Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 2 (15.4.1932)
- Date
- 1932-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ 5er Bereinigung für 5a* tiderate 3u5enfora e. B. Bezugspreis: VlerteJjährlth 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0J5 RM. Abonuemeats werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bei Nlchterscbeinen Infolge Streiks oder böberer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlleierung odi- Rückerstattung der entsprechenden Beztgsgcbiihren. Nr. 2 Berlin, 15. April 1932 12. Jahrgang; Die „Jüdisch-liberale Zeitung" erscheint halbmonatlich. Die Vereinigung für das liberale Judentum bzw. ihre örtlichen Organisationen ziehen in Zukunft lediglich den Mitgliedsbeitrag ein, der um den Bezugspreis der Zeitung ermäßigt wird. Die Bezugsgebühren für die „Jüdisch - liberale Zeitung" betragen 1,50 RM. vierteljährlich zuzüglich Bestellgeld und werden von den zuständigen Postämtern eingezogen. Damit die „Jüdisch-liberale Zeitung" pünktlich und regelmäßig zugestellt werden kann, bitten wir unsere Leser, die Abonnementsquittung — diesmalig für die Monate Mai und Juni in Höhe von 1,— RM. zuzüglich Böstelfgil<Jv^ bei Vorlegung durch den Briefträger (etwa am 15. April) einzulösen. Sie JüDifdHlbetuIe 3eitnngM eifdjetaf am 1. and 15. jedes Blcraats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 . _I, 33S9. g : Kreditverein lür Handel und Gewerbe e. G. m. h. H, Berlin N 24. Postscheckkonto:; Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 127 Sl. Vereinigung für das liberale Judentum e.'V.: Berlin 1370 69. Peßach \/f« L I Eine EBeteachtiuigzum Jkssachfest ooh Mali msaitaimon, juMwecvz.frseph'nccdeH(tt&ecfetdl „Viele Wege führen naeii Rom", sagt ein bekanntes Sprichwort Und viele Wege führen zu Gott; so können wir das Sprichwort ummodeln. Daß viele Wege zu Gott führen, lehrt uns ein Blick auf die mannigfachen Religionen, die über die Erde verbreitet sind; denn sie sind ja nichts anderes als eben Wege zu Gott Gar verschiedenartig sind die Wege; das Ziel aber ist bei allen Bekenntnissen dasselbe. Da- Ziel ist Gott; das Ziel ist Heiligung des Lebenswandels; das Ziel ist eine auf dem Boden edler Gesittung ruhende Weltanschauung. Wenn nun aber die Gedanken, die eine Relegion ausgeprägt hat, sich nicnt verdächtigen sollen, wenn sie allen Bekennern dauernd gegenwärtig sein sollen, dann bedürfen sie in irgendeiner Form der äußeren Verkörperung. Sichtbare Handlungen müssen vorhanden sein, durch die die religiösen Anschauungen in den Herzen der Bekenner dauernd lebendig erhalten werden. Darum versuchen alle Religionen, ihre Gedanken durch äußere Handlungen und Betätigungen zu versinnbildlichen. So auch unser Judentum: Sitten und Bräuche sind entstanden, die den jüdisch-religiösen Anschauungen äußeren Ausdruck verleihen. Zu den volkstümlichsten Brauchen des Judentums gehört nun die Feierder b> iden ersten Abende unseres Pessachfestcs Was hat diese Abende, die Sederabende, so ganz t sonders volkstümlich gemacht, wodurch sind sie so anz besonders beliebt geworden? Sie haben ihre große Volkstümlichkeit, ihre besondere Beliebtheit erlangt ..tirch die Mitwirkung der Kinder. An keinem unserer Hauptfeste treten die Kinder so tätig mitwirkei d in die Erscheinung, wie am Pessachfest, und zwar an seinen Sederabenden. Die Kinder sehen die besonderer Gebräuche, sie verfolgen sie mit Aufmerksamkeit, und sie wünschen ihre Bedeutung zu erfahren. Und Sach; der Erwachsenen ist es dann, ihnen zu antworten un j den kindlichen Wissensdurst zu stillen. An verschiedenen Stellen gebietet die Thora, die es als selbstverständlich ansieht, daß die Kinder fragen werden, sie nicht ohne Antwort zu lassem; Es muß für die Erwachsenen ja auch eine äufrichtige Fremde sein, zu sehen, wie die Kinder alles mit offenen Sinnen betrachten. Es muß ihnen eine Freude sein, den Kindern die nötige Belehrung und Aufklärung zu geben. Aus diesen Erwägungen heraus haben jüdische Gelehrte vor etwa zwei Jahrtausenden die Frage des Kindes und die Antwort der Erwachsenen in eine feste Form gegossen. Nicht, als ob das Kind nur so und nicht anders fragen dürfte, und nicht, als ob die Erwachsenen nur so und nicht anders antworten dürften; sondern nur, um Relig das Lernen und das Lehren, das Forschen und das Aufklären. Aus diesem Grunde hat das talmudische Schrifttum Frage und Antwort in eine feste Form gegossen; und die Pessach-Haggadah hat Frage und Antwort von dort übernommen, damit kein Sederabend vorübergehe ohne Fragen und Lernen und Forschen und ohne Antworten, Belehren und Aufklärern Darum läßt der Verfasser der Haggadah das Kind fragen; „Mah nischtannoh etc.; Warum unterscheidet sich dieser Abend von allen andern Abenden?“, und darum läßt er die Erwachsenen antworten; „Awodim hojinu etc.; Einst waren wir Sklaven dem Pharao in Aegypten; da führte uns der Ewige, unser Gott, von dort hinaus mit starker Hand und ausgestrecktem Arm.“ Im übrigen aher wird jedem Kind darin Freiheit gelassen, in welche rorm es seine Frage kleiden will; und auch dem Erwachsenen steht es frei, mit kurzen oder mit ausführlichen Worten das Kind über die Bedeutung des Pessachiestes auizuklären. Führt uns doch die Haggadah selbst einen kleinen Kreis von Kindern vor, von denen jedes seine Frage in die Worte kleidet, die seinem Wesen und seiner Begabung entsprechen, und von denen jedes die für es am besten passende Antwort erhält , Eine Frage jedoch werden wir in unserer Pessach- Haggädah vergebens suchen. Es ist das eine Frage, die in unseren Tagen von vielen jüdischen Kindern gestellt wird; und jedem Juden, der sein Judentum liebt wird es wehe ums Herz, wenn er diese Frage hört. Heutzutage fragen bei Beginn des Pessachiestes viele Jüdische Kinder ihre Eltern: „Warum unterscheidet sich in unserm Hause dieser Abend nicht von allen andern Abenden?“ In der Schule haben die Kinder ausführlich vom Sederabend geh&Tt, von seinen Sitten und Bräuchen, von seinen Gebeten und Gesängen, von seiner Weihe und Poesie. Auch haben sie die Schönheit des Abends wohl schildern hören von Kindern aus der Verwandtschaft, der Bekanntschaft, der Nachbarschaft. Nun kommt der Abend heran; voller Erwartung sehen die Kinder der religiösen Familienfeier entgegen. Und was geschieht? Nicht die geringste Veränderung ist im Elternhause zu spüren. Es ist ein Abend wie andere! Abende: kein festlich gedeckter Tisch, keine F e s 11 a g s 1 i c h t e r s k e in e Haggadah,' keine F e s 11 a g s w e i h e , keine gehobene, Stimmung. Da drängt sich den enttäuschten Kindern ganz von selbst die Frage auf die Lippen: „Warum unterscheidet sich denn bei uns dieser Abend nicht von allen anderen Abenden?“ Als einst in der Wüste Sinai;,' so berichtet die Thora, einige unter den Israeliten ver^ hindert waren, das Pessachfest zusammen mit dem ganzen Volk zu feiern, da -waren sie darüber aufrichtig betrübt und sprachen zu Moses; „Warum sollen wir In unseren Rechten und Pflichten zu kurz kommen?“ Eine ähnliche Frage richten heutzutage gar manche jüdische Kinder an ihre Eltern. Sie fühlen sich in ihren religiösen Rechten gekürzt; „Warum sollen wir zu kurz kommen? Wir haben uns auf die Sederabende so sehr gefreut Von allen Seiten hören wir doch, wie schön die Abende' sein sollen. Warum feiern wir sie denn nicht in unserem Hause?“ Auf diese schmerzliche und vorwurfsvolle Kinderfrage könnte es nur eine einzige befriedigende Antwort geben, wenn nämlich die Eltern mit gutem Gewissen antworten könnten: „Die Sederabende sind veraltet sie Lesen Sie