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Jüdische allgemeine Zeitung · 1936-02-19 · 8 (19.2.1936) · page 5

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
16 (1936)
Issue
8 (19.2.1936)
Date
1936-02-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Beilage 19. Februar 1936 JÜDISCHE AUGEMEINE IEITVNQ Abendgebete Von Habilitier Dr. S. SAMUEL Die suchen in ■ der Sammlung ..Gemeinschaft" erschienenen „Abendgebete für Sabbat und Feiertage", heraus »c^cIkmi von der l.ihcralcu Synagoge Xorden, sind ein willkommenes Geschenk für die Liberale Synagoge Norden - und ihre Zweiggenieimlen. Die llclcrschuft findet hier im klaren Druck (AL t^ehclicrgcr. - Fr-ankfurl a. M.) und schuner Ausstattung alle hebräischen und deutschen Texte, deren sie bedarf: was übergangen isl, wird nicht vermißt*, das Neue dankbar begrüßt werden. Hierzu gehört die Hierariscltc Kinlübning; eine Auswahl häuslicher Gebete; zuletzt Notenbeiluden. Als Ganzes sind die ..Abendgebete" das Werk des l>cka Ii ü tcu Schulmann* llermaim Falke n Ii erg. der vielfach schon auf liturgischem Gebiete tätig war. Er hat sieh der Beratung einer Autorität wie Professor El bogen zu'erfreuen gehabt, und hie und da der nachdichtenden Kunst eines Franz Jtosenzweig sich bedient. Es gebührt ihm die volle Anerkennung der Liberalen Synagoge. Norden, in der er seit über zwölf Jahren anregend und Wege weisend wirkt. Im .Hinblick darauf, daß liier genau umgrenzte Kreide erfaßt werden sollen, kann man überzeugt sein, «laß dh* neue Agende eben diesen. Kreisen zu verschönter und vertiefter Andacht dienen werde. Sollte indes erwartet werden, daß wir die „Abendgebete"'auch in größerem' Zusammenhang betrachten, besonders unter den theologische u Gesichtspunkten des religiös-lilwralen Judentum--, dann müßten wir wesentliche Einwände erheben. Herr Falkrnberg legt selbst in seiner Vorrede die-grundsätzlichen Erwügungvn dar, die ihn geleitet hahen. Da ein echter, religiöser LihcrnhVmus aber, wir sein Heispiel zeigt, keinen Stillstand duldet. m» sei für snätcre Erwägung auf folgende Momente verwiesen: 1. Es fetilen zu unrecht Abendgebete für den Werklag. Es darf nicht die Henning aufkommen, als wüßte d;is Judentum nicht:» von dem Gebet, da* die Arbeitstage umrabnil. Allzu lange i'l uiLs berufstätigen Menschen in der fieherhafteu Betriebsamkeit früherer Zeit die Kraft der Einkehr und Sammlung verloren gegangen. Alle bisherigen* liberalen Gebetbücher einschließlich des Kiulu'iisgchcthuchs gehen den Werk tagsgebe teil Raum. 2. -Der eine Fehler zog den andern nach sich, daß Hie Freitagabend-Gebete seltsam zerstückelt erscheinen. Auf Seite 26 folgt Seite 45; auf Seite -4ö Seite 50; auf Seite 50 Seite 54. Dies war zu vermeiden, wenn die Einschaltung für Ohauukka und Purim bescheiden in den Werktag verwiesen wäre, wohin sie gehört. Nunmehr erhallen diese beiden 1 falb feste den Charakter von W'ullfuhrtsfcslen, für die. eine Tcfillas-Schcwa iHTstimmt ist; denn die ueukompomerte 4. Eulogie mit dem Schlüsse ..boel ha-nioschia'* ist den Kolonien der Feiertage nachgebildet. Abgesehen davon, ■ laß in ihnen Gott für die Offenbarung am Sinai und die Einnahme Kanaans gedankt wird, die mit Chanukkn und Purim herzlich wenig zu tun haben, wo bleibt der Gehorsam gegen das innere Gesetz, das unsere Geschichte uns gibtV Ulis scheint dies Gesetz außer acht gelassen. .'J. liefremden und Erstaunen ist schwer.zu unterdrücken, wenn wir im Kranze der Abendgebete plötzlich Liturgien Wgcgnen, die au^gesprorhe »erweise zu den Morgen and achten gehören: also Halle!. Ausimd Einhebcn, Neumondswcilie, Scclenfeier, En kclauhcnu. Dadurch, daß wir sie für die Vorabende verwenden, werden sie hoch keine Abendgebete. Geradezu schmerzlich berührt uns die Rücksicht gegen diejenigen, die am Tage durch das Berufsleben behindert' sind — ihrer verklärten Eltern zugedenken; denen dazu an Vorabenden „Gelegenheit" gegeben werden soll (S. XIII). Wenn wir wirklich „keinen Totenkult kennen", dann sollten wir lieber 2ii dem besser bezeugten und fundierten, westdeutschen Ritus zurückkehren, der eine Seelenfcier nur am Jaum Kippur kennt, wo keine Berufsnöte zu befürchten sind. 4. Auch uns versöhnt die „planvolle Konzentration und ZusammcnbalJung oller Elemente des Kultus" mit den meisten Kürzungen; .aber nicht mit allen. Wir vermissen durchaus die 12. und 3. Parascha des Schema; die Schlußverse von Psalm 95; den Psalm 93; den Psalm 115, und besonders das OIcnu-Gcbct. Uns genügt die messianische Erwartung nicht ein- oder zweimal im Jahre. Tora-Vorlesung müßte zuerst hebräisch, dann deutsch erfolgen. Das Fehlen von .,mikko1 ho-amim" beim' Bekenntnis zur Erwählung bedauern wir. Unsere Gebete sollen uns „ganz" finden mit dem Ewigen, tmserni Gottc. * Es ist ein glücklicher Gedanke, die Abendgebete der Liberalen Synagoge Norden mit einem musikalischen Anhang auszustatten. Wir begegnen hier den gewohnten Sabbat- und Fcstmelodicn;. aber aucn Gesängen für häusliche Andachten, Kidduschweisen. Hawdoloh-Rezitationen; einem Schir ha-manlaus und dem 'Hschlicd „Jaum sc Ic-Jisroel". Echt jüdischen Charakter haben aber nur solche Weisen, die die hebräisch-rezitativische Vortragsweise bewahrt haben, in denen also der deklamatorische Akzent mit dem melodischen - durch Hebung und .Senkung, sowie durch den Rhythmus zusammenfällt. Dos ist. in vorliegender Sammlung nur selten der Fall; etwa beim Waj'chuIIu, oder bei der ehrwürdigen Schema- und Echod-Weise der jomim nauroim. Leider haben sich bis heute grade manche Vertonungen im Gottesdienst erhalten, die aus'der ersten Vcrsurhszcit neuerer Sjnagogenmusik im vorigen Jahrhundert stammen, und die sich vom natürlichen Rhjthmus des hebräischen Rezitativs gänzlich entfernten. Dazu gehören Eingangsgesänge des Sabbats; Adaun aulom: WajTii binssaua, Haudau al crez u. a. Hier fallen Sprach- und Melodie- Akzent unüberbrückbar auseinander, statt zu organischer Einheit zu verschmelzen. Es wäre an der Zeit, diese echte Reform zum alten Guten auch auf die Melodien zu erstrecken. " Hans Samuel* Synagogenverband Berlin, Gruppe Rykeslraßc IS". Am '22. Februar-, abends 8.30 Uhr, in der Synagoge Rykcstraßc Vortrag von Rabbiner Dr.' Manfred Swnrscnsky : Der Talmud. Musikalische Umrahmung: Olrerkantor Harry Dauzigcr. Am Harmonium: Hermann Schwarz. Jüdisches Lrhrhans. Donnerstag-Vortragsreihe .,J ü d i s r h e Kultur hen I c". Den Srhlußvortrag hält Georg Lubinski über: ..Gesellschaftliche Voraussetzungen jüdischer K u 11 u rl; Donnerstag, den 20. Februar. 8.15 Uhr, Logcnhaus Klciststraße 10. — Montag-Einführungsvoriesungcn in die Jüdische Geschichte: 24. Februar. 8.30 Uhr, Tsmar *Ell>ogcn: ..Neuzeit". 1-ogeuhaus Kfciststraßc 10. * Gesellschaft für jüdische Familienfor*cmmg. Generalversammlung Mittwoch. 19. Februar, 8.15 Uhr abends, im Logcnhaus Klciststraße 10. Tagesordnung: 1. Jahresbericht, 2. Kassenbericht. 3. Neuwahlen. 4. Vortrag: Fritz Wittclshöfcr: ..Die Bedeutung der engenischen Gesetzgebung für die jüdische Familie;" Die Liehermann- Ausstellung, die zurzeit im Berliner Jüdischen Museum stattfindet, erfreut sieh eines außerordentlich starken Besuches. Die in jeder Hinsieht bedeutungsvolle Ausstellung, deren Dauer auf vier Wochen berechnet ist, ist Montags bis Donnerstags von 10—18 Uhr. sowie Freitags und Sonntags von 10-»—14 Uhr. für das Publikum geöffnet. Man fagtfo. . . Von judifchen Sprichwörtern und Redensarten Sprichwörter i-iud die Weisheit eines Volke». \\ cUaiwliauuivi in knappen Sülzen- Philosophie in wenigen Worten. Zuweilen ernst, häufiger jedoch scherzhaft, oft ironisch gibt da* Sprichwort, gibt die Redensart Deutung de* I.el>ens und Mahnung zu do-vn werlvoller Führung. Das jüdische Sprichwort ist in der überwiegenden Mehrzahl fröhlich. Mit einem Hopser lustigen Spolles setzt es >ich über die Miseren des Lebens hiuweg — das Sprichwort wird dadurch nicht sehen zum Trost Spruch. . Für alle Lebenslagen gibt es ein Sprüchel: für Leben und Sterben/-für Geburt und Hochzeit, für religiöse und für weltliche Dinge, für Synagoge. Schule, Hau» und Werkstatt. Alles Menschliche .wird in den Kreis der Sprichwörter und Redensarten einbezogen. Der Jude selbst, als Hegriff, als Wesen — .,Er ist der kleiuste Uuclistahe" (das -lud*) — sagt das Sprichwort, .,alter wie groß wird er gescheu in den Augen der Mißgünstigen.'* Da* Zusammenleben mit den Heben Mitmenschen bietet überhaupt allerlei Schwierigkeiten. Man merke sich: ..Kineu guten Freund bekommt man umsonst, einen Fchul muß mau fielt erst kaufen und teuer bezahlen." Mau hüte sieh \or den S-hmriehleru und Lügnern. Doch für diese hat »las Sprichwort eine ironische Entschuldigung, ..Kr lügt nur zweimal im Jahre, im Winter und im Sommer." Das Leben gehl aber seinen W eg. Steht doch im Talmud:- ..Aulom k'miuhugau uauheg (die Welt geht ihren Lauf)", wozu das Sprichwort lwshalt bemerkt: „Deshalb sieht sie auch so aus.*' Liebe und Ehe und die Frauen sind im Sprachschatz aller Völker reichlich bedacht. Auch im jüdischen. Wer heiraten will, soll' auf die „K u i e" seiner künftigen Frau Helten. Knie sind die Anfaugshuclistabeit der Wort©- Keren, N'dan, Jichus (Fundus, Mitgift. Herkunft). Eine Hochzeit währt einige Stunden, aber die ..Zorcs" dauern das ganze Leben. (Vergl. „Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang"). Daher auch: „Zur Frohnarlwit, zum Heiraten und zum Sterben kommt man nie zu spät.'* Deshalb wird mau auch zur Trauung „geführt*', aber „zur Scheidung geht mau "allein." In der Ehe kommt es auch zu Streitigkeiten, jedoch trotz: ..Wim jimsehol hoch (er soll dein Herr nein} was hiewill. tut sie 'doehl" Man sagt von *n einem Ehepaar: „Sie haben sich lieb —er sich und s i e sieh." Darum ist der Ehemann .traurig; „Gib dem Hären ein Weib, und er hört auf zu tanzen/* Trotzdem: ..Schlepp* mich, ich geh' - gern" denkt ilie nach alter Sitte sieh sträubende Braut. Unter der (luippo sind alle Mensehen schön und; „es gibt keine häßlichen Hrautlrute. w ie auch alle Toleu fromm sind*1. Zwietracht in der Ehe bringen ■ zumeist die Sorgen ums tägliche Hrot. wie ja das Lebensglück leitler allzu oft vom Gehle abhängt. Darum: Armut ist keine Schande, aber eine Kowcd (eine Ehre) ist sie auch nicht/* Esist ein schwacher Trost, daß ..arm und reich liegen in. «1er Erde gleich" denn „auf der Erde liege» die Reichen besser". Der urme. Mann Ist einem Toten gleich. ..Wenn zwei Mcsaiin (Tote) tanzen, wer gibt der Musik V", fragt der arme Musikant, wenn sich zwei ebenso arme Leute zum Tänzen aufstellen. Nur „l>cim Baui b'scholaum steht der Arme obenan.'* (Bei diesem Vers des L'c1h> daudi, der am Freitagabend in der Synagoge zur Sabbatbegrüßung gesungen wird. wendet sieh die Gemeinde gegen %lie Tür, dann stehen die Annen in der letzten Itaiikreihe <>l«'uan/ Immerhin: ..Sei hisiig. I'riiclmauu! Dreck ist billig, und Leiden k.»..|i*n kein Gehl", sagl da* Sprichwort. Alst» in solchen Dingen mag der Anne schwellen. Du faßt ihn zuweilen diieh die Verzweiflung: ..Göll wild helfen al»rr wie hilft Göll wcnigMCn> so lauge, bis Golt helfen wird'f* lu, der Nut macht man Schulden, m>1Yt» mim. etwa* geUirgi bekommt. E» kommt die Stunde des Zurückzahleiis. Man sucht den Termin hinaiiszUselue|K-u, alu-r sehlicßlirh drängt der Glaubiger- ..Der weilesie Weg ist der zur Tasche", seufzt der Schuldner -- aber schließlich; .,Da hilft kein el schomrcjnu uma/ih'iui otto, es heißt uf/.ehl" yein Wortspiel: Es hilft kein: Du, o Herr, bist unser Schützer und Jtcite-r. sondern ufzehl aufzählen . Mancher; Schuldner aU-r kann wirklich nicht zahlen. Von ihni sagt der Gläubiger: .Ann dem kann mau nur \ier Wochen für einen Monat bekommen.'* Der Gläubiger seihst .aber sieht auf El und IJt [das Wort lau nein hat den Zahlenwerl von ilt und VA. Ja - es i>| leiderDer eil»* b «* u *• r Ii t liiVuiimioit. »Irr andere bat Di'miiiiiihhi. Wohl dem. der sieh beides leisten kann. Dorn Geld macht wicht immer glücklich. .JVr Feind des reichen Emporkömmlings ist der alle arme Manu." Denn er erinnert den Partrnu an die Vergangenheit. Aber nicht jeder Ul reich, der >o im. „Leere- K/it-cr machen »Im uiciMrn f.äriir*'uiuL;,mauehr^- Gnld^rschmeidc lieslehl ifnr au» Mr»ningknüpfcii." ' - Aber ..ein Fcllfleek auf Seide es bleibt d<w=h immer Seide**, und will man überaus großen Reichtum schildern, dann sagt mau: ..Smiel Geld hat selbst Göll nicht". Die jüdischen Sprichwörter und Redensarten dürfen, wii» Selhsllie.spie«clung betrifft, wohl unter die ' in ■ dieser. Ih'ziehung kriliüchslen eingereiht werden. Harmlos und nett ist die. Hcdeiisart: „Ein Jude muß eigentlich viele Handwerke kennen: Fes.sarli ist er ein Hücker (er backt Mazzaus), Seirwuaus Ut er Gärtner (er whinückt fymigoge und Haus mir lthimen und. grünen Strüuchern), Snkkans ist er e'm llaunieisier (er baut die Laiilihüllc), (luumkkii ist er ein ^Vach*. zieher (er ferligl (1iannkkak<'r/en) und am Hansell Hasehont» i-t er ein - Trouipeicr (er bläst d;i» Scliofaf). Aber „\iel meloebaiis wenig brochaim" heißt es: vielrrlei Gewerln.* niiil wenig Segen tvmiig Verdienst.) Die Jinlen beliaehleten ilie Kinder MeN als einen großen Hrichlum. .Ahnieher .lud . hat ä ssneh Mitlionen": mancher Jude hat eine Menge Millionen: damit sind viele Kinder gemeint. Hier beginnt hcretlH das' Sprichwort /.um .Mahn wort zu werden. Eh verliert die .scherzhafte Form und wird predigthafl. Jedoch nicht nur den Menschen, sondern wigar sich selbst gegeuül>er ist das Sprichwort kri(i-cli: „Vt'a» nüf7.t alle Weisheit, wenn die_Narrhcit giltV" — „Wenn die -VIVit einmal migt: Verrückt!, dann glaulires." — Eine l-nrnllelc hinzu: „Wenn die Welt wigl. . du seiest fducker (iHUruuken), dann lege jlieli M-hhifen." ,,Wenn die Welt lacht, dann weiß sie uueh we^en wetil und wegen wju." — ..Wenn ein Narr schweigt, dann wird er auch zu den Klugen gerechnet■* und schließlich „Narrlieit und Weisheit sind so selten zu untcracliciden" . . . Dr. IL Seh—f. Sitzung E-ne Kurzgeschichte von ALFRED AUERBACH Eine Sitzung ist keine Kurzgeschichte, Amdcrn eine Lang* geschiente. Eine Sitzung ist kein Amüsement, besonders, wenn Fräulein Oberstudienrat L., Frau Justizrat B.. Frau Dr. G. im Vorsitz und einige Herren im Nachsitz thronen. Eine Sitzung ist keine vergnügliche Veranstaltung, besondere nicht, wenn die Damen und Herren mit Brillen und Argumenten l>cwaffnct sind, blitzend scharf und dunkelumrandet. Eine Sitzung erzeugt immer Sitzungskinderlein, als da find Ober- und Unterkommissionen sowie Nebenausschüssc. Eine Belanglosigkeit wird lmchwichtig und erfordert Diskussion. Herr Justizrat L. möchte nach zwei Stunden auch mal an die Reihe kommen, er möchte „einige Bemerkungen zur Sache" äußern. Er delmt seine Notizen zunächst auf eine halbe Stunde aus, dann *noch weiter, weil man doch — objektiv betrachtet — in diesem Kreise alles mit der Souveränität behandeln muß, die hier zum ..Niveau1* gehört. Frau Juslizrat IL macht fleißig Notizen und hebt zuck zuck die I {and. Ihr folgen die aii^crn Damen eifrig im Anmelden zur Diskussion. >j Der Schriftführer droht einzuschlafen. Die Glühbirnen an der Decke werden schwarz. Die L'hrcii blcilfcu stehen. Herr Justiz rat redet. Die Dampfheizung erkaltet. Die Härte der Herren werden erst grau, dann weiß. Jlcrr Justizrat redet. Die Kostüme der Damen werden unmodern, dw: Frisuren erschreckend zeit-ungemäß . . . Herr Justizrat redet ... Die erhobenen Zcigcfingcr dcr Damen können nicht mehr zurück, die Arme sind steif geworden . . - Das Schnarchen der Bohrwürmer wird hörbar. Hcrr.v Justizrat^ redet . . . „einige Bemerkungen zur Sachcli.' Jetzt geht er von den Gründen „widert* zu den Gründen „für*' ül>c.\ Die Titel .erblassen und die Argumente werden rostig, aber der Diskussionsredner redet. Er sagt, daß* er das Schlußwort bringen .will. Rings ist es still, Herr Justiz rat hat gesiegt, die Mumien sind stumm ... Das ist eine Langgcschichtc — kurz berichtet von einem bösen Dichter. Die ,Weltreife6 der Blutproben VDIlirrbunil prüfe niril.'iJniube EntdcHwng ein» Wirnrr jOalurhcn Gelehrten Wien. (Jta.) Wie <lem Wiener „Morgen" diu Cent gemeldet wird, beschäftigt «ich die- Hygiene-Sektion lies Völkerbund« Augenblicklich mitder DbernrOfunK einer, wie e» heißt, enuchemiu'licnderi mcdizinwclicn Entdeckung de« Wiener Profuaor» Dr. Knut 1.5 werulcin. Hierzu wird im Einzelnen mitgeteilt: Seit mehreren Jahren befaßt «ich Profenor Dr. Errat Lflwen- »leln mit einer Erfindung, zu der ihn, wie er in einem Schreiben im die Hygiene-Sektion den Völkerbünde» auteinanderaetzte, llobert Koch» Forschungen ermutigt haben. ProfeKOr Lowenstein erklärt, daß auf Grund seiner Entdeckung Tuberkelbazillen nunmehr direkt aus. dem infizierten Gewebe festgestellt werden Wimm, was vom Gesichrsnunkte wissenschaftlicher Forschung sehr bedeutsam sei. Mit Hilfe der von Professor. LSwcnatein-der Hygiene-Sektion des Volkerbunde» mitgeteilten Methoile «dl r« auch möglich sein, Tuberkclbazillen au» dem Hlute selbst dann zu konstatieren, wenn der Patient mit diesen Bazillen noch nicht ganz nml gar vergiftet ist, ja eine Krankheit hat. die scheinbar mit Tuberkulose nicht unbedingt zusammenhangt. Therapeutisch gesprochen, heißt die» soviel, daß mit Hilfe dic»cr Erfindung möglich geworden sei, ixi Gelenkrheumatismus, Mulüplcz-Sklerose, Lupus und einigen anderrn Erkrankungen sofort aus il c uu^ Hlute die Krankheit als tuberkulöse Erkrankung zu erkennen und als solclic zu behandeln. Vor einiger Zeit bat Professor Lfiwenslein an die Hvgiciir- Sckti<in des Völkerbundes ein Schreiben gerichtet, in welchem-er die Einzcllicitcn seiner Entdeckung Ijekunnt gab und um eine Nachprüfung durch eine Empirie großer mcdizinisrlier Autorililcn ersurlitr. Wie es heißt, lialwn die Fachleute des Völkerbünden •alle großen medizinischen Institute der Välkerbundsataaten mit der t' n t e r b ii eh u n g de» I»wcnstein'»chen Ezperiniente» lietroiil. Professor I-öwenstein selbst wurde aufgefordert, Nährböden nach seinen eigenenv Angaben herzustellen und diese NBhrlx'xIcn traten eine ausgesprochene Weltreise an. Sie wanderten - von einem LnlcpnicliiingslaUiratorium Europa» in da» andere — \ im Lissabon bis Moskau. Mehr als MM der ausgetauschten lllul- [irolicn wurden allein von den spanischen Gelehrten in llarrelona geprüft. Natürlich wurden aber auch Ge g e n p robc n gemacht, il. Ii. es wurden Hlutprobcii ohne nähere Angaben au Professor Liiwenstcin nach. Wien gesandt, damit an ihnen die Richtigkeit der Theorie erprobt wccilc. Nicht weniger al» 735- Hlurprubrn wurden »ia Genf von den großen internationalen Laboratorien nach Wien geschickt. Da» Itesultat der Untersuchiiiigcn,' dir 'einerseits von den Gelehrten des Völkerbundes, andererseits von Professor Lüwcnstein gemacht wurden, soll dcmnSchst in einem großen Werk von der hygienischen Abteilung de» Völkerbunde», das alle Meinungen und Gegenmeinungen der gelehrten Welt wiedergeben wird, veröffentlicht werden. . Wie uus Genf gemeldet wirjL_hallcn die Experten des VSlker- ' bundes, trotz mancher skeptischer Stimmen die Eiiiilcckung Professor f^wensteuu für so bedeutsam, daß sie eine Weiterführung der Untersuchungen anordnen werden.

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