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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-05-06 · 19 (6.5.1936) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
19 (6.5.1936)
Date
1936-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PREIS 25lPF. Nr. 19 / 16. Jahrgang BERLIN 6. Mai 1936 Eftthmf-jjedmßffutötk JÜDISCHE AI1GEMEME Schriftleitunj' und'Geschäftsstelle: Berlin*Charlottenburg 2, BleibtreustraUe 2. C 1 Steinpl. 3703. Bankk.: Kreditverein I. Handel u. Gewerbe eGmbH. Berlin N IM. .Postscheck-K.:Berlin25720 —^Bezugspreis: RM. 1.— monatlich tzuzugl. RM. 0.10 .wmJ Bctteftaeld). bei Streifband?enand iuzürI. BM. 0.30. Vertue: Verlarf»ueno»*eusbhatt tu lit-uiaalilanit aiM&Miaer JuUmt zu Berlin etimiill.. •r>lu.-Charl«>ttecl<urK 2.' ülmhtreuatr. 2. Auxri^eopr.: Dia I2ge*p. mm * Zeile Rpf. S. Ihr Fjiniliettanietgen Rjd, 6, hir Stellengesuch?'. Rpt. S Bei uueemcbuldeter Nichtbelieferuai» besteht Veiu Aatprueh auf Vergütung NEUE FOL GE D ER J ö D I S C H - LIBERALEN ZEITUNG Zionismus und Liberales Judentum Von Dr. CLAUDE G. MONTEFIORE und Rev. »I. L. PERLZWEIG Eine der Grüiiilcrurganl-atioiicu der World Union für Progressive Judaism„ isl die ..JcwL-h Religion* Union for ihr Advanceracnt of Liberal Judaism" in London. Ihr sind zahlreiche Vereinigungen in den verschiedenen englischen Städten angesclilosscn. Der Vorsitzende der Union. Claude G. Monteriorc. hat vor-kurzem eine Schrift hcrausgcgcbcn, die auch unter den Juden Deutschlands weitgehendes Interesse beanspruchen darf. In dieser Veröffentlichung, die den Titel fuhrt ,.\Vhy the Jcwish Rcligious Union ean he, and justifiably is. ..neutral4* as regards Zionisinu. versucht er nachzuweisen. daß das religiös-liberale Judentum ebenso von Zionisten, wie von Antizionisten bejaht und gefordert werden kann und soll. Er weicht dabei ebensowenig von seiner pcrsonliclien antizionistischen Haltung ah wie der Mitverfasser Rev. M. L. P e r I - •zweig von seinem zionistischen Standpunkt. Wir veröffentlichen nachstehend diese bemerkenswerten Äußerungen mit unwesentlichen Kürzungen derjenigen Stellen, die nur von der englischen Einstellung deir Verfasser aus ganz zu begreifen sind. •* Warum ist die ..Jüdisch-religiöse Vereinigung" (Jewisli Religious Union) in bezug auf den Zionismus neutral? Von'den beiden liier sprechenden Autoren ist der eine ein überzeugter Zionist der andere ein ebenso überzeugter Antizionist. Darüber hinaus aller findet der eine seinen Zionismus und der andere seinen Antizionismus aufs engste 'Verknüpft .mit seiner Gesamtauffassung vom - religiös-liberalen Judentum. Nichtsdestoweniger können beide diese Ausführungen unterschreiben und auch begründen. Wir leugnen nicht. daß einige Schwierigkeiten im Thema liegen, und gerade die Einführungsworte werden bereits zeigen, daß wir weder vor ihnen Zurückgcschreckt sind noch daß wir sie umgangen haben. Dennoch halten wir uns an die Problemstellung. Die ..Jüdisch-religiöse Vereinigung zur Förderung des liberalen Judentums11 in England dient einer ausgesprochen religiösen Bewegung. Ihr Zweck und Inhalt sind Aufrechterhaltung und Verbreitung eines bestimmten Typus Judentum. Man mag behaupten, sie umschließe die allgemeinen oder fundamentalen Lehren des gesamten Judentums, ebenso wie sic ihre spezifischeigenen Lehren hat. Wir geben ohne-weiteres "zu. daß diese Lehren im allgemeinen und auch im besonderen gewisse Gedanken enthalten, die sich sowohl im Zionismus als auch im > Nichtzionismus rechtmäßig, ja sogar unvermeidbar befinden. Wir wollen hier einige dieser Gesichtspunkte in Form von Fragen hcrausstellen: . -1. Inwieweit kann man 'die .Juden ili religiöser Hinsicht noch als das ..auserwählte Volk" bezeichnen? - 2. Inwieweit kann man sie als Nation oder als eine rciii religiöse Gemeinschaft betrachten? Wenn sie heute mehr sind als eine rein religiöse Gemeinschaft: sollte es ihr Ziel und Streben sein, eine solche Gemeinschaft zu werden und nichts sonst? 3. Ist das Judentum heute eine universale und übernationale Religion wie der Islam und das Christentum. oder sollte es versuchen: dies zu werden? Oder ist es gerade seine Besonderheit und seine Sendung, eine ausgesprochen nationale Religion zu sein und zu bleiben? Diese Fragen werden von Zionisten und Antizionisten sehr verschieden' beantwortet Werden. So müßten auch wir beide dies demgemäß verschieden tun: der eine vom zionistischen, der andere vom antizionistischen Standpunkt aus. Und wir müssen auch zugeben, daß diese Fragen und ihre Beantwortung - nichts Zusätzliches oder etwas Besonderes neben unserem jüdischen Glauben darstellen, sondern daß sie eine Art natürlicher Einheit mit ihm bilden. Denn die Religion eines jeden Menschen soll eine Harmonie, eine Einheit sein, sie soll nicht gewisse Besonderheiten oder Zusätze enthalten, die außer Beziehung zu allem übrigen stellen. Wenn wir trotzjilledeni beide diese Ausführungen veröffentlichen, so zwingen uns dringende und wichtige Erwägungen dazu. Wir fühlen lins in aller Aufrichtigkeit als liberale Juden. Für uns beide ist liberales Judentum die einzige Form des Judentums, in der wir gläubig sein, der wir darum angehören können. Fine Reihe von Juden — Zionisten und Autizinnistcn -— wenden sich vom Religiösen ab oder haben sich aligewandt, weil ihnen, wie wir glauben, das traditionelle orthodoxe Judentum unannehmbar erscheint und weil sie «las liberale noch nicht kennen gelernt haben. Außerdem ist der eine von uns beiden — der Zionist — sich der folgenden Tatsache bewußt: Fine große Zahl liberaler Juden ist bis jetzt antizionistisch gewesen. ‘ In dieser Hinsicht wandeln sich heute die Dinge erheblich. Bisher wur«le der größte Teil- «1er religiös-liberalen jüdischen Literatur von Nichtzionisten geschrieben und hat einen dementsprechenden Charakter. Darin liegt eine gewisse Gefahr: daß nämlirh viele Zionisten sieh vom Judentum als einer lebendigen Religion vollständig entfernen, weil die Orthodoxie ihnen unannehmbar, «las liberale Judentum hingegen verdächtig und verhaßt ist, da sie glauben, es sei unlösbar für alle Zeiten verknüpft mit Antizionismus. . Das liberale Judentum aber — und nun sprechen die beiden Autoren wieder gemeinsam —■ kann cs sich nicht leisten, sieh in zwei getrennte oder gar feindliche Lager zu spalten. Obwohl wir glauben, «laß dem liberalen Judentum die Zukunft gehört, so ist cs doch nicht stark genug, zwei getrennte Religionen, zwei Typen von Judentum zu bilden. Noch dürfen wir hoffen, -daß die Notwendigkeit einer Spaltung des liberalen Judentums in ein zionistisches und ein imtizionistisehes vermieden werden kann. Unter den heutigen Verhältnissen darf cs keinesfalls ein zionistisches liberales Judentum gehen, das über, einem autizionistischcn .Judentum'stellt oder unabhängig von ihm oder ihm entgegengcrichtet ist. Wir glauben, «laß keine dieser beiden Organisationsformen. wie die Dinge liegen, fähig wäre, sieh zu entfalten oder zu wachsen, weder an Zahl noch an Lebenskraft. Was soll nun aber geschehen? Trutz «ler angeführten Differenzen — so glauben wir — bleibt noch eine. ganze Menge von Dingen zu erwägen, «lie für die Religion und besonders für das Jüdische wesentlich sind und hei denen beide Teile fihereinzustimmen vermögen. Um ein Bild zu gebrauchen: Man kann einen Schirm weit genug aufspannen, so «laß unter seinem Dach sowohl Zionisten als auch Antizipnisten Schutz und Sicherheit finden können. Wir glauben beide an die jüdische Vorstellung von (jott. an Seine Einheit,1 Seine Gerechtigkeit und Sein Reich. NN ir glauben beide an die Lehre von «ler fortschrittlichen Offenbarung, und «liese Lehre beleuchtet und bestimmt unsere Einstellung zu Bibel und Gesetz, sei sic die biblische o«Ier die rabbinische. NVir beide, erkennen die sicheren Schlüsse der Bihclkritik an. wir betonen «lie Priorität der Propheten «les großen B.Jahrhunderts gegenüber dem Gesetzlichen usf. So sind wir beide stark miteinander verknüpft, aufs tiefste verbunden mit jenen jüdischen Grundlehren, die alle religiösen Juden von den nicht Gottgläubigen trennen, von den Pantheisten 'und in anderer Weise von «len Anhängern-des Christentums und anderer theistischcr Religionen. NN ir sind auch aufs engste verknüpft mit jenen Lehren, die die theoretische Basis des liberalen Judentums bilden, im Gegensatz zum orthodoxen. Bomben und Brände I'ortdau«*r der I’aliifliuu - Lnrulioit — Iler arabifdic Gencralilreik .dehnt fidt au» — Ultimatum an den lligh-Commi»»iWner — Arzt au» Dcutfehland und junger ungarifdirr Jude getütet Die Hoffnungen, «lie »ie'i auf eilte Heruiiipiii^ «Irr Situation in Palästina gründeten, haben »irli brdauerlirlirrwebr. nicht. erfüllt. Die Spannung halt mit untrniumlrrtrr Stärkt* an. Die umenluegle politiM'he Aklmtüt der* Araber uml iiislwsondrrr dir Agitation unter Jen urnlii»rUen Massen lint i« folgenneUorren Brandstiftungen, wiiuenllirh in Jen* jüdbrhrn Kolonien, zu Demonstrationen uml r h e r f Ü;1 1 e n geführt, tlir mit der gennltsameu Durchsetzung drr (»cur raUtreikparole im Zuy sammenliang »trhrn. Den entfesselten Leidenschaften sind leider nieder zwei Jmlr,n zum Opfer gefallen, uml zwar tleraus Drulsrlüam! »lammende Arzt Dr. K. Feldbrrg und der Führer Klirsrr \V i k e n - stein,'ein srch>tmd/uanzigjnhriger ungarisrli.T Judrl Zum ersten Maleseit Beginn der Unruhen sind auch :Iio tu he n an s r h I ü g e irrüht wordrn. Soweit tlie letzten vorliegenden Mehlungen erkennen lassen, wollen die Ar«Iht dem Griieralstre'k mit allen Miltrln durchführen. Dos arabische-« Stre*kknmitee hat efiicnyAufmf erlasen« in dein erklärt wird, daß der Gcneralstre*k nur der erste Srhrilt zur Durchsetzung der liekannlen arahlsrltcn Forderungen sei. Es wertle erwogen,* imrli einen Struerstreik zu erklüreit und andere Maßnahmen zu ergreifen, die demnächst bekannt gegeben werden sollen. Wie aus Schweizer Zeilimgsmrldtmgrii hrrvorgrlit. beobachtet 'man in Volkerbundskreiseti die Vorgänge in Palästina mit wachsender Unruhe, inshrsniidere wird dir Itrdrutiing erffrlerl.* die dem arabisch-jüdischen Konflikt im Hinblick auf die gegenwärtige gesamtpolifiselie Lage ztikumml. wobei die An«irhl irr- * treten wird,, daß es sich vermutlich tun eine grüßrre politische. Aktion handle. Wie die Jüdische Trlrgraphen-Agrnliir aus Jerusalem erfährt, soll Dr. Weizmnnn in einer Unterredung mit drin lligli (lomniissimier grgrn dir »rlium’lilirlic Haltung tler englisrhen Regierung protestiert und darauf aufmerksam grmacht haben, daß dir Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung Pflicht jeder Regierung sei. Dr. Wei/manu. tler um l(h Mai narb, Unndmi rei»rn wird, soll tlahei anrli tlie Frage tler nrtirii Fiiiwniidrmngssrliriliile angesrhnittrfi hahrti. Iii tler Nacht /um Montag hat dir Regierung tlie völlige A n f h e h ii n g d e s Belagerungszustandes in:~Jaffa uml ‘Pr! Awiw angrordnrl. Aus tlrn Berichten tler Jüdischen Telrgraplieii-Ageuliir geben wir umsritig eine Übersicht über dir wr»rntlir1irn Ereignisse, tler letztrn Tage. — Kraft dieser- Doktrinen und Lehren besitzen wir eine Religion, tlie unsjbciricn gemeinsam ist, tlie wir liehen, uml «liese Religion fordert — wie andere Religionen — eine form, eine Organisation, eine Verkörperung nach außen hin, «lie sic weitertragen, erhallen- und nushfeiteii kann. Sowohl die zionistischen als auch .tlie antizionistischeu religiösen Juden wünschen und verlangen, ihre Religion auszuühcn, sie zu’betätigen, naeh außen wie nach innen, institutionell wie auch moralisch und sinnbildlich, koljcktiv und mich individuell. Sie können «lie Gesetze «les orthodoxen Judentums weder anerkennen noch nusiihen. uml so brauchen sie, wenn tlicser Ausilruck gestattet ist. ein in gleicher Weise nach außen wie nach-mneii gerichtetes liberales' Judentum. Sic brauchen jüdisch-liberale Synagogen und eine jüdisch-religiöse Vereinigung zur Förderung tles liberalen Judentums. . W enn wir nun weiterhin zu «len Punkten unsexer Divergenzen gelangen, so müssen wir «lennoch wesentliche Einstimmigkeiten feststelleu. Der eine von uns behauptet, «lie Juden seien ein V«dk, «ler andere leugnet dies uml hält daran fest, «laß sic eine religmse Gemeinschaft seien. Wobei ,<las Religiöse für hei«jes gilt, also für das Volk wie für die Gcfnciunohaft. Uns beiden bedeutet Religion die Grundlage allen Seins, l.’rn der Religion willen bestehen die Judcm tim ihrer Religion willen! Die Re(igi«m ist es, «He ihnen ihren Wert uml ihre Re«lcutung bestimmt. Wir beide stimmen im tiefsten mit unserem allen Lehret überein, «ler Gott als«» sprechen läßt (Exodus XLVIIv Ii): „Denn wäre es nicht meine Tora. «Ii«: ihr, angenommen habt, würde ich euch nicht kennen, und würde ich., euch nicht mehr ansehen als irgend einen der Götzendiener..“ S«>' fühlen wir. daß seihst <la. w«> wir voneinander abweklien, ein gewisses Prinzip vorhanden ist. das uns vereint. Es versteht sich, «laß jedervon uns' aufrichtig - wünscht und fonlert, seine liesonderlg^gi gi wahren. •s .

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