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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-08-12 · 33 (12.8.1936) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
33 (12.8.1936)
Date
1936-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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B ER LI N 12. August 1936 Efähmi-jedmßfhütick PREIS 25 PF. Nr. 33 /16. Jahrgang JÜDISCHE ALLGEMEINE Schriftleitung und Geschäftsstelle: Berlin •Charlottenburg 2. Bleibtreustraüe 2. C 1 Steinpl. 3703. Bankk.: Kreditverein l. Handel u. Gewerbe eGmbH, Berlin N’ 24. Postscheck-K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RAV 1,—monatlich tzuzügl. RM. 0.10 Zeitungsgebühr und Bestellgeld), bei Streifbftodveri&od tuzügl. RU. 0.30. V'erlug: Verlagsgenoaaeuechaft in Oeutacblaad nnsäMiger. Judeu tu Herlio «GmbH,. Uin.-CbarUtUenburg 2. Hleihtremir. 2. Anseigeapr.: Dio~l2üt*P- - mm > Zeite Rpt. 8. .für Fdinillenanieigcn Rpf. 6, für Stellengesuche Rpl. 5 Bei UQveraebuldeter Nicbtbelieferang beatebt kein Aospruoh auJ VergQtoaa V _ •__ , _■_'_• NEUE FOLGE OER J U D I S C H - L I B E R A L E N ZEITUNG Wo Helten wir? FABIUS SCHACH Für ein Volk. dem das Vi andern in irgend einer Form als ewiges Schicksal auferlegt worden ist. istes besonders wichtig, immer wieder um sich zu schauen, zu prüfen, welchen Weg man zurückgelegt hat. wohin man will und auf welchem Wege. Kaum eine zweite Gemeinschaft in der jüdischen Geschichte, hat in so kurzer Zeit eine so gewaltige Wandlung erfahren .wie die deutsche Judenheit. Und doch sind sich noch nicht alle Juden mit voller Klarheit dieses geschichtlichen Prozesses bewußt. und es tut not. die Frage zu stellen: wo stehen wir? Wir halten vieles über Bord geworfen, um unser Lehcnssehifliein zu erleichtern. Fahren wir nun sicherer? Können wir .jetzt-mit. Wahrscheinlichkeit einen sicheren Hafen erreichen? Es handelt sich nicht um Außeres, sondern um Tieferes, um die Basis einer i n n e r e n Existenz, um das Lehen der Zukunft. Vieles, was wir aufgegehen, ist gewiß nur fllusionäres. Wir sind belehrt worden, nicht, von der Logik, sondern von den ehernen Cesetzen des Lehens. Wir haben viel verloren au äußerer Lebensbcipicnilichkeit, an geistiger Breite,' an der Möglichkeit des Auslcbcns persönlicher Neigungen, an Breite und Ausdehnung wirtschaftliches und geistiger Art. Aber eine Breite, die auf Kosten der Tiefe gewonnen wird, ist nicht allzuviel wert. Und wir gehören ja nicht nui uns selbst, sondern auch der Gesamtheit, nicht nur der Stunde, sondern auch der Geschichte. Haben wir auf dem Wege des Leides erfahren, daß ilie Welt des .Juden eine andere, engere ist, und daß es .sein wahrer Beruf ist, in dieser Enge eine Weite zu schaffen, so ist das eine Erkenntnis, die'den Weg in eine besehei-' Jene Zukunft zeigt. Und bescheiden müssen wir werden. zu unserem eigenen Heil, — nicht nur. im Materiellen, sondern auch im Denken. Wir müssen erkennen, daß wir in erster Reihe da zu wirken verpflichtet sind, wo die Vorsehung uns liingestcllt hat, und daß wir unsere kleine Welt richtig aüsbauen müssen. Wir dürfen nicht mehr für andere hauen und seihst in der Luft* leben. Auch der kühnste Architekt muß sieh die Beschränkungen auferlegeii. die llauni, Material und Lebensrealität gebieten. Es geht nicht iim Vergangenes. Es geht tun die Zukunft, und die Frage in ihrer ganzen Härte lautet: Haben wir Juden in Deutschland überhaupt eine Zukunft? Gibt es für uns inneren und äußeren Lebensraum? Die Frage muß, wenn man sich keinen Täuschungen hingeben will, verneint werden. Für den Juden, wenigstens' für den denkenden Juden, handelt es sieh nicht nur darum, ob man irgendwo sein Lehen fristen kann. Jude sein heißt,.in irgend einer Form religiös sein, mit und in seiner Gemeinschaft lenen. Der Jude ist immer, oh er will oder nicht, an seine Geschichte um] seine Gemeinschaft gebunden —. das ist seine seelische Heimat. Vor allem, das große Fragezeichen unserer Jugend ist und bleibt unsere schwerste Sorge. Die Allen mögen, wo nichts anderes möglich ist; das Los der Verkümmerung auf sich nehmen, die Zukunft unserer Jugend können wir nicht auf schwankendem' Boden aufhauen. .,Die Jugend nach Ubersee, das Alter nach Weißensee!” lautet heute schon die bittere Losung, wobei freilich Ubersee und Weißensee mir als Symbol zu verstellen ist. Unsere ganze-■ --Politik - kann nur dahin gehen, der Jugend hei ihrer schweren Aufgabe der Umschichtung und Auswanderung zu hellen mul der älteren Generation, soweit cs geht, ihr srliweres Los zu erleichtern. Also:, nur ein überleiten in andere- Verhältnisse. Aber dieses überleiten soll planvoll, weftsehauend und würdig sein. Wenn ich dabei von ..Politik" spreche, so nur im Aristotelischen Sinne, als Gesellscliaftslelire. als Sorge für'unsere Geriieinsrhäft im engen ^l^tjmgji der Möglichkeit. Eine Politik im modernen Sinne, d. h. als Beeinflussung der Umwelt, ihrer Ziele mul Richtungen können und wollen wir nicht treiben. Wir sind heute fast überall in der Welt Objekt und nicht Subjekt der Politik. So gibt es für uns heute iiur ein Zentralproblcm: wie erhalten wir unter den gegebenen Faktoren unsere Gemeinschaft wirtschaftlich, kulturell und religiös? Auf dem Gebiete der Kultur umMleligion. die von jeher unsere Domäne und -unsere einzige Zuflucht waren, können wir allerdings auch in schwerer Zeit viel leisten, und es könnte noch viel mehr und vor allem mehr dev jüdischen Seele A ' s geleistet werden. Beligiös müßte namentlich für die kleinen Gemeinden jioeh mehr geschehen. Unsere llaldiinatskandidatcn sollten Wanderprcdigtcu in der Provinz halten, sie würden dort, wo jegliche geistige Anregung häufig Fehlt, einen dankbaren Boden finden. Die Kulturbünde sind, wie unsere Verhältnisse einmal liegen, in der Hauptsache Zuführung allgemeiner Kunst, und es ist wohl-verfrüht., ’chon heute zu ver langen, daß sie nur Jüdisches pflegen. Aber allmählich jüdischer, sollten sie in ihrer Entwicklung werden. Der lebendige Strom der Kultur darf uns aurli in schwerer Zeit nicht abgesehuitten werden. Es wird nur, der Not gehorchend, andere Wege wählen müssen. Wir werden wie unsere Väter Autodidakten werden. Autodidakten sind oft einseitig, aber sie lieben ihre \\ issenselial’t leidenschaftlicher, sind origineller, ursprünglicher. Die Bfielicr werden, wie ehemals, unsere Lehrer,' und richtige Bücher kann man sich leichter als richtige Lehrer beschaffen.' Unsere Kinder werden Handwerker. Ackerbauer und Arbeiter sein, aber daneben nach Bildung streben. Und ihre Bildung wird im besten humanistisch sein, keinem anderen Zweck als der inneren Bereicherung dienen. Tora lisehma, lernen ans Liehe zur Wahrheit, ist der ideale Ausdruck des Talmud für wahres Ilerzensstudium, für Vereinigung von Kultur und Ethik, und mau weiß, mit welcher Begeisterung, ja mit welcher Inbrunst Schiller und Goethe, .Plato und Kant im Ghetto studiert wurden. Und waren nicht die geistigen Größen aller Völker häufig Autodidakten? Bis auf .Medizin und Technik ist heute das Lernen aus Büchern leichter als jemals.' Es wird in der nächsten Generation vielleicht weniger jüdische Doktoren und Professoren, aber mehr jüdische gesundo Denker gehen. . ■ Uns fehlt heute «las klare äußere Ziel, aber «las innere Ziel schwebt uns vor, das Ziel ilcr jüdischen Geschichte! der jüdischen Natur. Nie war es so schwer, in die Zukunft zu schauen, aber unsere Natur Indien wir wieder erkannt, und das ist ein Gewinn. Unser Schicksal liegt in Gottes Hand, aber wie wir cs iiinnehmen, was wir daraus machen, — das liegt an uns. Wir wissen, wo wir stehen und was hinter uns liegt, und voller Zuversicht glauben wir an das Prophelenwort: ..Noch gibt es eine Hoffnung für Deine Zukunft!" Ein neues Hilfskomitee in Paris lÖr au« Deutschland ausgrwandrrle Juden ' Paris. Gleichzeitig mit de« von der französischen Regierung getroffenen Vereinbaningsmaßnalmicn zur Durchführung der von der Genfer Zwi«rhcu.«taai]irhen Rc«*ieni»g«hoiifcr<fnz für die Regelung der Rechtsverhältnisseaus lieutschland Ausgewanderter gefaßten Jh>chlü««r wurde jetzt in Paris ein neues Hilfskomitee für ans Deutschland ausgewanderle Juden geschaffen. An der Rihhnig; de« Komitee« sind internationale Organisationen, in erster Reihe das American Jewislr Joint Distribution Committee, hervorragend I»eteiligt. Das Komitee, dem auch Ilaron Iloljcrt de Rothschild, Grand Jlabhin WVHI und andere führende Persönlichkeiten angeboren, hat die Aufgabe, die wirtschaftliche Kiiigliedernng, derjenigen aus Deutschland einirewandcrten jüdischen Familien zu ermöglichen, denen die« bisher uock nicht gelungen ist. Es wird gemeldet: H Kin SianJesIxumilrr hatte, der ..Frankfurter /eilnng" zu folge, in Füllen. - in Jenen ein Khemnuu «lern vorehelichen Kind «einer Kliefran .«einen eigenen K» milicn iHimni erteilen 'wollt.', die lleuiknnilung. dieser Krklünmg bi« /um Nur^wcj. der . n r! > e h c ii Abstammung sowohl de« Kinde« wie de«. Stiefvaters verweigert. ln einem Frlaß de.« Ileieb*inue!iniinister.« wird jetzt darauf biugewicseu. daß d»e«r Weigerung des Stamlcslicumtfu der Rechtsgrundlage „entbehre. . * H Nach Meldung der ..llresbmef Neuesten Nachrichten'* fatal \m* dem Rc/.irksgoriehl in' Kattun it* eine ätrafverlumtlhmg gegen frühere Beamte des Magistrats Kutjuwitz stall. Die Angeklagten.» halicn für einen in Deutschland wohnhaften Juden Ariernaehwei.se gefi\i.«cht. Fin Angeklagter wurde zu _ drei Jahren Gefängnis und /elui Jahren Flirvcrlusl. ein /weiter zu eineinhalb Jahren Gcfüugiii« und zehn Jahren Klm erluM und ein Kliepa.ir zu je einem Jahr Gcfütijni« \erurteilt. Kin fünfter Angeklagter wurde frcigcsproeJirn. * ■V ■ Die Hilfsaktion für die Opfer ton Pr/.ytjh und Miusk-Ma/nwieek ist nhgc«ejilo*iru woideu. Für die Geschädigten ju Pr/ytvk wurden-;1.i IHM: * für die von Minsk- .Maztntieek JO (Hill 'Zloty aufgebracht. Die (o'IJrr wurden zu UwusUukUwu Maßnahmen verwendet. ■ Dr. KJnard Kcncz-kurlimdcr au« kosicr teilt milT daß der Abiturient des Gymnasiums in Ko«hv Anlou Daniel, der einer Zigeimerfamilie entstammt, die Ui hei in dieZigenn e r s p r a r Ii e übertragen iiul. Fr« i«l die« die er«|r t'bersel/ung iler Heiligen Schrift in« Zigeunerische. * . ■ ln der Stadt S(anc«li in der Bukowina kam e« uaeJr einer Versammlung der Gu/.islcn zu Angriffe u » ii f j ii d i « e Ii c P a .«.« a u t e ii; es wurden auch in zahlreichen jüdischen Wohuiingt?n die Fenster zertrümmert. In Pulila i«l es cltcnfnils zu judi'iifeiudlielien Anssehreituiigeii gekoiumeu. Der katholische UiseJmf Hohn wurde hei einem Rc«ueii in der Gcmrihdf Moldnwit/a auch von einer jüiliselieii AlHirduiiug begrüßt. In seiner Antwort erklärte er. die kalboli«eIie Kirche \erurteile Judenverfolgungen auf« sehärf-te. . ' ■S Anläßlich der Tagung de« Nennten Jnlcrnntinnnlc» Zahn* iirzleköitgresses fand in Wien unter dem Aorsitz de« Jrriwilrmrr Arztes Dr. Kewiii-Kpsleiu eine Versammlung iler jüdischen Kongreßteilnehmer statt, in der der Plan der KrrieJitiitig eine« / a 1i ii - ff r z t l i e h e n I' o r I h i I «l un g« i ii « li I ii I e « an der Hehr ü - i.« eh en I'ii i v e r.« i t « I Jerusalem besprochen wurde. Nach einem Referat von Professor Dr. Rcj-nhard Göttlich wurde dir Gründung eine« solchen In-lilnl'*« ein«tiiiuuig beschlossen.' —' ■ Da« pohu«chc. Ri!duiig«nmustcruun hat ein neues Serzeielmis der Mille|«eiiiileu, |^elin'r«einiimre. theologi-eheu Ausinliru und lfe< h«ehiih‘nverüfb'iillielil, deren Dürer dir Reg ft n .« I i g ti n g -eine- Aufschub« der Krfiillung ihrer milie r * n n I;i r i.« i: h e n |) i e n .s I p f 1 i e Ii t g e ii i e ß e ii. \ on jfidisi'h' ii ix'hranslalten sin,| in dem Verzeichnis di*' .Taehkeiiioni-Srhiile und da« Judai.«li«e|ie liistilut eullialteu. Dagegen fehlt in dem Verzeichnis die Jesihiwa Cliaelluie Imidin, tlemi llorrr bisher die gleiche Regüu«tiguug geuo««e.u liaheu. ■ Dem nach Auflösung des Parlaments uuigchHdclcn grlwe li i.« e ii e n Kabinett gehört als iicucrnUMUtcr Vjzekan/br Minister Zuvitsauo« au. Sowohl Sfiuislerprüsideiit Gencrnl Mriatas als auch \ izekanzler Zaxitsano« haben ihre jinlenfreuiidlii be. Kiuslellmig wiederholt durch die J’at bewiesen. Beim Beten epfcholTen . War-rhaii. In einem Ikirf hei Zielcehowwurde der jnili«e|ie. Kinwolmer Jacob f.ifipower, als er das M a a r i w '-Ge he t sprach', durch mehrere. R e v o 1 v e r s e h ü h « eT die’ d u r e h il a soff e u e Feilster ahgefeuerl orden würeji, schwer verwundet. ' Am foh“ geuden .Morgen i«l er im KrankeuliaiiH in faiknw' -..Tuen N‘‘*r- Irlziingcii erlegen. Von den 'later« fehlt jede Spur. . Zii jinlenfeindliehen Ausschreitungen i.st e.« anlfißÜeli de*»- Markttage« in dem Städtchen f) I u g o .« z o d I o gekouinicit. Narb anfanglieh ruhigem Verlauf des Markte« erschien ein gut gekleideter Mann, um den .sieh die Rauern Hifort smuruelteiiL. Nachdem er sieh provozierendrrweise au eine« der jüdischen Händler mit der Frage gewandt—liälto. warum er nitf einen ..ehri-tliehen Markt“ gekotiimeu wi. reizte er die Hauern zu Ch walttatigkeitgO^n^ö 1^IC jmi‘“*lien Marktljündler unf. ‘sputa^e-o iwSoSbuZs qtt H 5727

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