhmacherei, Stellmacherei) ohne größeren Kostenaufwand auszubauen und zu erweitern. Die Leitung liegt in. besonders qualifizierten Händen; sozialpädagogisch , und auch sonst vorgeschulte Kräfte werden •. - dem Betrieb eine gute pädagogische und soziale Atmosphäre sichern. Als Rechtsträger hat die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge den Verein „Jüdische Arbeitshilfe e. V.“ ins Leben gerufen, dessen Geschäftsstelle sich-in Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 158, befindet, wohin auch alle Gesuche um Aufnahme zu richten sind. Der Vorstand der Hauptstelle hat für Neuendorf einen besonderen Verwaltungsausschuß gebildet, dem die Herren Adler-Rudel, Alfred Berger, Dr. Max Kreutzberger, Landgerichtsrat Dr. Lili enthalt Wilhelm Marcus und Bruno Woyda angehören. Rundfunkvortrag Ober die Wirtschaftsethik des Judentums. Unter dem Thema: i„Die Sozial- und Wirtschaftsethik des Alten Testaments“ werden am Donnerstag, dem, 7. und dem 14. Juli in der Zeit von 1830 Uhr bis 18.55 Uhr zwei Vorträge auf der „Deutschen Welle“ gehalten, die — zum erstenmal im Deutschen Rundfunk — versuchen werden, das Wirtschafts- 'und Sozialsystem des biblischen. Judentums zu rekonstruieren. Redner wird. Ministerialrat‘Hans Goslar sein. Wir suchen Abonnentenwerber in Berlin und im gesamten Reich bei guten Verdienstmöglldikelfen. Vorerst nur schrlftl. Angebote erbeten an die Jüdisch-liberale Zeitung' Vertriebs-Abteilung Berlin SW 11, Halleidie Str. 1 Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden. Schönhauser Allee 163. Geschlossen. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten. Kalserstr. 30, Anla der Mädchenschule. Freitag. 1. Juli, abends 7.30 Uhr: Predigt Rabb.-Kand. Heimann. — Freitag, 8. Juli, abends 7.30 Uhr: Predigt Rabb.- Kand. Dr, van der ZyL Westend. Liberale Synagoge Westend. Lelstlkowstraße 7—8. Aula. Geschlossen bis 2. September' 1932. Liberaler Gottesdienst Schmargendorf. (Altersheim Berkaer Straße 32.) Freitag, 1. Juli, abends 7 Uhr: Predigt Rabb. Dr. Weyl. — Sonnabend. 2. Juli, vorm. 10 Uhr. — Freitag, 8. Juli, abends 7 Uhr: Gottesdienst; — Sonnabend, 9. Juli, vorm.' 10 Uhr. — Freitag, 15. Juli, abds. 7 Uhr: Predigt Dr. Warscbauer. — Sonnabend, 16. Juli, vorm. 10 Ubr. ' Jüdische Relormgemelnde. Sonntag, 3. Juli, Johannlsstr.16. vorm. 10'Uhr: Predigt Dr. Rosenthal. — Sonntag, 10. Juli, Jobanuisstr. 16, vorm. 10 Uhr: Predigt Dr. JelskL - In der Kleiststraße kein Gottesdienst Das Jli-Programm Frankfurt a. M. Jüdisch-liberale Jugendgemeinschalt Dienstag, 5. Juli: Ausspracheabend: „Was Ist Religion?“ — Donnerstag, 7. Juli: Arbeitsgemeinschaft: „Goethe.“ — Dienstag: 12. Juli: Rabb. Kand. Vogelstein: „Die Problematik des Liberalismus;“ - : ~! Berlin. 1 Jüdlsch-Uberaler Jugendverein. Gruppen-Veranstaltungen. Westen. Montag, den 4. Juli, 8 Uhr. Heimabend bei Heinz Kellermann, Knesebeckstr. 56/57. — Montag, den 11.1 Juli. 8 Uhr. Heimabend bei Helmut GalUner, Sybelstr. 19. — Montag, den 19. Juli. 8 Uhr. Heimabend bei Hildegard Neumann. Prinzregentenstr. 7. — Montag, den 25. Juli, 8 Uhr. Heimabend bei Hildegard Weglein, Sybelstr. 23. — Montag, den 1. August 8 Uhr. Heimabend bei-Krotoszyner. Slemensstr. 14 (Bahnhof Beusselstr.). Thema: Die primitiven Religionen. I Oliva. -; Mlttwocb, den 3. August, 8 Uhr. Heimabend bei Gerhard Bolder, Westendallee 98 b. i Pankow-Osten. j Donnerstag,-den 30. Juni, 8Ü0 Uhr, Heimabend bet Betty Markus, THe-Wardenbergstr. 20.: Thema: Das Heilige, von Otto. — Dienstag, den 5. Juli, 8.15 Uhr. Beisammensein bei Gerda Jacobsohn. Niederschönhausen, Kalser-Wllhelm-Str. 5. Jugendgemeinschaft der Jüdischen Reformgemeinde.. Zu folgenden Veranstaltungen laden wir unsere Mitglieder und Freunde hierdurch berzllchst ein: | Sonntag, den 10. Juli, Tagesausflug nach Grünau— Mfiggelberge—Seddinsee (Gosen)—Schmöckwitz (etwa 20 Kilometer). Budezeug mitbringen. Treflpunkt 9.15 Uhr Görlltzer Bahnhof.. Nachzügler treflen sich um 14 Uhr lm Gasthaus zur Friedenselche in Gosen. | Sonntag, den 24. Juli, Tagesausflug nach Wannsee—Moorlake—Sakrow—Säkrower See (etwa 8 i Kilometer). Badezeug mitbringen. Treflpunkt 9 Uhr Bahnhof jCbarlottenburgs (Haupteingang Stuttgarter Platz). Nachzügler treflen sich um 14 Uhr lm Dr. Faust in Sakrow. Jeden Dienstagabend ab 8 Ubr treflen wir uns lm Gartenlokal am Neuen See lm Tiergarten. Zur Beachtung! Es Ist angeregt worden. Anfang August eine Rheinfahrt zu unternehmen (Dauer etwa 10 Tage). Anfragen 'sind zu richten an: Hans Wolfgang Koller. Neukölln, Bergstr. 18: TeL: Neukölln 4530. Der /Vorstand. Artikel und Berichte für die JU-Rubrlk sind lewells 10 Tage vor dem 1. und 15. jedes Monats an Dr. Ellen Llttmann, Charlottenburg 9, Bayernallee 27, zu. senden. . i Die kritische Zeithetraditung von Eine traurige Originalität. Das Anwachsen des Judenhasses in Deutschland hat leider alle Arten antisemitischer Exzesse so zur Gewohnheit werden lassen, daß die jüdische Presse,’ soweit sic nicht direkt im Dienste der Abwehr steht, es sich längst abgewülmen mußte, über jeden einzelnen Fall zu berichten. Nur die. ganz schlimmen Fälle und die jeder Menschlichkeit Holm sprechenden Friedhofsschändungen wurden hier noch registriert: seitdem die deutschvölkische Bewegung es aber auf den Rekord von -vier Friedjiofsschändungen iit . einer Woche gebracht hat, mußten wir uns auch das abgewölmcn. Indessen, es ist dafür gesorgt, daß wir unsere Leser mit neuen Nachrichten erschrecken müssen, vergreifen sich doch neuerdings die Hakenkreuz-Barbaren sogar an L e i c li e n z ü g e n. Ueber einen derartigen Fall muß zur Zeit aus polizeilichen Gründen, noch geschwiegen werden, und es kann daher auch die Stadt nicht genannt werden, in der er sielt zutrug. Aber cs blieb nicht bei diesem einen Fall! Schon kommt aus Breslau die Kunde, daß die wieder genehmigten nationalsozialistischen S. A„ die in neuer Uniform in geschlossenem Zuge durch'die Stadt marschierten, in der Schweidnitzer Straße, unmittelbar neben dem Polizeipräsidium, den Lcichfenzug des um Breslau hochverdienten Bürgers Joseph Deutsch (über dessen Ableben wir heute an anderer Stelle berichten)' angepöbelt haben, indem sie riefen: „Da haut schon einer ab nach Palästina. Die andern kommen bald nach!“ — Jedes Wort, das diese Kulturschande kennzeichnen' wollte, wäre zu schwach. — . - Ueberhaupt. machen unsere Glaubengenossen ln Breslau, dieser Stadt mit 23.000 Juden auf 600 000 Einwohner, jetzt schlimme. Tage durch. Am Montag der vorigen Woche erschienen an den Breslauer Anschlagsäulen, wie wir einem dortigen Blatt entnehmen, etwa meterhohe Plakate, die eine große Erregung unter den_rBres!auer Juden auslösten. Ueber einem riesigen Hakenkreuz standen die Worte: „Fertigmachen nach Palästina“ in etwa ein Viertel Höhe des Plakates. Das Ganze eine Einladung zu einer sogenannten Massenkundgebung, in der Pg. Dr. Goebbels sprechen sollte. Centralverein, Frontbund und die Gemeindebüros wut-_ den bestürmt, etwas dagegen zu unternehmen. Vertreter des Gemeindevorstandes und der Organisationen wandten, sich an Polizei und Staatsanwaltschaft, um die Entfernung dieses hetzerischen und aufrührerischen Plakates zu erreichen. Vergebens. Keine der Behörden glaubt, insbesondere nach der letzten Notverordnung, eine Handhabe zu haben, um clnschrelten zu können.' Eine Neuerscheinung ist, neben denüblichen Synagogenschändungen. „pun auch die Schändung einer katholischen Kirche.- f Aus Essen wird berichtet, daß in der St. Ludgeri-Kirche in Essen-Werden Mittelgang und Kreuz mit Hakenkreuzen .und der Aufschrift „Los von Rom!“ beschmiert wurden. Die Wand der Kaplanei wurde mit den Worten „Juda verrecke!“ bemalt. Die katholische „Essener 1 Volkszeitung“ bemerkt, daß die Untataus der nationalsozialistischen Saat erwachsen ist. — Fürwahr, diese Nachrichten zeugen von einem traurigen Tiefstand! Briefkasten. Nach Frankfurt Wir bestätigen Hindi gern, daß der Artikel „Echte und unechte Befriedung der Qemelndearbelt — zum letzten Male: Hechaluz“ in unserer Nr. 5 sich in keiner Weise gegen den_ dortigen' Qemeindevorsitzenden, . Herrn Justizrat Dr. Blau, richtete. Die von uns kritisierte Auffassung war in einem, änderen jüdischen Blatt vertreten worden, und mit' den „unberufenen Friedensvermittlern“ sind zwei Berliner Stellen gemeint gewesen. Herr Justizrat Blau hat mit der ganzen Sache auch insofern nichts zu tun, als die auf der Frankfurter Tagung am 22. Mai unterschriebene Einigungsformel bekanntlich schon das Ergebnis von vorher hier in Berlin stattgehabten Parteiführerbesprechungen war und In unserer Nr 4 vom 15. Mai in ihrem vollen Wortlaut veröffentlicht worden Ist S«BORG23ÄJ zum Schaffen gewähren konnte. „Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des Impressionismus erlebt hat, wird Sich ängstlich hüten, gegen eine Bewegung, die er nicht versteht, das Verdammungsurteil zu sprechen!“ Daher will er der Jugend' besser-zu viel Spielraum gewähren, als sie einengen. Das jst wahre Kunsterziehung, die für das künstlerische Schaffen jeder jungen Generation und jeder. Individualität die Freiheit zur Voraussetzung hat Wie durch seine Reden, die er bei Eröffnung der S'ezessiöns- und Akademieausstellungen gehalten, so will er auch durch seine Schriften kunsterzieherisch wirken. Er will die Augen öffnen: „Wir müssen wieder mit den Augen sehen lernen!“, will Kunst verstehen und wahrhaft genießen lehren: ,/Wer das Kunstwerk mit den Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie begreifen!“ Es ist ihm. der selber ständig lernte, ein Bedürfnis gewesen, solchen Männern ein literarisches Denkmal zu setzen, die ihm Erzieher waren: Steffeck und Menzel, Degas und Israels. Manet und Tschudi: und was er von Lichtwark, dem Hamburger Museumsleiter sagt, darf von ihm selber gesagt werden: „Er ist geborener Erzieher, daher weiß er, daß Erziehen vor allem Beispiel ist, also erzog er zuerst sich selbst, bevor, er andere erziehen wollte!“ Denn er will beispielgebend sein: „Wenn ich durch mein Beispiel auf die jüdische Jugend auch nur im mindesten wirken würde, so wäre mir das ein erhebendes Gefühl der Befriedigung“, schrieb er mir in einem Briefe. Liebermanns Leistung ist Malerei, nicht im handwerklichen Sinne, sondern im Sinne höchster Geistigkeit Alle seine Gedanken, alle seine Empfindungen kreisen um die Malerei: „Man muß immer malen, immer malen“, -sagt er im Atelier vor sich her. Sein ganzes Wesen ist Malerei, sein ganzes Ringen geht um höchste malerische Vollendung, das heißt, für ihn zugleich um menschliche. Vollendung. Denn Maler und Mensch ist bei ihm wie Form und Inhalt Körper und Geist zur Einheit geworden, zur großen, führenden, erziehenden Persönlichkeit. Ludwig Fulda, der Siebzigjährige. Am 15.’ Juli d. J. vollendet Ludwig Fulda' sein. 70. Tebens- ' . jahr. Er verfügt über alle repräsentativen Würden, die die deutsche Literatur zu vergeben hat Er' ist Mitglied der Dichterakademie, Ehrenpräsident der „ConfGdGration Internationale des SociGtGs d’Auteurs et Compositeurs“/ Ritter der französischen Ehrenlegion, gehört fast allen prominenten in- .und' ausländischen literarischen Organisationen und Korporationen in ehrenvoller Stellung an, und trotzdem - weiß die heutige Generation von diesem Repräsentanten deS deutschen Geistes und der deutschen Sprache kaum noch, daß er wirklich dereinst das deutsche Schrifttum lebendig und ruhmvoll, vertreten hat. Es ist ein Hauptkennzeichen unserer j hetzenden" und gehetzten Gegenwart, daß sie Dargebotenes schnell aufnimmt, aber noch schneller wieder vergißt Für die seit Beendigung des Weltkrieges herangewachsenen und noch heranwachsenden Geschlechter wird der Name Ludwig Fulda daher kaum mehr als einen musealen Wert besitzen. Wir-aber, die wir auch den noch jungen Dichter und Sprachküiistler kannten, schätzten und zuweilen sogar bejubelten: wir wissen, daß hier einem Manne und Schöpfer bitter Unrecht geschieht auch wenn die Zeit den ihr eingeborenen Gesetzen folgend, Gerechtigkeit zu üben scheint. Ludwig Fulda,_der erst jetzt die biblische Altersgrenze überschreitet, ist umwittert von dem tragischen Schicksal all jeher Menschen, die den Anschluß an eine neue Zeit verpaßt und sich selbst obwohl i scheinbar noch im Vollbesitz ihrer schaffenden Kräfte, im Bewußtsein des Volkes längst überlebt haben. Vor etwa 40 Jahren haben wir den Mut des jungen Dichters bewundert, der! in seinem „Talisman“ Andersens entzückendes Märchen von dem „König auch in Unterhosen“ dramatisch zu transponieren verstanden hatte und dem auf seine Ketzerei hin die kaiserliche Bestätigung für den ihm zuerkannten Schillerpreis versagt worden war) Fulda stammt noch'aus der^ romantischen Schule Paul Heyses, des Dichterfürsten mit den apollinischen Locken, dem die romanische ' „bellezza“ des Wortes unanfechtbares Dogma war. Fulda hat, in Pietät vor diesem Lehrer, seinen Zeitgenossen, außer manchen Bänden lyrischer Gedichte, die noch heute durch: ihre geflügelte Anmut wirken, viel dramatische Werke voll „Scherz, Emst, Ironie und tieferer Bedeutung“ geschenkt, von denen wir nur einige wenige heraus- . greifen wollen, wie beispielsweise „Die Jugendfreunde“, „Die Zwillingsschwestera“, „Novella d’Andreä“, „Der > heimliche König“, Der Dummkopf“, Die Rückkehr zur Natur“ und andere mehr. All diesen Werken eignet gemeinsam die leicht beschwingte Grazie eines hellen -Und unbeschwerten Daseins, dessen Probleme noch nicht in der apokalyptischen Notstandszeit einer ganzen Welt verwurzelt waren. Weil aber Fulda eben diese gewaltige Katastrophenepoche des Universums, wenn er sie auch! menschlich ..erfühlt haben mag, niemals dichterisch zu gestalten vermochte, gingen die Zeit und eine erbarmungslos gewordene Menschheit über Ihn voreilig zur Tagesordnung.über. Wir sagen mit Bedacht: „voreilig“,, denn, Fuldas Wirken erschöpft sich nicht allein in seinen eigenen Werken. HieT mag er hinter den Forderungen des Tages zurückgeblieben sein. Aber die deutsche Sprache bleibt trotzdem für Zeit und Ewigkeit in seiner ScUuld. Denn sie dankt ihm die geradezu meisterhaften und vorbildlichen Uebermittlungen fremdsprachiger Geistes- und Kulturgüter, die. erst durch Fulda in den Bezirk deutschen Oeisteseigentums übernommen werden konnten. Fuldas Uebersetzungen der Moilire- . sehen Meisterwerke, der Shakespeareschen Sonette, des Rostandschen „Cyrano von Bergerac“ oder auch des „Figaro“ von Beaumarchais sind allein durch Fuldas beispiellose Sprach^ kunst und seinen ehrerbietigen Dienst am Worte ln den, immanenten Besitz deutschen Sprachschatzes, übergegangen, ähnlich wie seinerzeit das Genie eines Shakespeare durch die Uebersetzungen Schlegels' und Tiecks zum deutschen Nationalgut wurden. Mithin sollten selbst jene, denen Fuldas eigene dichterische Produktion nicht mehr vertraut-sein dürfte, sich an seinem 70. Geburtstag wenigstens dessen erinnern, daß das deutsche Volk ln ihm einen der gewissenhaftesten und vornehmsten Wahrer und Mehrer des ' höchsten deutschen Kleinodes, nämlich der deutschen Sprache, zu ehren hat Solche Ehre sollte aber in der Dankbarkeit der gesamten deutschen Nation beredtes Zeugnis finden: - Fulda ist in Frankfurt a. JVL als Sohn des patrlzlschen jüdischen Kaufmanns Karl Friedrich Fulda /und dessen Ehefrau, einer geborenen Oppenheimer, geboren. Er bat sein Judentum immer stolz und mannhaft behauptet und insbesondere den aus opportunistischen Gründen erfolgten Uebertritt zu anderen Konfessionen oft genug mit dem klaren und einfachen Worte gegeißelt: „Man entweicht nicht aus einer belagerten Festung.“ Diese Festung Ist heutzutage belagerter denn-je. und darum begrüßen und beglückwünschen wir ln dem 70 jährigen: Ludwig Fulda nicht nur den deutschen Dichter und großendeutschen Sprach-, förderer, sondern auch den aufrechten deutschen Juden, der! das viel angefeindete Bollwerk' deutsch-jüdischer Geisteskultur allzeit unerschrocken verteidigt hat : Dorfs Wlttder.

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