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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-05-06 · 19 (6.5.1936) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
19 (6.5.1936)
Date
1936-05-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Beilage 6. Mai 1936 JÜDISCHE AUGEMHME ZEITUNG Begegnungen mit Juden Von OTTO AIIKI.KS . Gefragt: Hebräifch, Englifch, Spanifh Was ein Sprachlehrer erzählt — Ellen lernt Japanifch —Ganz Jo fchnell geht es nicht! — Sprachunterricht familiemveife — Zwei vorbildliche Schüler Die Sprachlehrer und Sprachlchrcrhmctv haben Hochkonjunktur. Die Sucht, sich die Keiuitiusse einer fremden Sprache anzueignen, um mit ihrer Hilfe in einem fremden - Lande das Fmdument zu einer neuen Existenz zu schaffen, hat nicht nur die jüdische Jugend, sondern auch die Menschen der alteren Generation ergriffen, <lic eifrig bemüht sind, halb vergessene Sclmlkenntiiisse aufzufrischen oder neu zu lernen, was'sie früh ver-, ubsuumt haben. Welche fremden Sprachen werden zurzeit am meisten bevorzugt? Da ist zum Beispiel meine Freundin Ellen — freilich ein Fall für sich. - Seit Jahren Erzieherin iii einer jap«u»i»cliem Familie, kennt sie eine Unmenge von Vokabeln und Redewendungen . dieser fernöstlichen Sprache. Jetzt soll sie mit in das Land der Kirschblüte gehen und nun paukt sic mit stürmischem Eifer, unterwiesen von einem japanischen Studenten, von Griuid auf seine Muttersprache. Soweit 'hinaus in die Welt führt das Schicksal aber nur weuige Juden. Was bei den Sprach- Ichrkraftcn am stärksten ..gefragt4wird. Ist neben Neuheb r ä i 5 e h das- Englisch e und S p a n i s c h c. Spanisch wird heute viel häufiger zu lernen verlangt als Französisch, weil es, neben dem schwierigeren Portugiesisch, die Sprache Südamerikas ist. Es ist nicht leicht, den vielbeschäftigten Sprachlehrer zu treffen. . Herr X. lehrt Englisch und Japanisch. Seine älteste Schülerin wird in wenigen Tagen 74; sie lernt Spanisch, weil sie zu ihrer verheirateten Tochter nach Rio will, die jüngste zählt zwei Lenze. .Von ihr wird hier noch später die Ilcdc sein. bisher hatte man stets angenommen“, erzählt der Sprachlehrer, ..daß besonders altere Leute nur dann Sprachen erlernen, wenn sie bestimmt wissen, daß sic sic benötigen werden. Heute dagegen nehmen sie vielfach Unterricht, um für den Notfall wenigstens Englisch zu können. Viele baten Verwandte im Ausland, andere wissen noch nicht, wohin sie auswandern wollen. Törichterweise ■wollen., von ollen Beteiligten 98 <'/o nichts von der Grundlage aller Sprachen, der Grammatik, wissen, auf die eigentlich nur noch nicht schulpflichtige Kinder verzichten können. Einzclsttmdcn sind am beliebtesten.' Unter den zahlreichen Schülern, ,dic ich augenblicklich unterrichte, befindet sieh auch ein lettischer Analphabet. Seine Mutter, eine Jüdin aus Deutschland, hat ihm in seiner Kindheit notdürftig lesen und schrcil>cii beigebrarht. Das und ein paar rechnerische Kenntnisse sind alles, was der Mann aus Lettland neben schier Muttersprache und gebrochenem Deutsch kann. . Der junge Mann, der jetzt zu Verwandten nach Nordamerika gehen möchte, faßt einfach keine Grammatik, so leicht faßlich , man sie ihm auch darhictcn mag. Was cs mich für Mühe .gekostet hat, diesem Schüler die gröbsten englischen Sprnchkeimtiussc beizubringen, kann nur ein Fachmann begreifen.“ „Oft kommen“, fährt der Sprachlehrer fort, „namentlich ältere Menschen zu mir, mit dem Wunsche, ip knapp befristeter Zeit eine Sprache zu erlernen. Wie manchmal höre ich nicht zum Beispiel: „In. zehn Tagen will ich meine Verwandten in Spanien (Frankreich, England) besuchen, kann ich bei Ihnen bis dahin wohl soviel lernen, duß ich mich drüben verständlich machen kann?“ Natürlich gibt cs ungewöhnliche Sprachtalente, . denen sogar das gelingt, die kommen jedoch liedniicrlichenvoiso höchst selten zu mir. Leider haben sehr viele jüdische Schüler schon die Geduld verloren, wenn sie nach einem Monat — I>ci einer. Stunde wöchentlichen Unterrichts! — noch keine fremdsprachliche Lektüre treiben können. Jegliche Ausdauer fehlt ihnen, und obgleich man gerade heute im Ausland >0 gut wie verloren ist, wenn man sich nicht verständlich machen kann, ziehen diese Unverständigen es vor, den einmal begonnenen Unterricht nicht fortzusetzeu. Die Angestellten, die den ganzen Tag hindurch auf den Beinen sind und nur ate*nd» oder Sonntag vormittag zum Unterricht kommen können, sind seltsamerweise viel eifriger und gewissenhafter bei der Sache als Privatleute, diesich auf die Auswanderung vorberritrn und über ihre Zeit Herr sind. Wer aber wirklich den Trieb hat, vorwärts zu kommen und einiges Talent milhringt, kann in neun Monaten so weit sein, daß er sprachlich im Ausland gut weiterkommt. - Unter meinen Schülern befand sich ein Ehepaar mit einem fünfjährigen Jungen, das Spanisch lernte, um nach Guatemala * auszuwandem. Der Junge war stets im Zimmer, wenn ich seine Eltern unterrichtete, und lernte so in des .Worte» wahrster Bedeutung ..spielend“ die Sprache. Wir wurden überhaupt erst darauf aufmerksam, als ich nach einer Vokabel fragte, die weder sein Vater noch seine Mutter im Gedächtnis tehnltcn hatten. Der kleine Kerl wird., zunächst in der neuen Heimat eine Inuichtliclie Sprachstütze seiner Klient werden. Sogar das zweijährige Mfidolchcn eines Arzt-Ehepaares, dem ich Englisch beihringe. erfreut' uus gelegentlich während des UntcmcUt». bei dem es ständig dabei ist, mit englischen Sprnrhhrockcn. Zu - meinen „Klienten“ gehören Menschen aller Kreis«* und Bcnife, Akademiker, viele Handwerker, Konfektionäre — crstaimlichcoveisc mehr Männer als Frauen. Es gibt auch eine Ileihe von Familien, die gemeinsamen Unterricht nehmen. Und mich datici zeigt es sieh wieder, «hiß durchaus nicht jY«Ics ..jüdisch«: Köpfchen“ sprachbegabt ist. Doelt gerade unt«*r dieser Schfilcrkntegone gibt es solche, die mit brennendem, echt jmlisrlirm Ehrgeiz durch Fleiß «las nachzuholcn suchen, was ihnen dir Natur nicht mit auf den W’eg gab. Meine vorbildlichsten Schüler sind die Frau eines kleinen Geschäftsmann«*.», der v«m früh bis spät unterwegs ist, 11m «lic Seinen durehziihringcn. und «‘in älterer Drogengehilfe. Die Frau nimmt täglich eine Stunde, um alles, was sie hei mir lernt, ihrem Gatten beizubringen, solange es mich ganz frisrh in ihrer Erinnerung Ut. Der Drogist aller hat s«*it vier Monaten auf seine Tisehfceit verzichtet, um seiner Krau, <h*c von ihrem Kindchen uirht fortknnn. das bei mir in diesen Stunden erlernte Spanis«-h I>eiztihringen: ..solaugr sein Köppchni noch raucht“, wie er sich ausdrückt.“ Kufe WirndiowitZ. Ein Journalist hat sich mit offenen Au^en in der Wett des Ostens (ungetan und schildert in fesselnden Skizzen In seinem deiaaJclut im R. LAwit Verlag. Wien und Jenisalem, unter dem Tllel „Hegr^nungen * mit Juden", erscheinenden Buch das unmittelbare Erlebnis seiner BeubacU\un>;en jinUscber Menschen und JihUschtn S«V>\«hsa\v Mit Erlaubnis des Verlages veröffentlichen wir nachstehend, einige Proben M o s r ii e Hirsch, «1er 11 a n »»c r c r ln-der Erinnerung der älteren Matlrrjxlorfer lebt da» Au— «letikeu au «len kleinen armen Hausierer Mosche Hirsch,-«Irr am Sabbat nnchmiltag Vortrage hielt, ein richtiger Nolksnmiiu <«m. reinster Gesinnung und hohem Ethos war. Zwei Hirsch-Anekdoten, durch mündliche Überlieferung erhalten, »eien hier cingefügl: ..Von einer Heist* soll man uictiml» hungrig nach Hmim:' kommen. Kann sein, daß kein E»seu vortefcilet ist. Kami sein, daß tuuu auswürt* schmackhafter gegcs»cu hat. Kanu sein, ‘laß man int Hause keim* Ordnung, die Frau nachlässig gekleidet, «lie Wohnung nicht gut gelüftet antrifft. Kami sein, daß von «len Kindern am I Iau-r.it ein Seliaden verursacht wordni ist. Der hungrige Heimkehrer i»l dann »ehr zu Unzufriedenheit, Streit und Zank geneigt. Der \V.»hlge.»älligle aber wird mihle »ein. Iß mul trink, bevor du «lein Han?» betrittst lind dh* Mi\»u»nh küssest. So vertreibst du den Hnu-*fri«,«leits- und Elieslörer aus deiner Brust.“ „Ein S«>hn hatte den Vatcr'-zu erhalten. Er tat vs anfangs . freudig, später unwillig, hcgaiiiUdatin d«*n Alten die Abhängigkeit fühlen zu lassen, wurde^ruh, und e» geschah in» \«*rk»ufe eitu*» Streite», daß er, v«mi Zorne »ihermmmt, den Vater an «ler Schulter faßt«* und au» der Wohnung sihleppeu wollte. lb*r Greis ließ den entarteten Sohn shumn gewähren. Ater als mau l»ei der W’ohmiugstür anlangle, herrschte er ilm an: .Nicht *w«*iter! Bis hierher bäte* auch ich meinen Vater getragen!' . . Die fc'hüln, in welcher der alte Hausierer Hirsch Milch«*» zu sagen wußte, hatte ihre besonderen (Qualitäten. Außerdem.: Der Scluuumcs vuu Maue.rsdoct warf am Sete'mmL A/.ereth aus dem Svnugogritfcnsler Näss«: auf «lii* versammelte Gemeinde; tei Hochz«*itcii rief mau in der Gaßims: „Alle grte*h*m*n .teil Millen kümmen und Milieu das Eßzeig milhringeti“; am Simchas- Thoru-Ateml wurde der liebte unter dem flm-hzeitshahlnehin. mit Miisiklicgleittmg, von Fackellrägeni flankiert, auf den Sclmltern «ler Hmlturhn nach Hause getragen: und «lic Kandidaten für die Milglh«lselmft der Gliewra Kadiseha mußlen einen llieaeuhnnipcn feurigen Ungurweiites leeren. Der t r i n k f «•» 11* S y n a g «> g «• 11 in «ler t^herrasclieud «lie Imjeimusstattimg «ler Synagoge, Die ,lu«h*ugeitu’inileließ «•» tei dem »ehr niisrlmhYlicfi T«*m|H*ls«4nimek: zwei gewaltige lachtstftuder, ein 1mlzgcs«4mitzter Ililngrlciirhtei* v«m üppigster Entfaltung «ler Aste uml ‘Zweige, sowie tei «len sehr-wertvolle»» Mes»i»»gstüeken «ler Wviterwhhl nicht bewenden, ln den Scehzigerjalin:» terief man einen «Ininals a»g«*M*bem*H -Künstler, den Maler Krauß, nacli- Lak«‘iiha(*h uml heanfiragle ihn, dus Ciewölte und «li<* Wände des Teiti|*d» mit Freske» zu M'hmüeken. Die Bedingungen, die Krauß «len» Kabul vor' Ih-gini» seine» Werk«'» stellt«*, sind imch heute unvergejw«‘n; Eine Patten«' von Weinflaschen mußte stets hcreiislchen. Olm« tüchtig«* „Unterlage“ sei er nicht «cJmffenafremlig. Es will während dep-hflml--- Irrischen Ausgestaltung «ler Sycyigogr «lurrh «len «lurstigen Maler in Lakenhach recht“ fidel zugrgongeu sein. Er lieht«* es JinliH, während «ler häufigen Arhritspnusen ‘mit Beinen» V«»rrat nn uugariselieit Weinen allein zu »ein, »nid die Bailuittiiu fanden id«*l» zum steigenden Verdruß ihrer' Galtiimeii. mit Vergnügen bereit,, ihm ausziihelfeu ... . Der alle Sr h er e n .** e h I e i f e r Am Marktplatz von Satu-Mare hat ein jfltlisehrr Sclier«*n- »ehleifer seinen Siand. Ein alter Manu. Der lauge Kaftan ist zu rück geschlagen, damit «1er Fuß. der «hm Itzt«! dreht, Bewegungsfreiheit hat. "Der Plfisehhul ist in «len Nacken gerückt, apf «lei« gefurchten Stirn perlt «ler Schweiß, «1er Kopf ist tief geneigt, «lie «lieke Brille 'terfthrt teinahn «len S«*hlrif»tein. fei» komme hin C«-spräch. „Wie grhl es Euch?“ — „Niehl gilt.“ — „S«*hleehte Zeilen, wenig Arbeit?“ — ..Nein, ieli venliene. was ich brauch:*. Ater «lie Augen sind schon sehr schwach.“ — Tch verstehe. „Ihr könnt Euer Handwerk uirht mehr im-isteni. Ihr seht nicht gut genug, um das Messer richtig au «!«•» Stein zu legen «uni zir schärfen?“ — „Nciu. Ich hub es im foftilil, in «len Fingern. Die Ihlmlr arteiten von solle«! und genau. Muß Indtu Schleif«**» «Ue Augen nicht 'anstrengen, AImt ich kam» um AU*»»«! l»ei «ler I.an»i>c nicht mehr in der heiligen Schrift lesen.“ — Man sagt es besser mit srineir Worten: „Ich kenn keilt Seifer leineii , . Nicht jrd«* Volk hat Sch«Trusclilcif«*r, die üuglüeblich sind, weil sie »ich «Ir» Nachts nicht «ler I/dirc hingelM-ii kiiimen. Uml: Dieser einfache Idul-nnne Mann erfüllt ein« Aufgn!>« in «lieser Zeit de» Ungeistes." «la der Großstadtjud« sich kaum mehr auf * dem Niveau der /«fitungslrktüre hall. Hörlisles Gut ist dem lieiligen Kämpfer für «len ifiiliselien Geist' in <l«r Zeit «ler Ent- , freindung «Ins Biudi. «li<* SeJirift. Die Tram-r, «lii* ihn lirzlrüekt, weil ihm die hebrfuriben I^<*ttem'v<»r «len Aug«*n verwüiwiimneii, ist die Trauer uin alle, «lie Augen hnheu uml nicht sehen. - Er steht «In, der Alte, auf «l«*m Marktplatz von Satu-Mare, ein Pntrinrrh, ein Vater, um uns all« hangt Hm. Al>cr hier in dies«’in - schönen lind gesegneten Lnmle hat «li« KnsJieiming «Je» Schcmwhh'ifers ihr« hesumlcrc B«’«feutiing. liier stoßen sielidie Gegensätze hart im ltnuuie, Jüdistfik«Mt lin«l Entjmhuig siml eng benachbart. Transsylvanien mit «lern Banat ist geradezu ein« Vereinigung aller Spielarten, aller Farin*!», «lie «In» Jmhmtum «Ich Kontinents bis tief in den Osten nnfweist uml, gelegentlich mengt sifb ikmIi das TemjM-rmncnt, der Im-Im'iihsiH «Ich ori«mU»Ii«ehen Juden in diese Buntlieit, Alle SrhutzfnrlMMi pr仫*nliereii sieh, welch« «he Juden der Verstreuung im Kampf um» Dasein migemmmicn linlsm, annehmen mußten. 5f«u»t ist «lie D«-«kfarls: «liiiui nufgidrngrn, «la.» jüiÜHche Herz [sieht <hir«*h «Ü« Kruste. Maiiehnml freilich ist er hart und starr, «ler Cher/.ug, welcher «len Feiml läus«-Iien,' ahleitkeu soll; nach außen erfüllt er «len Zweck de» Panzern nifhl. nach innen ulite er «Ile dumpfe Wirkung von Ki-rkerinauern. «las urinr Iler/, ist. abgestumpft. Volljude», llalhjmlen, X'ierteljinirn uml Israeliten; grobsehläclitige Bauern uml fromme Wakljiulei», weniger stark«*, gar nicht gläubige. s«*hmächtige, aber in liest«: englisch«* Stoffe geklehlete Stn«ltherren; Jeschiwnh-.lünger, filier «len Talmud gelieugt, Bur»«-hen mit Sehläfeultx'keri und Kaftan auf iingesullchcri Pferden; alltTcfnfncliste Kleinbürger. allernolMrlst«: KhiliniensHien, geM*tze,str«*ue Juden jeglicher Somlerart, I nglaiihige jeglicher KasMMi. Mystiker und Abenteurer, Fniuitiker «ler Lehr« und Fanatiker «ler Kartentische, wunderbar regsam«!, .9on«h*rhar matt« Söhne «le.s alten Volke» — alle sind sie in ,«le»i' Gauen Ne.urumänien» diesseiCs von Üra»»ow' auzutreffeii, als hätte sic hier eine Mirgliche Hand zu**anuneiigetragen, glci<*h<uini in eineia Der Begründer der Pfychoanalyfe Zun» 80. Geburtstag Sigmund Freuds * In feiner Rc«le zur Einweihung «1er Hebräischen L-nivcrsilät in Jerusalem hat Lord Balfour den Wiener Professor Dr. Sigmund Freud als eine der genialsten Gestalten bezeichnet, die «lic Weit «lern Judentum zu verdanken hat. So bemerkenswert diese Charakterisierung «les .Begründers der gerade in englisch sprechenden Ländern verbreiteten Psychoanalyse ist, so. wird sic doch nicht von der gesamten Kulturwclt geteilt; ober darin stimmen Gelehrte und Kritiker überein, daß Freud sein ganzes .Leben der wissenschaftlichen Erforschung und Vollendung einer Lehre gewidmet hat, die besondere Arten des Hcihmgsprozcsscs zu erklären versucht und ohne Anwendung körperlicher Mittel doch körperliches, auf psychischen» Untergrund beruhendes Siechtum beseitigt. In einer Reihe tiefdurchdachter Werke hat er die Grundlagen zu einer neuen Psychologie «1er Persönlichkeit gelegt und «lic richtungweisende Anregung zum Durchdenken kulturgeschichtlicher und biologischer Probleme gegeben. Schon als junger Nervenarzt hatte der am 6. Mai 1856 in der mährischen Ortschaft Freiberg, geborene Sigmund Freud Gelegenheit zu beobachten, daß viele im Untergrund des Bewußtseins ruhende Erscheinungen sich oft in Handlungen answirken. die nach außen als Krankheiten anzusehen sind. Aus.bestimmten Anzeichen, besonders bei hysterisch Erkrankten, zog er dir Schluß- . folgcrung, welche Kräfte in der Seele zusammen- und gegeneinanderwirken. Bei «1er Erforschung der Entstehungsgeschichte vieler Leiden fand der junge Gelehrte auch «Icn Weg-zu ihrer Tfeihinz. Er gewann «lic Erkenntnis von der Bedeutung der „verdrängten seelischen Komplexe“, -die oft bis in die frühesten Kindcsjahrc zurückreichen. Nachdem sich Freud I880 an der Wiener -Universität als Dozent für Ne»»ropathologie habilitiert hatte, kam er im Verein* mit Prof. Josef Breuer zu einer neuen The«rin über die Ursache, und Heilung der Hysterie, aus der er später die wissenschaftliche Methode «ler Psvchonalysc entwickelte. Währcn«l Freud anfangs in Anlehnung an die Suggcstionslehre von Charcot uml Bemlirim versucht hatte, das von Kranken vergessene Material dureti 'Hypnose ins Bewußtsein zurückzunifcn. setzte er spater die Methode «1er freien Assoziation nn «Icrcn Stelle. So gelangte er zur Schaffung einer neuen Psychologie* dun*h Anwendung der Analyse auf «lie häufisen Fehllei6*turnen «les Alltags und auf die Träume. Tn seiner „Psycho-Pathologic dcs AIltngs- 1 che ns“ wie« Freud nach, daß viele Fehlleistungen sinnreich sind und durch Wirkungen oft unliewußter Tendenz in Erscheinung treten. Und in seiner interessanten Schrift über „Traumdeutung“ prägte er den bezeichnenden Satz. «laß Traume die entstellte Erfüllung eines verdrängten Wunsches darstellen. Dann verfolgte er von der Traumdeutung dir Verbindungslinien zu Mvthus und Dichtung, untersuchte Rerht. Religion und Ethik auf ihre nsvchiechcn Voraussetzungen un«! zog nur!» die Pädagogik, die Erziehung 'Verwahrloster un«l A-ozialer in den Bereich der Anwendbarkeit der Psvcbonalysc. „Der Prophet gilt nicht»* in seinem Vaterland.“ Dieser Satz gilt auch von Freud, dem <*s erst nach. Jahrzehnten gelang, seiner Lehre allgemeine - Anerkennung zu ‘verschaffen. Narhdem er im Jahr 1909 durch Gastvorlesungen an CInrk-Univc**ität sein System in Amerika gewürdigt sahentstanden allmählich viele wissenschaftliche Institute, Polikliniken und ZcilM-liriflctt,' «lic der von Freud gewiesen«*^ Forsrhimgsriehtung gewidmet wären. Es wurde eine ..Internationale Psychoanalytische Vereinigung“ begründet, die jetzt viele Ortsgruppen in Europa, Asien und Amerika besitzt. Seim: in fast .alle Kulturspmchcru. üliersetzten Werke, wie „Das Unbehagen in der Kultur“, „Totem uml Tabu“, „Das Ich und E»'* und «las viehingcfciinlrtc Werk „D i c '/. u - ku n ft einer I llusion“, in dem er: «lie Entstehung «ler Religion psychoanalytisch zu begründen suchte, fanden allgemein«* Verbreitung. Auch an äußeren Ehningen fehlt es ihm jetzt nicht mehr: 1920 wurde er\«>rdcntliehcr Professor «ler NYuropathoUigi«* in Wien und erst vor *c«ii» Jahren wurde er «lurch «lie Verleihung des.Coelhepreises ausgezeichnet. Cher seine Stellung zum luden tum gibt Kreml selliHl in einer autobiographischen Skizze Aufschluß: „M«*inc Jugemlfiel .in eine Zeit, «la unsere freisinnigen Religumslehrer keinen Wert auf «lic Erwerbung. »011 Kenntnissen in «ler hehruis«'heu* Sprache und Literatur hei ihren Schulen» legten. Meine Bildung ist daher auf diesem Gebiet recht z 11 r fl 1: k g <• b I i e I» e 11, was ich später oft hctlaucrt haln:. Der jüdisclien Religio» stehe ich so fern wie alle» andere» Religionen, d. h. sitT sind mir ab Gegenstand wissensehaftliehen Interesses hochbedcutsnm. gefühlsmäßig hin ich an ihnen nicht Ix-tciligt. Dagegen Imin* ich immer ein starkes Gefühl von Z11 s n ni nt c n g c h«"» r i g - k c i t mit meinem Volk gehabt »ml es auch l>ci meine» Kimlem genährt.“ In seinem Buch „Der Witz uml seine Beziehung zum Unbewußten“ spricht er mich von «1er jüdischen Anck«!otc. «In» so viele tiefsinnige, oft bittere Lcbcnswnhrhcilen in »ich lx-rge. Sein ZusammcngchörigkeiLsgcfühl mit den jütlisch«*»! Glauliensgenossen bekundet «ler 80jährige WnhrheiLsfors«-her, «lern viele Gebiete-der. Wissenschaft erheblich«* Fortschritte uml viele Menschen die .Hilfe aus seelischen Nöt<*n verdanken, dureli sein«* < AHtgliedschaft im Kuratorium «ler Jerusalemer Universität und durch «lie. Teilnahme an «lern wirtsrhn ft liehen Aufbau Palästinas. M. S. Rticsf. .’ * _ ' AA’ie ans Wien gemeldet wir«IT veranstaltet der Akn«Icmiarhc Verein für medizinische Psycholog»* am 7. Mai zu Ehren des 80. Geburtstages von Sigmund Frcu«l eine Festsitzung. 1k*i «ler »1. a. «ler . Nobelpreisträger Professor Julius v. Wngncr- J nuregg .'der Altmeister der Psychiatric, eine Ansprache halten wird. ’ Jüdische» Lchrhatis Berlin. I) o n n e r s t a g - R e i h e: E» sprechen am Donnerstag, «len 7. Mai. -O.IJ Uhr, Aula Joachim»-- tlialcr Straße 18, Paul Eppstein un«! Eva llrichinann-Jungriuinu über „Organisches und organisiertes Jtiilcnlum“. und am Donorr»- tag. den 13. Mo». 20.15 Uhr. Aula JoarhirmthaJcr Straß«: 13, Max Vi rener ül»er ..Sentimentales' und natürln-hes Jmhutuin“. Verband Berlin des Jüdischen Frauenbundes. Donnerstag, den 14. Mai, nlicnd» 8 Ulir. im Khibheim Marlmrgcr Straße 3. Gruppe der Hausangestellten: UnterhalUin^salieml. Alle Haiidialtliilfeu als Gäste herzlich willkommen. Die Gruppe Neue Synagoge im Synagogenverband Berlin veranstaltet während «ler Scphirazcit Lebrv«»rl rage «ler Herren Rabbiner Dr.-Sänger, Dr. van «Icr ZyL Dr. Nusshatun: Sprüche «ler Väter“. - Musikalische Umrahmung: Oberkantor Gollanin. Eintritt frei. Nächster Vortrag: Sonnabend, den 9. Mai. abends 8 Uhr, im Trausaal, Oranienburger Straße 30.

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