Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 31 (29.7.1936)
- Date
- 1936-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 29. Juli 1936 PREIS 25 PF. Nr. 31 / 16. Jahrqan« JÜDISCHE AUGEMEINE Schriltleitung und Geschäftsstelle: Berlin-Charlottenburg 2, Bleiblreustralie 2. . C 1 Steinpt. 3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eGmbH. Berlin N 24. Postscheck-K.: Berlin 23720 — Bezugspreis: R.M. 1.— monatlich uuzügl. RM. 0.10 Zeitumrsirebuhr and Bestellgeld), bei Streifbftodfersaad tuzugl. KM. 0.30. •U. 2. Auteigenpc.: Die t2gesg ir Stellengesuche Rpl. 5 Bei unverschuldeter NichtbeUefaruag. besteht kein Aaeocuch Auf Vargdtua* NEUE F O L G E DERJÜPISCH-L I B E R A L EN ZEITUNG Nadiamn Nachklang zur Londoner Tagung Von HEINRICH STERN <l;trin liegt. daß heule junge Menschen aus einem dem Judentum entfremdeten Kreise dadurch an das .ludrntmn hcrnnziikonmicn glauben. daß sie beginnen. irgend, etwas zu ..halten". Die große Gefahr, dal* liier ilie Form und Formel als Ersatz,für Gedanken und Glauben gebrauehl wird. zeigt sieh gerade hei diesen dem!). Aw, insbesondere aber den ,T r o s t s a h b a t nach dem!).' Aw auszeichnet. diese Stimmung der llüeksehau und Umschau, in sich seihst und in seine Umgehung, rechtfertigt ‘ trotz der ausführlichen Rendite aus London wohl noch einmal einen zusnmmcnfassenden Überblick über die Tilgung. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dal* der entscheidende Wert solcher großen Zusammenkünfte. an denen sieh mehrere 1 hinderte von Menschen aus allen Teilen der Erde treffen, nicht oder wenigstens nicht allein in den praktischen beschlössen liegt, welche hier gefaßt werden. Im Gegenteil, derartige Beschlüsse haben meistens mit' Rücksicht auf die verschiedenen Strömungen und Richtungen derartiger ■ organisatorischer Tagungen ausgesprochenen Komproniißcharakter. Sie werden gefaßt, um in der Öffentlichkeit Brüche zu übcrkleistcrn. Differenzen ztt verhindern oder zu verschleiern. So gibt jederetwas nach und benutzt die erste Gelegenheit nach dem Ablauf der Tagung, um sieh von dem Kompromiß möglichst' kompromißlos zu lösen. Mit voller Absicht hat deshalb die-World Union for Progressive Jiidaism vermieden, in einer Fraire. stellende Frage über die Autorität, formulierte beschlösse zu fassen. Das Wichtige jst nicht die gefaßte Formulierung, sondern die Aufrollimg der Frage überhaupt und der Zwang, sic in den' verschiedenen Kreisen, und Richtungen, gründlich zu durchdenken. Man hat uns auch gefragt, oh wir denn in einer Notzeit wie. der heutigen, nichts Wichtigeres zu tun 'haben, als abstrakte Fragen noch so interessanter und wichtiger Art zu „klären-1. Ich glaube, daß die Größe der Tagung, ich möchte sagen, ihr Jüdisches, darin liegt, daß man sic zeitlos gestaltet und versucht hat. sieh mit Fragen auscinanderzusetzen. die seit Anbeginn der Lehre im Mittelpunkt -der Auseinandersetzung gestanden haben. Es sind tatsächlich .Menschen nach London gekommen in der Hoffnung, und Erwartung, daß sie nun „schwarz auf weiß nach Hause tragen werden", was sie zu „halten“ und was sie nicht mehr zu halten hätten.' Daß diese Leute enttäuscht würden. '• war zu erwarten und ist auch nicht zu bedauern, denn ‘ daß wir nichts so wenig erstreben wie einen verdünnten Schulchan Aruch. ist schon so oft ausgesprochen worden, daß man es nicht zu wiederholen braucht. Mir persönlich war am interessantesten die Stellung der Jugend. Als vor zwei Jahren diese Frage , angeregt wurde, da schien es in der Tat so, als wenn die jungen Juden, namentlich die aus Deutschland kommenden, in ihrer Ratlosigkeit und Verstörung sich an bestimmte Formen und Formeln halten und sich an ihnen wiederaufrichten wollten. Von ihnen gerade Wurde die Forderung gestellt, „etwas festzulegen“. Eingehendste gedankliche Beschäftigung mit der Materie, insbesondere zur,Vorbereitung der Tagung, niedergesetzte Arbeitsgemeinschaften haben aber unsere Jugend nicht unwesentlich dähin beeinflußt, daß sie erkannt hat. es komme nicht so sehr darauf an,, sieh in Einzelheiten festzulegen, als vielmehr überhaupt das Gefühl einer Bindung in sich wach zu rufen. Das Erschütternde, das gerade aus den Reden der Jugeiidvertrctcr herausklang (übrigens nicht nur der Jugend aus Deutschland),' war die Sehnsucht nach dem Glaubenkönnen; und die. Einsicht, wie schwer es sei, Jugend an das Judentum heranzuziehen, ohne ihr eine echte Glaubcnssubstanz zu vermitteln. Unsere Jugeiidvertrctcr aus Deutschland haben übrigens mit vollem Rechtauf die große Gefahr hingewiesen. die oder eine vorsichtige Auswahl aus «len Spciscgeselzen und fühlen sich nun „jüdisch". Es ist das große Verdienst des Dienemanuschen Referats und der gesamten Aussprache, gezeigt zu haben, daß bloße -Ausübung von Bräuchen und Formen ohne das' Gefühl, damit .„h'schem schomajim“ zu handeln, für die wahrhafte- Zmürkl'ühiung zum Judentum wertlos ist. daß .nicht das Quantum von „Tun" maßgebend ist. sondern die Beseeltheit cfeV religiösen Form, und daß \ur allem nichts falscher wäre, als die Abgrenzung des Religiösen auf bestimmtekultische Bezirke. Mit Recht hat Bruno Sommerfeld darauf hingewiesen. daß gerade Heinrich Grünfeld geftorben Khmtnullvin lYiuim urtucr Im Lvltviisjulir M .^••"«•iL-rcicIu'ij Da.tcin rjitri.s-ni worden. Die KinüM-Iirnm;: Iial am Di.-iu-lai' lomiillnjr im Wilinerwiorfer Kn*maformm *laU"efiiml-n. IfeiliriVli (»rfinfeMs Naim* ufs des äf(r.«K'ii Milmh.if>«T* der Firma Lautlc-hliler Leinen- und Gcliildwrlierri K. V. GrfinfrM iA weil filier die Grenzen IXulsthlan<L hinaus bekannt gewesen. Der rad1»> tätige'Kaufmann, der im .lalire IHH4 in die seil UU.2 bestehende Fabrik seines Vaters In Laiubslmt in Srlilesien ei». grlrrtr» war.'um'später das berliner Hans zu ffdirender Stellung' zu bringen, hat uirbt nur au dieser Stelle vorhildlieh gewirkt, sein Lebenswurk ist auch mit der Gri-rhiihte des Kiiizelliaudrls aufen;j-tr verbunden. Seit Gründung der frühere» Nauptgi'inriusrliafl des deiiLM-lien l.inzeiiiandels Us Lude 1IMJ stand er hmn-iid und ausgleirhend au der Spitze dieser verzweigten Organisation. Seine vielseitigen Interessen brachten ihm im Laufe der .lalire .zahlreiche Ehrciistclleii: so war er. u. a. Mitglied der Handelskammer und des Heieliswiriseliaftsralrs sowie des Verwaltnngsaussrhiisses der Deutschen llcntenlmnk. Cher die wirtschaftliche Arheil hinaus wandte sieh Heinrich Grünfehl auch einer dciii Gemeinwohl geltenden eharitativeu Tätigkeit' in reichem Maße zu. Für jüdi-ehe Dinge hatte er niehl nur stets ein offenes Ohr. sondern auch ein jüdisches Iler/. Seine lautere ' Persönlichkeit wird r /•-. 1...11.». Deutschlands nicht vergessen werden. denklmeh 4 Ausbau der jüdifdien Kulturarbeit Dresden. Die Leitung des .1 ü tl i s c he n Kulturlm mli-h in. Dresden hat mit dem Jüdischen Kulturbund II «m hur" ein Clicrcinkommcti getroffen, um gemeinsam jüdische Schauspielkunst zu pflegen. Das Ensemble des Hamburger Kulturbundes, das bereit* im \ergangenen .Jahr mehrere Male in Dresden gastierte, wird icgclmüßig Theatervorstellungen in Dresden veranstalten* Die Spielzeit wird noch vor den Jciortngeu. Anfang SrptcniW, eröffnet werden. Mannheim. Nach Meldung des Mannheimer Gemcindeblalles ist in Heidelberg ein jüdischer Kulturbund gc-. gründet wonlcu. Der neue Bund toll am I. Septemlier seine ^Tätigkeit beginnen. Kein deutfchblütiges weiblidie» Perfohal in judifchen GalUtätten , Um rill Vcronlmiii" mm 16. März FJ36 hatte der lU-ii-iis- und PraißisilK- .Minisirr des Innern ln-stimmtdaß »runilsäi/lirli liis 7UI1. I. Aiiril 10311 Genrlnnifinn^rn für neu zu «mehlende fiasl- und Si-liankivirl.-diaftrn uieiit erteilt werden willen. Kinc (imehmieuii" kaim u. a. ausnahmsweise hei der Neucrriihuiii“ om Oasliind Srhonkvvirtsrhaften, deren llelricli sirli auf Juden liesrlirünkl. t>i-.,i.|irii urrden. Ilrkanntlicii will in siilrfirn Julien dir (irnelinii- [. u ti ’i auf .1 u d e n durrli deutlirh Irsliarc Aufarhriftcn krnnllirli -einarht wird. In dieser Iläwi-iil uirtl uumurlir in einem neuen Uuiulcrlaß des Itriellsffilirers SS und (.'lief» der ürnlsrhcn Puli/i-i im Iti-irlis- . minieteriiun de» Innern vmu 11. Juli 1036 den die Genchmijninz erteilenden llehürdeii ein|ifi)lilen. in den Fällen, wo eine jüdische Gaststätte neu errichtet wird, a|. liewmdcre Auflage vorziischrcihcn. daß in dem Reirirli« kein <1 r ii t » r h b I ü 1 i g e « w c i h I i e ii r s personal licsrhäfliel werden darf. Bei bereits erteilten Erlaubnissen -nUen ent-i'rerlicndr Auflagen alshald nnchgeliolt werden. die tii-ft-re Durchdringung der sozialen Arhcit mil Vfli^iiist-iii Geisl. mit dein Geist reli»if>ner Veriiflichlilii" tlit-se *icizi:df Arhcit erst zu dem iiinchl, was i.iist-rt- Allen „Gcmilns C.hcssetl“ rrt-iiiimi( ludii-n. W ie mm auch immer dir einzelnen Diskussion»- _ reden und die Ftirdcrim^i-n von RtTt-milcii untl Gt-Henrcfcrcnlen lit-nrlcill werden niöoen — ist es niehl elwns -Grußes.' daß sich Menschen ziismmm-nsezte-n. um uhseits der Not und der Nöte des Allings cinmii! den .tiefsten Srliwin"tiii"t-n .seeliselit-n Lelii-ns _ zu hmst-lifn? Es ist wirklieh etwas von der Slimmun;; des Hahlial Nach.-iimi in diesem Hinten um ein Höheres! „Eine Stimme ruft: Ba h n l .d u r th tl i e \Y ii s t e den Weg des Ewigen, chnel tlureli tlie Stepiie eine Straße misemii Gotl." Es ist der uralte .jüdische Dräne, .IUS ,ler Wüste der '/.eit sieh heriwisziirinj;en in tlie Oase des ewi"en'Geisles. Dieses Emporriiioeu ist pt-raile in tlieser Wellknnferenz lit-stinilers ^eltm^en. seihst wenn im i-iiizelneir maiieht- Rede tiii'liei^in" mul mauelies 'Wertvolle im^t-sa^t hlieh. Um so mehr ist es zu lii-dniirrn. daß. gerade vnn der jüngeren Uahliinergeneratinii wertvolle Milarlieiter im letzten Aii"t-nlilii-k aus äußeren Gründen ahsa-en oder aus persöulit-hen fernlileihen mußten. Keine Stmide li.it tlie Waiidlmig. - tlie das Lehen des liberalen Juden seit ihirclmicsseti hat. so ■ stark zum Ausdruck .gebracht, wie der Saliluitiuu-h- . mit tu». Der stark liesm-hte Oncgt-Srhalihat mit l’aläslina als llauptlliema wäre noeli vor weniocu Juhreu in der Almnspluirc der Konferenz trfs ein Fremdkörper t-rsi-hiciicii. Jetzt hcilculcl dieser SnhhntunrhimTitif; \ielleieht einen licsiintleren I li'ilit-jmnkt tler Ta^mig. Der-oemeiuseliaftliehe Gesmi" tleshehir hamaahms.imil des En Kclauhcmi, die beseelte Leitung tlureh tlen erstaunlieh frischen Senior tler liberalen Ralihinec. (,'äsar Seligniiinn, mul das wrilaits^reifemlc Ilcforät . Dr. Dienemanus, ein wahres Meisterstück 'nr'Eirizcl- Iteite-n untl Gesamtkonzeption, all dieses zusammeit- .oeiiommeii tnie in tlie Slnntle einen Geist wahrhafter religiöser Ziisammen^eliori^kejl. etwas von dem Gefühl des l'iircmanderdascms hinein. Es ist noch daran zu erinnern, daßtlie Vorstandssit/un" tlaiin »rhließlirli tmt-li noeli wit-hlige ' Reseldiisse aiiki'iinli"te. wobei namentlich ilit-jt-nioeu. . welehe zur Pa I ä s t i n ii a t-h e i t gefaßt wortlen sititl, einen wiehti^en Anfang hetleuteu. (Besrheitleue Anfragean tlie ..Jüdische R’imilsrhnii“: Warum wird hiervon kaum etwas tlen!zionistischen Lesern miloeteilt. wo tloeh sonst jetlc Äußerung irgendeines x-Uelichi“cn Parlamentariers titlrr General» .... zu Palästina mit Gemi^lmmg verzeichnet wird?) - Aber tlas Wesentlirhe! und Ijanptsüehliehe einer solchen Konferenz liegt weder in tlen Debatten noch in den Beschlüssen, tlie gefaßt werden. Der dauernde Nutzen liegt vielmehr für tille Teilnehmer darin, daß. man wietler einmal mit Menschen gleicher Grund- ■ emstelhitig zusammenktimmt. tlie tloeh ausganz ver- , sehietlcncii Lehenskreisen, j aus ganz verschiedenen Landsmannschaften herkommen. An keinem anderen kann man seine eigene Weltanschauung st» glit prüfen wie an tlctn lebendigen Menschen, tler vnn gleichem Ausgangspunkt tloeh zu anderem Endziel gelangt. Namentlich wir Juden aus Deutschland sind heilt leicht in Gefahr, lins in einen Abgrund von Düsterkeit untl der Trauer zu versenken und cs förmlich ülicl zu nehmen, wenn andere Menschen noch lachen und hellen Auges vorwärts sehen. Duß religiöser Erlis.t nicht identisch sein muß mit.fanatischer Alisclilicßiing von allem Nichtjüdisclicii, tlas gibt gerade eine solche Tagung wietler klar zu erkennen. Zweier Erlebnisse .endlich möchte ich noch gedenken. die itiir in diesem Zusammenhang gerade wirsch wehen: Das eine war unser Besuch in dem immer wieder erstaunlich überraschenden S et 11 c in e nt in Whitechapel, tlas unsere Freunde,, das . Ehepaar I Icnritpiez, dort für tlas junge ostjüdische Proletariat nufgerichlet haben. Nicht tlas, was hier an Sozialarheit geleistet wortlen ist, so unvergleichlich'es .auch ist - ist tlas Wesentliche: item, tlas Wichtige ist das Gcfülil Her Zusammengehörigkeit, die religiöse Verbundenheit mit einem Höheren, das in die jüdische Gemeinschaft bewußt cingcpflanzt wird. Es ist ein Frohsciii in Gott, wie wir es fast verlcrig^Jjalgn.