Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 16 (1936)
- Issue
- 15 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Beilage 6. April 1936 JÜDISCHE ALLGEMEINE ZEITUNC Peffach da, dort und wie? Die Küchengeheimniffe des Charaujfes — Es gibt auch viereckige Mazzaus — Mazzo als englifches Teegebäck —- Der fymbolifierte Auszug aus Ägypten \ idhjcht da» schönste der jüdischen Feste ist Pes?uch. Für die Erwachsenen nicht weniger ids für die Kinder. sogar für die ..Jüngsten an der Tafel", für die das Einlernen des mu uischtano manchmal' etwas s-chwierig und zeitraubend ist, alM-r doch nichts darau ändert, daß sie die Sedcrnacht von den anderen Nächten als ..ausgczciclmcti|; imtcrscliicdcn finden. Pcssach und Pessach ^sind nicht immer dasselbe. In den -Ilauptzugcu gewiß: aber es gibt doch mancherlei Unterschiede, wie und wo man Pessach feiert. Sei» hi' die Vorberci tili igen sind nicht die gleichen. Viele alle Gebräuche wurden aufgegeben oder haben sieh gewandelt, modernisiert, der Zeit und den äußeren Verhältnissen und liberalen Auslegungen angepaßt. Der alte Vorgang des Chomczhatlehis. des betlikas chomez, diese hnlbrcligiösc, meitt ins Scherzhafte gezogeue Prozession des Hausvaters, der alles Ungesäuerte zusammensucht, ist .vielfach in Vergessenheit geraten und einem großen Teil der westjüdisrhen Jugend unbekannt geblieben. Mau kann übrigens, sagen» daß außer dem Text der Hagada — abgesehen von den Gebeten der Pessachtagc — die Zeremonien »les Sederabentls nie und nirgendwo ganz einheitlich gewesen sind. Ks haben sieh im Lauft: der Zeit Landes-. Orts- und schließlich auch Familien traditionell herausgebildet, nach denen gewisse Einzelheiten des Sederabeiids ihre Prägung erhalten haben. Schon die Form und die Anordnung der Sedcrschüsscl zeigen da mannigfache Unterschiede. Die Reihenfolge der Mazzaus,- die Reihenfolge der zum Genuß vorgeschriebenen Kräuter, des Eies und des Stückchens gebratenen Fleisches, das ein Symbol des Pcssachlammcs. des Pessachopfers, darstellt, ist oder soll; wenigstens die althergebrachte sein. Aber in der Wahl des Bitterkrautes ist schön weiter Spielraum gelassen: Lattich, Petersilie — grüne und Wurzel — Sidatblättcr, ganzen und geriebenen Meerrettich, die. grünen Blätter' auf dein Meerrettich und auch noch andere Pflanzen oder Pflunzenteile, die scharf und bitter schmecken, habe ich auf Sedcrschüsscln gesehen. Die Fleischstückc bestanden aus einem angebratenen Stück Rinderknochen oder Kalbsknochcn, aus «lern Flügel eines Huhns, eine's Indians, einer Gans, je nachdem. ' was als Fest braten auf den Tisch kam. Das Ei \var angebraten <Hlcr hart gekocht, es lag in der Schale oder schon abgeschält auf der Sctlerschüssel. Das Ghurausscs entsprach der Kochkunst der Hausfrau. Zuweilen eine wunderbare Mischung von Äpfeln. Mandeln. Nüssen. Zinuul. Zucker, getränkt mit duftendem süßen -Wein, zuweilen ein nicht sehr gut schmeckendes Gcmcngscl. dessen Bestandteile Geheimnis der Küche hliel>en. Interessant an diesen Dingen ist die Traditionstreue, mit der man durch Generationen an der gleichen Art festhing. Es kam dann immer darauf au. wer im neuen Hausstand den Sieg davon trug und «essen Tradition dann weiter fortgeführt wurde. „Meine Muller machte da* immer so'\ sagte die Frau.' ..Bei meiner Mutter war es si>;* sagte der Mann. Und eine der beiden Traditionen siegle und wurde auf die' Kinder übertragen, bis in der Ehe wieder eine der beiden Traditionen siegte. Die Mazzaus waren mich, nicht gleichartig. Gewiß: für die rituelle Herstellung l^standcn und bestehen, auch für die heutige maschinelle Mazzausherstclluug. gewisse Vorschriften, die sich auf die Beschaffen!» -it fies Melilc> und die Art des Backens beziehen. Aber die V o v m war nie einheitlich. Es gab und gibt runde Mazzaus =— die zumeist 'gewählte — aber es gibt auch viereckige Mazzaus wie in Palästina. Es gibt große und kleine — bis zu ganz kleinen, den Dclikateßmazzaus, die übrigens in England ein allgemein , beliebtes Teegebäck sind. Dann gibt es dicke und dünne. Mau ißt die Mazzaus einfach wie sie sind, aber .man ltüslreieht sie auch mit Butter- oder-mit Honig oder man streut- Zucker darüber. Beim Seder allerdings werden sie nur „naturell" •leuosscii.' . Der WeinV Man >oll vier Becher Wein trinken, jedesmal mindestens ein Rewiiss. d. i. etwa ein Zehntel Liter, das wären also im Verlaufe des Scderabends etwa vier Zehntel Wein. Das ist nicht sehr viel, .wenn man bedenkt, daß ein richtiger Scdcrobend-drei bis vier Stunden lind länger dauert. Aber die alten .luden trankeu den Wein nicht unvermischt — sie verdünnten ihn mit Wasser, so daß auch ein schwacher Trinkerdas Maß vor- '. tragen konnte. Die Zeremonie» des ScdcrnheniW richten .-ich narh den Vorschriften, wie mv in der Hagada fvsigelrgi Mnd. Die Ihmada bes tcht aus Stellen audem Talmud, aus Psalmen und au> Segeiw-prüchen. Die Texte der Hagada sind einheillich. aber der Buchschmuck ist nicht immer derselbe. Aus den verschiedenartigen Bildern läßt i-ich auch manche kul(ur<:e.-chiilitlic!i- Oianmsscs und Mazzn werden an die Teilnehmer der SedrrtalV! »ertrilt {Aus der licrfilimlen I lagada von Sarajewo; Aufnahme: Sonntnlelil wertvolle Feststellung uiächrn. vorerst, daß die Tradiliou.Hrruc rührend isl, mit der die allen Gebräuche durch Jahrtausende eingehalten wurden und werden, andererseits auch, «laß sieh doch auch vieles änderte und. wi** schon erwähnt, örtlich und zeitlirh sich gewandelt hat. Zuweilen sind es nur kleine Abänderungen einzelner Sedergebräuche, zuwcih'n aber findet sich liier und da eine Sitte, die anderwärts in ilieM-r Form oder ül>crliaiipt na uz unbekannt ist. Die Veränderungen beginnen bereits bei der Hagada seil»!, sojrar da. wo der ursprüngliche hebräische oder aramäische Teil beibehalten wurde., Doch die Cberselzimgcn weichen sehr Voneinander ak je nachdem der Cberse.t/er eine möglichst wortgetreue Cherlraguug liefern will oder sich poetische Lizenzen erlaubt und Stilkünsie bei reihen will. Zuweilen versucht mau. den Inhalt der Texte zu modernisieren und sich mehr an den Sinn als an das Wort zu hallen. Man hat auch Kürzungen vorgenommen, - vieles ausgelassen und dafür andere Texte in der I.audc»sp räche, eingesetzt — die Hagada-Ausgaheu zeigen also ein sehr vielgestaltiges Bild und Bilder. Die alten Holzschnitte — übrigens auch nicht immer die gleichen —■ verschwinden; moderne, junge jüdische Knust bemüht sich um den illustrativen Schmuck. Entsprechend der modernen Neugestaltung bot «urh das Bunte Sederfehüffel Po-urli iu «eiligen Zeilen Die ll.i-uda ist hl ilirlu weniger als etwa ItMMI vct'-elut'd'-ut'll Ausgaben hergestellt wurden. Die älteste mtl I Itd/schuilicn ge- -chmückte,Ha::nda i-l im Jahre l.VJti in l'rau er-, hiencii. # In \\ ar-i bau ist ihr .Ma/,/ohäckrrci ein Großgew erbe. Annähernd 7l> Maz/obiiekercicii sind d«rl um dir IVssachzcil . in Betrieb. . ~ * Bei den jctm'uilisehf u Juden, erfolgt da- Hacken der Maz/nuam Perv-ach .-vlhsl, und zwar durch Frauen. Für jeden'Tag werden frische Mazzaus gebacken. >■ * Während Purin) und Chauukka häufig dnimahVch behandelt wurden, ist das Pessachfcst in dieser Beziehung wlü'finüllcrlich In-dacht worden. Der Scdcrabrnd steht im Mittelpunkt von ilnlevl* Oper „Die Jüdin ". Auch Wilhelm \\ otffMihu,'der bin zum Jahre IÖ6G Draimiturg des Dresdener I lofthditcr*. war. hat Pcssach zum (Jcgensümd eines Drutuagemacht, das den Titel ..Ein« Otteruacht" führt und im Spanien de-« ausgehenden Mittelalter* spielt. Von Babbi Israel Safania wird* diese Aucktlolc er/Ühlt: Kr konnte einmal nicht sclh-t -cinr Miiz/aus backen' und schickte seine Jünger, damit sie das Hacken genau ul>crwach(cu. Auf dir Frage, worauf sie am meisten achten sollten, entgegnete der Lehrer: «laß mau mit der Kneifrau gul umgeht und ihr.den Loliu. pünktlich auszahlt, denn >i<* ist eine «nur Witwe,.. * Der Sehlußgesnug de- Seile raln-ads. da*» l'.hutl gudjt». wurde zum ersten Mab* in tlie Pruger Hagada-Ausgabe von l.VH) eingefügt. Im x'phardischeu Bitun fehlt diese* vi>lkstümliehe Lied. Die Samariter, entstanden aus einem assyrischen Völkcrstamm. den die Assyrer nach der Zerstörung des jüdischen Heiehe* in der l lauplstadt .Samarm aiisiedellcii.. bringen noeh heute zu l'essnch ihr Opfer ihir. w-Je das Geru'tz es Vorschreibt. Zu den Pessachtagen ziehen sie mit Weib und Kind nach dem Berge Gerisiui in der Nähe vuii Nablus, auf dem einst ihr Heiligtum Htand, schlagen dort Zelte-auf und IcIh'ii die Tage de« Fe«te«* luttrr freiem Himmel'. Das PesMichopfer sehlaehieii sie -am VA. Nit*nii, eiueu Tag früher nU es tlie jüdische nherliefening lH*fiehIl. . * Einfalles jütlL-ches Sprichwort lautet: ..,\Vic kommt I loimm in die MaiuschlanuoV** DiriV Frage will der Verwunderung über tlie '/iisnuimenkoppehing zv»rirr nicht zu.-anmirngrhorifirr Ding»* Ausdruck ■ri-bi-n. *' Hei den kuuknhiM'Ueii Juden lic-lcht ft>lgemU*r inlcrcsHantf Sederhrnuch: Währcntl der Ihigailavorlesung schleicht hieb einer der teilnehmenden (»äste hinan-*, zieht ein altes, verstaubtes Gewand au, nimmt einen Sack auf den Bücken- .einen Slm-k in die Ilalid und klopft von draußen an die Tür. Auf die an ihn gerichtete. Frage, woher er komme, erzählt er (unter der noch immer geschlossenen Tür, er komme aihr'Merusalcm, BäulH-r hällcu -ihn auf dem weilen Weg ütierfallru. er -ci ihnen alter glücklich ent - rönnen und wolle mm mit seinen (•latilH'itsgenosM'ii das Fr-<| feiern. Darauf wird ihm die Tür geöffnet und er nimm! am Fortgang der Erzählung vom Auszug aus Ägypten teil. - Hilital sieh gewandelt. DaU'i int auch inuiiches V<dkt»tftiuliehe verloren gegangen, weil mau glauhlc und glaiibl. es vertrüge »ich nicht mit einer - wenn man •*<» sagen darf gi'länlerlcii_ Hell" gioiiHausehaiuiug.' Aber Vnlkshruiich hat iiiehl iiiuncr eiwan mit licligiosilät zu tun und muß auch nicht immer etwas damit zu hin haben im Sinne von Kultus und Hitual. kann alter trotzdem zur Verschönerung und mim gestallt* mir den Ausdruck - - zur Poetisicniug des Scderabends beitragen. So i->l /.. B. «hit ..Stehle u'* des Aphikaumou oft U-kriilell und als unpädagogisch, getadelt worden — mit Iii recht. Es halle unter imdcrrm auch den Zweck, tlie Kinder warb zu hallen und. ihr fntcreMM! für tlie Vorgänge lies Seilern nichl ermüden zu bitten. Hei den Juden hu Kaukasus, Ihm den yemenitischcii Jutleii und auch in anderen mehr östlichen Gegenden t*t e» Sitte, tiaß während des Sedrrs tler'Hnirsherr sieh ein Stück Mazzo, in ein Tuch gewickelt; auf die Schul lern legt und um den Tisch lirriimwamlell .das- Symlml für den Aufzug aus ,\f i y, r a j i m. I>ir*rr Brauch, der in der ehemaligen üsierrriclusch-imgiirisclicii Monar* Mazzo am lauf enden Band I. Bild (links)i Am laufenden Band wandert der geformte Mazzo-Teig in ilen Haekofeu. ■ 2. Bild (Miflr): Die fertige Mazz». «lir mehrere KontndL Stationen passiert, wird in den Packraum befördert. M. Bild (rechts): Die zu Bergen aufgeschichtete Mazzo wird gewogen mid iu Hollen verpackt. Aula.: Sunnrnfeld