Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 22 (27.5.1936)
- Date
- 1936-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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. BERLIN 27. Mai 1936 *8 PREIS 25 PF. J: Nr. 22 / 16. Jahrgan« JÜDISCHE AlkGEHEMi SchriUteituns und Geschäftfstelte: Berlin-Charlotienöun; 2, Bleibtreustraüe 2. C 1 Stelnpl. 3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eGmbH. Berlin N 24. Postscheck-K.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RAL 1,— monatlich uuzugl. RM. 0.10 Zeitunjfäjrehühr und Bestellgeld), bei Streifbandrertand tuzügl. RU. 0.30. Verlug: WrlugsgenuMeaaubait ,«o Deutschland ansässiger Jude» tu llerlis efimbll.. B’.n.-Chorlotieoburg 2. .Bleibtreiutr. 2. Aiuoitfcnpr.: Die )2gesp. tnm - Zeile RpL 8. für PäintUeitanzeigen Rpl. t». "lür Stellengesuche Rpl. 5 Bei unverschuldeter Nicbtbelieferuog t>estebt kein Anspruch auf Vergötuu*. NEUE FOLGE DER J U P I S C H - L I B E R A L E N ZEITUNG Kleinkrieg in Paläftina Trotz der Verschärfung der Ausiiahmclicsiimmutige ti in Palästina, die praktisch dem Belagerungszustand gleichkimuueii. und der. Verstärkung der palästinensischen Besatzung hat der Terror der Araber wahrend des Wochenendes den Charakter eines regelrechten Kleinkrieges angenommen. Blutige Zusammenstöße zwischen Arabern und englischem Militär, die wiederum Todesopfer gefordert haben. Bombenabwürfe, Brand* stifttutgen, . Anschläge auf Iluuser, Brucken, Eisenbahnen und Straßen kennzeichnen den Ernst der Situation. Das Zentrum des Aufruhrs ist jetzt Nablus in Nurdpalastina, das biblische Sichern. Die außerordentlich umfangreichen Vorbereitungen der englischen Polizei- und. Militärbehörden lassen darauf sehließen,' daß man im Okerkonimissariat mit einer Fortdauer der Unruhen rechnet. Der «Jerusalemer Korrespondent der „Times“ äußerte dieser Tage, die Unruhen wurden anhalten entweder Ins es zu einem Waffenstillstand komme, weil beide Seiten vom Kampf genug haben, oder bis ihnen durch St an d r c ch t ein Ende gemacht werde. Ober die wichtigsten Ereignisse der letzten Tage veröffentlichen w*r nachstehend eine Zusammenfassung auf Grund der vorliegenden Meldungen der Jüdischen Telegraphcnagcntur. Aufftandsbeweguiig in Nablus Blutige Zusammenstöße zwischen Arabern und englischem Militär Jerusalem, 25. Mai. JTA: Int Laufe des Sonntag ist es infolge eines von einer großen arabischen Menge versuchten Angriffes auf das Gefängnis Nur el Srhemcseh. bei Tiilkurnn zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen Arabern und englischem .Militär gekommen. Der . S t ii r ui auf d a s G e f ä u g n i s galt der Befreiung der dort untcrgchrachteu ‘arabischen Sträflinge. Der Angriff wurde von Truppen ahgewehrt. die aus Gliedern \erstärkung erhalten hatten. Die Araber wurden von Militär- .ablcihmgeh verfolgt. Im Gebirge, wo sieb mehrere Gruppen der Denionsiluiucii ' verborgen ballen. -kum cs immer wieder zu kleinen Feuergefechten mit den Kebellen. Nach den bisher vorliegenden Berichten ist ein englischer Soldat in diesen Gefechten gefallen.. Auf beiden Seiten gab es eine größere Zahl von \ crwtindclcii. * ln einem amtlichen C.omnmimpie werden Mitteilungen über eine Aufruhrbcw.cgung' in Nablus .'Sieben)} gemacht. Englbelie Truppen sind von allen Seilen von Arabern 'angegriffen worden. Sie wurden aus den engen winkligen Ga-sen und von den Dächern her beschossen. Infolge vier Kritischen ' Lage waren die Truppen zunächst genötigt, sich aus der Stadl /iniirkzuzi.iivii» Erst nach Eintreffen bedeutender Verstärkungen konnten die Truppen in die Stadt eiumarseluereu mul die Ordnung wieder hcrstellen. Die Besatzung befindet sieh ui dauernder Alarmbereitschaft. Auf Befehl der ’ Regierung sind bisher über zwanzig arabische S t r c i k f ü Ii r e r v c r h a f t c l worden. In den Straßen von Jaffa wurde eiue größere arabische Demonstration''Veranstaltet. Diix Teilnehmer an‘der Kundgebung wurden nach erbittertem Kampf durch -Militär vertrieben. Wahrend der Kämpfewar auch Ges eh ft l/ilo n u e r zu hören. Die Zahl der Opfer ist noch nicht bekannt. In Nablus ist am 22. Mai der Ausnahmezustand verkündet worden* Die Bestimmungen des Ausnahmezustandes iu Jerusalem wurden durch Vorverlegung der Polizeistunde von -7 Ihr auf 6 Uhr 30 abends neuerlich verschärft. Zum ersten-* mal seit 11)29 Italien infolge des ■Ausnahmezustandes' die Juden am Freitagabend in Jerusalem dem Gottesdienst «licht heigcwnhnt. Seit Sonnabend stehen alle Straßen in Mittel- und Sudpaläsliuu faktisch unter Kriegsircht. dir durch eine Verordnung das Verkehren von Fahrzeugen einschließlich Autohussen von diesem Zeitpunkt an südlich der Linie Tantum—Afüleh—Gescner— Mnehanajim ohne Passierschein verboten ist. .Dank dieser Verordnung werden künftighin die Straße Jerusalem—Tel Awivv und andere Straßen besser gegen überfalle geschützt nein. In einem Ucgicrungseon\mui\h\ue wird mitiieteiU. daß das Verbot des Straßenverkehrs ohne besondere Erlaubnis in Mil ich und Südpalüslina sieb auch auf die Stadtgebiete, mit Aufnahme von Tel Avviw. erstreckt. Ferner wurde eine Verordnung herausgegeben, durch die die Polizei ermächtigt wird. Personen, bei «lenen «lies notwendig erscheint, aus einer Stadt in ein»* andere zu v e r - bannen. Auch II a u s a r r o s t kann polizeilich verhängt werden. Man nimmt an. daß dies.* Verordnung- «las Vorspiel ztt strengeren. Maßnahmen gcgeii die Terrorkampagnc der nrahisehcii Füiirer i*t. ’ Tel Awiw. 25. Mai. JTA. V«>n arabiseJn-u Kfdinen aus .haben . Terroristen “zwei Bomben gegen «len vor Tel Awiw auk-'niJru deutschen D a m p f <• r H i e h a r «1 Borchardl geworfen, de*»;*» Ladung eben gelösrbt werden sollte. Der arabische Anschlag mißlang. Mit den Lösehungsarbciten wurde Begonnen. Attentat gegen Waudiope geplant? Jerusalem, 25. .Mai. . JTA. Die Lage im ganzen Land ist außerordentlich gespannt. Die arabischen Terroristen versuchten, die Verbindungen zwischen «len englischen.Truppenteilen zu zerstören mul sie in Verwirrung zu bringen. In Nablus wurden von der ..Schwarzen Hand*’ Unterzeichnete Aufrufe in -englischer Sprache , verbreitet, in «lenen die Soldaten gewarnt wertlen. sieh in den Straßen zu zeigen. ..wenn timen ihr Leben lieb sei**. Tn Jerusalem wurden die Siohenmg-maßnahmen für die. lU'gicruugsgcbäude und das Wohnhaus des High Cnmmissio.ner Sir Arthur W.auehope erheblich verstärkt. Die Regierung soll die vertrauliche Mitteilung erhalten haben, «laß sciteüs der arabischen Terroristen Attentate auf «len High Commissiemer und andere hohe Rcgicnmn-Iicamte geplant seien. Die Tclophouverbinihuig mit Emck Gliefer ist unterbrochen .worden. Du sollst! Schowuaus 5696 Von HEINZ KELLERMANN1 Der Geschichtsschreiber. der im Pessachfest den Beginn der jüdischen Geschichte erkennt, hat das Wesen der jüdischen Geschichte nicht voll erfaßt. Völker, die hinter ihrer Geschichte ihr Spiegelbild suchen.-Ruhm der politischen Leistung, Glück und Unglück des persönlichen Schicksals, Selhsthestätigung und Selbstrechtfcrtigung, können auch im Hansell erster oder wicdercrworbcncr Freiheit den historischen Triumph des eigenen Wesens feiern, liier wird Geschichte zur Selbstdarstellung, das Volk erlebt in jeder Tat sein eigenes Ich: Geschichte ist. was geschieht. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, wäre auch die Befreiung. aus ägyptischer Sklaverei Geschichte, freilich Geschichte von jeher Art, die sich im Effekt — nicht in ihrer wundersamen Begebenheit — von dem Pragmatismus der gewöhnlichen Volksgcsehichtc in nichts unterscheiden würde. Aller Sinn würde sich im Geschehnis erschöpfen und das Prinzip wäre bereits in der Reihenfolge von Glück und Unglück beschlossen. Freilich ist diese Reihenfolge von einer unvergleichbaren und unvergleichlichen Beschaffenheit; so unheimlich und unfaßlirh in seinem erschütternden' Wechsel von Freud zu Leid, daß Herder die nackte geschichtliche Existenz "Israels bereits als Wunder bezeichnen durfte. Aber Israel wäre nicht. Israel, wenn seine Geschichte nicht mehr mul nichts anderes wäre als eine tragische Datcnhdgc, das Da u c rer I ch n i s seiner gef äh rdclcn E x i s t e n z. . Seit der Mensch begonnen hat, geschichtlich zu denken, d. h.. seit er sein Lehen nicht als zufällige und darum verantwortungslose Einmaligkeit, sondern als' eine ..Bestimmung, die alle auf gleiche Weise miteinander teilen", betrachten lernte, seitdem hat der Mensch nicht aufgehört, sich Gedanken über diese Bestimmung, über dcii Zusammenhang, in den er hineingebpren ist, kurz über den Sinn der Geschichte zu machen. Er hat ihn in vielem gefunden, sei es in dem Machtwillcn der Einzelpcrsönliehkeit. sei cs in dem Wohlstand der Gemeinschaft seines Volkes, immer oder doch fast immer ist cs so gewesen, «laß ihm die Geschichte seihst, die objektiven Geschehnisse, die sich seinem suchenden lllick darhoten, zugleich den. Sinn zu liefern schienen, ilcssen er bedurfte. .Das aber war das Charakteristikum der meisten Geschichtsdeutungen, daß der. Sinn der Geschichte sich in den Sinn der speziellen Volksgcsehichtc verwandelte, sich dem Nutzen der Gemeinschaft unterordnete, dem der Gcscliichtsdcutcr angchörtc. So war das .Gcsrhichls- Liewußtsein des Römers gegründet auT den Sinn des Imperium Romanum, des Engländers auf die Mission des British Empire, des sozialen. Revolutionärs auf dem idealistischen oder materialistischen Bewußtsein der Gruppe, der er zugehörte: Dreifach unterscheidet sieh das .Judentum in seiner Geschichtlichkeit von dein aller anderen Gemeinschaften. Seine objektive Geschichte erhält ihren Sinn nicht zugleich mit ihrem Beginn, sondern danach, nicht durch ihre leibhaftige Tatsächlichkeit, sondern außerhalb. ..ja ühcrhalb ihrer. Die Geschichte Israels, sein Nur-Historisches. mag heim Auszug aus Ägypten beginnen, ihren Sinn erhält sie erst am Sinai. Und weiter: Dieser Sinn ist so wenig wie an Pharao, das Tote Meer, die Wüste, an geschichtliche Fakten oder historisch-politische Stätten, so wenig überhaupt an die Vergangenheit gebunden. Nicht zurückschauend gewinnt-Israels Geschichte Sinn,, sondern vorschaucud. Das-zehnmalige ..Du sollst'." am Sinai verlegt im Gegensatz zu dem Geschichtsbewußtscin der alten und der modernen Antike den Sinn der jüdischen Geschichte in die Zukunft. Und schließlich: Der Sinn der jüdischen Geschichte ist jüdisches Eigentum . nur als Pflicht, als Segen aber kommt er allen zugute. •s Nicht Vergangenheil bindet, 'sondern die freigew-fil» Itc ,(> rd innig, die jedem offcnstclit. Das ist der Sinn \ou Tora lind llaflara am Srhowuausfcst. Damit wandelt der Sinai den - Begriffder jüdischen Geschichte um. Die nalüriiehe Objektivität des,Seins erhält ihren Sinn durch die Ordnung des Sollen«. Leiten andere Völker ihre Ordnung ans dem Geschehen ah, so leitetim Judentum die Ordnung des Zelmworts alles 'Geschehen. Jüdische Geschichte, geschieht nicht nur. sie luit zu geschehen, sie ist nicht nur. ein Sein, sie ist ein Sollen. — * Dei 'jüdische Mensch uns er er Tage ist über Pessarli selten liiuausgekmiuuen. Sein Verhältnis zu seiner Geschichte ist meist das rüek-sehiuicnde des Betrachtenden, selten das vorschauende des Ordnungshcreilcu, das sentimentale des Gebündelten. selten das verbindliche des Verpflichteten. Die Vorstellung, seihst aus Mizrajim gezogen zu sein, fällt dem heutigen Juden leichter als . das Bewußtsein, a in S i n a i g c s t a » d e n zu haben. Gewiß, der Jude von l'JJO stellt weiter als dervon ID.'tll. Er fühlt sich nicht nur mehr als Gefangener der jüdischen Geschichte, er lirkciml sich zu ihr. Wir wollen über die Freiwilligkeit dieses. Bekenntnisses nicht rechten, uns geht nur die Verbindlichkeit dieses Kckcimtnisscs etwas an. Ist cs die Verbindlichkeit einer Seinsordumtg odciydic \ crliiudlirlikeit einer Sollciisoi-dmiugV — Aul 'den ideologischen Gliaraklcr des heutigen jüdischen Bekenntnisses kann cs bei Prüfung dieser Klage nicht aiikoiiimcn. Ob politisches, oh unpolitisches Judentum,: ob zionistisches oder iiiclilzionislischcs. oh nationales oder religiöses, cutschcidcm! ist nicht die Zugehörigkeit' zur Griippcimieimiiig.'^ entscheidend ist die real e p e r s ö u I i e Ii e I! e z i e hu n g des einzelnen zur jüdischen Gesamtheit, der praktiselte- Niederschlag des theoretischen Credo. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die persönliche Beziehung vieler o r g a u i s a t o r i s e ii e r Natur ist, das lieile.utet weniger politischer als gesellschaftlicher Ali, Die Gemeinde, der Verein, der Glüh, der Rund, die Loge u. a. bilden die offizielle^ he Repräsentation. Die lierühruug mit dem jüdischen Menschen ist das reale-Ergebnis dieser.Beziehung; weil weniger'intensiv ist die gleichzeitig erfolgende Begegnung mit dem durch den Filter der jeweiligen. Organisations-Richtung „gereinigten" jüdischen Stoff. —. Hand in Hand mit dieser organisatorischen Bindung entwickelt sieh hei vielen eine a es t It c t i seit e Beziehung zum Jüdischen. Sie hat zweierlei .Wurzel. Entweder entstammt sie einem gewissen Stolz, mehr noeli einem selbstbewußten Poelien auf eine gewisse exklusive Haltung, wie sie die Juden in Deutschland im Politischen. Gesellschaftlichen und Kulturellen ciuzuiiehmen gezwungen sind, oder aber auch einem hall) aus historischem. Half» aus nktupllcm Interesse gespeisten Vergnügen au der Wiederciitdcckung längst vernachlässigter antiker Werte. Praktisches Beispiel für .das'erste: der K u 11 u r h un d : für das zweite: das 1, e h rli a ii s. Kiiieu wesentlichen Baum, iu den Modi der neuen ...lüdisehheit" nimmt die politische Beziehung.des jüdischen Beamten ein. und zwar des Organisatioiisheamten. Sic entspringt einer durch bestimmte sachliche und technische Zuständigkeiten begrenzten Verantwortung für das Leben' jüdischer Menschen. Alle diese üczieliungsm.odalifüten sind aber nur typisch füi die Scinsordmmg der^jüdischen Aktualität. \jm einem Imperativ, der filier die .Schranken der durch die . Tatsachen beherrschten geschichtlichen Situation hinaus als ordnende Kraft in das Leben der einzelnen und der- Gesamtheit cingrcifcii könnte, kann bei all dem nicht die Hede sein. Letzten Endes ist cs die Vcihindlifhkcilder Sciiisnrdnung. die solange lebt wie die Seinsoriliumg sgjtjsj igd daher im Sinne jenes *t)8pu|}{8pSÄ* qosjoqog a• jq .