Mannheim
Compact Memory

Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-04-15 · 16 (15.4.1936) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
16 (15.4.1936)
Date
1936-04-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4109741-2613419-2613435--725-2615600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BERLIN 15. April 1936 5^tkUf/-^eckfßämA PREIS 25 PF. Nr. 16 / 16. Jahr«an9 JUDISCHE AUGEMEHE Schriftteltunj; und Geschäftsstelle: Berlin - Charlottenburg 2, Bletbtreustraüe 2. CI Steinpl.3703. Bankk.: Kreditverein f. Handel u. Gewerbe eGmbH, Berlin M 24. Postscherk K'.: Berlin 25720 — Bezugspreis: RM. 1.— monatl'cb .zuzü^l. RM. 0.10 ZeitungBgebühr und Bestellgeld), bei StreifbaadTer*and suzüfrl. RM. 0.30. Vertag: VerlajitfifenuaietistTUait ia ()«ut«ctil&ail auwUaitfer Juden tu UerllA <>üml»II.. B|a.-Chartotlfnl.urw 2. nieihtreuitr. 2. Aazeitfeapr.: Dia 12ffMp min - Zeile Rpl. 8. lür t-jinilierun/eitfen Rpl. (». für StellcMtinuclir Rpf. 5 B«i uurericbüldater Nichtbelinfaruaii!«iunt keia Aaipruoli auf Varafitua« N U E F OLG DER J ü ISCH-LIB ALE N ZEITUNG Jiiclifelier Alltag Gedanken zum Omer-Zählen Von HEINRICH STERN Der Rhythmus unseres Pessach-Festes klingt mit einem gewaltigen Akkord aus. Beherrschen am Anfang die beiden Seder-Ahende die Festgedanken mit ihren meist rückwärts gewandten Erzählungen und Gesängen, mit der lieblichen Tradition der Familiengemcinschaft. so wenden sich der Festsabbat und die beiden letzten' Tage in ihrem Gehalt, wie es namentlich die für die Tage gewählten Tora- und Proplietenabselmittc widerspiegeln. Zukunftsgedanken zu. Der siebente Tag mit den unsterblichen Versen des Schilfinccrlicdes und dem Gebete Davids künden die ewige. Not Israels und die ewige Gotteshilfe, während der letzte Tag das herrliche Kapitel-von der, Messianischen Erlösung in sich schließt: zwischen beiden aber steht die ungeheure Prophetie des Exilspropheten Jcchcskel, welche die Auferstehung der verdorrten Gebeine, das ist die Beseelung Israels durch den Gottesgeist, in begeisternden ewig gültigen Worten schildert. So wird die Gemeinde mit einem aufrüttelnden, erhebenden und tröstenden Ausblick auf die Zukunft in den Alltag entlassen. Mit diesem Alltag nun hat es eine eigentümliche Bewandtnis: ..Sieben Wochen sollst du dir zählen: von da an, wenn man zuerst die Sichel an die Malme legt, sollst du beginnen, sieben Wochen zu zählen. Dann feiere das Wochenfest . . In alten Zeiten, als der Tempel stand, gälten diese sieben Wochen der Ernte.; Sie wurden eingeleitet durch die feierliche Darbringung der Erstlingsgarbe, die der Priester feierlich vor dem Ewigen ..schwingen" mußte, woran sich dann ein Ganz- und Speiseopfer anschloß. An dieses Opfer dann schloß sich der erste Tag der Zählung, die man von dem Maß her Omer-Zählung zu nennen pflegt.* Ob und wieweit das neue Bauerngeschlecht im ■alten Lande die an die Erntevorgänge geknüpften Bräuche wieder aufnehmen wird, soll hier unerörtert bleiben. Uns interessiert hier besonders der Gedanke, ■daß man die Tage zählen soll, die zwischen den Festen liegen, d. h. zwischen Beginn und Abschluß der Ernte, zwischen Ägypten und dem Sinai. Der oberflächliche Betrachter unserer Bräuche hat für diese Zählung kaum ein Verständnis. Und doch birgt sich dahinter eine auch für uns bedeutsame Rice, die sich, nicht in der selbstverständlichen Verbindung zwischen dem Pessach- und dem Schowuaus-Fcst erschöpft, mit dem man sie meist erklärt. Wer jeden Tag zählt und ihn mit einem Zahlencharakter belegt, der von einem uralten heiligen Brauch ausgeht, der verknüpft auch den Alltag mit einem Stück Judentum: für d<-ii ist -auch der Alltag nicht ein anonymes bißchen Zeit, das heruntervegetiert wird, sondern ein kleines Stück von dem Leben mit Gott und für Gott. In diesem Sinne beten wir auch schon am Beginn des jüdischen Jahres: ..Herr, lehre uns unsere Tage zählen!" Es ist die Großtat des jüdischen Religionsgesetzes, daß sie den Alltag vom Morgen bis zum - Abend im Denken und Handeln, in Trank und Speise, in Kleidung und Alltagserlehen, mit dem Gedanken au Gott und mit seinem Bund mit dem Gottesvolk verbindet. Das liberale Judentum hat diese Verbindung in Einzelheiten gelockert, darf aber den Gedanken selbst und seine Betätigung niemals aufgeben. Sie darf es nicht um des Einzelnen willen und um der Gemeinschaft willen. Je schwerer der Alltag des Juden ist, — und wer wollte seine unsägliche Schwere in' heutiger Zeit in Abrede stellen! —r desto mehr bedarf der einzelne Mensch der Verbindung mit der Ewigkeit und dem Ewigen Nur in dieser Verbindung, welche an die Vergangenheit anknüpft und auf die Zukunft weist, wird der Alltag dem Juden von heute erträglich. Indem er sich vor Gott hinstellt — so Tassen unsere Alten das lletcn auf —. demütigt er sich zugleich" und erhebt sich: denn das Gebet ist für den Juden nicht nur eine Bitte um irdisches Wohlergehen, .sondern auch ein Bekenntnis zum Bunde mit Gott und ein seelischer Aufschwung, der bis an den Thron des Ewigen heranreicht. Das Gefühl der Endlichkeit und der Unendlich- . keit einen sich in dem jüdischen .Menschen, w^nn er vor Gott tritt. Es ist eine Entspannung und eine Weihe des alltäglichen Ringens und Kampfes. Aber mit dem Aufschwung allein wird der Alltag nicht ausgclullt. Das Judentum gibt nicht nur dem Herzen etwas, sondern, will auch den Verstand in dauernde Schwingung versetzen. Darum verlangt das Judentum, daß an jedem Tage etwas „gelernt" wird. Für unsere Menschen von heute ist dieses Lernen ja in den allermeisten Fällen der erste Anfang einer jüdischen Rück- - kehr. Ohne die Kenntnis der heiligen Sprache, ohne die, Kenntnis des jüdischen Jahres und seiner Feste, ohne das Wissen um unsere Geschichte und. die Heiligen Schriften, in denen sie sich widerspiegeln, bleibt die sogenannte Rückkehr zum Judentum nichts anderes als eine von der Not erpreßte Reaktion auf Druck von außen. Wer bewußt umkehren will, muß jeden Tag. als einen ."jüdischen Tag zählen lernen, indem er ihn für die* drei Dinge nutzbar mächt, welche ein Leben in jüdischer Gemeinschaft bedeuten: für tauroh, awaudoh und gemiluss chessed,' d. h. für Lernen, für die Verbindung mit Gott und für jüdische Gemeinschaftstat. Wenn man die letzten Monate zurückdenkt, so möchte es fast scheinen, als wenn wenigstens auf dem. Gebiet des Gemeinschaftshandclns viele Juden ein Stück vorwärts gekommen. Groß ist die Zahl derer, die sich sozialer Hilfeleistung hingegeben haben, immer mehr wächst die Zahl freiwilliger Helfer in Gemeinde und Organisation. Im Interesse der Wahrheit aber und wirklicher Belebung der Gemeinschaft muß gesagt werden, daß es noch immer den Anschein hat. als sei für gar zu viele die jüdische Alltagsarbeit eine Ausfüllung leerer Stunden oder, was noch schlimmer ist. eine Modesache, die man mitmachen muß, um den Anschluß nicht zu verpassen. Die bloße Aktion von Juden ohne die Verbindung mit jüdischem Ideengut bleibt Stückwerk. Ein solcher Tag ist vielleicht ausgefüllter Alltag, aber er zählt nicht mit, weil ihn der betreffende nicht zählt. Nur wer ganz bewußt jüdische Arbeit leistet, weil er in ihr eine Bundespflicht gegen Gott anerkennt, weil er Zeugnis ablegen will für das gemeinschaftliche Schicksal, das ihn mit seinem Volke verknüpft, nur der hat die Umkehr wirklich vollzogen. ■ Aus den Gruppen unserer Vereinigung für «las religiös-liberale Judentum wird jetzt oft an uns der Wunsch gerichtet, die Vereinigung solle sich mehr als bisher „nach außen hin betätigen". Diese Aufforderung verkennt das Wesen religiöser Arbeit. Wir haben uns nicht nach außen hin zu betätigen, sondern nach innen hin. Unsere unendlich schwere Arbeit ist es, die vielen Menschen, die nur noch dem Namen nach oder aus einem unklaren Gefühl heraus, in dem sich Erinnerung, Ressentiment und Trotz miteinander mischen, Juden sind, zu jüdischen Menschen zu machen, die wieder ihre.Tage zählen können. Noch am leichtesten ist die Rückführung zu den im Kalender als Fest bezeichneten und mit besonderem Brauchtum ausgezeichneten Tagen, aber mit ungefähr 20 Tagen im Jahr wird ein jüdisches Leben nicht ausgefüllt. Es ist die schwere Aufgabe des religiösen Judentums, unsere Menschen wieder jüdisch lernen und jüdisch beten zu lehren. Wir wissen ganz genau, daß sowohl aus den Kreisen der Jugend als aus den Kreisen der Alteren nur eine verhältnismäßig kleine Zahl wirklich ergriffen werden wird. Aber es kommt gerade auf diese Ergriffenen und Durchdrungenen an. Wenn sich in jeder Gemeinde um unsere bestehende oder entstehende Gruppe nur ein kleiner Kreis schart, der bereit ist, "nicht nur, wefin es alle sehen, zu den hohen Feiertagen, vor Gott zu treten, der keinen Alltag ausläßt, um sich in unsere Schriften Es wird gemeldet: ■ Der Erlaß i1r> ltciehi<iiunislcr> Dr. Ru*l.' unnai-h voni Schuljahr l*KH> ab I.ernaiiffmgcr in privaten Vorschulen und VörHchiilkJaiscit nicht mehr aufgenommen \tcrden .dürfen, findet au ( ii r i v dt«' i ü d i!• e U c \ *» r * c U tt l c u u u d V"« r » « U u I - k I a s> r n kr Mi <* A n w c n «1 ■• it * ■ Auf rinn- Tilgung der NilrnlM-rgcr Ral.shrrren teilte der Schulrcfercnt mit, dali dir N ü r n l> e r g c r V o l-k > s c Ii 111 e it mit Beginn \W> Schuljahre", fr vi von jüdischen Kindern bciu würden. Den jüdischen Eltern nc'i freigestellt, worden, ihre Kinder* m Ih mhicIch-ii. rein jüdischen städtischen Klaswcu weiter unlnrrichten au lassen. Sir hülfen es jrtlocli vorgezogen, ihre Kinder in privaten jfnl Lechen Schulen imlerziih ringen. Kutan reche mir Maßnahmen seien fflr du» kommende Schuljahr in ich beiden ntmlu-chm Mittelschulen Iteahsichtigt. "*'*'. Hl Der Rciehsminij-ter de« Innern weint durch RunderloU midie, Itrhürdcii darauf Inn. daß Im-i der Feststellung: der Wahlberechtigung zur H e i c h s t a i; i u ah I vom U'J. Marz bei den f Icmcindehchorden auch M a I e r i n 1 Über d i <• 11 a » h e /. u - gc hö r i g k e i t . entsprechend den Ikvnimniimgru de* Reich*, bürgergesetzc*. gctanimcU «erden konnte. Der MinistercrVuchl. dic*r* Mnterial sicherzustellen und **orgfaltig nufzulwwahrcn'. * ■ In einer. Verordnung den ReirlLskricgsmiiiistcrH und den - Itr!rli>miniMcrs des Innern heißl^es: Für Dienstpflichtige. n i e b t a r i s c Ii c r A Ii h t a m in u u g gill die Verordnung über die ZuhwMinp ^nn Nirhlnrirru zum -aktiven Wrlinlieiwl Jvom •2f>. Juli 193,1. Daß der Dien.Hlpfliclilig« nriftelier Abütatniiiiiug ist, kann angenommen werden, wenn er l«i der Erfa*MiuK folgende^ Erklärung abgibt: *.vMir wind nach förgfillliger Prüfung keim? t/mstände bekannt, die die Annahme rei bt fertigen Uöiinlni. daU ich tnrhtarisebrr . Abstammung bin oder daß einer meiner Ellern- oder Großellernleile zu irgendeiner /eil der judi*ehen Hrligjoii augebürt hat. Mir ist lwkannt. dntt ich die »ofortig« Eiilhit«iuig aus dem . aktiven Wehrdienst zu gewiirtigen IioIm*, fall» diene Erklärung sieh aU unrichtig erwri-*eii wdlte.*1 c ■ Der Leiter der («yiiflkologinrhrn Klinik dc-t IfadiiHHn- Spilat» in .Jeru-Halem, Prof. Drv H e r n h u r d */ o u d r k , veröffentlicht in der *oel>en en-cbiriieneii Wiener ,,Kliniwln'n Worbcii-- ttrhrift"dic F, r g e b n i t* »c unirr Ilormonfiirn e h u n ge n , die er niit UntemtAtzung der Itockcfcllcr Foiindntinn durrligcffihrt hat., Anf'Griind Meiner Eoivehungen kommt Prof. /oiulek zu einer neuen Theorie. fd>ei* »tn» We»cn ik'r weiblichen Funktimien.' - ■ Anläßlich den 5 0 ja h r i g e n ßcMtehrn» ile» Syiiagogenvere. in«* It n e SrlioUum in Brooklyn sandte Pr&ni-' dent Hoo he v p 11 au die Vereinigung ein CratuldtiuiiHHchreilH'ii. ■ fn*Tel Awiw wurden Hieben j Ü d in e b e A r z t r zu einer Gel<1 strafe von je einem Pfund verurteilt* weil nie in iter hrbräischen Presse Anzeigen aufgegeben haben, die gr-ctzliib verboten sind.- ■ ■ Das Ik'zirk?gerieht in Lodz verurteilte 24 Nüjionaldctn»- k raten wegen zahlreicher Ho m b c n a n » eh I B ge gegen i 0 - ' di.schv Genchjlftc und OrgaiiitialionHbikalv howm* Redaktionen und Druckereien von Regierungsblättern xu IC« rk e r - »trafen von einem .bin zu vier .fahren. Drei Angeklagte* wurden freigesprochen. - . ■ In PariV i^l. wie von dort. Iwrichtet-wird, Ilaron Alfred de (»ünzburg, der Sohn den rasMiHchen Plulantliroucu und Mäzen» Iforaze de GQnzburg, im 71. Lebensjahr geftt«rl»en. Nach der ItoL-u-hewistiiichcn Revolution hatte er »ich in Parin mciler-' gelanwu, wo er för seine. runasehcn ClaulM,n,*g<,iHw»en i»egen»rcich wirkte. zu versenken und aus unserer, Geschichte zu lernen, dann hüben wir für den Anfang einer großen Rückkehr genug geleistet. Nicht auf die Menge kommt es an. sondern auf den Ernst der jüdischen Beseelunc. Nii-ht auf die .Masse dessen, was geleistet wird, ist Wert zu legen, sondern auf die unahgehrochene Regelmäßigkeit jüdischen Innenlebens. In diesem Sinne ist uns das Omcr~Zählen. ein wichtiges f?yml>ol. Zahlen bedeutet, ohne Unterlaß zu einem Ziel gelangen. Wir. sollen zählen JiO'Tage ..sehe-' wah.schowuaus temimauss", sieben volle Wochen, ohne einen Tagauszulassen. Das ist der Sinn wahrhaft jüdischen Alltags. Ein Tag gehöre dem Judentum so gut wie der andere; keiner werde ausgelassen. Nur wer lernt, in diesem Sinne zu zahlen, und wer sich daran erinnert, daß diese Zählung steht unter dem alten Bilde der Opfergaltc, die nicht trüge daliegt, sondern bewegt vor dem Ewigen hin- und hergeschwungen wird, dessen Tage werden' nicht stumpfsinnig abrollen, sondern eine Kette werden bewegten und darum echten jüdischen Lebens und Erlebens. Nur wer seine Tage zählt, wird mitgczjjj(j. g

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.