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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-03-25 · 13 (25.3.1936) · page 1

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
13 (25.3.1936)
Date
1936-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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5. BERLIK52 25. März 1936 ÖtickUf/'f^ PREIS 25 PF. Nr. 13 / 16. Jahrqanq JUDISCHE AUGEMEINE Schriftleitunj und Geschäftsstelle: Berlin »Charlottenbun; 2. Bleibt reu stralie 2. C l Steinpl. 3703. BantckJ: Krtdltveretn f. Handel u. Gewerbe «GmbH. Berlin N 24. Po5tsclieck-K.:Berlin 25720 — Bezußsprels: RM. 1,—'monatlich izuzüßl. RM. 0.10 ZeitunRapehühr und Bestellgeld), bei Streifbaodrersäod tutügl. RM. 0.30. Vertu«: VerltufstfenoitaeuschafL in (>«utiohUitid itimUaitfer Jiuien m H«rlia r&iiihU.. IllD.-Cburltitttml.uru Bunhlrtuiitr. 2.- Aui«si«eiutr.: Uli* lUifwp mm /eile- Knl. Ö, lür l'.imilleiuiuei^i'ii K|>>. <>. Itir Stelle n^Mictie Rl»l 5 Bei überschuldeter Niohtbeliefemag ftMtebl kern Amprucb auf VeniQtuue NEUE FOLGE DER JUDISCH-LIBERALEN ZEITUNG Arbeit oder Arithmetik? Ein Wort zum Gemeindefrieden Von -HELNIÜai STEIl.X Wie hcreiti in der vorigen Nummer, unseres: Blattes mitgeteilt, hat sich der Vorstund der Berliner Jüdischen Gemeinde auf Veranlassung der Aufsichtsbehörde .dahin neu konstituiert, dal» ilie Zahl des gesamten Vorstandes von 12 anT 7 herabgesetzt wird, so daß die Zahl jetzt dem Gesetz von IH47 wieder .angepaßt ist. Hierzu wäre zu sagen, dal.v mit dieser ziffernmäßigen Herabsetzung für die' verbleibenden Herren des- GeiHeinilevorstaiuIes eine außerordentliche Arheilsvcriitchrung eintritt. '.Das Gesetz von 1847 wurde gegeben, als die Berliner Jüdische Gemeinde etwas über 0000 Seelen zählte, während die heutige„Scoletizahl das Ml'ache erreichen wird. Auch der Kreis der Aufgaben ist entsprechend : der Entwicklung der nib-: «lernen Sozialnrbcil. entsprechend den gegenwärtigen Problemen von lierursiinischichtimg. Auswanderung itsw. i.iigehtüer gestiegen, lind es wird ernsthaften Nachdenkens und echter Gemeinschaftsarbeit bedürfen, um die täglich anwachsende Arbeit auf die verminderte Zahl der Arbeiter umzulegen. Das wesentliche Erfordernis scheint aber zu sein, daß sich alle Parteien darüber klar sind, daß man der neuartigen und schwieligen Gemeindearbeit nur Herr werden wird, wenn man sie eben als Arbeit ansieht lind nicht als politische Kampfarena. Schon aber machen sich wieder höchst unerfreuliche Anzeichen dahin geltend, daß hüben und drüben ge- ■ schäftige Suppeuköchc in dem neuen, schön gläiiT zenden Nickelgcschirr. das ..Fifty-l'iftv" heißt, ihre Parteisuppe anzurichten wünschen. Ihnen müssen die verständigen .Menschen aus allen Lagern ein gebieterisches Halt zurufen: sonst geht uns nämlich wirklich allmählich die Gemeinde zugrunde..; Das Gesetz .von 1847 hat unter vielen Vorzügen und manchen Schwächen einen unverzeihlichen Fehlerbegangen: es hat die Zahl der Gemeindevorsteher auf 7 angenommen und dadurch das holde Kind „Fiftyfifty" schon von vornherein im Keime erstickt, da seihst die größten Parteifanatiker au dem unglücklichen siebenten Mann nicht das Salomonische Urteil vollziehen wollen, ihn in zwei Teile zu zerteilen. So blieb auch dem Gemeindevorstand, als er sich auf 7 Personen herabsetzte, keine 'Möglichkeit.' die gleiche Zahl von Zionistcn und Nichtzionisten bei 7 Personen anzunehmen, zumal man ja schließlich auch dem konservativen-Judentum einen Sitz-im Gemeindevorstand, den mau ihm seinerzeit freiwillig eingeräumt 'hat.- nicht gewaltsam wieder entzieheil durfte — ganz abgesehen davon, daß der augenblickliche Vertreter des konservativen Judentums im Gemeindevorstand um seiner ^sachlichen Arbeit willen besonders hoch eingeschätzt wird. Die Parteiarithmetiker sind nun .in -Verzweiflung: Die Zionisten sehen sich 4 Nichtzionisten gegenüber, die Religiös-Liberalen 4 Nichtliberalen. Wie man auch immer rechnet, fifty-fifty kommt nicht heraus. . . Oder kommt es vielleicht gerade heraus V -Was bedeutet eigentlich fifty-fifty für den verständigen' 'Menschen? Esbedeutet Gleichbewertung der Weltanschauung. Ausbalanzierung der Arbeit nach sachlichen Gründen und Gewissensfreiheit in Grundfragen.; Es bedeutet nicht, daß eine sachliche Fachkraft ersten Ranges, die ihre Arbeit hervorragend leistet, diese1 Arbeit abgeben muß. weil man mit dem Rechen-: Schieber nachweisen kann, daß die Zahl der einen oder anderen Richtung zukommenden Kräfte schon über-', schritten ist. und daß der sachkundige Liberale einem 1 Zionisten weichen muß. der sich erst langsam einarbeiten soll — und umgekehrt. Wir sind wieder einmal drauf und dran — das gilt für beide Seilen — mit Bcchenschicbcr und J^>garithmcntafcl aiiszuprüfen. ob bei den Reinemachefrauen, den Friedhofs- .gärtnern usw. bis herauf zu den Fachrcfereiilcn ..die Parität gewahrt ist". So geht es weiß Gott nicht weiter. Als ich mit einigen Freunden freiwillig das fifty-fifly-Prinzip der Gegenseite anbot, da habe ich au den Geist der Zusammenarbeit gedacht, es aber weit von mir gewiesen, durch mathematische oder gcwissens-cheniischc Kunststücke die sachliche Arbeit zu politisieren und damit ein für allemal unwirksam zu machen. Sorgfältige Prüfung der Probleme und licrücksichtigung der - tatsächlich' in den letzten Jahren geleisteten Arbeit haben nämlich gezeigt, daß gerade bei denjenigen Menschen, die aus eigener jüdischer C.lierzcugnng heraus Ehrfurcht vor dem Standpunkt des Gegners haben, die sog. politischen Gegensätze in der G c in e i n d c a r b e i t auf ein N i eh l s /. u sa in m e n gesc Ii r u m p f I sind. Es hat in Berlin in den letzten Jahren sog. Kiunpftihstiuiiiuingcu überhaupt nicht mehr gegeben. Alle wirklich grolJen Probleme sind heute aus dem Parteigezänk herausgerückt: Jüdische Erziehungsarbeit an Erwachsenen und Kindern, wirtschaftliche Stützung der jüdischen .Menschen. Umschichtung. Auswanderung. "Daß für beide religiösen Weltanschauungen in der Gemeinde gleichmäßig zu sorgen h?T. ist ohnehin seil jeher eine Selbstverständlichkeit, und selbst das schwierigste und umstrittenste Problem Palästina bietet, so sehr sich, vielleicht die ''Theoretiker der Weltanschauung darüber noch die Schädel einrennen mögen, in der praktischen Aufbauarbeit nur noch diejenigen Streitfragen, die aus den sachlichen Problemen des Landes fließen.-die aber mitten durch, die Parteien, insbesondere durch dir zionistische Partei selbst hindurchgehen. Es ist also, selbst ohne Berücksichtigung aller äußeren Gründe, eine Selbstverständlichkeit. <lnß Gcmciiidcarhcit heule nur bedeuten kann: Zusammenfassung aller Kräfte, -bedeuten kann, daß der beste Sacharbeitcr und Sachkenner auszuwählen ist. auch wenn niiin dadurch die luftige Oiiolenschaukcl ins Wanken bringt. Man sehe einmal auf die ...leuish Agciiey"! Unter, den iuchtzioiiislischen-..fil'ty" befinden ■"sieh manche waschechten Zionisten. man hat sie genir_ hingenommen ihrer Mirzüglichcu Sachkunde wegen.: und hei uns soll es umgekehrt anders sein? Mir sind aus dem Reich geradezu kindische Fülle von Paritätsscluiüffelei bekannt, die an die schönsten Zeilen der bayerischen Zentrumspolilik erinnern, als Ludwig Thoma "seinen burlesken ' Einakter: ..Das Säuglingsheim" schrieb, in dem der Ministerpräsident^ fcslslelltc. das in dem (von einem Juden ^gestifteten1' Heini <lir Zahl der aufzunehmenden Säuglinge der .Konfession nach sich nach dem ..Konfessionsschlüssel" verhallen müßten wir .'!lt:'2: O.iK!. (katholisch:protcslaiitiscli: jüdisch). Es gibt eben Gemeinden, .in denen die notwendigen Arbeitskräfte auT der einen «der der anderen Seile fehlen, und es ist kläglich und lächerlich, sich um die Vorstaudssitze herumzuzanken, wo die tiefsten und schwierigsten seelischen und wirtschaftlichen Probleme lies Judentums für Jahrzehnte in Frage sieben ' Je kleiner der Kreis der .Menschen wird, denen die Sorge für die eigene Existenz noch gestattet, sich der allgemeinen Arbeit zu widmen, um so schärfer sollen w ir darauf sehen, daß nur die Besten, jeder auf seinem Platz, zur Arbeil gelangen. Irlrhin gew iß vom Grunde meines Herzens aus ein' licligiös-Liberaler. ich bin sogar der Vorsitzende der Partei, aber eines bahr ich nicht verlernt: über allen politischen inuF^religiöscn Schattierungen sieht mir-eins: die. Erhaltung,.dir- Einheit des Judentums! Hermann Falkenberg Em Aller von <>(t Jahren ist Hermann Falken!) erg. der edle und unermüdliche Vorkämpfer des religiösen Liberalismus und Gründer der Liberalen Synagoge in Berlin, einem Herzleiden erlegen. Die Heisetzung hat am vergangenen Sonnlag auf dem Friedhof in Wcißcnsee unter riesiger Beteiligung stattgefunden. II. Sl. *Mit sclmierzcrfülltem Herzen uerden Ta it sende Jmli-it. Xchnlauscude Meiner alten Freunde und Schüler vernehmen, daß Hermann Falkenberg aus der Zeit in die Ewigkeit berufen ist, abgerufen in dem Augenblick, als er in hinein neuen Heim die reich verdiente Muße nach einem arlteiLsvollcn Leiten genießen wollte. Kür seine liltcralcu Freunde ou.s Verein und Vereinigung möchte ich. der ihm durch zwei Jahrzehnte eng verbanden war. hier Itczcugen. daß er das Musler einer religio» begeisterten und darum auch begeisternden reltgiÖMm Persönlichkeit war. Ks <juuß herrlich gewesen sein, als Schüler zu .seinen Fußen gesessen zu halten, denn er war ein*' heiße Seele, und von ihm muß ein echter Kunke in die jungen Herzen übergesprungen sein. Sirine Ansprüche an das jüdische Leiten waren dal>ei keineswegs gering, «r ^erlangte viel", alter er gab. fluch viel, und ich hin auf meinein jüdischen Weg nur ganz, ganz W eiligen Itcgcgnet, die so\iel ftositiv religiöses Werk geleistet haben, wie es dieser «kleine I.ehrer", •wie er sich einmal mit wehmütiger Ironie nannte, geschaffen hat. Der Gottesdienst und die religiöse Durehdringimg der Jugend, für beide» hat er Dauerndeserreicht. Er hat die ...Liberale Svnagoge Dcrli n" ins leiten gerufen, hat sie gefestigt, vertieft und ohne Unterlaß bis' in <*eine letzten Tage für wie »eworlten und gekämpft. Er hat für sie ein eigenes Organ geschaffen."" die- ..Gemeinschaft", und an sie viele junge itahhiuer herangezogen, die jetzt?ehon im Ami seine Lehren verwirklichen können, ich nenne nur Swarscnsky, van der Zyl, Sänger, Plolke. Mehler, Andorn u. a. Er hat seine Hagada geschrieben, ein Lehrerbuch im besten Worbrfnnl gediegen, eindringend und umfassend. Noch in den letzten Wochen ist »ein Alicnd gelte thuch hcrausgegcl>cn worden, das. wie man auch zu ihm stehen mag. Zeugnis ablegt von dem Ern->l und dem Willen zur He form durch Tat . . . Das ist und bleibt für immer »ein Verdienst. Wenn Schiller» I'ieseo au einer Stelle zu dein Kreiheitiiii«leju»jigrn darf: „Ich halte getan:- was du nur maltestmp durfte Jlcnumui Kalken- In-rg zu \ielcn unserer Gesinnungsgenossen, darunter mich zu Inn h berühmten Münucru. nagen: ,,Ich habe, getan, nih du nur pr-digle-t'." Ihm galten die Zuugcndrvfclivr nichts; Worte, dir \on Gläubigkeit ^ülMrrno-vM'u, fließen ihn ab. ui-nit nicht ein opferiH'unßtcs Handeln dahiiiteruhnnl. Aber für die kleinen Leute, bei denen bescheidener Sinn und hiugclM-nde Tat eins uami, war 'ihm kein Weg zu weil, kein Opfer der Arln'-it /u schwer. Für n-ine .Menschen, für rteine Jugend, hat -er sich bueliMäblich vcrzrhrtr ' Waswar das Geheimnis seines Wesen* und «einer Erfolge? Dem kleinen, wenig ins Auge fallenden Mann mit den schlichten, weichen Zügen war ein heiliger, ein fanatischer Ernst eigen Iwi den Dingen, auf die es ihm ankam. So »ehr er hei Kragen -oVIr selbst zurückstellte, vnn denen er nicht« verstund, »o »ehr gj«iuim er auf, wenn die religiöte Saite einer Krage aufklang. Hier war er unnachgiebig, unerbittlich. Mau mochte ihn überstimmen .— ■las nabln er nicht krumm —, aber zu ftbrrzctigrn, ihn zu Konipromis.scu zu drängen 111 GcwiHseiiHfrageu war ^imnöglirb. iltf ■ Prophet i-che *hi ihm leistete Widerstand. . Ef war' treu, einfach, ein Freund ohne Makel und Falsch, Ihm halte der Ehrentitel MMaurenu" gebührt; denn er war inner aller I^cehrcr. I nscre Lid** und unseren Dank nimmt er mit-sich, sein Verlust für Ulli Ist unersetzlich. Hermann Falkenberga letzter Weg Hermann Falkenhcrg wurde am Sonntag nachmittag unf, d.*m Friedhof in Weißensee zur ewigen Huhe gebettet. Eine unfilHTrseh- - ban: Trauermenge begleitete den Heimgegangenen auf srin'in letzten Weg. In seiner tiefer 'Ergriffenheit und der Verehrung für den Verstorbnen entsprungenen Ansprache zeichnete Habbiuer Dr. Manfred Swarsensky imkIi einmal das Hüd der etilen Persönlichkeit Falkenbergit nach, fm Ajuehluß au den letzten Wochenahschnitt, in dem von der fierufung beza Irls er/öhll wink, den. (Utlt mit scintm Geiste erfüllt, mit Weisheil. Vernunft und Kenntnis zum Dienste <lcs Heiligtums, schililerte Dr. SwafsriteUyv' wie-auch Hermann Falkcnbcrgs ganzesleiten ein (ioites»linwt gewesen w^i. Wie Ilezafel *ei er mit Weisheit und Verstand begnudet gewesen, *»ic diettem Künstler sei auch dem \Vrstorbaien ilie Gnade zuteil geworden, zu unterrichten, - und **r hol« das

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