Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 27 (1.7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN -1. Juli 1936 B 662 PREIS 25 PF. Nr. 27A / 16. Johrqan« JÜDISCHE AUlGIMHNI jeschSilsstelle: BnPn - Charlotlenburg lgs^ebohr und Bestellgeld), bei Strei ill iu Ueuiaehlaod aojäMigcr Judentu BerJI» g 2. Bleibtreuair. 2. Auzeigeupr.: Die'l2ge«p ilieiuruuiicen Hpf. 6. lur Stellengesuche Rpl. 9 NEUE FOLGE DER JÜDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Im Schatten von morgen Dr. E. Fr.- Dem Zeitbcobachter, der die Ereignisse nehmen, i nicht nur in ihren äußeren Erscheinungen verfolgt, gemeine z sondern auch die mehr in der Tiefe sich bewegenden ins Auge, Strömungen geistiger und seelischer Art erfaßt, wird Schicksal in der Gegenwart, auch ohne von Spenglerschen Ideen weltgeschichtlicl; beeinflußt zu sein, gewisse Stimmungen überall in der entwickeln sich Welt sehen, die vor kurzem ein Gelehrter in einer kuhurphilosophischcn Betrachtung kennzeichnete, indem er davon sprach, daß die Welt „im Schatten von morgen lebt“. Aber, so fragen wir uns, unterscheidet sich unsere Gegenwart dadurch von irgend einer anderen Zeit? Ist nicht alles Leben, alles bewußte und tätige Leben immer wieder auf das Morgen ausgerichtet? - Ist nicht der Schatten von morgen, in dessen Halbdunkel „sich unseres Daseins Kreise vollenden“, nur möglich, weil gleichzeitig auch eine Lichtquelle vorhanden ist, dieweil es keinen Schatten ohne Licht gibt? ' Und dennoch! Das Wort vom Leben im Schatten von morgen packt mit' geheimnisvoll suggestiver Kraft. Wir Juden in Deutschland fühlen die ganze Schwere des Geschickes, mir Wegbereiter seinzu können für die Zukunft — so groß eine solche Berufung auch sein mag! Wir fühlen die ganze Schwere des Geschickes, durch die Gegenwart gleichsam mit gepacktem Koffer in eine unsichere Zukunft reisen zu müssen; aber mit diesem Geschick zugleich erleben wir die Verpflichtung und .die Erkenntnis, daß „keiner von uns größeres sein kann als Zement zwischen Stein und Stein“. Gewiß, in unserer Sprache hat der.Gebrauch der Gegenwarts¬ und Vergangenheitsformen . vor . dem des Futurums weichen müssen, aber wir würden'nicht Juden sein, wenn wir die Zukunft nur unter dem Zeichen des Schattens sehen würden, in jenem, unklaren Dämmerlicht, in dem die Konturen von Gegenständen und Zielen verschwinden, und wenn wir nicht gleichzeitig von dem erhöhten Standpunkte geschichtlicher Erfahrung und sittlicher Lehre aus ein großes und — wenn auch in weiter Ferne — sicheres Ziel klar und deutlich vor uns sehen würden. Im Schatten von morgen! Ein Blick auf die Arbeit der „Heichsvertretung der Juden in Deutschland“, ein Blick in die jüdische.Presse, ein Besuch, an den Arbeitsstätten der großen jüdischen Organisationen aller Richtungen, alles und jedes führt uns in die’'Richtung nach dem zeitlichen Vorwärts; „Hilfe und Aufbau“, Auswanderung, Umschichtung, Vorlehre, jede Tätigkeit iiii Sinne und zum Wolde der Gemeinschaft wird, sinnvoll und trotz ihrer oft geringfügigen und imscheinbaren^Bcdeutung geadelt' durch die Ausrichtung auf die Zukunft. Das Schwere, das unsere Brüder in Palästina zur Zeit erleben, das Verwüsten und Zerstören von Orangenpflanzungcn und Siedlungen ebenso wie von seelischen lind kulturellen Werten mitten in der Aufbauarbeit, dieses bittere uncT uns allen ans ’Ileiiz greifende Geschick, das arbeitsfrohe und zukunftsfreudige Menschen in diesen Wochen erleiden, es ist, so sehr es in unsere jüdische Lebenssphäre eingreift, durchaus nicht nur ein Problem zwischen Juden und Arabern. Ohne uns auf den Boden .weltpolitischer Betrachtungen begeben zu wollen, darf es wohl gesagt werden: Hinter diesen Kämpfen steht mehr, unendlich viel mehr als ein lokaler Streit über Landverteilung, Arbeitsplätze und mehr oder große „Drosselung“ der jüdischen'Einwanderung. Hier in Palästina vollzieht sich, unter größeren Perspektiven gesehen, vielleicht erst das -Vorgefecht' Tür den großen entscheidenden Kampf nicht nur zwischen dem englischen. Weltreich und aufständischen Arabern, sondern zwischen der darauf vergnügt! europäisch-abendländischen und der mohammedaniin der Freiheit sehen Kultur überhaupt. Vielleicht ist es auch hier anspruchslosen Bei wieder einmal jüdisches Schicksal, wie so oft im Laufe vergißt, macht sie unserer Geschichte, die schwere Aufgabe auf uns zu Jugend Gebrauch. eigenen Sache auc :idigen. Faßt mar d man erkennen, wie ei Palästina mit allgemeinen Bedeutung verbunden im Schatten von morg. die größere allilicseu Gedanken ig jüdisches Der „Hilfst erein der Juden in Deutschland“ hat kürzlich einen beherzigenden Aufruf erlassen, in dem die Auswanderer nach Ubersee von neuem auf die unbedingte Notwendigkeit hingewieseu werden, sich rechtzeitig die Sprache der neuen Heimat anzueignen. „Es liegt auf der! Hand, daß der Einwanderer auf wirtschaftlichen Erfolg in der Regel nur rechnen kann, wenn er die Sprache seiner neuen Heimat von Anfang an wenigsten einigermaßen beherrscht und sich dann im Lande selbst! möglichst rasch in ihr vervollkommnet.“ So wenig es eines Kommentars für diese Forderung bedarf, deren Erfüllung nicht nur im eigenen, sondern auch im Interesse aller zukünftigen Auswanderer eine Selbstverständlichkeit sein sollte, so darf vielleicht grundsätzlich etwas bei dieser Gelegenheit vermerkt werden. Wenn auch die Worte der Sprache, wissenschaftlich (lusgedrückt, lediglich ein Mittel sind, „um Erfahrungen zu bezeichnen, begrifflich zusammen - zufassca“, wenn sic auch nur „Objektive Symbole für subjektive Vorgänge und Zustände sind, die andern .mitgeteilt werden sollen“, ,so bleibt doch eine Sprache, die Muttersprache, an die Persönlichkeit gebunden, bleibt siij zeitlebens untrennbar von ihr, ist sie im Wandel alles Geschehens stets ein Teil von ihr. Dieser tiefst^ und innerlichste Besitz bleibt unabhängig vom. jeweiligen Raum und von der Zeit. So wenig der gesund denkende und fühlende Mensch jemals Vater unil Mutter vergessen kamt, so.wenig kann man die Sprache aus dem Gedächtnis streichen, in der man einst die ersten - Worte lallte, in der man die Kinderlieder sang, und in der sich in Stunden tiefsten Leids und höchsten Glückes Worte auf den Lippen formten.} Die Juden auf ihrer vielfachen Wanderung haben, wie ihre Geschichte beweist, immer die Sprache, ihrej alten Heimat bewahrt. Juden aus Deutschland haben nach ihrer Vertreibung während der Kreuzzüge dafc deutsche Spraehgut in ilic östlichen Länder gebracht, ^panische Juden haben jahrhundertelang an ihrer Sprache fcstgehalten und eine berühmte spanische Bibelübersetzung in der Mitte des l(i. Jahrhunderts ist auf Italienischem Boden erfolgt. Mögen auch heute Verhä|tnisse und Bedingtheiten andere sein als einst, auch füri viele unserer Auswanderer und ihrer Kinder - wird bei} aller selbstverständlichen pflichtgemäßen Eingliederung in die neue Heimat die Sprache ilic lebendige Verbindung mit der alten sein — sie wird eine Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart, zum Morgen werden. Nun Haben für einen großen Teil unserer Kiudcr dic Ferien begonnen. Gewiß können in dieser Zeit beträchtlich wenigjer als sonst das Glück genießen, aus der Großstadt herauszukommen, freiere und reinere Luft zu atmen, dojs Blau der Berge und das Grün' der Wälder und W iesen zu sehen und an der Unendlichkeit . des Meeres von weiten Fahrten und Ländern zu träumen. Aber wenn! auch die Möglichkeiten geringer geworden sind —] dankbar sei cs vermerkt, daß auch hier oft „Gemeimprang eilt, die Lücke zu verschließen“ — unsere Jugend ist im Verhältnis zu einer früheren Zeit „leichter beschuht11 geworden. Sofern es.ihr nur irgendwie möglich ist, geht sie ,;auf Fahrt“. Und bei der Gemeinsamkeit des Wanderns erlebt sic wohl‘auch trotz njanchem, was sie heute erfährt, das ■ Dichterwort: „0 wunderschön ist Gotteserdc, und wert, Wenn sie dann draußen ler Natur unter meist mehr als ingungen die Schatten von morgen on dem guten Vorrecht gesunder Deswegen wünschen wir dieser Das Urteil in Radom Rn Jom. (.ITA.) In ilrln Pn.zrH «rgrl. <lo» Pilgrams in Przvlik ist am 26. .Inni .las Ir.cil vrrLOiulrl »oftlr... I>rr jil.Ii-rlir Haii[llangcklaSlr Schal..... Jccl.irl I. r » k .. «.mir zu II Täl. rr» /.ichlliau«, l-lir-cr K r r » c 1. «• n z .. c i £ zu (> J ä li r c ... JizcUak Fcir<lmau zu 5 .1 a I. r c n /. u r l> I li n ll » vrrnrlrill. Vuii .Im übrige. jiT.li-clirn Angeklagten »unlrii zwei zu III Mnna- Iru. zwei zu II Munalel. un.l vier zu (i Monaten (irntngiii» irrurteilt; dir drei übrigen wurden Irrigc-prudim. Von ilrii nicht- ' rincr n.il III Munalrn. .»cri.» mit II M.uialru und fünfzehn mit einem liall.ru .lalir Cefängi.i» hr-trafl; arhlzrlm nirhtjüili-rhr Angeklagte wurden frrigr.pn.clir... Iler M»r.l an den. ja.l.srlirn Ehepaar Minkowski lilcibl imgr-fllml. Rabbiner Dr. Sänger nach Melbourne berufen Hnldmiee Uv. II er man M. Sänger linl »n,■!»■.. vm. der World liiiiul für Prugrr-ivr J.nlni»....- in U.i.d.m den .'lim, _ vollen Auftrag erhalt,-,,. das Ami de,' llal.hinrrv au der religio,, tilie rillen Bell. Ii.ri.el f.« if j! r e » a t i.... in Melbourne, der gräBlcn liberalen G.. A.i-Iralirn», zu nh. rnel.ui. Gleichzeitig wurde er mit der Orga.ii-alim, und den. A u.»h a u <1 .• - auflraul. Dr. Hunger, der »rlnm in der iiü.-liileu Woche Berlin vrrläBl, ist vm. der Ilerliu.-r .lüdi-rhri, Grmrii.de zimäelwt .n.f llilf-vt und ...heu -einer ral.liini-rl.cn Tätigkeit durl für die Krwritrrmig der An»«.,, n dem „g-mäglir l.k.-iten für Juden am Deut-elilmül uaeli Australientätig »ein. Es i-l nnrli in Erinnerimg. .dnB Dr. Sänger, der kur. ich Ah-.hl.lB «einer Slu.lien bereit» im Au»\vandenmg-wesc, tätig war, mul zwar im Jahre Mm im Berliner Jüdi-elien G,.. Berlin zum Slmlimu der AmwiimUrmig-trneen in Nordiilm-rihu geweilt hat. Seine über diese» B Ur. S Dr. Sänger, de. Sul.u dellrr-lm.rr llnhl.inrr», in de«en Familie -eil (icm-raiimiei. die rahhiui-el.e Tradition' aufrrrl.leriu.l- . wird, i-l um :t. Juli 1 M> in llerii» gelmren. Kr hm in Genf, Pari-, Cambridge. Breslau ...ul Wflrzl rg r . I engli-ehe und kla-i-el.e PI.ilob.gi... am Jüdi-rl.-Theologi-rhen Seminar in llr<;»lau jü.liselic Theologie studiert. In »einen. Berliner l/rV^Swnr-.-n-.kj^'md'Dr. vn.i^ der^'/yl a.i^.hu. Hrrmniiii-FnlkenlH-rgwuii.lern.len un.l ins ’ Freie hinausstrel.cmlcn Jugend jetzt in ihren' Ferien viel Sonnenschein, viel Wärme jeder Art und das.-Bewußtsein, tlaß die Priirht zum .Morgen auch ein Hecht auf das Jleute gewährt. . Im- Schatten von morgen vollzieht sich unser, jüdisches Lehen. Aber wenn wir uns auch dessen bewußt sind, so wollen wir doch nicht vergessen, tlaß, -was beute ..morgen“ beißt, morgen schon „heute“ beißen wird. W«. w i r den Schatten von morgen sehen, wird einst das Liebt von heute sein. Das-Leben'ruft uns trotz manches scheinbaren Rückschlages immer . wieder ein ..Weiter!“ zu. Friedrich I Icbbels - tiefes Wort: „Der Strom bat seine Ufer nicht vorgcfunilcn, sondern, er bat sie sieh gestaltet“, es könnte ein Leitwort über aller Geschichte des Judentums sein. Mag cs auch in mancher Stunde für den einzelnen schwer sein, sieh den Glauben an die. Welt und das Vertrauen auf das Leben zu erhalten und zu bewahren, wir können wie Eulenspicgel heim beschwerlichen Wege bergan getrost auf lange Sicht Optimist sein. Denn Geschichte und Lehre, sic sind uns sicherste Gewähr tpis ui3l-in[[:pun tuoja.wtpg ui3[|i: jaimq ^ep ‘jiijnpdie große unendliche Kraft der Güte,, der Gerechtigkeit und der Liebe offenbart. So können wir getrost weiterwandern — wenn auch iin '„Schatten von morgen.“